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Mittwoch dm 22. April

Gietzener Anzeigen.

Beilage zu Nr. 92. - 1891.

Feuilleton.

Aller guten Dinge.

Novelletie von Conr. Telmann.

(Nachdruck verboten.)

Ewald Warner befand sich in jenem Zustande, in welchem Junggesellen, die über die Dreißig hinausgekommen sind, die unabwendbare Notwendigkeit einsehen, zu heirathen. Wie eine qualvolle Angst war es plötzlich über ihn gekommen. Er sagte sich, wenn es jetzt nicht geschehe, wenn er so dicht vor Thoresschluß sich nicht noch zu einem kühnen und männlichen Entschluß ausraffe, werde es niemals geschehen. Und er sah ein einsames, sreudloses Leben vor sich, in dem er ungeliebt altern würde, ein Leben, in dem Niemand seine Sorgen und Freuden theilte, ein Sterben, bei dem keine treue Hand ihm die Augen zudrückte. Ein ödes Grauen wandelte ihn an. Und er schwor sich zu, es solle anders werden.

Es lag auch eigentlich keinerlei Grund vor, weßhalb Ewald Warner nicht heirathete. Er war Gymnasialoberlehrer, er besaß ein kleines Vermögen, das ihm die Begründung eines bescheidenen Haushalts ermöglichte, er war von schlanker Gestalt, gesund, nicht häßlich und hatte einen braunen, wohl­gepflegten Vollbart, der sein ganzer Stolz und der Gegen­stand des Neides für alle unverheiratheten Männer im Städtchen war. Ueberdies war er Dichter, ein wirklicher gedruckter Dichter. Daß er nur die Kosten für den Druck einer seiner Tragödien selbst getragen hatte und die anderen alle ungedruckt in seinem Schreibpult lagerten, änderte nichts daran. Alle Welt wußte deßhalb doch, daß er ein Dichter war. Er hatte schon den größeren Theil der deutschen Kaiser­geschichte in fünfactigen Dramen verarbeitet und er fühlte sich berufen, auch des noch übrigen in gleicher Weise Herr zu werden.

Vielleicht trug aber eben seine Eigenschaft als Dichter die Hauptschuld an seinem Ledigbleiben. Ewald Warner war kein Feind des weiblichen Geschlechts, im Gegentheil, er be­fand sich häufig im Zustande der Verliebheit. Aber er stellte sehr ideale Anforderungen an die Frauen im Allgemeinen und an seine zukünftige Frau im Besonderen, er fühlte sich als Dichter, als Vertreter der heute verstoßenen und unter­drückten idealen Prineipien des Lebens dazu verpflichtet und er war nur deßhalb vorsichtig und wählerisch geworden.

Nun mußte er endlich einen Entschluß fassen. Er ging

sehr ernstlich mit sich zu Rathe, schlug eine ganze Anzahl von Büchern auf, aus denen er in einem so kritischen Falle Be­lehrung schöpfen konnte über die einzuschlagenden Wege und zu beobachtenden Merkmale bei der Wahl einer Lebens­gefährtin und verlobte sich schließlich mit Anny Tandler, einem jungen, sehr hübschen und sehr unbedeutenden Mädchen, der Tochter des Rentners Gottlieb Tandler und dessen Ehefrau Malwina, geborene Störck. Die Sache ging erheblich ein­facher vor sich, als Ewald Warner sich das hatte träumen lassen. Auf seinen sieben und eine halbe Seite langen, wohl- stilisirten, alle in Frage kommenden Punkte scharf und gründ­lich behandelnden Brief, in welchem er um Anny Tandler anhielt, hatte er von dem Rentner Gottlieb Tandler die Ant­wort erhalten, daß er und seine Frau sich sehr freuen würden, Herrn Oberlehrer Ewald Warner heute zu Tische bei sich zu sehen. In Frack und weißer Halsbinde war er erschienen, feierlich, erwartungsvoll, von der Weihe der Stunde ganz erfüllt. Gottlieb Tandler aber hatte ihn bei der Hand er­griffen, seiner verschämt dabeistehenden Tochter zugesührt und gesagt:Na also, se is Ihnen ja jut und Sie sollen se haben. Und was de Mitjist anjeht, so werden Sie nich zu klagen haben. Und nu trinken wir mal auf Euer Wohl, Kinderchen !" Und damit war Ewald Warner Bräutigam gewesen.

