Ausgabe 
8.1.1891 Erstes Blatt
 
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Donnerstag den s. Januar. (Stegner Anzeiger. Beilage zu Nr. 6. - 1891.

Feuilleton.

Unter d e r Erde.

Novelle von Zoe v. Reutz (Fortsetzung.)

Aber er mochte doch nicht zum Verräther an der Sache seiner Kameraden werden. Ebensowenig hatte er freilich Lust zu einem neuen Besuch in dendrei Bergknappen", wo heute Abend wieder gezecht und die Frage der Arbeitseinstellung natürlich von Neuem besprochen wurde.....Plötzlich fuhr

er in die Höhe. In nächster Nähe, aber den Rücken ihm zugekehrt, saß Anna mit Herrn Felix Vogelsang auf einer Bank, die auf einer eingehauenen Waldlichtung stand, von welcher aus man einen reizenden Ausblick auf die einfache und doch so ansprechende Landschaft hatte. Wohlgepflegtes Ackerland, von Brombeerhecken eingefriedigte Wiesen, aus denen hier und dort eine verästelte Eiche oder ein wilder Birnbaum stand, boten sich dem Blick. . . . Die beiden dort schienen freilich nur mit sich selbst beschäftigt.

Sie können wirklich noch an meiner heißen Liebe zweifeln, reizende Anna?" ließ sich Herrn Felix Vogelsangs etwas unreine Stimme girrend vernehmen.Wozu die ewige Ziererei? Noch nicht ein einziges Küßchen habe ich heute bekommen wie können Sie nur immer so grausam sein? Ich verspreche, Sie dereinst zu meiner Frau zu machen bei meiner Ehre!"

Die Fortsetzung der Rede, ebenso wie jede Zärtlichkeit, ward dem jungen Herrn jäh abgeschnitten durch einen scharfen Krach, den das Ausschlagen von Hermanns Knotenstock ver­ursachte. Den Stock unwillkürlich emporhebend, hatte er un­bewußt an einen Eichenstamm geschlagen. Der Ton aber klang wie der Donner des Weltgerichts an Herrn Felix Ohren, wie durch Federdruck schnellte er von der Bank em­por. Eine Secunde später stand Hermann zwischen ihm und Anna, wie der Engel mit dem Flammenschwert, der gekommen war, ihn aus dem Paradiese zu treiben.

Ehrloser, Du redest von Ehre?" schrie er den jungen Herrn an.So etwas findet sich nicht bei Deinesgleichen!"

Was fällt dem unverschämten Burschen ein?" meinte Herr Felix erschrocken und mit zitternder Stimme. Doch sammelte er sich schnell und setzte hinzu:Frecher Bube!"

Das Wort ist nicht gesprochen für meine Ohren," ent­gegnete Hermann ruhig,ich verzeihe es. Nicht um mit

Ihnen anzubinden, bin ich hier, sondern um ein braves Mädel vor Ihren sauberen Schlichen und Versührungskünsten zu schützen."

Dann wandte er sich an die wie mit Blut übergossene Anna und fuhr freundlich, aber kühl fort:Fräulein Anna Harras, ich fordere Sie auf, sofort nach Hause zu gehen, wo Sie sicherlich schon erwartet werden. Und damit Sie ruhig sind und keine Furcht haben, werde ich den elenden Sohn eines braven Vaters hier mit dem Stocke bewachen, bis Sie heim sind. Von den Prügeln, die er bekommen würde, wenn er Miene machte, Ihnen zu folgen, könnte morgen sein Rücken erzählen, wahrlich, es wäre ein gutes Fressen für die Uebelgesinnten, wenn' die Sache öffentlich würde." Dann, die Uhr hervorziehend, schloß er:In zehn Minuten sind Sie zu Hause ich behalte die Uhr in der Hand. Und so lange rühren Sie sich nicht von der Stelle, Herr Felix Vogelsang!"

Wirklich stand der junge Herr feige wie ein Schulbube und rührte sich nicht von dem Platze. Fast mehr noch als der erhobene Knotenstock zwang ihn die Leidenschaft seines Gegners zum Gehorsam, die in heißen, zornigen Lichtern aus den grauen Augen sprühte und aus jeder Bewegung des zuckenden, nur durch Willenskraft gebändigten Körpers sprach. Inzwischen schlich sich Anna Harras gebrochen, zerschmettert durch den Eichenkamp nach Hause.

