Ausgabe 
15.3.1891 Erstes Blatt
 
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preisenden Zuchtmitteln mutzte man darauf sinnen, eine möglichst e^acte und enge Verbindung des Hauses mit der Schule, des Lehrherrn mit dem Lehrer herzustellen, die jenen über manches ausklären würde, was ihm bisher Geheimniß geblieben war, um ihm so Gelegenheit zu bieten, theilzunehmen am Erziehungs­werke seines Lehrlings, wir meinen das sogenante Controlbuch. Das ist ein Heftchen etwa in der Größe eines Notizbuches und enthält auf einer durch einen wagerechten Strich ge­teilten Seite Angaben über den Beginn des Unterrichts, über die Unterrichtstage, über Verhalten der Schüler während und beim Verlassen des Unterrichts, über Versäumnisse, Un­regelmäßigkeiten im Schulbesuche und dgl. mehr. Klagen des Lehrers gegen den Schüler werden eingeschrieben und dem Lehrherrn übermittelt, der dann häufig streng mit dem jungen Mcmn ins Gericht geht und hierdurch der Schule die Arbeit wesentlich erleichtert, denn es soll gar nicht geleugnet werden, daß ein ernstes Wort des Meisters oft weit schwerer ins Gewicht fällt, als eine Strafe der Schule es kann, da diese leider bei unfolgsamen und eigensinnigen Schülern nur eine Respektsperson zweiten Ranges ist. Deßwegen sind diese Büchlein auch bei vielen Schülern nicht sonderlich beliebt und erfreuen sich bei ihnen im Betrelungssalle gerade keiner allzu zarten Behandlung. Endlich enthalten die Controlbücher auf den drei letzten Seiten eine Censur unter den Rubriken Fleiß, Kenntnisse, Betragen. Letztere Note wird neuerdings hauptsächlich ins Auge gefaßt und in die Haupt­liste eingetragen, um nötigenfalls auch über die Schulzeit vom 14.-17. Lebensjahre Auskunft geben zu können. Es ist selbstverständlich, daß eine schlechte Note im Betragen dem Betreffenden außerordentlich nachtheilig werden kann und da­her doppelte Vorsicht geboten. Möchten das die jungen Leute immer beherzigen! Die verehrten Lehrherrn aber können sich selbst und der Schule gar keinen besseren Dienst leisten, als wenn sie fortsahren, theilzunehmen an der Erziehung ihrer Lehrlinge durch Ermahnung derselben zum fleißigen und erfolgreichen (Schulbesuche.

Nach den stattgehabten öffentlichen Prüfungen des hiesigen Realgymnasiums und der Realschule fand heute der Schluß actus statt. Mit Ausschluß der Vorschulklassen versammelten sich die Schüler und Lehrer der Anstalt um 11 Uhr im Zeichensaale und fand daselbst mit Vortrag einiger Gesänge und Gedichte die Entlassung der. Abiturienten statt, woraus an 18 der fleißigsten Schüler der verschiedenen Klassen werthvolle Prämien vertheilt wurden. Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst haben sich 11 Schüler erworben.

Der heute Vormittag um 6 Uhr 25 Min. von hier nach Köln abgegangene Personenzug ist zwischen Ehrings­hausen und Sinn entgleist. Außer dem Locomotivsührer, welcher durch Verbrennung mehrere Beschädigungen davon­trug, wurde Niemand verletzt und kamen die Passagiere mit dem Schrecken davon. Die beiden Geleise sind gesperrt und müssen die Reisenden an der Stelle umsteigen, um aus der anderen Seite in einem von Dillenburg kommenden Zuge «eiterbefördert zu werden.

Turnerisches. Bei günstigem Wetter wird der hiesige Turnverein morgen Sonntag Nachmittag um 1 Uhr, von der Lahnbrücke ausgehend, seinen zweiten Turngang unternehmen und zwar diesmal nach Wetzlar. Damit beab­sichtigt derselbe einen Besuch des Wetzlarer Turnvereins zu verbinden und werden die Wetzlarer Turner den Gießenern bis Garbenheim entgegenkommen.

