Rr. 136. Zweites Blatt. Sonntag den 15. Juni
1890
Gießener Anzeiger
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Kießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
die Abgabe der Kapitalrentensteuererklärungen behufs der
Veranlagung für das Steuerjahr 1891/92 betr.
Nach Art. 14 des Gesetzes, die Einführung einer Kapi- lalrentensteuer betreffend, vom 8. Juli 1884, erfolgt die Heranziehung zu dieser Steuer auf Grund einer Erklärung, welcher jeder nach den einschlägigen Bestimmungen Steuerpflichtige über den Jahresbetrag seiner Zinsen, sowie der etwa zum Abzug geeigneten Lasten bei der hierzu berufenen Einschätzungscommission schriftlich abzugeben hat. Zu diesen Erklärungen ist das von Großherzoglichem Ministerium der Finanzen festgesetzte Formular zu verwenden und sind dieselben, je nach der Wahl des Steuerpflichtigen, offen oder Verschlossen, jährlich spätestens bis zum L Juli, ohne daß der Pflichtige deshalb eine besondere Aufforderung abzuwar- ien hat, bei der Bürgermeisterei des Wohnorts abzuliefern.
Bon der Verpflichtung zur Steuererklärung sind nach Art. 15 des Gesetzes, insofern nicht im einzelnen Fall besondere Aufforderung der Einschätzungscommission ergeht, diejenigen Steuerpflichtigen entbunden, welche im unmittelbar Vorausgegangenen Steuerjahr bereits zur Kapitalrentensteuer zugezogen waren, auch inzwischen ihren Wohnsitz nicht gewechselt und keine den Betrag von 100 Mk. jährlich erreichende Einkommensverbesserung aus Kapitalzinsen erlangt haben.
Inhaltlich des Artikel 16 des genannten Gesetzes haben die Kapitalrentensteuererklärung abzugeben:
1) für minderjährige, vermißte oder unter Vormundschaft gestellte Personen deren gesetzliche Vertreter;
2) für moralische. Personen (Gemeinden, Körperschaften, Stiftungen, Anstalten), ferner für Gesellschaften, Genossenschaften, Gantmassen, Erbmassen, soweit eine Steuerpflicht hier überhaupt in Betracht kommt, die bestellten Vorstände oder Verwalter;
3) in allen anderen Fällen der Steuerpflichtige selbst und zwar hinsichtlich des gesummten Zinsenbezuges, welcher, sei es aus eigenem Vermögen oder aus dem Vermögen seiner nicht selbstständig zur Kapitalrentensteuer gezogenen Angehörigen, ihm in Steueransatz zu kommen hat.
Unter Bezugnahme aus die obigen Bestimmungen richten wir an die hiernach zur Einreichung von Kapitalrentensteuererklärungen verpflichteten Bewohner unserer Bezirke hiermit die Aufforderung, ihre Erklärungen unfehlbar bis zum ge
nannten 1. Juli d. I. an die betreffenden Bürgermeistereien gelangen zu lassen, von wo sie, und zwar insoweit verschlossen, uneröffnet, an die Vorsitzenden der betreffenden Einschätzungscommissionen übersendet werden.
Das Formular zu den Kapitalrentensteuererklärungen, welchem ein Auszug aus dem Gesetz und eine bezügliche nähere Anweisung beigefügt ist, hat der Steuerpflichtige von der Bürgermeisterei des Wohnorts zu beziehen.
Gießen, Grünberg. Hungen, Nidda, den l.Juni 1890.
Die Großherzoglichen Steuercommiffariate.
Süffert. Bähr. Snell. Pfannmüller.
Zm GedWniß an Kaiser Friedrich.