Zehn Minuten später ließ Hermann Wildhagen den Knotenstock sinken und steckte die Uhr in die Tasche. Dann lüstete er vor seinem Gegner flüchtig den Hut und war so­fort verschwunden. Aber die zornige Erregung, die sein ganzes Wesen durchdrang, ließ sich nicht sogleich abschütteln, noch immer zuckte der Arm, der den Stock emporgehalten hatte, wie um den Gegner niederzuschlagen, und noch immer blitzte das Auge in mühsam bezwungener Wildheit. Als end­lich doch die Ruhe kam, war er zu dem Entschluß gelaugt, Annas Vater von der Begegnung in Kenntniß zu setzen.

IV.

Am anderen Morgen war die Bekanntmachung des Strikes von allen Wänden des Grubengebäudes zu lesen. Gleich nach Sonnenaufgang hatte sie Bernhard Kahlsen an allen Ecken und Enden angeschlagen. Der Commerzienrath war durch die ungewöhnliche Ruhe draußen aufgeweckt worden, gleichwie den Müller das Stillstehen des Rades erweckt. Wenn ihm das Ganze auch nicht unerwartet kam, war er dennoch hochbetroffen.

Armer Mann, Du wirst nun einen unruhigen, sorgen­vollen Sommer haben," sagte die Commerzienräthin beim Kaffeetrinken auf der Veranda.Und ich hatte mir unsere Schweizerreise so schön gedacht. Allein mit den beiden Mädelchen reise ich nicht wieder, es ist mir zu traurig, Dich immer in Arbeit und Mühe zu Hause zu wissen. Wie lange hast Du Dich nicht ausgeruht!"

Ich hoffe noch, daß wir sie nicht aufgeben müssen, unsere lange projeetirte Schweizerreise," beruhigte der Com­merzienrath freundlich die Gattin.Liebe Nina, willst Du mir eine dritte Tasse Kaffee geben?" wandte sich der Vater an die älteste Tochter, die die Hauswoche hatte.Ihr seht, daß mir der Strike wenigstens den Appetit noch nicht ver­dorben hat!"

Es sollte ja auch unsere Hochzeitsreise werden für die Silberhochzeit," lächelte die Gattin.So alle zusammen, wie wir hier um den Tisch sitzen, o, es wäre herrlich. Felix müßte natürlich auch mit . . ."

Wo steckt der iunge Herr?" srug der Commerzienrath stirnrunzelnd.

Er schläft noch, wie ich glaube, obgleich ihn die Morgen­sonne längst geweckt haben müßte . . . Als ich au seiner Thür vorüberging, war es aber drinnen noch mäuschenstill . . . doch da ist er schon!"

Die freundlichen Augen des Vaters blickten plötzlich ernst, als er des Sohnes ansichtig wurde und den Gruß des Lang­schläfers erwiderte. Aber dieser ließ es sich nicht viel an- fechten. Während er den Kaffee schlürfte und dabei die feinste Havannah aus dem Etui nahm, begann er als viel­seitiger junger Herr noch mit einer hübschen Cousine zu schäkern, die zufällig anwesend war. Erst als der Strike wieder aufs Tapet kam, wendete er seine Aufmerksamkeit wieder dem allgemeinen Gespräch zu.

Ich würde sofort militärische Hilfe requiriren," ließ sich Felix laut vernehmen. Der Reservelieutenant dachte da­bei an die vergnügte Champagnerbowle auf seinem Zimmer und das heimliche Makao mit den jüngeren Kameraden.

O, es wäre reizend, wenn wir auch einmal im Sommer Einquartierung hätten!" riefen die jungen Mädchen wie aus einem Munde.So ein bal champetre mit den jungen Herren der Umgegend, bei denen die Uniformen dieEier auf dem Spinat" waren, müßte entzückend sein. Lampions und Feuerwerk dürsten natürlich nicht fehlen."

(Fortsetzung folgt.)

Jnfanterie-Truppentheile, welche am 1. April 1891 Einjahrig-Frei­willige einstellen.

Garde. Potsdam. Erstes Garderegiment zu Fuß. Berlin. 2. Garderegiment zu Fuß. Kaiser Alexcmder- Garde-Grenadierregiment Nr. 1. Kaiser Franz-Garde-Grena- dierregiment Nr. 2. Garde-Füsilierregiment. 3. Garde­regiment zu Fuß. Spandau. 4. Garderegiment zu Fuß. __ Charlottenburg. 3. Garde-Grenadierregiment Königin Elisabeth. Füsilierbataillon. Coblenz. Königin Augusta- Garde-Grenadierregiment Nr. 4.

1. Armeecorps. Königsberg i. Pr. Grenadieregi- xtent Nr. 1. 1. Bataillon. Grenadierregiment Nr. 3. 1. Bt. Infanterieregiment Nr. 43. 1. und 3. Bataillon. Arn­stein. Grenadierregiment Nr. 4. 2. Bataillon.