Das hatte er sich denn freilich alles ganz anders vor- geftellt gehabt und es ließ sich nicht leugnen, daß diese aller Würde und alles Schwunges entbehrende (Zeremonie ihn in hohem Grade ernüchterte und enttäuschte. Es setzte sich so­gar in ihm die Ueberzeugung fest, daß eine Verbindung, die unter solchen Auspizien begann, von vornherein der inneren Weihe entbehre und der Erfüllung der idealen Anforderungen, welche er an die Ehe stellte, nicht gerecht werden könne. Mit solchen wenig trostreichen Gedanken trat er in die Vor­halle des Tempels ein, der das unbekannte Glück des Lebens umschließen sollte.

War es nun wegen dieser vorgefaßten Meinung, die alles freudige Zutrauen schon im Keime erstickte, oder hatte sich das Schicksal wirklich gegen Ewald Warner verschworen, oder aber hatte er gar trotz aller Ueberlegungen und Er­wägungen bemwdi einen unbesonnenen Schritt gethan: nach Ablauf von achi Tagen war Ewald Warner zu dem Schluß gekommen, daß er der unglücklichste Mensch unter der Sonne sei. Anny Tandler war gewiß ein herzensgutes Geschöpf, aber für die salischen Kaiser hatte sie nicht das geringste In­

teresse und ihre Begriffsverwirrung in allen ästhetischen Dingen war manchmal geradezu fürchterlich. Dazu hatte sie durchaus kein Belehrungsbedürsniß. Sie sah gar nicht ein, weßhalb sie Dinge lernen und wissen sollte, die sie nichts angingen. Darin war sie ganz die Tochter ihres Vaters, der sich auch immer nur mit Dingen befaßte, die ihn selber betrafen, und deren gab es nur sehr wenige.

Am zweiten Tage nach seiner Verlobung hatte Ewald Warner seiner Braut fesselnde Episoden aus der Geschichte der Karolinger erzählt, um sie so allmählich in die Domäne einzuführen, in der er wie ein souveräner Gebieter herrschte, aber am Schluffe stellte sich heraus, daß sie gar nicht be­griffen hatte, wer die Karolinger eigentlich waren.Ihr fehlt der historische Sinn," sagte sich Ewald Warner seuszend. Wenn ihr nur nicht zugleich auch der poetische gefehlt hätte. Als sie aber bei der Lectüre von Ewald WarnersCon­rad III.", einer fünfactigen Tragödie mit Vor- und Nach­spiel, welche der Dichter ihr voller Pathos und Begeisterung vorlas, eingeschlafen, wirklich eingeschlafen war, da schlug dies Unerhörte vollends dem Faß den Boden aus und Ewald Warner sagte sich, daß er als Mann von Character es sich und seiner Dichterehre schuldig sei, eine Verlobung zu lösen, welche ihm die Aussicht bot, sich selber zu verlieren und sich eines Tages seiner Frau schämen zu müssen.

Und doch hätte er vielleicht auch jetzt noch vor einem so entscheidenden Schritte gebangt, ihn zum wenigsten noch eine Zeitlang hinausgeschoben, um seiner Natur nach einstweilen zu überlegen und alles zu bedenken, was hierbei etwa in Frage kommen konnte und dafür oder dawider sprach, hätte er nicht gleichzeitig die überraschende Entdeckung gemacht, daß er eine andere liebte, als seine Braut. Dies brachte eine ungeheure Revolution in seinem Innern hervor. Er gelangte zu der Ueberzeugung, daß seine Neigung für Anny überhaupt nur ein Ergebniß der Reflexion gewesen sei von allen in Frage kommenden jungen Damen hatte sie nach seiner Be­rechnung die meisten der Eigenschaften besessen, die für eine Ehe unerläßlich sein sollten, wenn man den Büchern trauen durste, und daß jetzt zum erstenmale eine wirkliche Leidenschaft in ihm erwacht sei. Das war um so bedeutungs­voller, um so entscheidender, als es stattsand, während er verlobt war und sich als gebunden fürs Leben betrachtete.

(Fortsetzung folgt.)

provinzielles.

-r. Aus dem Vogelsberg, 20. April. Zwar hat es den Anschein, daß der Winter, der sich leider diesmal breiter gemacht hat, als es Jedermann wünschenswert war, auch weiterhin nicht vom Frühling aus dem Felde geschlagen wird. Weiße Weihnachten, weiße Ostern und wenns so bleibt auch weiße Pfingsten sind trübselige Aussichten. Sollte aber der Dichter mit seinem geflügelten Wort:Es muß doch Früh­ling werden!" auch diesmal Recht behalten, so erlauben wir uns, hier nochmals aus die Erleichterungen im Reiseverkehr durch den Vogelsberg aufmerksam zu machen, wie sie mit dem Beginn des Sommersahrplans aus den Oberhessischen Eisen­bahnen eingeführt werden sollen. Es sind die Rundreise- Fahrkarten, die allerdings gestatten, mit ermäßigten Preisen die schönsten Theile des"Vogelsbergs kennen zu lernen oder wenn sie bekannt sind, sich derselben aufs Neue zu erfreuen. Für Gießen kommen die folgenden Strecken in Betracht:

1) Gießen-Hungen-Laubach - dann Fußwanderung nach Grünberg über Lauter (7 km), theilweise durch Wald, theil- weise auch mit schönem Fernblick, durchweg lohnender Spazier­gang. Rast in Grünberg und Rückfahrt nach Gießen. Höchst angenehmer Nachmittagsausflug.

