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Nr. 180. Mittwoch den 6. August
1890
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
J««ittenVlS11er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Amtlicher? TheU.
Bekanntmachung.
Unter der Schafheerde zu Schmalbach (Kreis Wetzlar) ist die Räude ausgebrochen.
Gießen, den 4. August 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Derrt-ches Reich.
Darmstadt, 2. August. Am 30. Juli wurden die Lehrer an dem Realgymnasium zu Darmstadt Professor Dr. Ludwig Weis aus sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner mit Eifer und Treue geleisteten Dienste, und Professor Dr. Ludwig Külp auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner mit Eifer und Treue geleisteten Dienste, beide mit Wirkung vom 1. October l. I. an, in den Ruhestand versetzt und denselben das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen verliehen- an demselben Tage wurden die Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Mainz Dr. Friedrich Scrib a und Dr. Jakob Schneid er zu Lehrern an dem Realgymnasium zu Darmstadt, sowie der Lehrer an der Realschule zu Oppenheim Ludwig Knöpfet zum Lehrer an dem Gymnasium und der Realschule zu Worms, sämmtlich mit Wirkung vom 1. October l. I. an, ernannt. — Der Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Lorsch Hermann Lorenz wurde zum.Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Mainz, mit Wirkung vom 6. August d. I. an, ernannt.
Berlin, 4. August. Der glanzvolle und enthusiastische Empfang, welcher Kaiser Wilhelm in Ostende zu Theil geworden ist, hat die warmen Sympathien, deren sich der arbeiterfreundliche deutsche Monarch in dem Jndustriestaate Belgien erfreut, zum beredten Ausdruck gebracht und die begeisterten Ovationen, die ihm während seines zweitägigen Ausenthaltes in dem belgischen Seebade bei jeder Gelegenheit dargebracht wurden, trugen nicht das geringste Gekünstelte an sich. Die Brüsseler Blätter weisen denn auch auf den begeisterten Empfang des deutschen Kaisers auf belgischem Boden hin und betonen die Bedeutung dieses Kaiserbesuches für Belgien, das stets eifrig bestrebt gewesen sei, seinen Verpflichtungen gegen diejenigen, welche seine Neutralität garan- tirten, nachzukommen. — Am Sonntag Nachmittag 3 Uhr verließ der Kaiser aus der „Hohenzollern", woselbst seine Verabschiedung mit König Leopold und den Prinzen des belgischen Königshauses stattfand, Ostende und setzte die Reise nach England fort. Bei der Einschiffung des Kaisers bildeten wiederum Truppen Spalier, die Militärmusik spielte „Heil
Dir im Siegerkranz" und begeisterte Zurufe der dichtgedrängten Menschenmassen gaben der „Hohenzollern" bei der Abfahrt das Geleite.
— Seit Montag weilt nunmehr Kaiser Wilhelm wiederum als Gast seiner erlauchten Großmutter, der Königin Victoria, auf englischem Boden, zum zweiten Male seit seinem Regierungsantritte, und auch diesmal ist dem hohen Herrn ein überaus sympathischer Empfang jenseits des Canals zu Theil geworden. Ja, noch vor dem Erscheinen Wilhelms II. in England ist der kaiserliche Gast von der englischen Presse in warmen und herzlichen Worten begrüßt worden, wie man sie in dem kühlen England sonst nur selten findet und diese gehobene Stimmung ist unzweifelhaft auf die Befriedigung zurückzuführen, die der weit überwiegende Theil des englischen Volkes über den colonialen Ausgleich mit Deutschland und die hiermit zusammenhängenden Ausführungen der Caprivi'schen Denkschrift empfindet. Die Engländer haben in der That auch alle Ursache zu der gehobenen Stimmung, in der sie den deutschen Kaiser begrüßten, denn durch das weite Entgegenkommen der deutschen Regierung sind den Engländern unverhofft große Vortheile bei der Vertheilung des „schwarzen Erdtheils" geworden. Und wenn die Mittheilungen eines Schweizer Blattes richtig sind, hat das britische Reich diese Annehmlichkeit ganz besonders dem zwischen dem englischen Königs- und dem deutschen Kaiserhause bestehenden engen Familienverhältnisse zu verdanken, wenigstens weiß die „Neue Züricher Zeitung" aus angeblich bestunterrichteter Seite zu versichern, daß die anfänglich zögernden Verhandlungen über das deutsch-englische Abkommen durch die Intervention der Königin Victoria bei Kaiser Wilhelm die Wendung erhielten, die zu der jetzigen Gestaltung des Vertrages führte. Jedenfalls ist sicher, daß das coloniale Abkommen zwischen Deutschland und England wesentlich der Rücksicht auf die nahe Verwandtschaft und die dadurch bedingte Interessengemeinschaft der beteiligten Völker wie der Dynastien zu danken ist und wenn die Engländer diese Thatsache nunmehr auch durch die herzliche, dem Kaiser Wilhelm bereitete Aufnahme anerkannt haben, so liegt hierin nur eine Gewähr mehr, daß der jetzige Kaiserbesuch in England die deutsch-englischen Beziehungen noch weiter festigen wird.