2. Armeecorps. Bromberg. Pommersches Füsilier­regiment Nr. 34. (Eins der drei Bataillone.) Greifswald Infanterieregiment Nr. 42. 3. Bataillon.

3. Armeecorps. Wittenberg. Infanterieregiment Nr. 20. Brandenburg. Füsilierregiment Nr. 35. Küstrin. Infanterieregiment Nr. 48. Kottbus. 6. branden­burgisches Infanterieregiment Nr. 52. (2. oder 3. Bataillon.)

4. Armeecorps. Halle. Magdeburgisches Füsilier­regiment Nr. 36. 1. Bataillon. Torgau. 4. thüringisches Infanterieregiment Nr. 72. 1. Bataillon.

5. Armeecorps. Görlitz. Infanterieregiment Nr. 19. 1. Bataillon. Krotoschin. Füsilierregiment Nr. 37. 3. Bt. Pofen. Infanterieregiment Nr. 46. 2. Bataillon. Rawitsch. 3. niederschlesisches Infanterieregiment Nr. 50. 1. Bataillon. __

6. Arme ecorps. Gleiwitz. Infanterieregiment Nr. 2/. 1. und 2. Bataillon. Breslau. 4. niederschlesisches In­fanterieregiment Nr. 51. 1. Bataillon. (Nur Studierende der Universität Breslau.) Brieg. 4. niederschlesisches Ins.- Regiment Nr. 51. 2. und 3. Bataillon.

7. Armeecorps. Höxter. Infanterieregiment Nr. 55. 1. Bataillon. Wefel. Infanterieregiment Nr. 57. 3. Bt.

8. Armeecorps. Bonn. Infanterieregiment Nr. 28. 2. Bataillon. (Nur Studirende der Universität Bonn.) Trier. Infanterieregiment Nr. 29. 2. Bataillon. Saar­louis. Infanterieregiment Nr. 30. 3. Bataillon. Köln. 5. rheinisches Infanterieregiment Nr. 65. 1. Bataillon. Diez. 6. rheinisches Infanterieregiment Nr. 68. 2. Bataillon.

9. A r m e e c o r p s. Hadersleben. Infanterieregiment Nr. 84. 2. Bataillon. Kiel. Infanterieregiment Nr. 85. 3. Bataillon. (Nur Studirende der Universität Kiel.) Rostock. Großherzoglich mecklenburgisches Füsilierregiment Nr. 90. 1. und 3. Bataillon.

10. Armeecorps. Hannover. Füsilierregiment Nr. 73. 1. hannoversches Infanterieregiment Nr. 74. Celle. 2. hannoversches Infanterieregiment Nr. 77. Hildesheim. Infanterieregiment Nr. 79. 1. und 2. Bataillon. Göttingen. 2. hessisches Infanterieregiment Nr. 82. 1. Bataillon. ' Oldenburg. Oldenburgisches Infanterieregiment Nr. 91.

Braunschweig. Braunschweigisches Infanterieregiment Nr. 92. 1. und 2. Bataillon.

11. Arme ecorps. Cassel. 2. thüringisches Infanterie­regiment Nr. 32. 3. Bataillon. Frankfurt a. M. 1. hessi­sches Infanterieregiment Nr. 81. Cassel. Infanterieregi­ment Nr. 83. 1. und 2. Bataillon. Jena. 5. thüringisches Infanterieregiment Nr. 94. 3. Bataillon. Darmstadt. 1. Großherzogl. hessisches Jnfanterie-(Leibgarde-)Regiment Nr. 115. Gießen. 2. Großh. hessisches Infanterie- Regiment (Großherzog) Nr. 116.

14. Armee corps. Heidelberg. 2. badisches Grenadier­regiment Kaiser Wilhelm I. Nr. 110. 2. Bataillon. Frei­burg i. Br. 5. badisches Infanterieregiment Nr. 113. Mülhausen i. E. 7. badisches Infanterieregiment Nr. 142. 3. Bataillon.

