Freitag dm 4. December
(Stegner Anzeiger*. Beilage;u Sir. 283.-1891
Feuilleton.
Der liebe Gott zieht durch den Wsld *).
Von P. K. Rosegger.
(Nachdruck verboten.)
„Der liebe Gott geht durch den Wald!" — so singt ein altes Lied, aber eine alte Erfahrung zeigt, daß er im Walde nicht Jedem begegnet. Die Rehe und Hirsche vielleicht sehen ihn, fürchten ihn aber nicht — er geht ohne Büchse um. Der Pecher-Lenz, im Walde geboren und den Wald seit vierzig Jahren durchstreichend, ist, wie er meint, dem lieben himmlischen Waldgänger noch nicht ein einzigesmal begegnet, wohl aber Manchem, vor dem er fluchend ausgerufen: „Das ist des Teufels!" oder: „Hols der Teufel!" Und doch! Auch der Lenz hats erfahren: „Der liebe Gott geht-* durch den Wald!" ■
Sein — des Pechers — Haus steht tief im Walde; alles um dasselbe strebt in wilden Büschen und hohen Stämmen himmelwärts, und aus den Wipfeln klingt die Lust — nur das Haus kriecht auf dem Sande, und seine Kammern sind düster. Bis ins dreißigste Jahr war der Lenz ein armer Pechersbursche gewesen; dann nahm er sich ein Weib und war nun der arme Pechersmann geheißen. So groß war der Unterschied.
Seinem Vater ists nicht viel besser gegangen. Der ist Waldhüter gewesen, aber von dem hochgelobten Walde war nur das Bitterste sein eigen — das Pech (Harz). Doch ließ sichs dabei leben; die Pecher, wohlgemerkt, die ledigen, pfeifen beim Baumschaben heitere Liedchen, und die Terpentiner haben mitunter so schlecht nicht gezahlt. Das Handwerk ernährt seinen Mann — aber nur den Mann, nicht etwa auch noch Frau und Kinder.
„Bei Euch in der Waldhütte sollte der Cölibat fein'" sagte einst ein fremder Jäger zum Pecher-Lenz.
*) Aus P. K. Roseggers „Gesammelten Werken", mit Er- laubniß von A. Hartlebens Verlag, Wien. — Die echt volksthüm- lichen, sittenreinen, gemüthreichen und humorvollen Schriften P. K. Roseggers seien unseren Lesern hiermit wiederholt warm empfohlen.
„Was ist denn das für ein Ding?" fragte der Lenz, „ists was zum Essen oder zum Ankleiden?"
Als sich der Fremde näher erklärte, wurde der Lenz saft ausgebracht. Sein ganzes Glauben, Lieben und Hoffen geht auf Weib und Kind. Er selber ist so viel als Bettelmann. Wenn er im Walde ein grünes Reis auf seinen Hut steckt — es ist fremdes Gut. Die Hütte, in der er wohnt, steht aus dem Boden des Herrn Gallheim und ist gebaut aus dem Holze des Herrn Gallheim. Nur Weib und Kind sind sein eigen. Gallheim ist ein flinker Jäger und fröhlicher Lebemann, und ein kleiner Scherz mit der drallen, biederen Pecherin — warum nicht? Anderer Meinung ist der Lenz; der hat dem Gutsherrn darüber etwas Grobes gesagt. Grobsein aber ist nichts für einen armen Teufel, der muß allemal Süßwurzeln kauen, wenn er mit dem „gnädigen Herrn" spricht.
Nun, der Lenz hat eben gethan, wie er gethan hat — wie ich auch thäte an seiner Stelle — und so ist ihm eines Tages ein großer Brief ins Haus gekommen. Der Lenz kann nicht lesen, aber sein Weib hat die unselige Kunst gelernt- er knittert mit Mühe das feine Zeug auseinander - das Blatt bleibt kleben an seinen harzigen Fingern. „Alte, geh, schau, was da drauf steht."
Da drauf stand Solcyes:
„An Lorenz Hackbretter im Kesselwald. Demselben diene zur Kenntniß, daß von nun ab sorstwirthschaft- licher Rücksichten wegen das Pechschaben nicht mehr gestattet ist. Dawiderhandelnde verfallen der Strenge des Gesetzes.
Der Oberförster, im Auftrage des Herrn von Gallheim, Gutsbesitzer.
So hatte das junge Weib gelesen.
„Nun?" sagte der Lenz, „und sonst nichts mehr? Der paar Worte wegen das sündhaft viele Papier?"
Er steckt die Hände in die Hosentaschen, ging in den Wald und brummte. „Nicht mehr gestattet! Forstwirth- schaftlicher Rücksichten wegen, oder wie das Zeug heißt! Nun ja, die Sach muß einen Namen haben. Allfort hab ich Acht gegeben auf den Stamm- dieser schöne Wald, wie er heute dasteht, unter der Pechschabe ist er ausgewachsen.
Und jetzt auf einmal ists ein Verderben. Sakra, was heb ich jetzt an!?"
Gelernt hat er nichts. Wurzeln- und Kräutergraben ist noch das Einzige- aber wenn er des Abends heimkehrt von seinen gefährlichen Gängen und Klettereien in den Fels« wänden, ist er trotzig und launisch und unwirsch stößt er sein Kind, das herzige Magdale, von sich, wenn es, wie sonst, zu ihm herankommt und in süßer Kindlichkeit fragt, was das Reh mache draußen im Walde.
Das Reh draußen im Walde? Das bringt den Lenz aus neue Gedanken. Und eines Tages nimmt er den alten Kugelstutzen aus dem modernden Schranke hervor, schleicht damit hinaus, stellt sich an und siehe, harmlos kommt ein prachtvoller Hirsch mit hohem Geweih herangeschritten. Der Mann fährt mit dem Gewehr zur Wange — da sieht er in den Schaft eingegraben das Herz, aus dem ein Kreuz wächst. Das ist das liebe, traute, alte Zeichen, welches fein Vater so gern in Stab und Stiel seiner Werkzeuge eingegraben hatte.
Ein Kreuz — der Vater ist auch blutarm gewesen- ein Herz — er ist ehrlich geblieben. Das Gewehr entsinkt der Hand des Mannes und der Hirsch läuft flink über die Matte hin.
Ein Herz und ein Kreuz! Er hat Weib und Kind und wird sie mit Kräuter- und Wurzelgraben in Gottes Namen ernähren.
Was geschah? Die Hirten thaten sich zusammen und verklagten den Wurzelstecher, daß er den Grasboden verwüste. So wurde ihm auch dieses untersagt, und er ging verloren in den Wäldern umher und toyfote nicht, was beginnen.
Ihr fragt, ob ihm nicht doch der liebe Gott begegnet sei mit einem guten Gedanken? Was helfen gute Gedanken dem, der sie nicht ausführen kann! Wohl aber ein anderer Geist trat ihn bisweilen an, der flüsterte: Lenz, bist ein Mensch, hast ein Recht an die Welt- hast die Pflicht der Erhaltung gegen die Deinen, aber keine gegen Gallheim, keine gegen die reichen Bauernhöfe draußen, keine gegen den Wanderer, der durch den Wald zieht.
(Fortsetzung folgt.)
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