Dienstag der- 3. November
(ßtebener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 256. -1891
Feuilleton.
Und vergieb uns unsere Schuld!
Erzählung von Erich-zu Schtrfeld.
(Fortsetzung.)
Schwerere Unglücksfälle hatten sich allerdings noch nicht ereignet, es war, als ob eine unsichtbare Hand immer wieder helfend und bessernd eingegriffen hätte, kleinere Störungen aber kamen nicht zur Kenntniß der Laien, sie wurden nur hin und wieder von anderen Aerzten entdeckt, die in wohlangewandter Collegialität discret genug waren, dem Publikum gegenüber von ihren Entdeckungen zu schweigen. Das schützte den armen Mann zwar äußerlich vor dem Schlimmsten, aber er verhehlte sich nicht, daß ein Tag kommen könnte, der das Maß zum Ueberlaufen bringen, sein Geschick besiegeln würde. Immer drohender stieg das schreckliche Gespenst der Furcht vor ihm auf, seine Unsicherheit wuchs in demselben Verhält- niß, wie sich sein Selbstvertrauen verminderte. Da war es oft, als zögen schwarze Schatten über seine Seele. Dunkle, unheilvolle Gedanken keimten in seinem gemarterten Hirn und das einst so heitere Auge blickte düster sinnend hinaus in die Welt, die keine Freuden mehr für ihn hatte. Ein verfehlter Beruf, ein verlorenes Leben, das nur noch werth war, sort- geworscn zu werden. In solchen Stunden hoffnungsloser Verzweiflung war es die starke Liebe seines im Stillen leidenden Weibes, die ihm die immer tiefer werdenden Falten von der Stirn lächelte, die ihn mit neuem Muth beseelte, die nicht aushörte, ihm zu vertrauen, an ihn zu glauben. Wie sie es ihm gelobt am Altar, so stand sie ihm zur Seite, treu, unerschütterlich, ohne Wanken. In einsamen Stunden weinte sie wohl und betete für ihn, aber sie ließ es ihn nicht merken und trug die schwere Last allein und helden- müthig. Ahnte er, was sie litt um seinetwillen? Vielleicht nicht. Aber er fühlte den warmen Hauch ihrer Liebe, die ihn aufrecht hielt, die den Grund bildete, von welchem sich der Anker seines Lebensschiffes nicht zu lösen vermochte. O, er erkannte wohl, welch ein Kleinod er an der blassen Frau besaß, deren blaue Augen so gütig zu lächeln wußten, deren Hände so besänftigend sein Haupt streichelten, wenn er verzagen wollte. Wenn er spät am Abend das Schlasgemach
betrat, oder wenn er am frühen Morgen erwachte und auf die ruhig Schlummernde blickte, dann floß es über seine Lippen im stillen Gebet: „Ich danke dir, Vater im Himmel, daß du sie mir aufs Neue geschenkt hast für diesen Tag!" Und mit Schmerz gedachte er der Zukunft, die einen Morgen bringen würde, den sie nicht mehr gemeinsam begrüßten.
Ach, dieser Morgen sollte kommen, schneller, furchtbarer, als sie beide es ahnten.
Ein ganz unbedeutendes, äußerliches Leiden war es, von welchem seine Frau heimgesucht wurde. Ein kleiner operativer Eingriff genügte, sie davon zu befreien, er war sehr unbedeutend. Die Frau fürchtete wohl kaum den Schnitt des Messers, er aber, der Mann, der Arzt, fühlte ihn wie am eigenen Fleisch. Er sollte ihr wehe thun, der zarten, schwachnervigen Frau! Das brachte er nicht über sich. Er schlug ihr vor, ein College möchte die Operation ausführen. Da sah sie ihn vorwurfsvoll an, sie wollte nichts wissen von einem Fremden, sie hatte ja ihren Gatten, dem sie beweisen wollte, daß sie ihm vertraute. Da kam ihm ein Gedanke: die Aenasthesie! Ja, wenn er sie narkotisirte, wenn sie dem Schmerz entrückt war, dann wurde seine Hand nicht beeinflußt von dem Mitgefühl, das ein Gelingen der Operation in Frage stellen konnte.
