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Wiesbaden
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1890
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Auzeiaer erfthemr täglich, sott LuSnohm« deS Montag.«.
Die Gießener
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Kenerat-Mnzeiger.
Gießener Anzeiger
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AnrLlrchsr Theil.
Gießen, den 15. October 1890. Betreffend: Die Vertilgung der Blutlaus.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstavde sind, an Erledigung der Verfügung vom 2. v. Mts-, Anzeiger Nr. 205, mit Frist von 5 Tagen.
v. Gagern.
Gießen, am 14. October 1890.
Betreffend: Die Vertilgung der Raupennester, hier die Vertilgung des Frostschmetterlings (Frostnachtspanners).
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Wie Ihnen bekannt, richtet der sog. Frostnachspanner an den Obstbäumen (insbesondere an Aepselbäumeu, Kirschen- und Mirabellen-) den größten Schaden an. In der Zeit von Mitte October bis December entschlüpft der Frostnachtspanner seiner Puppe und klettert der weibliche Schmetterling an den Stämmen der Obstbäume empor, um in den Knospen seine Eier abzulegen, welchen im nächsten Frühjahr kleine Räupchen entschlüpfen, die sofort an den Blüthen zu fressen anfangen und alle Bemühungen zu ihrer Vernichtung, zu Schanden machen-
Es ist deßhalb von Wesentlichkeit, den Schmetterlingen den Zutritt zu den Zweigen und Knospen zu erwehren, was am gründlichsten durch Anlegung von sog. Kleberingen (Klebegürteln) erreicht wird. Zweckmäßige Recepte für letztere finden sich in Nr. 238 und 239 des Kreisdlattes, aus welche wir Sie hiermit verweisen.
Wir beauftragen Sie daher, alsbald in Ihren Gemeinden zur Vertilgung des Frostnachtspanners durch Anlegen von Kleberiugen öffentlich auszufordern, und erwarten, daß Sie den Baumbesitzern durch die Ertheilung etwa gewünschter Auskunft zur Seite. stehen. Aus den der Gemeinde gehörigen Grundstücken wollen Sie die Anlegung der Kleberinge auf Gemeindekosten alsbald veranlassen.
Bis zum 10. November d. I. sehen wir Ihrem Bericht über den Vollzug unserer Anordnung mit der Aeußerung darüber entgegen, inwieweit die Baumbesitzer Ihrer Aufforderung entsprochen haben.
v. Gagern.
Gießen, am 15. October 1890. Betreffend: Den Wiesengang.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, werden an Erledigung der Verfügung vom 22. v- Mts. — Anzeiger Nr. 223 — mit Frist von 5 Tagen erinnert.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend den Herbstfaselmarkt des landwirthschastlichen Bezirks- Vereins Friedberg pro 1890.
Der diesjährige Herbstfaselmarkt des landwirthschastlichen Bezirks-Vereins Friedberg soll Mittwoch den 22.1. M. zn Krirdderg abgehalten werden
Die aufgetriebenen Fasel werden durch eine hierzu bestellte Commission gemustert und wird den Eigenthümern der als preiswürdig erkannten Thiere eine Geldprämie bewilligt, wozu der landwirthschastliche Bezirks - Verein und die Kreisstadt Friedberg entsprechende Beträge zur Disposition gestellt haben. Die eigene Züchtung der Thiere durch deren Eigenthümer erscheint nicht als eine Bedingung der Prämiirung.
Von der Preisbewerbung sind Gememdesasel ausgeschlossen, desgleichen Fasel, die um 9 Uhr Vormittags noch nicht am Platze sind.
Für Fasel, welche als tauglich befunden aber nicht prämiirt worden, wird auf Verlangen eine Wegvergütung ausgezahlt.
Nicht genügend gefesselte Thiere werden vom Platze weggewiesen.
Die zum Abschlüsse kommenden Verkäufe wollen dem Großh Bürgermeister Herrn Steinhäußer zur Anzeige gebracht werden.
Zu recht zahlreichem Besuche des Marktes wird hiermit eingeladen.
Friedberg, den 8. October 1890.
Der Direktor des landwirthschaftl. Bezirks-Vereins Friedberg.
Dr. Braden.
Bekanntmachung.
Joh. Gg. Simon zu Gießen hat die Concession als Dienstmann mit der Nr. 9 erhalten.
Gießen, am 16. October 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
s Fresenius.
politische Uebersicht.
Gießen, 16. October.