Eine wunderschöne Luftspiegelung wurde gestern Mittag um 1 Uhr ungefähr anderthalb Stunden lang beobachtet. Die Sonne war umgeben von mehreren Dunstkreisen, zwei hell- leuchtenden Nebensonnen und das Ganze begleitet von vier verschiedenen Regenbogen.

E. H. In der gestrigen Sitzung der evangelischen Gemeindevertretung sprach dieselbe zunächst ihr Einverständniß damit aus, daß die seit 1. Advent probeweise im Gebrauch gewesene Liturgie, vorbehältlich etwaiger Änderungen, bis auf Weiteres auch fernerhin im Gebrauch bleibe. Auch der Berkaus eines Pfarrackers, der zum Bau der psychiatrischen Klinik benöthigt wird, zum Preise von 60 Psg. für das qm fand Zustimmung. Endlich wurde noch mit an Einstimmigkeit grenzender Majorität Herr Fabrikant und Stadtverordneter Emil Schwall an Stelle des Herrn Rentners Balthasar Lenz, der sein Amt krankheitshalber niederzulegen sich veranlaßt gesehen hatte, als Kirchenvorsteher bis 1898 gewählt.

Schwurgerichts - Verhandlung vom 13. März 1891. Heute kam die Strafsache gegen Justine Schmidt von Har­bach wegen Meineids und Ernst Bott von Stangenrod wegen Anstiftung zum Meineid, Widerstands und Beleidigung zur Verhandlung. Die Anklage stützt sich aus folgenden Thatbe- stand: Im Mai 1890 ließ der damals aus der Kolbenmühle bei Harbach wohnende Obersteiger Ernst Bott von der Grube Abendröthe bei Ettingshausen gegen den Müller Friedrich Frey aus der Sommersmühle bei Harbach bei Großh. Amts­gericht Grünberg Privatklage wegen Beleidigung erheben. Die Beschuldigung ging dahin, Frey habe in Bezug aus Bott die unwahre Thatsache behauptet und verbreitet, dieser habe mit der Hebamme Justine Schmidt von Harbach zu rhim. Die Sache kam am 1. Oct. 1890 vor dem Schöffengerichte Grünberg zur Verhandlung. Frey brachte zu seiner Vertheidigung vor: Im Jahre 1889 zur Zeit, als Bott Kost und Wohnung in feinem Hause gehabt, sei derselbe mit der damals in ihrer Eigen­schaft als Hebamme im Frey'schen Hause thätig gewesenen Justine Schmidt bekannt geworden, die Bekanntschaft habe bald einen intimeren Character angenommen. Die mit mehreren Kindern in Wettsaasen lebende Ehefrau des Bott habe von diesem Verhältnisse Kenntniß erhalten und der Ehefrau Frey in zwei Briefen vom 16. Juli und 18. December 1889 ihre trostlose Lage geschildert und dieselbe um Rath und Unter­stützung angegangen. Nach den Mittheilungen der Frau Bott habe deren Ehemann anerkannt, mit der Justine Schmidt in intimen Beziehungen gestanden zu haben. Von dem Inhalt dieser Briefe habe er (Frey) nur einem Bekannten, dem Briefträger Weber von Grünberg, vertraulich Kenntniß ge­geben, als derselbe ihm erzählt habe, die Schmidt habe den Wilhelm Wolf von Ettingshausen wegen Alimentation ver­klagt. Nach der Vernehmung des vorgenannten Weber wurde die gleichfalls als Zeugin geladene Justine Schmidt vorge­nommen. Dieselbe gab, vorschriftsmäßig beeidigt, auf Be­fragen an, sie kenne den Bott nicht näher, verkehre nicht mit ihm, sei nicht mit ihm in Gießen gewesen, derselbe habe ihr keinen Regenmantel gekauft. Wenn Bott in ihre elterliche Wohnung gekommen, so hätten die Besuche nur ihrem Vater, der unter Bott im Bergwerke arbeite, gegolten. Bei der folgenden Vernehmung der Ehesrau des Bott wurde dieser unruhig und heftig, er schrie in die Verhandlung