Donnerstag den 9. April
Gieheuer Anzeiger.
Beilage zu Nr. 81. -1891.
Feuilleton.
D i e Happen.
Nooellette von Zoe von R e u ß.
(Fortsetzung.)
II.
Es war so still im Schlosse, daß man das wilde Heer der Brummfliegen laut durchs ganze Haus summen hörte, und dazwischen klang donnerähnliches Schnarchen von der Veranda herein. Der Hausherr hielt hier Mittagsruhe . . Endlich erweckte ihn das Klappern des Kaffeegeschirrs, auch Fraulein Möller oder „Tante Bertha", wie sie eigentlich hieß, und Trudel kommen schlaftrunken, aber electrisirt, weil kaffeedurstig, aus ihren Schmollwinkeln hervor.
„Die reine Höllengluth — solche Hundstage sind noch nicht dagewesen!" stöhnt der behagliche Hausherr, nachdem der kecken Fliege aus seiner gerötheten Nasenspitze die vollständige Erweckung gelungen ist. Trudelchen, fächele mich ein bischen!"
Trudel bewegt ihren Fächer ziemlich ungeschickt gegen den Papa und gähnt laut, unbekümmert darüber, daß die hübsche Hand zu spät kommt, um den Abgrund des Mundes schützend zu verhüllen. „Etwas ruhige Thätigkeit pflegt am besten über die Hitze hinwegzuhelsen," bemerkte Tante Bertha erfahrungsreich.
„Unsinn, wir wollen Kaffee trinken," entscheidet Baron von Raven. „Daun rathe ich Dir, Dich in Deine Hängematte zu legen — meinetwegen kannst auch thun, als ob Du rauchen könntest, zur Vertreibung der Mücken! Ich will auf ein Stündchen nach Buschthal hinüber zu Lingens. In der Abendkühle komme ich wieder. Tante Bertha, Sie könnten wohl für Krebse sorgen,- 's ist bald aus damit — das R schnarrt nun wieder im Monat! Dumme Einrichtung in der Natur? . . . So, der Kaffee wäre genossen. — Adieu, Kinder!"
Trudel verspürte nicht übel Lust, im Schlasstuhl des Papa noch einmal herum zu schlafen, aber Tante Bertha ließ sie nicht dazu kommen.
„Ich würde an Deiner Stelle etwas englische Vocabeln ausziehen, Trudel," sagte sie, das ist eine geeignete Beschäftigung bei der Hitze, denn sie regt nicht auf. „Möchtest Du die Bücher nicht herbeiholen?"
Trubels entsetzte Antwort ward abgeschnitten durch den eintrerenden Diener. Er meldete Besuch: der Rittmeister mit drei Lieutenants aus der benachbarten Garnison.
„Sind willkommen!" ruft Trudel laut, indem alle sommerliche Faulheit mit einem Schlage abgeschüttelt ist. „Croquetspielen, Pistolenschießen, bravo!"
„Es muß doch zuvor erst gründlich überlegt werden, ob der Besuch der Herren in Abwesenheit des Herrn Baron anzunehmen ist," meint Tante Bertha weisheitsvoll.
„Unsinn, Tante, Du bist ja da, als, nun, als — Tugendlaterne!" entscheidet Trudel dictatorisch „Auch ist Papa schnell wieder zurück. Die Herren sind willkommen!"
Säbelrasseln von draußen, Begrüßung, Stühleschieben und ein paar Galanterien an die schöne Tochter des Hauses, welche diese verbindlich mit dem Fächer erwiderte, indem sie sich im Gebrauche desselben geschickt wie eine Andalusierin erwies, alles bunt durcheinander. Dann wurden einige Erfrischungen gereicht, später führte Trudel ihre Gäste in den Garten.
Das Croquetspiel erwies sich zu zahm, darum wandte man sich bald dem kürzlich aufgerichteten Schießstande zu. Trudel holte ihre „süßen Dinger" und schoß bewundernswerth.
„Haben die Herren eigentlich schon unsere entzückenden Rappen gesehen?" frug sie plötzlich. „Echtes Vollblut!"
„Behüte, Gnädigste!" erwiderte der Rittmeister.
„Leider hatten wir nicht die Ehr—re!" schnarrte der Premierlieuienant.
„Wir wollen dem gnädigen Fräulein nur eingestehen, daß wir eigentlich in der Hoffnung hierher gekommen sind, die Rosse in Augenschein zu nehmen," gab der Rittmeister zu. „Der Herr Baron hatte uns selbst dazu eingeladen."