König Leopold von Belgien wird, in Erwiderung des Besuches, den ihm Kaiser Wilhelm im Lause dieses Sommers in Ostende abgestattet, am 28. October in Berlin eintreffen und, soweit bis jetzt bekannt, einige Tage als Gast am kaiserlichen Hose verweilen. Es werden schon jetzt in Berlin Vorbereitungen zum Empfange des erlauchten Gastes getroffen, u. A. übt die Kapelle des Garde-Füsilier-Regiments auf specielle Anordnung des Kaisers belgische Märsche ein, die bei der Anwesenheit des Königs Leopold zum Vortrage gelangen sollen.
Je näher mit dem 26. October der 90. Geburtstag des Generalfeldmarschalls Grafen Moltke herrannaht, desto mehr zeigt es sich, daß sich dieser Tag zu einer förmlichen nationalen Kundgebung des deutschen Volkes für den greisen Schlachtendenker gestalten wird. Denn täglich erweitert sich der Kreis der Meldungen über die dem allverehrten Generalfeldmarschall zu seinem 90. Geburtsseste zugedachten vielseitigen Huldigungen, an deren . Spitze eine gemeinsame Ovation aller größeren deutschen Städte für Moltke stehen dürfte.
Im Reichskanzleramt wird demnächst eine vertrauliche Conserenz über die Ursachen der Fleischvertheuerung und über die geeigneten Abbilssmittel stattfinden, an welcher eine Reihe sachverständiger Persönlichkeiten auf Einladung des Reichskanzlers theilnehmen werden. Hoffentlich gelingt es der Con- ferenz, das ihrige zur Beseitigung der in weiten Volkskreisen so drückend empfundenen Fleischvertheuerung beizutragen.
In Karlsruhe fand am Montag die feierliche Weihe der den badischen Landwehrbataillonen verliehenen neuen Fahnen in Gegenwart der Grobherzoglichen Familie statt. Bei dem sich anschließenden Frühstück hielt der Großherzog eine an die besondere Bedeutung des vorgenommenen Weiheactes erinnernde Ansprache, die vom wärmsten patriotischen Empfinden getragen war und in dem Hinweise auf die großen nationalen Errungenschaften vom Jahre 1870 gipfelte. Der Großherzog schloß seine begeisternde Kundgebung mit den Worten: „Unser Fahnen- rus sei ein Jubelruf für den Kaiser! Hurrah!"
Mit dem am 14. October, dem Tage der gleichzeitigen Einberufung aller österreichischen Kronlaudtage, erfolgten Wiederzusammentritte des böhmischen Landtages ist das Schmerzenskind der österreichischen Regierung, der Ausgleich in Böhmen, aufs Neue in parlamentarische Behandlung genommen worden. Aber keine der betheiligten Parteien sieht der Weiterentwickelung der Ausgleichssrage noch mit besonderen Hoffnungen entgegen und wenn trotzdem der Ausgleichs-Ausschuß des böhmischen Landtages seine Arbeiten mit anscheinendem Eifer wieder ausgenommen hat, so darf hieraus noch lange kein Schluß auf einen günstigen Ausgang der Verhandlungen gezogen werden. Der Kernpunkt der ganzen Schwierigkeiten in der Ausgleichsfrage liegt in der von den Altczechen neu aufgestellten, aber jetzt von der österreichischen Regierung bestimmt zurückgewiesenen Forderung der inneren czechischen Amtssprache für Böhmen und infolge dieser Abweisung machen die Altczechen Miene, von dem Ausgleich abzuspringen. Für diesen Fall wird die Auflösung des böhmischen Landtages in Aussicht gestellt, ob indessen das Scheitern des Ausgleiches schließlich auch den Fall des Ministerpräsidenten Grafen Taaffe nach sich ziehen würde, wie hie und da behauptet wird, bleibt doch noch sehr abzuwarten. In der Eröffnungssitzung des niederösterreichischen Landtages hielt der Statthalter Gras Kielmannsegg zu Gunsten der wichtigen Regierungsvorlage, betr. die Vereinigung Wiens mit seinen Vororten, eine vom Hause sehr beifällig aufgenommene Rede.
In Holland steht die Wiedereinsetzung der Regentschaft infolge des geistigen Zustandes des Königs Wilhelm täglich zu erwarten. Es ist bekanntlich Alles für diesen Fall durch das seinerzeit erlassene Regentschaftsgesetz geordnet.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 15. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Vorsitzenden des Vorstandes der Versicherungsanstalt für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung Dr. Dietz von Gießen.
Netteste Nachrichten.
Wolff- telegraphische- Correspondenz-Bureau.