Dem Andenken an Kaiser Friedrich wird in erster Linie der 15. Juni gewidmet, da an diesem Tage (1888) der Tod des edlen und freidenkenden Monarchen erfolgte, nachdem er am 9. März den Thron bestiegen und am 12. März die Proklamation und den bezüglichen Erlaß veröffentlicht hatte. Als Erinnerungstag an den geliebten, volksfreundlichen Kaiser hält das Volk aber auch am 18. October fest, und auch andere Tage werden noch häufig benutzt, des Kaisers Friedrich ebenfalls in Liebe und Ehre zu gedenken, so z. B. sein Vermählungstag, der 25. Januar (1858), der Geburtstag des Kaisers Wilhelm, 27. Januar (1859), die Siege bei König- grätz (3. Juli 1866), bei Wörth (6. August 1870), und bei Sedan (1. September 1870), ferner der Geburtstag der Kaiserin Friedrich, der 21. November (1840). So viel steht unbestritten fest, daß das Andenken an Kaiser Friedrich lebhaft fortlebt, und es ist wohl in erster Linie seinen goldenen Worten über die freie Entwickelung des deutschen Reiches und des nationalen Gedankens zu danken, daß er im Herzen des Volkes fortlebt, natürlich auch seinem hervorragenden historischen Antheil an der Geschichte der neuen großen Zeit.
Kaiser Friedrich gilt trotz mancher Angriffe als der Träger der Kaiseridee und Freund einer toleranten und freiheitlichen Entwickelung im deutschen Reiche. Es genügt, an seinem Gedächtnißtage — 15. Juni — aus seine unvergeßlichen Aussprüche selbst hinzuweisen. Kaiser Friedrich war bei allem Ruhm und bei aller Liebe zum Soldatenstande ein Freund des Weltfriedens und Feind des Krieges- er hat wiederholt ausgesprochen, daß der Krieg etwas Furchtbares, ein Schlachtfeld zu bereiten etwas Grauenvolles sei und er hoffe, in Zukunft keine Kriege mehr zu erleben. Seine Sorge war immer, daß die Resultate des Krieges den gerechten Erwartungen des deutschen Volkes nicht entsprechen möchten und
sein Hauptgedanke, wie man nach erkämpftem Frieden den freisinnigen Ausbau Deutschlands weiter führe, um dem deutschen Volke etwas Ganzes, Greifbares zu bieten. In seiner Proclamation (12. März) betonte er, „Deutschland begehre nur, des Gewonnenen iü friedlicher Entwickelung froh zu werden. Wie hoch er die Wahlsreiheit stellte, bewies die Entlassung des Staatsministers von Puttkamer und sein Erlaß an den Fürsten Bismarck, in welchem er seinen Willen betonte, daß der seit Jahrhunderten von den Hohenzollern heilig gehaltene Grundsatz religöser Duldung auch ferner allen Unter- thanen, welchem Bekenntnisse und welcher Religionsgesellschast sie auch angehören, zum Schutze gereiche. „Ein Jeglicher unter Ihnen steht meinem Herzen gleich nahe — haben doch Alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt."
Mit der socialen Frage eng verbunden erachtete er die Frage der Erziehung der Jugend, die Beschränkung unver- hältnißmäßigen Aufwandes und die Förderung der Sparsamkeit. Er betonte den Werth von Steuererleichterungen, der Selbstverwaltung und der Vereinfachung der Behörden. Kaiser Friedrich wollte regieren, unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großthaten, zufrieden damit, wenn man einst von seiner Regierung sage, sie sei dem Volke wohlthätig, dem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen!
