Nr. 63.
1890
Samstag den 15. März
Der (rte&fuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
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Amtlichem Thril.
Bekanntmachung, dil Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend.
Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Sch u l z e u g n i s s e die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch aus die nachfolgende«, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen, aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll, ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2J) Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet.
Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen.
Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbstgeschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden- Auch erscheint es zweckdienlich, wenn die nähere Adresse angegeben wird.
4)i Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a) Geburtszeugniß;
b) ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit den FreiwMgen während einer ein- jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen;
e) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasten, Realschulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und den sonstigen mllitärberechtigten Lehranstalten) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit over ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;
d) das Schulzeugniß.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
Zu pos. b: daß in dem EinwMgungS-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß.
Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugniffe für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach dem Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 — Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müssen.
Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, HO, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.
Großh. Prüfungs - Commission für einjährig Freiwillige zu Darmstadt.
Der Vorsitzende: Dr. Zeller.
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politische Neveoficht.
Gießen, 14. März.
Die von Kaiser Wilhelm II. so hochherzig angeregte im nationale Conferenz zur Regelung des Arbeiterschutzes ist miimehr zur Thatsache geworden und an diesem Samstag findet in Berlin ihre Eröffnung statt. Mit Ausnahme von Nchlland, der Länder der Balkanhalbinsel und Portugals sind Wmtliche europäischen Staaten auf der Berliner Arbeiter- ffchutz-Conferenz vertreten und zwar sind den officiellen Re- iMumgs-Delegirten von fast allen Staaten noch technische Hcir.athe Nigegebou ^vorden, was sich durch den Charakter dtr Berliner Conferenz, aus welcher eben die fachlichen und ttrchniischen Fragen weit überwiegen werden, hinlänglich erklärt. — Neber die Zwecke und Ziele der Conserenz hat das dem dkutsirhen Einladungsschreiben seinerzeit beigegebene Programm bkreius Ausschluß gegeben und erhellt aus demselben, daß lrdigglich die Arbeiterverhältnisse in den bergbaulichen und in fctn Fabrikbetrieben den Gegenstand der Conferenzberathungen
bilden werden,- ein Hinausgehen der letzteren über diesen Rahmen gilt als durchaus ausgeschlossen. Was die formelle Seite der Berliner Conferenz anbelangt, so weiß der Pariser „Figaro" hierüber folgende und anscheinend zutreffende Erklärung zu geben. Die Delegirten der verschiedenen Staaten werden ihre Ansichten und diejenigen der von ihnen vertretenen Regierung über jeden Artikel zu erkennen geben. Kein Votum wird erfolgen, keine Entscheidung getroffen werden. Die Ansichten einer jeden Delegation werden ins Protoeoll der Conferenz ausgenommen und dann zur Kenntniß der vertretenen Staaten gebracht werden. Die aus diese Weise gesammelten Stimmen werden als Grundlage für die Arbeiten einer anderen Conferenz dienen können, die einen diplomatischen Charakter haben würde, deren Zusammentritt aber nichts weniger als wahrscheinlich ist, wie wenigstens das Pariser Blatt meint, doch dürfte wohl auch hierzu Rath werden.
Die Erörterungen über die „Kanzlercrifis" wollen in der deutschen Tagespresse nicht verstummen und ihre stete Wiederkehr kann auch mit als ein Charakteristikum für die derzeitige innere Lage in Deutschland betrachtet werden. Die widersprechendsten Gerüchte tauchen dabei über die „Kanzler- crisis" auf und noch jüngst behauptete eine osficiöse Corre- spondenz im Gegensatz zu andern officiösen Stimmen, der Reichskanzler habe auf seine Absicht, nicht nur den Vorsitz im preußischen Staatsministerium, sondern auch den Kanzlerposten auszugeben, noch nicht gänzlich verzichtet. Diese Corre- spondenz dürfte indessen über die Pläne und Absichten des leitenden Staatsmannes ebenso gut oder ebenso schlecht unterrichtet sein, wie dies von allen übrigen Meldungen über die Kanzlercrifis gelten kann. Einen neuen Impuls hat den Erörterungen über die angeblichen Rücktrittsgedanken des Fürsten Bismarck augenscheinlich auch die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Staatssekretär v. Bötticher gegeben und sind die merkwürdigsten Vermuthungen über die Ursache dieser besonderen Auszeichnung laut geworden. Man kann dieselben indessen einstweilen getrost auf sich beruhen lassen, denn aus dem gnädigen Handschreiben des Kaisers an Herrn v. Bötticher geht genügend hervor, daß der nächste Grund für die dem verdienten Staatsmanne zu Theil gewordene Auszeichnung in.seiner hervorragenden socialpolitischen Thätigkeit zu erblicken ist.