2) Gießen-Laubach wie vorher, von da aber prachtvolle Waldstraße über das Jägerhaus mit guter Wirtschaft und über Kiliansherberge nach dem alten Schotten (14 km) und von da mit der Bahn über Nidda zurück nach Gießen. Für einen Nachmittag ist der Ausflug etwas stramm, zumal wenn der letzte Zug von Nidda aus so früh geht, wie seither. Aber die Gegend ist so schön, dabei die Wirthshäuser so gut, daß es Niemand gereuen wird, einen ganzen Tag auf diesen Ausflug zu verwenden.

3) Gießen-Laubach wie vorher, dann Fußwanderung über die Ziegelhütte nach Freienseen (6 km), das Seenbach­thal auswärts über den Oberseenerhof (6 km) nach Feld­krücken (5 km) bei der Poppenstruth östlich zur Oberwald­straße und über den Taufstein auf den Hoherodskops (7 km), weiter über die Herchenhainer Höhe (5 km) nach Gedern (6 km) und von da Fahrt zurück. Außer dieser Wander­strecke, die für einen Tag nicht übertrieben stark ist und die schönsten Theile des Vogelsbergs mit seinen herrlichsten Waldungen darbietet, können aber noch zahlreiche andere Wege gewählt werden, die nicht minder schön sind, aber mehr Zeit beanspruchen, sodaß man ganz nach Wahl auch zwei und drei Tage auf diese Ausflüge verwenden kann.

4) Gießen-Grünberg-Mücke, von da Marsch nach Ulrich­stein (17 km) und durch den Oberwald über den Hoherods- kopf nach Schotten und mit der Bahn zurück. Auch diese Strecke läßt sich in einem Tage abmachen, genußreicher aber wird sie bei minderer Eile und längerem Verweilen an einem

schönen Platze.

5) Gießen-Mücke. Die Fußwanderung über Ulrichstein, den Hoherodskops und die Herchenhainer Höhe wie in 4 und 3 nach Gedern ist etwas weiter, aber für rüstige Fuß- wanderer auch in einem Tage zu zwingen. Natürlich kann auch hier an Raum und Weg noch viel zugegeben, aber nur

sehr wenig abgenommen werden. Von Gedern über Stock­heim Fahrt nach Gießen.

6) Gießen-Lauterbach, dann Marsch über Herbstein (11 km), Ilbeshausen (6 km), Grebenhain (5 km), Hart­mannshain (4 km) nach Gedern (10 km) zum Anschluß an die Bahn. Da wird in einem Tage der Vogelsberg durch­quert, aber nicht in seinen schönsten Theilen. Verwendet man zwei oder drei Tage zu EIlbstechern links und rechts nach dem reizenden Stockhausen, nach dem Oberwald usw. so kann der Ausflug viel genußvoller gemacht werden.

7) Gießen-Laurerbach wie vorher, daun Marsch nach Herbstein, Lanzenhain (4 km) über den Oberwald nach dem Hoherodskopf (8 km) nach Schotten und Fahrt zurück.

Alle diese Ausflüge können wesentlich ausgedehnt werden und wird dadurch ihre Annehmlichkeit entsprechend erhöht. Der Wanderer nehme sich den Vogelsbergführer mit feiner guten Karte zur Hand, überschlage seine Zeit, des Geldes bedarf er nicht viel, und mache sich seinen Plan. Die Wirthshäuser unterwegs sind gut und billig und wenn das Wetter gut ist, wird er von seinem Ausflug mehr Genuß haben, als wenn er in den Thüringer oder Schwarzwald ginge.