15. Armee corps. Straßburg i. E. 6. Königlich sächsisches Infanterieregiment Nr. 105. Infanterieregiment Nr. 132.

16. Armeecorps. Metz. 4. Magdeburgisches In­fanterieregiment Nr. 67.

17. Arme ecorps. Thorn. Infanterieregiment Nr. 21. 1. Bataillon. Danzig. Infanterieregiment Nr. 128. 1. Bataillon.

* Ein Herr, welcher 2i/zJahr im Postdienst in Kamerun war, erhielt am Sonntag nachstehenden, am 29. Novbr. dort aufgegebenen Brief, welcher unsere werthen Leser gewiß interessiren dürste:

Ich erhalte soeben Nachricht über einen sehr traurigen Unglücksfall, welcher sich anläßlich einer Jagd aus Elephanten in unserer jungen Colonie Kamerun ereignet hat. Herr Peter Eggert, der Vertreter der Hamburger Firma Jantzen u. Thormählen in Kamerun, traf auf dem Wege zwischen Mundame am Mungofluß und Kamerun einen Elephanten. Er schoß sofort aus denselben, wohl dadurch ermuthigt, daß kurze Zeit vorher ein im Dienste der Expedition Zintgraff stehender Deutscher Namens Carstensen durch einen glücklichen Schuß in den Besitz zweier werthvoller Elephantenzähne gelangt war. Der Schuß des Herrn Eggert war jedenfalls nicht ganz so glücklich, denn der Elephant wandte sich sofort gegen seinen Angreifer. Eggert, der nur von zwei schwarzen Krujungen begleitet war, sprang mit denselben, um sich zu retten, sofort in den Fluß. Der wüthende Elephant folgte ihnen in das Wasser. Hier entspann sich ein grauenerregender Kamps. Da Eggert des Schwimmens unkundig war, mußte er, um nicht den Tod durch Ertrinken zu finden, von den schwarzen Begleitern fortwährend über Wasser gehalten werden. Der Elephant packte zunächst den einen Krujungen und warf ihn hoch in die Luft. Ins Wasser zurückfallend tauchte letzterer sofort unter und rettete sich aus diese Weise. Inzwischen hatte der Elephant den zweiten Jungen gepackt- auch diesem gelang es, durch Untertauchen mit dem Leben davon zu kommen. Eggert dagegen, der sich auf zwei Seiten vom Tode bedroht sah, erhielt von dem Elephanten zwei wuchtige

Schläge mit dem Rüssel in den Nacken, die augenblicklich seinen Tod herbeiführten. Dann erst ließ der Elephant sein Opfer los und ging in den Urwald zurück. Eggerts Leiche wurde bald von den laut klagenden beiden Krujungen gesunden und von ihnen allein unverzüglich nach Kamerun gebracht, wo der Todte auf dem Friedhöfe seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Eggerts jäher Tod wird in Kamerun tief betrauert. Das Verhalten der beiden Krujungen, die mit Aufopferung ihres eigenen Lebens Alles versuchten, ihren Herrn zu retten, verdient allgemeine Bewunderung."

* lieber eine Aufführung von SchillersRäuber", die in dem badischen Städtchen Phg stattfand, wird dem Briese eines Augenzeugen Folgendes entnommen: DenFranz Moor" spielte der Director L., ein fettes, rundliches Männ­chen mit einem unendlich gutmüthigen Gesichte und einer außerordentlich wohlwollenden Nase, deren strahlende Nöthe er nicht durch Schminke zu verdecken suchte, während er andererseits krampfhaft bemüht war, alle herben Eigenschaften derCanaille Franz" derartig zu unterdrücken, daß ich wohl sagen darf, niemals einharmloseres Kerlchen" aus dem Theater gesehen zu haben. DenRäuber Moor" spielte die etwa 24jährige Tochter des Directors, ein srisches, haus­backenes Mädel, ihre Schwester gab dieAmalie", der Sohn des Directors, ein 17jähriger blasser Jüngling, spielte den Hermann", während die sämmtlichen übrigen Nollen des Trauerspiels von Dilettanten dargestellt wurden, die in einer Art und Weise agirten, daß das Stück zu einer geradezu zwerchsellerschütternden Posse wurde. Wesentlich erhöht wurde der Effect dadurch, daß der findige Director nach Schluß der Vorstellung einen Hammel verloosen ließ, wozu jeder Besucher ein Freiloos erhalten hattx. Die Nummern besanden sich in einem Kaffeebrenner, welchenHermann der Rabe" drehte, während dietodte" Amalie das Glücksloos zog und das Gewinnobject, der dürre Hammel, an einen Tisch fuß gebunden, diese Procedur mit einem kläglichen Blöken begleitete. Als die betreffende Glücksnummer von derseli­gen" Amalie in den dicht gefüllten Wirthshaussaal gerufen wurde, antwortete eine kräftige Stimme:Hier". Der Glück­liche stieg ohne Weiteres über die niedere Rampe der Bühne, faßte den Hammel mit nerviger Faust in die Wolle und äußerte die klassischen Worte:Ui, ischt des c mageres Luder!" Riesiger Applaus und der selige Schiller hatte wieder einmal einen seiner gewöhnlichen Triumphe gefeiert.

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Gedenket der hungernden Vögel!