Ausgabe 
6.9.1891 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 207 Erstes Blatt. Sonntag den 6. September

1891

Der frteftittt

<rfd)rint täglich,

M Abnahme bd MontLgs.

Pte Oietzencr

artrbtn tan Anznger WGch«tttch dreimal

MedttL

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Stntiliäbritit >. Jdou« Hnart>ys<toi

2 Mark 20 M. mN vringerlohn

Durch die Post bez»G« 2 Mark 60 Pf«.

Redaction, LxpediN»« und Druderri:

A4«tßratzeKr

Kmrsprecher bi.

Amts- ttttb Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

chraLLsöeitage: chießmer Jamikimökätter

BPIW >1 y11J1 JillIM

Annahme »an Anzeigen zu der Nachmittag- für den -pt-enden tag erscheinenden Nummer bis Bor«. 10 Uhr.

El

Pn!?aCa^W!L.2JJ.Ut,k»llRJ_^ __^auugeaaiixK'j l» »er war.

Alle Annoncen-Srneaux der In- und ÄnlUmbcl nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entge^a».

»WWWMWWWlUUllWMMi'''

AnrtUchLL' Lberl.

Bekanntmachung, die Erhebung von Umlagen der Gemeinde Treis a. d. Lda. für 1891/92 betreffend.

Mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz sollen für 1891/92 von der Gemeinde TreiS a. d. Lda. folgende Umlagen erhoben werden:

a. auf das gesammte Communalsteuercapital

der Ortseinwohner und Forensen . . 8950 Ji., b. auf das Steuercapital der evangelischen

Gemeindeangehörigen...... 490

wozu sich der Beitrag auf 1 J4 Normalsteuercapital be­rechnet :

für den Ausschlag a. auf 33,498 H, ii tt // b. ,, 2,548

Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kennt- niß gebracht, daß die Erhebung der Umlagen in vier Zielen, und zwar in den Monaten Juni, August, October und Decem- ber 1891 erfolgen soll. An allgemeiner evang. Kirchensteuer werden von den Angehörigen der evang. Kirche pro 1 JL Steuercapital 1,6 H erhoben.

Gleichzeitig wird bemerkt, daß die gleiche Bekanntmachung im Großherzoglichen Regierungsblatt vom 31. v. Mts. ent­halten ist und daß von diesem Tage an die Frist zum Vor- bringen von Reclamationen, welche gegen die Erhebung der Umlagen überhaupt gerichtet sind, läuft.

Gießen, den 4. September 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 4. September 1891.

Betr.: Die Strafregister; hier: die Nachweisungen der im I. Halbjahre 1891 verstorbenen bestraften Personen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Ortspolizeibehöpderr des

Kreises.

Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 6. Juli 1891 (Amtsblatt Nr. 6) erinnern wir Sie, soweit Sie noch rück­ständig sind, an umgehende Einsendung der Listen und Fehlanzeigen an die Großherzogliche Staatsanwaltschaft bei dem Landgerichte der Provinz Oberheffen.

v. Gagern.

Wegen Erkrankung des Großh. Districts-Einnehmers Herrn Nahrgana wird der Finanz-Aspirant Herr Treffer bis auf Weiteres die Großh. Districts-Einnehmerei Lich ver­walten.

Gießen, den 4. September 1891.

Großherzogliches Rentamt Gießen.

W e l ck e r.

Bekanntmachung.

Die Commission für Beaufsichtigung der Vogelsberger Viehzuchthöfe bringt hiermit zur Kenntniß der Bürgermeiste­reien und Zuchtgenossenschaften, daß auf dem Hofe Zwie­falten bei Schotten zwei Stück sehr schöne sprungsähige Bullen reiner Vogelsberger Race zum Verkauf stehen.

Laubach, am 1. September 1891.

Gefunden: 1 Kopftuch, 1 unechte Brosche, 1 Metzger­schürze, 1 Peitsche, 3 Zugketten, 1 Armband, 2 Taschentücher, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Metermaß, 2 Sonnenschirm- chen, 1 Notizbuch und 1 Brille mit Futteral.

Gießen, den 5. September 1891.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Schliephake.

politische Wochenschau.

Gießen, 5. September.

Die Getreidepreise aus dem Berliner Roggenmarkt erfuhren gegen Ende der vergangenen Woche einen mäßigen Rückgang, dessen Grund in dem Zusammentreffen des während der Zeit unmittelbar vor dem Inkrafttreten des russischen Aussuhverbotes außerordentlich forcirten Roggenimportes aus Rußland mit kräftigeren Roggenablieferungen und Angeboten seitens unserer Landwirthe zu suchen ist. Da aber die Situation übrigens im Großen und Ganzen vollkommen unverändert geblieben ist, so ist keine dauernde Preisreducierung zu er- ! warten, sondern sobald die kurz vor Thorschluß rasch ein- I geführten Roggenmengen vertheilt sind, wird wieder die alte '