Welche Unsummen zur Durchführung der Alters- und Zuvalidit'ätsverficheruug erforderlich sein werden, ist schon bei Berathung des Gesetzes im Parlament und in der Presse wiederholt dargelegt worden. Ein ganz bedeutender Geldauf­wand wird sich, wie sich jetzt schon herausstellt, in Folge der Beschaffung eigener Geschäftshäuser für die einzelnen Versicherungsanstalten nöthig machen. Fast jede der im deutschen Reiche vorhandenen 31 Anstalten hat sich'bereits in die Notwendigkeit versetzt gesehen, entweder durch umfassende Umbauten schon vorhandener Geschäftshäuser, oder durch den Ankauf solcher ober durch Neubauten sich die Möglichkeit zu sichern, die in kaum geahntem Umfange sich entwickelnden Ge­schäfte ordnungsgemäß und mit der Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt zu erledigen, welche die Vertretung und Verwaltung der bedeutenden, die weitesten Kreise der Bevölkerung be­rührenden Vermögensinteressen erfordert. Besondere Schwierig­keiten bietet schon die seuer- und diebessichere Aufbewahrung der Quittungskarten. Welche Räume allein zu diesem Zwecke im Laufe der Zeit erforderlich sein werden, ergibt sich daraus, daß z. B. bei der thüringischen Versicherungsanstalt in Weimar, welche soeben den Bau eines eigenen Geschäftshauses beschlossen hat, die Zahl der auszubcwahrenden Quittungskarten inner­halb 30 Jahren sich auf circa 10J/2 Millionen stellen wird. Dazu werden ungefähr 90,000 handliche Kasten erforderlich sein, die, in circa zwei Meter hohen Regalen ausgestellt, unter Zurechnung des Platzes für die Zugänge ein durch vier Regal- Etagen gehendes Gebäude von circa 380 Quadratmeter Grund­fläche benötigen werden. Bei den anderen Versicherungs-An­stalten werden die Verhältnisse nicht günstiger liegen.

Erledigte Stellen für Militäranwärter im Bezirk des 11. Armee-Corps. Altena (Westfalen), Postamt, Postschaffner, auf vierwöchige Kündigung, 900 Mk. Gehalt und 108 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Bvckenheim bei Frankfurt (Main), Militärlehrschmiede, Hausdiener, auf sechswöchige Kündigung, 700 Mk. Gehalt jährlich, nebst freier Wohnung, Feuerungs­

und Erleuchtungsmaterialien im pensivnssähigen Gesammt- werthe von 186 Mk. und Kleidergeld 60 Mk. Cassel, Garnisonbaubeamter, Tagewächter und Baubvte, auf Kün­digung, täglich 2.50 Mk. Frankfurt (Main), Magistrat, zwei Canzlisten, auf jährliche Kündigung, 1800 Mk. jährlich. Gießen, Postamt, Postschaffner, auf vierwöchige Kündigung, 900 Mk. Gehalt und 144 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Homberg (Bez. Cassel), Postamt, Packetträger, auf vierwöchige Kündigung, 700 Mk. Gehalt und 72 Mk. Wohnungsgeld- zuschuß. Mainz, Postamt, ein Postschaffner und ein Brief­träger, auf vierwöchige Kündigung, je 900 Mk. Gehalt und 180 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Nastätten (Kreis St. Goars­hausen), Amtsgericht, zweiter Canzleigehilse, auf Kündigung, 300350 Mk. (nicht fixirt).

Permtidyte»-

* Berlin, 12. April. EinZechpreller, der Damen verschleppt, um sie in Restaurants als Pfand für genoffene Speisen und Getränke zurückzulassen, treibt fein Unwesen in Berlin. Da er, wie es scheint, nicht ganz ohne Geld­mittel ist, so hat er sich noch immer im letzten Moment einer Verhaftung entziehen können. Noch in den letzten Tagen ge­lang es ihm, zwei Damen, die Frau und Tochter eines hiesigen Fabrikanten, die er im Wallner-Theater getroffen und durch seine gewandte Unterhaltung in den Zwischenpausen für sich einzunehmen verstanden hatte, zu überreden, mit ihm ein nahegelegenes Restaurant zu besuchen, um noch ein Weilchen zu plaudern. Dort spielte er den angenehmen Schwerenöther und lud die Damen zum Abendessen ein. Als die Zeche auf etwa 8 Mark angewachsen war, fiel es dem HerrnGesandt- fchaftssecretär" plötzlich ein, daß er vergessen habe, eine dringende Depesche aufzugeben. Er bat die Damen, ihn für kurze Zeit zu entschuldigen, hatte im Nu Ueberzieher und Hut vorn Riegel genommen und war schleunigst zum Locale hinaus. Einer der Kellner schöpfte jedoch Verdacht und folgte ihm eben so schnell. Als er nun beim Post- und Telegraphen­amte in der Königstraße vorbeistürmte, packte er ihn beim Kragen. Anfänglich wollte der saubere Patron noch Empörung zeigen. Als aber jetzt mit seiner Festnahme gedroht wurde, bequemte er sich zur Bezahlung der Zeche und machte sich bann schnell aus dem Staube. Die Damen waren nicht wenig erstaunt, als sie von bem Kellner erfuhren, unter welchen schwierigen Verhältnissen dem liebenswürbigen Herrn die Zeche abgejagt worden war.

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