Der neugewählte deutsche Reichstag soll also, wie alle hierüber vorliegenden Meldungen übereinstimmend bekunden, am 15. April zusammentreten und die Zwischenzeit bis dahin wäre demnach für die gesetzgeberischen Vorarbeiten eine ziemlich knapp bemessene. Indessen wird bereits von einzelnen Vorlagen für den Reichstag berichtet, die in ihren Grundzügen schon sertiggestellt sein sollen und auch das Reichsbudget dürste in seinen wesentlichsten Theilen bis zum 15. April ausgestellt sein, so daß das Parlament bei seinem Zusammentritte genügenden Arbeilsstoff vorfinden würde.
Die „Polendebatten", zu welchen am Montag und Dienstag die Berathung des Etats der Ansiedelungscommission für Posen und Westpreußen im preußischen Abgeordnelenhause führte, fanden in der Mittwochssitzung ihre Fortsetzung. Anlaß hierzu gab der Antrag des polnischen Abgeordneten v. Stablewski, die polnische Sprache -bei dem Schul- und Religionsunterricht in den Volksschulen wieder einzuführen und befürwortete der Antragsteller seinen Antrag vom nationalpolnischen Standpunkte aus in nachdrücklichster Weise. Den offenbaren Uebertreibungen des Abg. v. Stablewski trat jedoch Culusminister Dr. v. Goßler energisch entgegen und warnte er namentlich vor einer Verquickung rein technischer Unterrichtsfragen mit religiösen und nationalen Fragen. Nachdem hierauf der Pole Neubauer noch einige Klagen seiner Landsleute vorgetragen und Abg. v. Stablewski seinen Antrag nochmals vertheidigt hatte, wurde derselbe gegen die Stimmen des Centrums und der Polen abgelehnt. Am Donnerstag erledigte das Haus mehrere kleinere Vorlagen und nahm dann die Etatsberathung wieder auf. Es wird in parlamentarischen Kreisen bestimmt gehofft, daß das Haus bis Ausgang nächster Woche die gesammte zweite Lesung des Etats beendigt haben werde.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 13. März. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 6 enthält:
Allerhöchste Verordnung, die Handhabung der Feldpolizei in der Gemarkung Gießen betr.
Darmstadt, 12. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzo^ hat am 11. März dem Hauptmann a. D. Ritsert, seither Compagniechef im 2. Großh. Jns.-Regiment (Großherzog) Nr. 116, nunmehr Bezirksoffizier in Alsfeld,
das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen verliehen.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Corrcspondenz-Bureau.
Berlin, 13. März. Es verlautet, als Secretär der Arbeiterschutzconferenz werde auch Oberbergrath Dr. Fürst vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten fun- giren, der bereits als Commissar an den Sitzungen deS Staatsraths theilgenommen hat. — Die Ersatzwahl im ersten Berliner Reichstagswahlkreise ist auf den 24. März festgesetzt worden.
Aachen, 13. März. In einigen Tuchfabriken haben die Weber die Arbeit gekündigt, wenn innerhalb 14 Tagen ihre Forderung höherer Löhne nicht bewilligt werde; in einer anderen Tuchfabrik legten sie die Arbeit nieder, weil ein College angeblich ungerechtfertigter Weise entlassen worden.
