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1891
Mittwoch den 22. Juli
Nr. 167
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®k Gießener H<*tCie*iratfn »erden dem Anzeiger Ndchentttch dreimal brigdtgt.
Gießener Änzetg«
Kmerat-Wnzeiger.
BierttljL^rtgee AS-n»e«e«ts»reiLt 2 Mark 20 Pfg. nHi Bringerlohn.
Durch die Post begehn 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, ExpetMsik vnd Druckerei:
ZchntstraßeKr^,
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.
Annahme Bon Anzeigen zu der Nachmittags für dm faigendm Tag erfcheinmdm Nummer bil Bonn. 10 Uhr.
Kratisöeitage: Gießener Iamitimötätter.
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Alle Annoncen-Kureoux de- Ja- und Au-lande- nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
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Derttsches Reich.
Darmstadt, 20. Juli. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich trafen gestern, von Homburg kommend, zum Besuch der Grobherzoglichen Familie im Fürstenlager zu Seeheim ein, woselbst Allerhöchstdieselben an der Familien- tasel theilnahmen und gegen Abend wieder nach Homburg zurückkehrten.
Aus Elsaß'Lothringen, 19. Juli. Ein sehr günstiges Ergebniß zeigt die Zusammenstellung der im Erfatzjahre 1890/91 aus Elsatz-Lothringen eingchellten Ersatzmann- schast, von welcher nur 14 Mann oder 0,24pCt. ohne Schulbildung waren.
Aerteste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 20. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, daß die Ernennung des Grasen Udo v. Stolberg- Wernigerode zum Oberpräsidenten von Ostpreußen mit Sicherheit zu erwarten sei, verzeichnet dagegen die Meldung über die Ernennung des früheren Cultusministers v. Goßler zum Oberpräsidenten von Westpreußen ohne Gewähr. Hingegen berichtet die „Kreuzzeitung", daß Herr to. Goßler bereits ernannt sei.
Berlin, 20. Juli. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung von 19 großen und 73 kleinen goldenen Medaillen an diejenigen Künstler, welche sich aus der Jubiläumsausstellung besonders ausgezeichnet haben.
Berlin, 20. Juli. Zum Reichscommissar für die Anti- Sclaverei-Lotterie ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, der Leiter der Colonialabtheilung des Auswärtigen Amtes, Wirkl. Geh. Legattonsrath Dr. Kayser, bestimmt. In den Ausschuß zur Verwendung der Gelder werden seitens des Reichskanzlers folgende Mitglieder des Colonialraths dele- girt: Fürst v. Hohenlohe-Langenburg, Professor Dr. Schwein- surth, Staatssecretär a. D. Dr. v. Jacobi, Ehren-Domherr Dr. Hespers-Käln und Bankier von der Heydt-Elberfeld.
Bremen, 20. Juli. Nach einer telegraphischen Meldung der Rettungsstation Norderney wurden am 19. Juli von der auf dem Norderneyer Riff gestrandeten Holländischen Tjalk „de Zwerwer" die aus fünf Personen bestehende Besatzung, darunter eine Frau und zwei Kinder, durch das Rettungsboot „Barmen" der Weststation gerettet.
Bremen, 20. Juli. Der Verein der Rheder des Unterwesergebiets nahm in einer Nachmittags abgehaltenen Sitzung mit großer Majorität Sen Antrag des Rheders Schiff-Elsfleth an, daß eine Einigung innerhalb der deutschen Handelsmarine in Betreff des Rudercommandos nach dem Vorgehen des Norddeutschen Lloyd wünschenswerth sei.
Gelsenkirchen, 20. Juli. Die „Gelsenkirchener Zeitung" meldet: Heute Abend wurde Huenninghaus, Redacteur der „Bergarbeiter - Zeitung", aus Requisition der Bochumer Staatsanwaltschaft inhastirt.
Feuilleton.
Licht.
Novellette von D. Frettn von Spättgen.
(3. Fortsetzung.)
Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der -fünften Avenue in Newyork befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl conservirte Dame, welche, den „Herald" in der Hand, am Fenster saß, und ein junger, auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, welcher stch mit seinem Frühstück beschäftigte.
„Welch seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony. Hahaha!"
„Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, dann stehe ich zu Deinen Diensten."
„Das ist wirklich originell, hahaha!"
Abermals tönte das helle Lachen nach dem Speisenden hinüber.
