Samstag dm 25. April
(Siebener Anzeigen.
Beilage zu M 95. - 1891.
Feuilleton.
Aller guten Dinge.
Novellette von Eonr. Telmann.
(3. Fortsetzung.)
Im Gegentheil, das gefiel Ewald immer recht gut. Sie hatte etwas in ihrem Wesen, was auch mit ihren herbsten Auslastungen sofort wieder versöhnte. Ueberhaupt war es eigentlich doch seltsam, daß sich nie ein Mann in sie verliebt haben sollte, denn, wenn man es recht bedachte, besaß sie alle möglichen weiblichen Eigenschaften, um einen Mann glücklich zu machen. Oder hatte sie selber nur nicht gewollt? Aus unglücklicher Liebe vielleicht? Es war das ein Problem, das Ewald Warner plötzlich zu beschäftigen begann und über dem er zeitweilig seine eigenen Liebesnöthe und Sorgen fast vergaß. Dann freilich lebten sie mit verdoppelter Kraft wiederum in ihm aus. Denn in der Stadt hatte sich das Gerücht verbreitet, die blonde Tilly wolle sich mit dem Lieutenant v. Osten verloben, der um ihretwillen seinen Abschied nehmen wolle, weil Tilly sich nicht entschließen könne, den Brettern zu entsagen, welche sie unter so glücklichen Vorbedeutungen betreten. Ewald glaubte fein Wort davon. Man wollte natürlich blos einmal wieder etwas zu klatschen haben. Der Lieutenant v. Osten! Ein kleines, schmächtiges, verlebtes Männchen mit einem blonden Schnurrbart, dessen Haare sich unschwer zählen ließen, ein Herrlein, das den Spitznamen „Bummelzug" erhalten hatte, weil es so oft „anhielt", — jedesmal, um sich einen Korb zu holen! Daran war gar nicht im Ernst zu denken. Aber etwas anders regte Ewald mächtig aus. Er hatte sich bisher noch niemals deutlich klar gemacht, daß er als Tillys Gatte der Gatte einer Schauspielerin sein werde, einer Frau, die auf der Bühne sich vor Aller Augen von anderen Männern würde umarmen und küssen lassen, die bei ihrem Rollenstudium, unter Schminktöpfen und Puderquasten keine Zeit für die stillen Freuden der Häuslichkeit finden werde, ja, einer Frau, die unter Umständen sogar von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, bis in den fernsten Westen Amerikas ziehen werde, um ihrem Künstlerruhme nachzujagen und Geld und Ehren einzuernten, während er daheim einsam bei seinen griechischen Exercitien sitzen und sich auf die nächste Liviusstunde vorbereiten würde. Hatte er deßhalb das Heirathen als seine nächste und heiligste Pflicht gegen sich selber erkannt? War das der Schutz gegen ein einsames Altern? Oder sollte er seinen Lehrberuf ganz aufgeben und sich als der Mann einer berühmten Frau von
ihr ernähren lassen, sich an ihren Triumphen weiden, mit ihr von Stadt zu Stadt ziehen? Unmöglich für ihn, eine so klägliche Rolle zu spielen. Was blieb ihm also? Tilly zum Aufgeben ihrer Laufbahn zu bewegen? Und wäre sie dann — abgesehen von der Sünde gegen den heiligen Geist der Kunst — auch noch die, welche er liebte? Würde sie selber als Hausfrau sich befriedigt, in der Enge beglückt fühlen, wo sie jetzt mit vollen Segeln einer glänzenden, aussichtsreichen Zukunft entgegensteuerte? Undenkbar, ganz undenkbar. War es das gewesen, was Martha bewogen hatte, an der Vortrefflichkeit seiner Wahl auch jetzt wieder zu zweifeln? Und hatte sie nicht recht, wenn sie es that?
Es vergingen mehrere Tage, in denen Ewald Warner ohne Nachricht von Martha blieb, in denen er weder Anny Tandler, noch die blonde Tilly wiedersah, sondern grübelnd und grollend sich einsam in seinem Studierzimmer vergrub. So viel rothe Striche wie diesmal hatten die Exercitien der Tertia noch niemals aufgewiesen. Endlich beschied ihn ein Billet von Martha zu ihr. Und als er in ihrem kleinen, lauschigen Boudoir saß, wo er sie an ihrem Clavier gesunden hatte, da rief sie ihm, ohne zunächst ihr Spiel abzubrechen, über die Schulter zu.' „Man gibt Dich frei!" Das klang ihm wie Sirenengesang in den Ohren.