hinein und spuckte, als ihm dies verwiesen wurde, derart vor dem Ge­richte aus, daß man nur annehmen konnte, er wolle der Be­hörde damit seine Verachtung bezeugen. Als ihm schließlich wegen fortgesetzter Ungebühr eine Haftstrafe von zwei Tagen zuerkannt und der Amtsgerichtsdiener Grünewald von dem Vorsitzenden, Oberamtsrichter Mickel, beauftragt wurde, Bott zur Verbüßung der Strafe abzuführen, ergriff dieser Stock und Hut, nannte den Vorsitzenden: Spitzbub', Schuft, Bauern­bub' und lief, indem er gegen das Gericht und den Vor­sitzenden desselben fortgesetzt die gemeinsten Schimpsworte aus­stieß, davon. Der Gerichtsdiener suchte ihn festzunehmen, Bott hob aber seinen mit einem Metallknopf versehenen Stock in die Höhe und drohte, wenn er ihm zu nahe komme, ihn tobt zu schlagen, so daß schließlich, nachdem sich dieser Vorfall mehrmals wiederholt hatte, der Gerichtsdiener davon abstand, die Festnahme zu bewirken. Dem mit der Vollziehung des alsbald erlassenen Haftbefehls beauftragten Gendarmen Schmidt leistete Bott in der Weise Widerstand, daß er den ihn an­fassenden Beamten zurückstieß, mit den Armen ausschlug und unter den Worten:Ich haue Dir ins Gesicht, daß Du verreckst" und ähnlichen Drohungen die Faust zum Schlage emporhob. Auf dem Wege nach dem Hastlocal beleidigte er­den Genannten und den inzwischen hinzu gekommenen Gen­darmen Grauliug, indem er dieselben:Hunde, schufte! nannte und schrie dabei aus der Straße so laut, daß ein Aus­laus von Menschen entstand. Bott schützte bezüglich des ihm nach vorstehendem Thatbestand zur Last gelegten Vergehens der Beleidigung und des Widerstands Trunkenheit vor,' er bestritt im Uebrigen, die Justine Schmidt zu einem Mein­eide angestistet zu haben; ebenso die letztere, sich eines Mein­eids schuldig gemacht zu haben, behauptend, ihre diesbezüg­lichen erwähnten Angaben entsprächen der Wahrheit. Die Er­gebnisse der sehr umfangreichen Beweisaufnahme es wurden im Ganzen 32 Zeugen vernommen können ihres großen Theils obscönen Inhalts wegen nicht wiedergegeben werden; als Curiosum mag nur noch erwähnt werden, daß verschiedene Zeugen die Liebesbriefe des Bott und der Justine Schmidt derRose von Harbach" ausgesunden und solche auf Anstehen derselben wieder zurückgegeben hatten, sich ihren In­

halt so genau ihrem Gedächtnisse eingeprägt hatten, daß sic im Stande waren, solchen fast wie ein Gedicht vorzutragen. Die Verhandlung konnte heute nicht zu Ende geführt werden; nach Feststellung der Fragen an die Geschworenen wurde gegen 8 Uhr die weitere Verhandlung aus Samstag Rach-- mittag t/z3 Uhr vertagt.

E. Rödgen bei Gießen, 13. März. Se. Königl Hoheit der Großherzog haben dem Großh. Bürgermeister Heinrich Jnderthal I. dahier das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift:Für langjährige treue Dienste" verliehen.

Nidda, 13. März. Da die Errichtung einer er­weiterten Handwerkerschule für Nidda gesichert ist, soll nunmehr mit dem Bau des Schulgebäudes energisch e- gönnen werden. Als Bauplatz wird die Eiser-Preuschische Hos- raithe in der Bahnhofstraße bezeichnet.

Butzbach, 13. März. Nach dem soeben erschienenen Jahresbericht der hiesigen Realschule für das Jahr ^90/91 war die Anstalt von 137 Knaben, darunter 76 aus Butzbach und 61 auswärtigen Schülern, besucht.

