Sonntag den 16. August
Giestener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 189. -1891
Feuilleton.
Die Dienstmädchen-Mörder in Wien.
Wien, 11. August.
Gestern ist in einem der bevölkertsten neuen Bezirke Wiens ein Ehepaar verhaftet worden, das, wie es scheint, die Ermordung armer, wehrloser Dienstmädchen geschäftsmäßig betrieb und von der Beraubung seiner Opfer lebte. Was bisher von dem dunklen Treiben dieses Paares ausgeforscht worden ist, eröffnet den Blick in ein schauerliches Geheimniß und erinnert unwillkürlich an die furchtbaren Thaten Hugo Schenks und seiner Genossen. — Die „N. Fr. Pr." vom Dienstag Morgen enthält folgende eingehende Darstellung dieses schauerlichen Criminalsalles:
Im Abendblatte haben wir mitgetheilt, daß Nachts durch Organe der hiesigen Polizei-Direction ein Ehepaar, das sich Franz und Rosalia Riedler nannte, in Rudolphsheim unter dem Verdachte, im vorigen Monat in einem Walde bei Neulengbach ein junges Mädchen ermordet und beraubt zu haben, verhaftet wurde. Inzwischen ist die Schuld der Eheleute, welche richtig Franz und Rosalia Schneider heißen, fast zweifellos festgestellt und es ist erwiesen worden, daß dieselben in den ersten Tagen des Juli dieses Jahres das dreißigjährige Dienstmädchen Marie Hottewagner ermordet und beraubt haben. Ende Juli dieses Jahres erschien in den hiesigen Journalen eine Notiz des Inhalts, daß in einem Walde bei Neulengbach die Leiche einer unbekannten, ungefähr 30jährigen Frauensperson gefunden worden sei, die nur mit Hemd, 'Unterrock und Mieder bekleidet und wahrscheinlich das Opfer eines Verbrechens geworden war. Diese Notiz las ein Goldarbeiter-Gehilfe Namens Karl H., welcher feit einiger Zeit seine Geliebte, das Dienstmädchen Marie Hottewagner, vermißte und er begab sich zur Polizei-Direction, wo er dem Verdachte Ausdruck gab, daß die im Walde Ausgefundene seine Geliebte sei. Zugleich gab er an, daß er diese zuletzt am 2. Juli d. I. in Gesellschaft eines Ehepaares gesehen habe, welches die Hottewagner zum Westbahnhofe begleitete. Er habe damals ersahren, daß das Ehepaar seiner Geliebten eine Dienststelle in der Villa Hauser in Nekawinkel verschafft habe und sie dahin begleitet. Einige Tage später habe er nun seiner Geliebten einen Bries unter der erwähnten Adresse geschrieben, dieser kam jedoch mit dem Vermerk zurück, daß es in Nekawinkel eine Villa Hauser nicht gebe und Marie Hottewagner in diesem Orte unbekannt sei. Man veranlaßte nun den Goldarbeiter-Gehilsen, nach Neulengbach zu fahren
und dieser erkannte dort den im gerichtlichen Depositenamte befindlichen Strohhut, den man bei der Leiche gesunden hatte, als jenen der Hottewagner.
Die Polizei bemühte sich nun, jenes Ehepaar, welches die Hottewagner am 2. Juli zum Westbahnhofe begleitet hatte, zu eruiren und stellte folgende Tbatsachen fest: Marie Hottewagner ließ sich am 2. Juli im Meixner'schen Dienstvermittelungs-Bureau aus dem Franziskanerplatze für einen Platz vormerken. Während sie eingeschrieben wurde, trat eine Frauensperson in das Local, die mit dem Mädchen eine Conversation anknüpfte und ihm mittheilte, sie sei Hausbesorgerin und Gärtnerin in der Villa Hauser in Nekawinkel, wo die Magd einen lohnenden Platz erhalten könne. Die Unbekannte fragte die Hottewagner auch um ihre Effecten und animirte sie, den Koffer gleich mitzunehmen und ihr nach Nekawinkel zu folgen. Das Mädchen sagte, sie nehme den ihr angebotenen Dienst sehr gerne an, doch könne sie nicht wissen, ob er ihr behagen werde, weshalb sie es vorderhand vorziehe, ihren Koffer in Wien zurückzulassen,- sie bat die Fremde, ihr in die Wohnung zu folgen, weil sie sich mit Geld nicht vorgesehen habe und einige Gulden zu sich stecken wolle. Die Frau ging nun mit der Magd in deren Wohnung, Mariahilferstraße 43. In einem Gasthause in der Mariahilferstraße, vis-ä-vis von Nr. 43, saß damals der Geliebte der Hottewagner, der Goldarbeiter-Gehilse Karl H., welcher die beiden Frauen vorübergehen sah. Er vermuthete richtig, daß es sich um einen Dienstplatz handle, und um dem Mädchen nicht damit zu schaden, daß man wisse, sie habe eine Liebschaft, unterließ er es, aus die Gasse zu kommen und seine Geliebte anzusprechen. H. sah auch bald daraus die Magd und ihre Begleiterin wieder aus dem Hause kommen. Die Letztere trat dann in das Gasthaus, ging an einen Tisch und sagte zu einem an demselben sitzenden Manne: „Sie kommt schon!" Die Frau begab sich dann wieder auf die Straße und nach einiger Zeit folgte der Mann, den sie angesprochen hatte, den beiden Frauenspersonen und schloß sich denselben an, woraus die Drei zum Westbahnhof gingen. Seit jener Stunde war Marie Hottewagner verschollen.