„So nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.?^
Der Gerufene war jetzt nähergetreten und zog sich einen Stuhl dicht an die Seite der stattlichen Frau. Diese las :
„Eine sehr respectable junge Dame aus guter Familie, welche, durch mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broderwerb zu verschaffen genöthigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft des Putzens, Reinigens jmb Versorgens der Lampen zu übernehmen und bestmöglichst
Paris, 20. Juli. Die Professoren Charcot und Poncet wurden an das Krankenlager Dom Pedros nach Vichy berufen.
Paris, 20. Juli. Die Shndicatskammer der Eisenbahnbediensteten beschloß, die Arbeit morgen wieder aufzunehmen.
Triest, 20. Juli. Aus dem Bankett anläßlich der 25. Gedenkfeier der Seeschlacht bei Lissa erinnerte der Cor- vetten-Capitän Labres an den heldenmütigen Tod der Schiffs- osfiziere der Schiffe „Re d'Jtalia" und „Palestra"- er betonte ferner, daß in dem tapferen Gegner von einst für die Oesterreicher jetzt ein Verbündeter entstanden sei, und trank aus die herrliche italienische Flotte und ihr ausgezeichnetes Ossiziercorps. Der Toast wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen, der sich noch steigerte, als die italienische Nationalhymne im Anschluß daran ertönte. — Beim Diner im Marinecasino zu Pola brachte der Hasenadmiral Pitner einen Toast auf die den Oesterreichern alliirte königliche Flotte von Italien aus.
CeUinje, 20. Juli. Reguläre türkische Soldaten schossen auf ein im Hasen von Scutari befindliches montenegrinisches Schiff, das von drei Kugeln getroffen wurde. Die Regierung hat das Verlangen nach Genugtuung und dem Berliner Vertrage entsprechender Sicherstellung der freien Schifffahrt gestellt.
Melbourne, 20. Juli. Reutecmeldung. Briefen aus Samoa zufolge forderte der König Malietoa den Ma - t a a f a aus, nach Apia zu kommen, was Letzterer verweigerte, indem er erklärte, er fürchte, verhaftet zu werden. In Apia besorgte man einen Angriff auf die Stadt. Es fanden Ansammlungen zahlreicher unzufriedener Eingeborenen statt. Die Behörden ergriffen Vorsichtsmaßregeln und wurden dabei durch das Kanonenboot „Sperber" unterstützt. Auch erließen die drei Consuln eine 'Proclamation zur Befestigung der Stellung Malietoas. Seitdem hat '.die Beunruhigung nachgelassen, zumal die Anhänger Mataafas ihre Steuern bezahlt haben.
Locale» un6 provinzielle».
Gießen, 21. Juli.
— Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 23, Juli 1891, Nachmittags 4 Uhr: 1. Vergebung der Zinsen aus der Hast'schen Stiftung. 2. Die Einfriedigung vor dem Garten der Wirth Karl Pipp Wittwe an der Grünbergerstraße. 3. Desgl. des Dr. Jett an der Grünbergerstraße. 4. Desgl. des Heinrich Balser daselbst. 5. Desgl. des Christian Keller daselbst. 6. Desgl. vor den Hausgärten von Hanstein und Häuser an der Ludwigstraße. 7. Desgl. des Rechtsanwalts Hirschhorn und Genossen an der Ludwigstraße. 8. Desgl. des Peter König an der Ludwigstraße. 9. Desgl. von Chr. Haubach und Cons. an der Rodheimerstraße. 10. Gesuch des I. Häuser um Erlaubniß zur Errichtung eines Anbaues. 11. Gesuch
des Martin Langsdorff um Erlaubniß zur Errichtung eines Hintergebäudes. 12. Herstellung eines Planes über den Friedhof. 13. Die Friedhossordnung. 14. Den Weg vom Wallthor über die Gänsacker und Burgwiesen nach dem Philosophenwald. 15. Voranschlag Über Reparaturen in dem Gebäude der höheren Mädchenschule. 16. Rechnung des Realgymnasiums und der Realschule für 1890/91. 17. Anschaffung von Lehr- und Lesebüchern für die städtischen Schulen aus Grund des Art. 26 des Volksschulgesetzes. 18. Brunnen in der Neustadt. 19. Wirthschaftsplan über die Waldungen der Stadt Gießen pro 1891/92, Rechnungsjahr 1892/93.