! Waarenknappheit eintreten und der Getreidepreis sich festigen. Angesichts dieses Umstandes hat jetzt auch ein hervorragender nationalliberaler Abgeordneter, nämlich Herr Oechelhäuser, in einem scharfen Artikel seinerDeutschen Arbeiterzeitung" die schleunigste Suspendirung der Getreidezölle verlangt. Er be­zeichnet die Frage der Aushebung als eine Humanitätsfrage im eigentlichsten Sinne des Wortes und erklärt die Motivirung der Aufrechterhaltung der Zölle im Reichsanzeiger für unhaltbar". In ähnlicher Weise schreibt eines der geistig hervorragendsten Mitglieder der sreiconservativen Partei, Professor Hans Delbrück, in einem Aufsatz der conservativen Preußischen Jahrbücher" wörtlich:es sei Rauch und Dunst, wenn man der Börse und dem Getreidehandel die Schuld an der Theuerung zuschreibe. Preisverschiebungen an der Börse könnten nur aus kurze Zeit künstlich hervorgerufen werden. Auch gehe das Interesse der Spekulation gar nicht aus an­dauernd hohe Preise, sondern ihr Lebenselement sei ein Heraus- und Heruntertreiben der Preise in kurzen Intervallen. Die mystische Vorstellung von geheimen Künsten der Börse wirke geradezu schädlich. Zum Schluffe fordert Delbrück die Regierung und die Schutzzöllner aus, sich doch die Folgen ihres Verhaltens klar zu machen. In dem nächsten Reichs­tage werde die Rechte zu einem kleinen Haufen zusammen­geschmolzen sein, das Centrum eine sreihändlerische Gruppe zeigen, die Deutschfreisinnigen und Socialdemokralen würden in nie gesehener Stärke paradiren." Da außerdem, wie wir bei Gelegenheit mitgetheilt haben, auch conservative Ab­geordnete, wie Gras v. Kanitz, einer Zollaushebung durchaus das Wort reden, so ist nicht abzusehen, welchen Erfolg ein beim Zusammentritt des Reichstags mit Sicherheit zu er­wartender deutschfreisinniger oder socialististischer Antrag in dieser Richtung haben wird. Der deutsche Katholiken­tag, der dieses Jahr in Danzig abgehalten worden ist und das nächste Mal in Mainz stattfinden soll, hat neben einigen weniger wichtigen Beschlüssen den Antrag angenommen, auf die Berufung eines internationalen katholischen Congresses hinzuwirken, der sich mit der Wiederherstellung des Kirchen­staates beschäftigen soll. Dem verstorbenen Centrumsführer Dr. Ludwig Windthorst soll in seinem Wahlkreise Meppen ein Denkmal gesetzt werden. In Bezug auf die Schule wurde die Forderung wirklicher Parität erhoben und weiterhin der Grundsatz betont, daß die katholische Kirche niemals auf eine Mitwirkung der Kirche innerhalb des Schulbetriebs ver­zichten werde.

Die auswärtige Politik hatte in der vergangenen Woche mancherlei unerfreuliche Erscheinungen zu verzeichnen. Ein unliebsames Aussehen erregte vornehmlich die neuerdings wieder in ein kritisches Stadium getretene Dardanellen­frage, die diesmal möglicher Weise zu internationalen Auseinandersetzungen führen wird. Wie bekannt, war Rußland im Frieden vom Jahre 1856 das Halten einer größeren Flotte auf dem schwarzen Meere untersagt worden. Von dieser Neutralisirung sagte sich Rußland 1871 unter Deutsch­lands Zustimmung los, so daß auch den übrigen Mächten keine andere Wahl blieb, als die Aufhebung der Neutralisirung zu genehmigen, was denn auch im Londoner Vertrag von 1871 geschah. Seitdem hat sich Rußland auf dem schwarzen Meere eine Flotte von 102 Fahrzeugen geschaffen, die jedoch ihren Wirkungskreis seither nicht über die Dardanellenstraße ausdehnen konnten, weil nach einer älteren, im Jahre 1871 modificirten Vertragsbestimmung Kriegsschiffe nur in Aus­nahmefällen die Dardanellen passieren dürfen. Neuerdings heiß es nun, daß die Türkei Rußland allein das Recht zu­gestanden habe, die Dardanellenstraße auch mit Kriegsschiffen zu durchfaheen. Damit würde der russische Einfluß im öst­lichen Mittelmeere einen ganz erheblich viel größeren Spiel­raum gewinnen, als er ihn bislang gehabt hat, und ganz unabsehbare Folgen, die auch den Dreibund berühren würden, wären zu gewärtigen. Besonders aber hat England ein herrorragendes Interesse daran, daß die Dardanellenstraße entweder allen geöffnet oder für alle geschlossen ist. Im Zusammenhang mit der Dardanellenfrage steht die egyptische Frage, welche gleichssalls in den letzten Tagen im Anschluß an die Erörterungen über die Dardanellen wiederum aus­geworfen worden ist. Die englische Presse erklärt nämlich einmüthig, daß von einer Räumung Egyptens keine Rede sein könne, so lange nicht seststehe, daß Rußland in Bezug auf die Dardanellen keinen Vorzug vor England erhalten habe. Die Revolution in Chile ist nach achtmonatlichem Bürgerkriege nnnmehr an ihrem Ende angelangt und hat wider Erwarten mit einen glänzenden Siege der Auf­ständischen ihren Abschluß gesunden. Damit ist das oliparchische und diktatorische System Balmacedas beseitigt und die An­hänger einer aufrichtig constitutionellen Regierungsform sind die Herren im Lande geworden. Als interimistischer Präsident

des Staates ist der General Baquedano anerkannt worden. Ueber das Verbleiben Balmacedas verlautet nichts Bestimmtes - nach einem unverbürgten Gerücht soll er aus der Flucht von seinem eigenen Maulthiertreiber erschossen worden sein.