Trudel schien ein bischen verwundert. Auf ihrem sprechenden Gesichtchen stand zu lesen: Also nicht um mich sind Sie gekommen? . . . Aber die Rappen verdienten den Besuch, auf seine Lieblinge pflegt man nicht eifersüchtig zu sein, warum war die Beschreibung ihrer Vorzüge so lebhaft und überschwänglich, daß die reizenden Goldpünktchen in ihren braunen Augen hell und feurig aufleuchteten. Im Triumph zog sie den Herren, gegen die Reitbahn gewandt, voran.
Der Nachwuchs des vortrefflichen Stalles von Ravenfeld pflegte hier in Freiheit dressiert zu werden. Die unvergleichlichen Perlen dieses Stalles waren aber augenblicklich zwei wundei olle Rappen, die Baron Raven aus einem berühmten Gesn t erworben hatte.
„Welche Thiere! Famos!" ries der Rittmeister entzückt.
„Aus Ehre, zum Küssen!" machte der Premierlieutenant, allerdings mehr nach der reizenden strahlenden Tochter des Hauses gewandt.
„Meine Herren, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber ich habe gemessenen Besehl, die Reitbahn jederzeit ge
schloffen zu halten!" trat plötzlich Herr v. Hochstedt heran, indem er die Offiziere kameradschaftlich begrüßte, aber die beiden vom Stallknecht herangetriebenen Thiere zurück- zutreiben versuchte. „Die Dressur der Thiere ist noch keineswegs beendet."
„Unsinn, diese Lämmer!" ließ sich einer der Herren vernehmen.
„Gnädigste hat uns selbst hierher—r geführt," meinte der Premierlieutenant etwas von oben herab, „auch der Herr Baron scheint weniger penibel."
Dabei wippte er mit der Reitpeitsche, zog ein paar Stücke Zucker hervor und lockte die Rappen von Neuem heran.
In diesem Augenblick stieg ein Flug Tauben, die in unmittelbarer Nähe der Reitbahn ihren Futterplatz hatten, mit geräuschvollem Flügelschlag in die Höhe. Eine Secunde später hatten die beiden jungen Thiere das Weite gesucht, im Nu waren sie zum offenen Hofthor hinaus.
„Vermaledeite Bestien! Grenzenlose Dummheit! Heiliges Kanonenrohr, sie sind fort!" declamirten die jungen Lieutenants.
Trudel war hoch erschrocken und blickte bleich und furchtsam nach Herrn v. Hochstedt hinüber. Sie hätte die Welt darum gegeben, wenn er sie einmal angesehen hätte mit einem jener unsagbaren Blicke, die er bei Tisch verstohlen zu ihr hinübergleiten ließ, und die sie immer so selig machten. Aber er hatte von Anfang an über sie hinweggesehen und sogar den Kopf gewandt, als sie, den Offizieren triumphirend voranschreitend, über den Hos zog. Ja, sie hatte es deutlich wahrgenommen, mit einem Stich im Herzen . . . Dienstbeflissen stand er schon dort am Hofthor und blickte in Aerger und Verdruß den Flüchtlingen nach, die Dorfstraße entlang, von welcher das pfeilschnelle Ausschlagen der Pferde- bufe auf den Gutshof drang. Endlich hörte auch dieses ganz aus.
In höchst unbehaglicher Stimmung kehrte man nach dem Schlosse zurück, um den Baron zu begrüßen, der soeben an der Rampe vorgefahren war. Der Rittmeister selbst machte die Mittheilung des Vorfalles- als Antwort galten nur ein paar Kernflüche, die dem Baron noch von seiner Soldatenzeit im Gedächtniß geblieben waren, und die er sich, um sie nicht zu vergessen, gelegentlich dem Gesinde gegenüber einmal wiederholte, die Trudel aber noch nicht aus seinem behaglichen Munde vernommen hatte. Selbst die letzten Krebse und der Rüdesheimer vermochten ihn nicht zu trösten.
(Schluß folgt.)
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Die Rechnungen über Lieferungen unb Arbeiten für die Universitäts- Institute aus dem abgelaufenen Rechnungsjahre — I.Aprll 1890/91 — sind, soweit dies noch nicht geschehen, al-bald bei den betreffendenJnstituts. directoren einzureichen.
Gießen, den 4. April 1891. Großherzogl- Univerfitäts- Rentamt.
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Erfurt, den 25 März 1891.
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