Er wünschte schon 1885 den Königsberger Studenten gegenüber, daß „dem deutschen Volke jede Ueberhebung fern bleibe, denn eine solche sei undeutsch"- schon vorher 1883 hatte er der Berliner Verwaltung volle Anerkennung gezollt - im selben Jahre verlangte er zu Wittenberg, daß die Kraft und das Wesen des Protestantismus nicht gesucht werde im Buchstaben und nicht in starrer Form, sondern im demüthigen Streben nach der Erkenntniß christlicher Wahrheit. Er sprach sich 1881 gegen den Antisemitismus aus und erkannte in seinen Tagebüchern die Gleichberechtigung der politischen Parteien an. Er trat ganz entschieden für die Wahlfreiheit ein. Daß in vieler Beziehung Kaiser Wilhelm II. das Vermächtniß des Kaisers Friedrich ausführt, läßt uns die Bedeutung des Vorgängers auf dem deutschen Kaiserthron um so klarer erkennen und erfüllt dys Volk mit den besten Hoffnungen für die Zukunft! Darum Ehre dem Andenken an Kaiser Kriedrich!
Die Ucberulihmk der Kosten aller öffentlichen Schulen auf die StaatsKaffe betr.
Wie es ein Antrag der Abgeordneten Schröder und Genossen bezweckt, so ist schon mitgetheilt worden, daß der
Feuilleton.
Im Mdlager von Uarna.*)
Varna ist durch seine Lage eine der Hauptwehren des Balkan, an der Bucht des Galata-Vorgebirges- seine Mauern werden von den Wellen des Schwarzen Meeres bespült - der Hafen ist offen und bietet sehr wenig Schutz. Im Jahre 1828 lag die russische Flotte unter Admiral Greigh vor rhm, der die ganze Stadt in einen Schutthaufen verwandelte. Seitdem sind die Befestigungen verstärkt worden. Diesmal war Varna der Hauptoperationspunkt gegen die Krim. Marschall St. Arnaud hatte sein Hauptquartier hier aufgeschlagen. Jacques Leroy de Saint-Arnaud, der Held des napoleonischen Staatsstreichs und Vertraute Louis Bonapartes, wüthender Royalist in der Garde Ludwigs XVIII.; dann Schauspieler, Philhellene, Deserteur, Wächter der Herzogin von Berry während ihrer Gefangenschaft, Brigade- und Divisionsgeneral und endlich Marschall wegen seiner Verdienste um den Staatsstreich' Er war damals ein Mann von etwa 58 Jahren, hatte den Oberbefehl über die aüiirte Armee übernommen, hatte sich, krank, durch und durch wurmstichig nach einem wüsten, abenteuerlichen Leben, in Marseille eingeschifft, seine junge Frau in dem reizenden Bujukdere bei Konstantinopel untergebracht und feilschte mit dem Tode um eine armselige Frist für Lösung einer Aufgabe, die ihm sein Ehrgeiz dictirt.
*) Die obige farbenreiche und lebendige Schilderung des Lagerlebens von Varna im Krtmkrtege entnehmen wir dem 2. Hefte des hochinteressanten, im Verlage der Straßburger Druckerei und Ver- laasanstall (vormals R. Schultz u. Co.) erschienenen zweibändigen Werkes von Hans Wachenhusen: „Aus bewegtem Leben", eine literarische Erscheinung von ganz hervorragender Bedeutung, da sie einen überaus werthvollen und eigenartigen Beitrag zur Kriegs- und Sittengeschichte des letzten Menschenalters darstellt. Wir verfehlen ..nicht, ganz besonders auf dieselbe aufmerksam zu machen.
Die Redaction.
Er war nicht zu beneiden, denn die ersten Wochen schon genügten, um bei den Truppen Unzufriedenheit zu erregen, als er durch den General Espinasse jene unglückliche Recog- noscirung in die Dobrutscha unternehmen ließ. Mangel an Verpflegung und das Klima führten Typhus, Cholera und Dysenterie herbei- man hatte namentlich die nach der Revolution auf afrikanischen Boden gesandten unzuverlässigen Regimenter hierher verschifft, um sie zunächst als Kanonenfutter zu verwenden- der Geist der „Marianne" lebte noch in ihnen, und St. Arnaud war verhaßt bei einem großen Theil der Truppen, lächerlich sogar Denen, die dieses klappernde Scelett zu Pserde steigen sahen. Ich selbst war zugegen, als in einer Gruppe von Offizieren einer seiner bombastischen Tagesbefehle verlesen und zerrissen würbe, in denen er der nothleidenden Truppe von glorreichen Siegen sprach, die sie demnächst erkämpfen würde.