Dresden, 13. März. Die zweite Kammer genehmigte heute den Bau der Bahnen Waldheim-Rochlitz, Saupersdorf-Wilzschhaus, Herrnhut-Bernstadt, Schönberg- Hirschberg, Zwickau-Crossen-Mosel und die Erweiterung der Station Erlau.
Neusalz, 13. März. Redacteur Tomik, welcher auf dem hiesigen Bahnhofe den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Dimitriewic schwer verwundete, ist wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurtheilt worden.
Haag, 13. März. In der zweiten Kammer wurde heute auf eine Interpellation über die Vertretung der Niederlande aus der Arbeiterschutzconferenz in Berlin von Seiten der Regierung erklärt, die Delegirten seien dahin instruirt, daß sie eine reservirte Haltung einzunehmen und in keiner Hinsicht der Industrie und Zollgesetzgebung zu präjudiziren hätten.
Paris, 13. März. Tirard schlug im Ministerrathe vor, der Kammer eine Creditforderung von 100 000 FrcS. für den im Mai stattfindenden internationalen Telegraphen- Congreß zu unterbreiten. — Der Arbeitsminister ernannte den Ingenieur Pelle gleichfalls zum technischen Beirath der Delegirten zur Berliner Conferenz. /
London, 13. März. Im Unterhause erklärte Fer- gussvn, daß er keine Nachricht darüber habe, daß die türkischen Truppen in Siwas (Armenien) Grausamkeiten verübten. Beach theilt mit, England sei auf der am 1. April beginnenden industriellen Conferenz in Madrid durch Unter- staatssecretär Stuart Worthley, Bergue vom auswärtigen Amte und Generalcontroleur Lack vertreten. Chaplin spricht sein Bedauern aus, daß die Vieheinfuhr aus Schleswig- Holstein noch untersagt bleiben müsse, da neuerdings die Maul- und Klauenseuche in Sihnelsen bei Pinneberg eingetreten sei. Der von der Regierung bekämpfte Antrag Hamleys, betreffend eine bessere Dotirung des Freiwilligencorps aus Staatsmitteln, wird darauf mit 135 gegen 102 Stimmen angenommen.
London, 13. März. Nach einer Reutermeldung aus Johannesburg vom 13. März wurden in Folge der jüngsten Unruhen drei Personen unter der Anklage des Hoch- verraths verhaftet und nach Pretoria gebracht. In Johannesburg herrscht große Aufregung. Ein zahlreich besuchtes öffentliches Meeting beschloß die Bildung eines politischen Reformvereins und verurtheilte die Verhaftungen auf's Schärfste. Der Reformverein übernimmt die Vertheidigung der Verhafteten.
Rom, 13. März. Der König verlieh anläßlich seines Geburtstages dem Herzog von Aosta und dem Generalstabschef Generallieutenant C o s e n z den Annunziatenorden.
Madrid, 13. März. In Folge der Erkrankung des Mmisters Armijo ist die Ernennung der Delegirten für die Berliner Conferenz noch nicht endgiltig erfolgt. Wahrscheinlich werden der Deputirte Herzog Almodovar del Rio, Senator Fernandez Castro, ein Marineingenieur, ein Fabrik- inspector von Barcelona und der Jnspector der Rio-Tinto- Gruben designirt. Der Botschafter Gras Rasson dürste ebenfalls an der Conferenz theilnehmen.
Sofia, 13. März. Da der letzte Handelsvertrag zwischen Frankreich nnd Griechenland einerseits und der Türkei andererseits am 10. Mai d. I. abläuft, verständigte die bulgarische Regierung die politischen Agenten dieser Mächte davon, daß fie sich bis zum Abschlüsse einer neuen directen Handelsübereinkunst mit Bulgarien ihre Actionsfreiheit Vorbehalte.
Belgrads 13. März. Die „Agence Belgrade" meldet: Da sechs acrive Minister ihre Sitze im Staatsrathe einnehmen werden, erwarten die politischen Streife den Ein-