— Zur Feier des 40 jährigen Sttstuugsfestes der Gießener Burschenschaft Germania hatte bereits gestern die Stadt Gießen einen glänzenden Festesschmuck angelegt. Insbesondere heben wir die geradezu pompösen Decorationen des Seltersweges und der Bahnhosstraße hervor. Zur Einleitung der Festlichkeiten fand gestern die festgesetzte italienische Nacht mit Feuerwerk auf dem Lenz'schen Felsenkeller statt und boten die in dem Garten in effectvoller Weise vertheil- ten schwarz-roth-goldenen Lampions mit der sehr gelungenen bengalischen Beleuchtung einen geradezu feenhaften Anblick. Die Hauptseier beginnt heute, der Commers wird durch einen um 71/2 Uhr Abends stattfindenden festlichen Umzug eröffnet. Der Festcommers in Steins Garten beginnt um 9 Uhr. — Leider ist es dem Herrn Oberbürgermeister G n a u t h, welcher die Einladung zum Commerse bereits entgegen genommen hatte, nicht möglich, an dieser Hauptfeier theilzunehmen, da derselbe in letzter Stunde zu einer nun nicht mehr zu verlegenden Conferenz nach Darmstadt abberufen wurde. In einem überaus liebenswürdigen Schreiben an die Gießener Germania hat derselbe die Glückwünsche der Stadt Gießen zu dem Jubelfeste überbracht und insbesondere seiner Ueber- zeugung darüber Ausdruck verliehen, daß die gesammte Bürgerschaft freudigen Antheil nehmen werde an dem Feste und an den daran sich knüpfenden Erinnerungen an die letzten 40 Jahre, hätten doch die Wünsche und Bestrebungen der Burschenschaft in dieser Zeit so vielfach sich mit jener der gesammten Gießener Bürgerschaft gedeckt! Ueber den Verlaus des Commerses werden wir noch besonders berichten.
— Der Gießener Zweigvereiu der Gustav AdolfiStiftuag feierte am 15. d. Mts. sein Jahresfest in Lang-Göns. Es war ein wohlgelungenes, ein, obwohl es Werktag war, sehr stark besuchtes und hoffentlich reich gesegnetes Fest, das wir dort auf dem lieblichen Kirchenplatze, wo eine mit Fichtenzweigen geschmückte Kanzel errichtet war, vom schönsten Wetter begünstigt, feiern durften- die Kirche, welche geschmackvoll ausgeschmückt war, hätte die zahlreiche Festversammlung nicht zu fassen vermocht. Die Festprediger wußten den rechten Ton anzuschlagen. Im vormittägigen Gottesdienst, in welchem der Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Walz, den Altardienst versah, hielt Herr Pfarrer Nies aus Ettingshausen die Festpredigt über Offenb. Joh. 3, 7—11, woraus von Herrn Professor Stamm, dem Secretär des Vereins, der erfreuliche Mit
auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche eine seltene Fertigkeit und Uebung und wird ihre Kunden sicherlich zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: Head-Postosfice restante Nr. 600."
„In der That höchst sonderbar," äußerte der mit Anthony Angeredete kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, „entweder ist das nur ein schlechter Spaß oder — was mir wahrscheinlicher dünkt — ein Nothschrei aus der Brust einer armen Frau." Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ die Blicke über die kleine Annonce gleiten, ehe er sortsuhr: „Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt Newyork. Wohl Demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch ein verborgenes Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen trocknen zu können."
„Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen Sinn und das poetische Gemüth muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. Dein Vater besaß hiervon nichts," versetzte die stattliche Dame mit einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes wohlgefällig betrachtete. „Was meinst Du, Anthony, ob ich diese Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine Vermuthungen zutreffend sind oder nicht."
„Thue das, Mutter- es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk damit zu stiften im Stande wärest," sagte der junge Mann lebhaft, und die Dame fuhr angeregt fort:
„Uebrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen sammt und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu führen — wohlan, ich schreibe, Anthony."
Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, hatte er selbst den Bries der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf bezügliche Gespräch vergessen.
Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für fein Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.
Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst anmuthige Bild. Durch die halb zu- gezogene Gardine fiel ein Strahl der goldigen Morgensonne gerade über den dunklen Scheitel des feinen, etwas vorgebeugten Kopses und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, das gegen den Hellen Hintergrund wie gemeißelt