Dann spielte sie immer weiter, bald lustige, bald traurige Weisen, alles in buntem Wechsel, während er in einem Sessel lehnte und die Augen schloß und, während er ihr zuhörte, ein Gefühl unendlichen Behagens und tiefinnerlicher Befriedigung hatte.
Plötzlich brach sie ab, drehte sich auf ihrem Claviersessel um und sagte:
„Nun also! Anny Tandler ist gar nicht'unglücklich, denn sie findet Deine Belehrungsmanie unausstehlich und der junge Krause, Amtsgerichtsraths Aeltester, der nächstens die Epau- letten bekommen soll, ist ihr viel lieber. Und Herr Gottlieb Tandler schimpft wie ein Rohrsperling, belegt Dich mit Namen, für die Du ihm ein Dutzend Jnjurienprocesse an den Hals hängen könntest, ist aber im Grunde gleichfalls froh, die „lederne Schulmeisterseele" wieder aus dem Hause zu haben, hat mich sogar i- iederholt seiner ganz besonderen Dankbarkeit versichert, daß ich-ihm dazu verhalfen und bildet sich ein, daß er Dir — nicht Du seiner Tochter — den Laufpaß gegeben. Da er hierin Trost findet und ihr auf Grund dieser Illusion später wieder „in aller Freundschaft" miteinander gesellschaftlich werdet verkehren können, hab ich ihn dabei gelassen."
Ewald hatte zunächst nur ein unverständliches Brummen zur Antwort auf das alles. Daß man ihn so leichten Kaufs freigegeben, wurmte ihn nun doch.
„Wie hast Du das denn nur fertig gebracht?" fragte er endlich.
„Darum gräme Dich jetzt nicht mehr!" erwiderte sie mit ihrem seinen, vielsagenden Lächeln. „Die Hauptsache bleibt ja, daß Du in allen Ehren frei bist, und nun nutze Deine Freiheit!"
„Hm," machte er und versank wieder in sein Brüten.
Eine Weile hörte man nichts als das Schmettern des Kauarienhahnes, der im Nebenzimmer am offenen Fenster dem sinkenden Tage aus seinem Bauer einen Gruß nachrief, und die Sonnenstrahlen trieben aus dem Teppich ihr schweigsames Spiel.
„Ich finde, Du nimmst Deine Freiheit gar nicht so freudig auf, wie man denken sollte," sagte Martha endlich.
„O, doch, doch," entgegnete er in leichter Verwirrung, „nur —"
Er stockte und auch sie sagte nichts mehr. Plötzlich stand er auf, ergriff ihre beiden Hände und sagte:
//Ich bin Dir sehr, sehr dankbar, Cousine. Ich kann es Dir gar nicht so ausdrücken, wie dankbar ich Dir bin, aber ich habe immer noch so eine unbestimmte Empfindung, als würde ich es Dir einmal klar und deutlich beweisen können."
„Das klingt ja enorm feierlich!" lachte sie, „hoffentlich aber beweisest Du mir Deinen Wunsch, Dich zu revanchiren, bei anderer Gelegenheit, als ichs gcthan, nicht?"
Er verstand nicht gleich, was sie sagen wollte, dann aber mußte auch er lächeln. Und sich zum Scherzen zwingend, ob zwar ihm bitter ernst zu Muthe war, sagte er:
„O, auch dabei, warum nicht?" Und galant fügte er hinzu, nicht ohne Treuherzigkeit: „Nur daß Dich schwerlich Jemand wieder freigeben würde, wenn er Dich einmal sesthält."
„Ah!" machte sie, in erheuchelter Wehmuth den Kops wiegend, „das klingt zwar sehr ritterlich, aber es wird sich leider niemals bewähren. Wenn bisher keiner nach mir ge- sragt hat, wärs doch sehr wunderlich, wenn es jetzt geschehe, wo ich auch noch das Einzige verloren habe, was möglicherweise früher einem Manne hätte an mir gefallen können: mein bischen Jugend. Das mußt Du zugeben, das ist logisch, nicht wahr?"
Ewald erwiderte nichts darauf- er war sehr nachdenklich geworden. Und sie immerfort anblickend, sagte er, ganz in seine Gedanken verloren:
„Es ist doch eigentlich höchst eigenthümlich, daß keiner nach Dir gefragt hat, Martha. Ich habe all diese Tage darüber sinnen müssen."
(Fortsetzung folgt.)
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