Berlin, 15. October. Die „Berliner Politischen Nachrichten" schreiben: „Daß verschiedene Mitglieder der Bergarbeiter-Ausschüsse im Saarrevier aus ihr Amt verzichten, mag richtig sein- unseres Wissens geschah jedoch solches nicht, weil Niemand sich um die Ausschüsse kümmerte, sondern weil vielmehr die Mitglieder nicht länger in der Lage waren, den ungeheuerlichen, aus Arbeiterkreisen an sie herantretenden unerfüllbaren Forderungen Genüge zu leisten."
Berlin, 15. October. Mittags fand der feierliche Rectoratswechsel der Universität statt. Der bisherige Rector Hinschius berichtete über das abgelaufene Studienjahr und gedachte der Betheiligung der Universität bei der Leichenfeier für die Kaiserin Augusta. Der neue Rector Tobler leistete den Rectoratseid und hielt eine Antrittsrede über die Pflege der romanischen Philologie.
Berlin, 15. Ottober. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Cabinetsordre über die Errichtung des Col'onial- raths als sachverständigen Beiraths für die colonialen Angelegenheiten bei der Colonialabtheilung des Auswärtigen Amtes.
Berlin, 15. October. Der „Reichsanzeiger" meldet: Anläßlich des 90. Geburtstags Moltkes befahl der Kaiser, daß Tags zuvor in den Unterrichtsanstalten der regelmäßige Schulunterricht aus falle und eine entsprechende Schulfeier stattfinde.
Berlin, 15. October. Die „Nordd. Allg. Ztg." vernimmt, die Besetzung des Postens eines Regierungspräsidenten von Wiesbaden durch Tepper-Laski stehe unmittelbar bevor.
Potsdam, 15. October. Das kaiserliche Paar traf um 11 Uhr 5 Min. ein. Die Kaiserin begab sich nach dem „Neuen Palais", der Kaiser nach Plane zur Hochzeit des Obersten Bissing.
Potsdam, 15. October. In Gegenwart der Kaiserin Augusta Victoria, des Oberpräsidenten Achenbach, des Regierungspräsidenten Hue de Grais, der Stadtbehörden rc. fand heute Nachmittag die feierliche Einweihung des städtischen Krankenhauses statt. Es erhielt den Namen „Augusta Victoria".
Breslau, 15. October. Der „Schlesischen Zeitung" zufolge beglückwünschte der Kaiser schriftlich den Herzog von Natibor zu dem 50. Jahrestag der Verleihung des Herzogs-Fürstentitels. Der Kaiser sprach dabei dem Herzog zugleich wiederholt feine Anerkennung für die ersprießlichen Dienste aus, welche der Herzog in altbewährter Treue und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus dem Staate, wie seiner Heimathprovinz geleistet habe. Außerdem verlieh der Kaiser dem Herzog durch besonderen Befehl die Uniform des in Ratlbor garnisonirenden Ulanen-Regiments Nr.2 „von Kazler".
Breslau, 15. October. Der „Schlesischen Ztg." zufolge ist mittelst Ministerialerlasses vom 14. d. M. die Erlaubniß zur Einfuhr lebender Schweine aus Bielitz-Biala und Steinbruch auch auf die Städte Breslau, Kosten und Hirfch- berg ausgedehnt worden.
Halle a. d. S., 15. October. Socialisten-Con- greß. In der heutigen Sitzung wurde die Commission zur Untersuchung der Beschwerden über die Thätigkeit der social- demokratischen Fraction des Reichstages gewählt und alsdann die Generaldebatte über den Bericht zur Parteiorganisation eröffnet.
Halle a. d. S., 15. October. Socialisten - Con- greß. In der heutigen Generaldebatte über den Auer'schen Organisationsbericht sprachen Thierbach, Schönfeld (Dresden), Lievländer, Wilschken, Klein, Schmidt (Berlin), Keßler, Kant und Emmel gegen den Organisations-Entwurf, Metzner (Berlin) und Stolle für denselben. Nach Verlesung der Vorschlagslisten für die Organisations-Commission wurde die Vormittagssitzung geschloffen. — Die Commission für Untersuchung der Beschwerden gegen die Fraction hat ihre Arbeiten begonnen.
Halle a. d. S., 15. October. Socialisten-Con- greß. In der fortgesetzten Generaldebatte sprachen noch Gottschalk, Theiß und Schweer für den Organisationsentwurf. Auf den Antrag Bebels wurde hierauf die aus 24 Mitgliedern bestehende Organisationscommission durch Acclamativn gewählt. Unter den Mitgliedern der Commission befinden sich die Dele- girten Auer, Bebel, Behrend, v. Vollmar und Frau Ihrer. Nachdem der Berichterstatter Auer den Vorwurf deS Mangels an Objectivität zurückgewiesen hatte, wurde die Generaldebatte geschlossen, worauf Liebknecht über das Parteiprogramm berichtet.