Die Polizei eruirte weiter Folgendes: Am 4. Juli kam die angebliche Gärtnerin allein in die Wohnung des Mädchens in der Mariahilserstraße und überbrachte einen Zimmerschlüssel mit der Erklärung, die Hottewagner habe denselben aus Vergeßlichkeit zu sich gesteckt und sende ihn nun zurück. Sie habe auch geschrieben, der Platz in Nekawinkel gefalle ihr sehr gut und sie gedenke dort zu bleiben, man möge ihr daher durch die angebliche Gärtnerin ihren Koffer senden. Während die Frau dies erzählte, trat der Briefträger
ein und überbrachte einen Brief mit dem Poststempel „Reka- winkel". Derselbe enthielt die gleichen Mittheilungen von der Hottewagner selbst und unter Anderm den Passus, daß die Gärtnerin kommen werde, um den Koffer abzuholen und aufs Land zu befördern. Die Quartiergeberin äußerte ihre Freude darüber, daß es der Hottewagner gut gehe und folgte der Unbekannten den Koffer aus. Derselbe war groß und schwer und enthielt Wäsche, Kleider, Schmuck und Bücher. Der früher erwähnte Mann der Gärtnerin wartete unten aus der Straße und ließ den Koffer ins „Hotel Holzwarth" in Fünfhaus bringen und bei dem Hausknecht deponiren, von wo er denselben zwei Tage daraus abholte.
Das wichtigste Moment aber, welches in dieser Affaire zur Kenntniß der Polizei gelangte und zur Entdeckung der Mörder führte, war folgendes: Am 1. Juli d. I. hatte ein Mann, der sich für einen Gärtner ausgab, die Dienstmagd Anna Djuris, III., Erdbergerlände 2 wohnhaft, unter dem Vorwande, ihr eine Stelle als Stubenmädchen bei einer Baronin in Neulengbach zu verschaffen, von Wien nach Neulengbach gelockt, ihr in einem Gasthause in der Umgebung von Neulengbach Gewalt angethan und dann die Ersparniffe von 30 fl. zu erpressen gesucht. Nach der Personsbeschreibung, welche Anna Djuris von diesem Manne gab, war derselbe jenem ähnlich, der am 2. Juli mit seiner Frau die Marie Hottewagner zum Westbahnhofe begleitet hatte und dieser Umstand mußte im Verein mit der Thatsache, daß die Hottewagner gleichfalls nach Neulengbach gelockt und ihr gleichfalls ein Dienstplatz versprochen worden war, zur Vermuthung führen, daß der Raubversuch an der Djuris von demselben Individuum verübt worden sei, das auch die Hottewagner ermordet hatte. Die Nachforschungen nach diesem Individuum waren von Erfolg begleitet,- es wurde erhoben, daß die Djuris zu dem Wirthe bei Neulengbach, bei dem sie mit dem angeblichen Gärtner eingekehrt war, Bedenken geäußert hatte, mit dem fremden Manne in einer fremden Gegend weiter zu gehen und daß der Wirth geantwortet hatte: „Mit dem können Sie schon gehen, den kenn' ich ja!" An dieses Wort hielt man sich und eruirte weiter, daß der Begleiter der Djuris ein gewisser Franz Riedler aus Rudolphsheim war. Derselbe wurde gestern Nacht vom Ober-Commissär Sabatzka in einer Kaffeeschänke in der Rudolphsgasse zu Rudolphsheim verhaftet. Gleichzeitig wurde seine Frau festgenommen. Die Eheleute heißen richtig Franz und Rosalia Schneider. Ihre Schuld an der Ermordung der Hottewagner ist schon dadurch außer Zweifel gestellt, daß in ihrer Wohnung Effecten aus dem Besitze der Ermordeten gesunden wurden.
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