— In Berlin fand am Montag Vormittag die Eröffnung des internationalen medicinischen Con- gresses durch den Vorsitzenden des Organisationscomites, Geheimrath Prof. Virchow, statt, woran sich verschiedene Begrüßungsansprachen anschlossen Nachmittags fanden bereits Abtheilungssitzungen statt. Anwesend sind u. A. auch über 200 französische Aerzte, wohl der beste Beweis, wie wenig die Hetzereien der französischen Chauvinisten gegen eine Be- I
theiligung der medicinischen Vertreter Frankreichs an dem Berliner Congreß gefruchtet haben.
— Die Reichstagsnachwahl für Dr. Miquel im Wahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolanden ist aus den 19. August angesetzt worden. Eine engere Wahl zwischen dem nationalliberalen Candidaten Brunck und dem Candidaten der Bolkspartei, Grohs, gilt als unvermeidlich und der Sieg Gröhes bei der engeren Entscheidung als sehr wahrscheinlich.
Arrskrird.
Graz, 3. August. Heute Vormittag 11 Uhr eröffnete Kaiser Franz Joses die hiesige Landesausstellung und wurde von dem Präsidenten des General-Comites der Landesausstellung, Frhrn. v. Washington, mit einer Ansprache herzlichst begrüßt. Nachdem der Kaiser ^n seiner Antwort für die Kundgebung loyaler Gefühle gedankt und die Ausstellung für eröffnet erklärt hatte, besichtigte er dieselbe eingehend. Am Nachmittag besuchte der Kaiser die Kirche zum Herzen Jesu, das landschaftliche Taubstummen-Jnstitut und das vom Schützenverein der Landeshauptstadt veranstaltete Festschießen, woselbst der Kaiser auf den laufenden Hirsch zwei gelungene Schüsse abgab. In dem reich ausgestatteten Gabentempel befinden sich als Kaiserpreise zwei Cassetten im Werthe von je 100 Ducaten. Heute Abend 6 Uhr fand beim Kaiser ein Diner von 62 Gedecken statt, an welchem die hier anwesenden Minister Graf Taaffe und v. Gautsch, sowie der Statthalter und die Spitzen der Behörden Teilnahmen. Nach dem Diner brachte der Männergesangverein dem Kaiser eine Serenade. Der Kaiser begab sich zu den Sängern und dankte dem Vereinsvorstand für die Ovation. Um 9 Uhr machte der Kaiser eine Rundfahrt durch die prachtvoll erleuchtete Stadt, überall von einer zahlreichen Menge aus das lebhafteste begrüßt.
Paris, 3. August. Die Besserung, welche nach der gestrigen Operation in dem Befinden des Generals Saussier eingetreten ist, machte inzwischen weitere Fortschritte.
Petersburg, 3. August. Der russische Kriegsminister Wannowski feierte am Sonntag sein fünfzigjähriges Offiziersjubiläum, aus welchem Anlasse ihm mehrfache Auszeichnungen zu Theil wurden. Vom Kaiser Alexander wurde der Jubilar durch ein sehr gnädiges, seine Verdienste würdigendes Rescript ausgezeichnet, welches auch eine Stelle von allgemeinem Interesse enthält. Alexander II. betont nämlich hierin, daß Rußland einer aus der Höhe der Zeit stehenden starken und wohlorganisirten Armee bedürfe, aber nicht zu aggressiven Zwecken, sondern lediglich zur Wahrung
Feriilleton.
Eine Gründung
Von L. Bauditz.
Nach einem Diner beim Amtsrichter saßen die Herren noch im Rauchzimmer bei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre. In einer kleinen Stadt gibt es über ein solches Essen nicht viel zu reden, denn meist sind die verschiedenen Gänge je nach der Jahreszeit und den Personen, die daran theilnehmen, dieselben. Bei dem Amtsrichter jedoch hatte man mit Austern begonnen und diese ganz besondere Ausnahme vermochte es, die Gemüther der Anwesenden noch eine Weile angenehm zu beschäftigen.
„Famoses Essen!" sagte ein Major, indem er sich in Erinnerung daran den Schnurrbart wischte. „Es geht doch nichts über ein Dutzend frischer Austern, und dabei sind sie noch so hübsch leicht verdaulich."
„Unsere Urahnen waren doch gar nicht so dumm, als man glauben sollte," meinte der Postdireetor und schniH ein möglichst gescheites Gesicht. „Sie nährten sich zumeist von diesen Schalthieren, die wir jetzt fast gar nicht mehr erkaufen können."