Ein stiller Nachmittag war es. Die Sprechstunde ging vorüber, nur zwei arme Frauen hatten sich mit ihren zahnenden Kindern eingefunden, sich etwas gegen den Husten der Kleinen verschreiben zu lassen. Nun herrschte Stille in dem nach einem kleinen Garten hinaus belegenen Sprech- und Studierzimmer, draußen zwitscherten die Spatzen und die srüh untergehende Sonne warf einen rothcn Schein auf das gegenüberliegende Gemäuer. Auf einem an der Wand stehenden Sopha ausgestreckt, lag die Gestalt der Patientin, das rosig gefärbte Tageslicht fiel ans ihren zum Theil entblößten Oberkörper und der Gatte traf die Vorbereitungen zur Operation- er hatte nichts vergessen, die Instrumente, die antiseptischen Mittel, das Verbandszeug, alles war zur Hand und eine Störung nicht me'>r zu erwarten. Jetzt legte er ihr die Maske an. „W > ich sie wieder abnehme," sagte er, um sie zu ermuthigen „wirst Du nichts wissen von Schmerzen, alles wird gut vorüber sein und Du wirst wieder ruhig schlafen." Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und lächelte. „Ick
weiß es," sagte sie einfach, „und lege mein ganzes Sein furchtlos in Deine Hände." — Sie heftete ihren seucht- schimmernden Blick auf sein Gesicht und ließ ihn dann hinausgleiten in das rothglühende Licht des sinkenden Tages, als wollte sie Abschied nehmen, denn leise, ganz leise und weh- müthig stieg ein Gedanke in ihr empor: „Wie, wenn dies der letzte Blick wäre, der letzte Blick in dies warme Leben, wenn es kein Erwachen gäbe aus der Nacht, die dich nun umfangen soll?" Sie drehte den Kopf herum, das Gesicht der Wand zugewendet, schloß sie die Augen. Und dann drückte sie dem Gatten die Hand, fest, wie er es verlangte, fest, ohne zu zittern. Und der Druck wurde allmälig schwächer, immer schwächer, bis die Finger kraftlos herabglitten. Nun begann der Arzt seine Thätigkeit, mit sicherer, geübter Hand. Wenige Minuten genügten zur Anlegung des Verbandes. Er athmete erleichtert aus. „Gott sei Dank," ries er, „das wäre vollbracht." Da tönte im Vorflur die Glocke, schrill, hastig, wie ein Hilferuf in der Noth. Warum öffnete die Magd nicht? Richtig, er hatte sie ja sortgeschickt, um ungestört zu sein. Schnell nahm der Arzt eine wollene Decke und warf sie schützend über die Schultern seiner Frau, dann eilte er hinaus. Man brachte einen armen Knaben, der dem Ersticken nahe war. Er hätte eine Nadel verschluckt, welche ihm in die Luftröhre gerathen war. Dämmerung füllte bereits das Gemach, es war zu dunkel, um mit Sicherheit dem kleinen Eindringling beikommen zu können. Der Arzt entzündete die im Wartezimmer stehende Lampe und nach mehreren vergeblichen Versuchen glückte ihm die Entfernung der gefährlichen Nadel. Mutter und Kind entfernten sich glückselig und dankerfüllt und der Arzt, sich der gelungenen That freuend, geleitete beide hinaus. In der Thür begegnete ihm sein Sohn, ein flotter Student, der von einem Spaziergange heimkehrte. „Guten Abend, Papa," sagte er, „noch so spät Besuch? Wie gehts der Mama? Wo ist sie denn?" Er bekam keine Antwort und befremdet sah er den Vater an. Was war das? Jeder Blutstropfen war aus dem Gesichte des Mannes gewichen, gespenstisch starrten ihn die entsetzten Augen an und dann klang es wie das Gurgeln eines Ertrinkenden.
(Schluß folgt.)
Donnerstag den 5. und Freitag den 6. November werden die zum Nachlaß des Herrn Stationscaffier Schaumann gehörigen Mobilien im Stationsgebäude des hiesigen Bahnhofes meistbietend versteigert.
Donnerstag Nachmittag von 2 Uhr an kommt zum Ausgebot: 1 großer Gummibaum, 1 Caetus, 1 Epheulaube, 2 Nosenstöcke „Marschall Niel", mehrere Oleander und viele andere Blumen; ferner: ein gutes Fianino; an polirten Möbeln: 1 Sopha, 6 Stühle, 1 ovaler Tisch, 1 Commode, 1 Chiffoniöre, 1 Nähtischchen, 1 Nähmaschine, 2 complete Betten mit Sprungfedermatratzen, 1 Klappsessel. — Tische, Stühle, ein« und zweithürige Kleiderschränke, Waschtisch, Rohrsessel, Laubsägearbeiten, Fischglocke, Salonlampen, Figuren, Oel- gemälde und andere Bilder, Nippsachen u. s. w., 1 Regulator.
Freitag Bormittag von 10 Uhr an:
1 Küchenschrank mit Glasaufsatz, Küchen- und Hausgeräthe, Porzellan, Bütten, Weißzeug.
Freitag Nachmittag von 2*/4 Uhr an:
1 große Zinkbadebütte, Petroleumherd, Kinderbettstelle, Herren- und Frauenkleider, sowie das übrige Mobiliar.
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Dienstag den 10. November, Nachmittags 2f/2 Uhr, sollen auf dem hiesigen Ortsgericht die den Friedrich Welker Eheleuten in Gießen gehörigen Immobilien: ftlur I Nr. 39 — 12 Meter Hofraum, Miftstätte in der Mühlgaffe, Flur I Nr. 41 — 75 Meter daselbst öffentlich meistbietend versteigert werden.
Gießen, 19. October 1891. Großh. Ortsgericht Gießen.
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Ausverkauf
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