Dieser Mann erschien mir wie ein langsam hinsterbender Hanswurst, als ich ihn vor seinem Konak zum ersten Male im Sattel sah, wie er zur Revue den Quai entlang ritt, den hohen Panache aus dem Hute, schlotternd und haltungslos, aber dennoch in'theatralischer Pose. Er ritt zur Seite Plon- Plons, Jerome Bonapartes, des „rothen Prinzen", wie man den Vetter Napoleons nannte, den der Kaiser hierher geschickt, um ihn los zu sein, weil er ihm unbequem zu werden begann. Andere behaupteten, es sei die Frau Marschallin in Bujukdere, die ihn hierher gezogen, und selbst "St. Ar- nauds Adjutanten schworen daraus, der Marschall wisse, wohin der Prinz reise, wenn dieser sich vor seinem eigenen Konak den Dampfer Heizen lasse." Die Spannung zwischen den beiden war eine sehr bekannte- sie datirte vom Staatsstreich her und gründete sich aus Vorgänge im Cabinet des sich eben zum Kaiser proclamirenden Präsidenten während der Nacht des 2. December. Daß der Prinz hier das fünfte Rad am Wagen, war ihm selbst ein demüthigendes Bewußtsein, zumal er seine militärische Unfähigkeit kannte; er war hier über
flüssig und in Paris seinem Vetter lästig- sehr wahrscheinlich ist also sein Antheil an der bekannten Orient-Broschüre.
Auch Plon-Plon — erst später so vom Volkswitz genannt, weil er sehr bald, an der Kolik leidend, vor den Kugeln nach Hause reiste und zu dem Wortspiel Anlaß gab: Le prince imperial prefere la colique ä Paris auo tranchees (was auch Leibschneiden heißt) devant Sebastopxl — auch Plon-Plon spielte hier in Varna den Comödianten - es ritten also ihrer zwei neben einander. Er, dessen frap- pirende Aehnlichkeit mit Napoleon I. bekannt, der mit diesem zu verwechseln gewesen wäre ohne seine hohe, muskulöse Gestalt, er hatte sich eigens eine Uniform nach dem historischen Muster Napoleons des Großen anfertigen lassen und trug den Dreimaster gerade so wie dieser.
Nur persönliche Eitelkeit konnte ihm diese Idee ein- gegeben haben, dieselbe war aber bei der Revue aus dem Quai Veranlassung zu einer originellen Scene. Von allen in und um Varna lagernden Truppen nahmen Regimenter an derselben Theil- als nun St. Arnaud mit seinem Stabe, den Prinzen zur Seite, die Front entlang ritt und eine Abtheilung türkischer Baschi-Bozuks erreichte, schwang sich einer derselben, ein Greis von wohl mehr als siebzig Jahren, aus dem Sattel, eilte auf den Prinzen zu und küßte ihm mit unverständlichem enthusiastischem Ausruf den Stiefel.
Niemand wußte, was die Scene bedeute, denn der Prinz hatte sich keiner Waffenthat zu rühmen, und die Baschi- Bozuks hatten bisher außerhalb der Stadt gelagert, bis der Greis, als der Stab vorüber, selbst seinen Kameraden, Egyp- tern, die dem Padischah zu Hilfe geeilt, einen Aufschluß gab, der großes Staunen und Gelächter erregte. Er hatte als junger Mastn den General Bonaparte in Egypten gesehen, ihm persönlich Dienste geleistet- hingeriffen von dieser Aehn- lrchkeit hatte er ihn wieder zu erblicken gemeint und ihm, den Steigbügel geküßt wie ehedem.
(Fortsetzung folgt.)