Neueste Nachrichten.

WoigS relkgxoqhjschd Torrespondmz-Bureau.

Schwarzenau, 4. September. Kaiser Wilhelm und der König von Sachsen kehrten um 12^/zUhr von den Ma­tt ö v ern zurück. Kaiser Franz Josef kam eine Stunde später. Caprivi wohnte den heutigen Manövern bei, er kehrte mit Kalnoky um 121/2 Uhr nach Maires zurück.

Laibach, 4. September. Die Leiche des Landrichters Holst aus Schöneberg bei Berlin, welcher bei der Be­steigung des Triglavs verunglückte, wurde heute aus­gefunden.

Rom, 4. September. Der P a p st litt vorgestern Abend, wieCapitan Fracassa" meldet, an heftigen Schmerzen der Eingeweide.

Madrid, 4. September. Bei Medina del Campo stieß ein Expreßzug mit einem Güterzug zusammen. Acht Wagen wurden zertrümmert und 48 Personen verwundet.

Cassel, 5. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen traf heute Vormittag mittelst Extrazuges hier ein und fuhr mittelst Kutschwagens weiter nach Wolfshagen zum Brigademanöver und Jnspicirung.

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 4. September. DerBörsen-Cour." hört, es seien Bestrebungen im Gange, die bezweckten, bei der Re­gierung auf die Ermäßigung der für die Lieferbarkeit an der Berliner Börse vorgeschriebenen Naturalgewichte für Roggen hinzuwirken.

Köln, 4. September. Der militärische Petersburger Berichterstatter derKöln. Ztg." meldet: Der vor Jahres­frist auf Befehl des Czare7. mit Mobilmachungs-Vor­bereitungen für die Kosakenheere beschäsügte Ausschuß hat nunmehr seine Arbeiten in sehr erfolgreicher Weise be­endigt, so daß die gesummten Kosakenheere künftighin weit früher kriegsfertig sein werden als bisher. Der Czar ist derart mit den Arbeiten des Ausschusses zufrieden, daß er jedem einzelnen Mitgliede seinen besonderen Dank aussprach.

Straßburg, 4. September. DasStraßb. Tagebl." vertheidigt, anscheinend officiös inspirirt, den Paßzwang, indem es behauptet, der diesjährige Fremdenverkehr sei so gut wie nie im Reichslande,- die ausbleibenden Franzosen seien in den Vogesen-Hotels durch Altdeutsche mehr wie ersetzt.

Danzig, 4. September. Nach einer aus Petersburg hierher gelangten amtlichen Auskunft ist die Transit-Be­förderung von Roggen und Kleie durch Rußland nicht verboten.

Königsberg, 4. September. Die aus Westpreußen in den letzten 14 Tagen hier angekommenen, größtenteils auch angekauften Getreidemassen werden auf mindestens 20 Mill. Mk. geschätzt.

Wien, 4. September. DieNeue Fr. Pr." führt in einem Leitartikel über die feit der letzten Kais er-Zu­sammenkunft veränderte politische Lage aus, es sei nicht gewiß, ob der Dreibund noch die Fähigkeit besitze, den Frieden zu erhalten. Die Möglichkeit eines russisch-französischen Gegen­bundes sei vorhanden und damit auch die Möglichkeit des Krieges- der Bestand des europäischen Friedens hänge von dem Grade der Furcht ab, welche der Dreibund in Paris und Petersburg einflößt. Die Zusammenkunft Kaiser Wil­helms mit dem Kaiser von Oesterreich finde daher zur rechten Zeit statt.

Wien, 5. September. Man glaubt, daß in Schwarzenau wichtige Verhandlungen stattfinden werden. Die beiden Monarchen werden dabei in Fühlung mit König Hum­bert bleiben, der seinen Ministerpräsidenten Rudini nach seinem Sommersitz Monza berief.

Basel, 4. September. Unterhalb Amrisweil sind zwei Kies- waggons entlaufen. Dieselben konnten nicht aufgehalten werden und stteßen auf den 7 Uhr 17 Min. von Romanshorn abgehenden Personenzug. Drei Personen wurden verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend.

Warschau, 5. September. Mit kommendem Neujahr wird in ganz Rußland ein nach österreichischem Muster ausgear­beitetesTrunkenheitsgesetz" in Kraft treten.

Rom, 4. September. Ueber den Stand der Handels­vertrags-Verhandlungen in München Verlautetaus guter Quelle, daß die Unterhandlungen mit Deutschland einen