Permifö«*»

* Worms, 12. März. Bäcker-Verbandstag. Der diesjährige Verbandstag des BäckerverbandsMitteldeutsch­land", den die Bäcker-Innung Worms übernommen hat, wird im Juni im Kohl'schen Locale abgehalten werden. Es fov zugleich damit eine Ausstellung von Hilfsmaschinen und Ge- räthen der Bäckerei verbunden werden. Es ist dies um so freudiger zu begrüßen, weil dadurch den Bäckermeistern hiesiger Gegend Gelegenheit geboten ist, sich von dem großen Vortheil dieser Maschinen beim Betrieb des so mühsamen Gewerbes zu überzeugen. Hoffen wir, daß der Verbandstag recht zahlreich besucht wird.

* Marburg, 13. März. Vergangene Nacht waren es 15 Jahre, daß infolge eines heftigen Sturmes der neuerbaute steinerne Aussichtsthurm aus Spiegelslust zufammenstürzte.

* Frankfurt, 10. März. Der Knochens und in der Asche des am 20. Februar abgebrannten Spreuhaufens an der Hanauer Landstraße hat nun seine Aufklärung gefunden. Man nahm die verkohlten Ueberreste, unter denen man die Ueberbleibsel von Menschen, welche verbrannt seien, vermuthete, sorgsam aus, trug sie in die Stadt, ließ sie hier untersuchen und da stellte es sich heraus, daß man es nicht mit Menschen-, sondern mit Schweine- und Ochsenknochen zu thun hatte. Zu Ansang Februar wurde nämlich in der Nähe des abgebrannten Fiemens ein gestohlener Metzgerkarren, der seines Fleisch- inhalts beraubt worden war, aufgesunden und dabei em Zettel, aus welchem die Diebe baten, künftighin beim Fleisch nicht so viele Knochen als Zugabe zu verwenden.

* Paris, 11. März. Ein Stelzen läufer in Arcachon will den russischen Lieutenant Winter, der von der russischen Grenze zu Fuß nach Paris gekommen ist, nachahmen. Er will auf Stelzen in 43 Tagen von Paris nach Moskau gehen und gedenkt am Tage der Eröffnung der französischen Ausstellung in Moskau dort einzutreffen.

Verkehr, Cant* unö Volkswirthschast.

eUAttt, 14. Marz. Marktbericht. Auf dem heutige» Wochenmartt kostete: Butter pr- Pst». 0,90-,100, Hühnerei«

1 St 56, 2 St. 4, Enteneier 1 St. 7 4, 2 St. X Käse pr. St. 58 4, Käse matte pr. St. 3 X Absen vr. Ater 19 4» Linsen pr. Liter 30 4, Tauben pr. Paar X 0,600,70, Hühn« pr. ©tücf X 1 201 50, Hahnen pr. St- X 1,301,70, Enten pr. Stück X 2,00-2'30, Ochsenfleisch pr.Pfd- 70-74 4, Kuh- und RindflAch 60-64 4, Schweinefleisch 6070 4, Hammelfleisch 5070 4, Äolfc* fietfdi 60__4, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 6,507,50, Weißkraut

A St. 3-7 4, ZwKelv ver Centn« X 7,00-8,00, Milch per Liter 1218 4, Gänseeier 12 4-

«rankfirrt, 13. Marz. Vieh markt. Es waren äuge- ttieden 50 Ochsen Bullen, 37 Kühe, Sttere und JUnbet, 82 Kälber, 40 Hämm'el und 212 Schweine. Die Preise stellte» sich für Ochsen 1. Qual, auf X 68-70 pr. Ctr- Schlachtgewicht, 2. Qual. X 60-64, Bullen X 00-00, Kühe und Rinder 1. OuoL X 5860, 2. Qual. X 4656, Kälber 1 Qual. 6772 4, 2. Qual- 5863 4, Hämmel 1. Qual. 6770 4, 2. Qual. 5860 4 per Pfd, Schweine 1. Qual. 5859 4, 2. Qual. 5657 4 Vfb- Schlachtgewicht. __________________

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