„Warum ist das' Zeug nur so theuer?" fragte ein noch junger Mann, der Consul Block, der eine ziemlich große Rolle in der Stadt spielte. „In unserer Bucht muß es in jenen grauen Zeiten, die der Herr Postdirector soeben erwähnte, Austern gegeben haben, das geht aus den Erdschichten draußen am Westwalde deutlich hervor. Warum gibt es denn jetzt keine mehr?"
„Ja, warum gibts keine mehr?" meinte auch Herr Petersen und blickte um sich, als wolle er auf diese Frage eine ganz genau erschöpfende Antwort haben.
„Ich glaube, es wäre kein Ding der Unmöglichkeit, an
der alten Stelle in der Bucht eine Austernbank anzulegen," fuhr der Consul fort. „Meiner Ansicht nach brauchten sich einige Herren hier nur der Sache anzunehmen. Wenn jeder zehn Mark dafür zeichnet, ist die Gesellschaft fertig und das Betriebscapital vorhanden, um in einigen Wochen die Austernbank anzulegen. Was meinen die Herren dazu?"
Es ist nicht zu leugnen, daß man nach einem guten Essen menschenfreundlich denkt und geneigt ist, ein solches dem allgemeinen Besten förderliches Unternehmen auf jede mögliche Art zu unterstützen. Deßhalb wurde auch der Vorschlag des Consuls einstimmig angenommen und die Mehrzahl der Anwesenden, darunter der Amtsrichter, der Postdirector, der Major und der Kreisphysikus zeichneten den bestimmten Betrag auf eine schnell gefertigte Liste, welcher der Consul Block als Letzter seinen Namen hinzufügte.
„Nun wir so weit find," meinte der Major, „handelt es sich darum, wer das schwierige Amt emes leitenden Directors zu übernehmen bereit ist.
„Wenn die Herren damit einverstanden sind, werde ich mit Vergnügen mich dem Geschäft unterziehen," sagte der Consul schnell, „doch bitte ich Sie, zu meiner Unterstützung noch den Herrn Major und den Herrn Kreisphysikus in den Vorstand zu wählen. Alles andere werden wir dann schon besorgen."
„Einverstanden! Einverstanden!" erklang es ringsumher, und damit war die Angelegenheit vorläufig erledigt.
Wohl blieb die Gesellschaft noch einige Zeit beisammen, doch nahm das Gespräch eine andere Richtung, 'man sprach von Politik und den städtischen Vorkommnissen und am andern Morgen wußte kaum einer von den Gästen, daß sie Actionäre einer „Gesellschaft zur Förderung der Austernzucht" geworden seien.
Jedoch nach wenigen Tagen schon erschien Consul Block | und cassirte bei den einzelnen Mitgliedern die von diesen ge-
| zeichneten Beträge ein. Dann besorgte er die Anschaffung von Faschinen und Reisigbündeln, an denen die junge Austernbrut sich festsetzen konnte, und' bestellte zwei Fässer frische Austern zu je 100 Stück, die an der paffenden Stelle in der Bucht ausgesetzt werden sollten. Sobald die Fässer angekommen waren, theilte dies Consul Block den Interessenten mit und fügte hinzu, daß er schon am nächsten Tage mit seiner Jacht in See gehen werde, um die vielversprechende Austernbank anzulegen. Gleichzeitig lud er die Actionäre ein, diesem wichtigen Acte und einem darauf folgenden Frühstück an Bord beizuwohnen. Da nun diese letzteren bei den Feinschmeckern eines gewissen Rufes genossen, sagten alle Eingeladenen mit Vergnügen zu. Am andern Tag jedoch wehte ein ziemlich steifer Wind über die See daher und so drückte sich die Mehrzahl der Actionäre und nur der muthige Postdirector ließ es sich nicht nehmen, den Director und die beiden Vorstandsmitglieder zu begleiten.
Die andern erschienen am Landungsplätze und begnügten sich damit, der absegelnden „Wildente" ein lautes Hurrah nachzuschicken, welches die an Bord Befindlichen kräftig erwiderten.
Es dauerte geraume Zeit, ehe die Jacht gegen den Wind aufkreuzend jene Waldspitze erreichte, wo man den Grund und die Meeresströmung für das Unternehmen als am günstigsten vermuthete.
Nachdem die Anker ausgeworfen und die Jacht beigedreht war, machte sich allgemein die Ansicht geltend, zu dem großen Werke sich vorerst zu stärken. Doch der Consul war dagegen und meinte, zuerst müsse das Geschäft erledigt werden, nachher könne man in aller Ruhe frühstücken.
(Schluß folgt.)


