Einzelbild herunterladen

Nr. 128.

Freitag den 6. Juni

1890

Der

Hk-ener Anzeiger erleb eint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

MnmittenStLtler werden dem Anzeiger VtScherrllich dreimal bdgetegt

Meßmer Anzeig er

Kmerat-Unzeiger.

Vierteljähriger AvoanementspretL» 2 Mark 20 Pfg. m« Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expeditisa und Druckerei:

Kchutstraße Ar.H« Fernsprecher 51.

Amts- und AnzelSeblatt für denKreis Gieren.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen«

SBSSSBBSSBSSZSS ! LBU-'U LJ!»___gessssssss

>«** «njeid«. »u»« N°chE° für dm 1 5^5^6^001?: ßtefietter AamilienßläLter.

folgenden Tag erscheinenden Nummer brS Norm. 10 Unr. | <5 O *c ö

Amtlicher Theil.

Gießen, am 30. Mai 1890. Betr.: Die Fleischbeschau.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen <an die Großh. Bürgermeistereien der 8 and gemeic den deS KreiseS.

Bei den neuerdings stattgehabten Erhebungen über das Vorkommen der Tuberkulose unter dem geschlachteten Rindvieh hat sich ergeben, daß bei Ausübung der Fleischbeschau die bestehenden Vorschriften nicht allenthalben so befolgt werden, wie es im Interesse der Sache geboten ist. Es hat sich namentlich gezeigt, daß die Fleischbeschauer in der nach § 5 ihrer Instruction vom 10. April 1880 vorgeschriebenen Führung eines Tagebuchs theilweise sehr nachlässig sind. Ferner wird vielfach den Bestimmungen des § 8 der Fleischbeschauordnung entgegen die Genießbarkeit des Fleisches kranker Thiere ohne Zuziehung eines Thierarztes blos von dem Fleischbeschauer bescheinigt.

Wir bestimmen daher unter Bezugnahme aus die bestehen­den Vorschriften das Folgende:

1) Sie haben alsbald den Fleischbeschauern das für die erwähnten Tagebücher nölhige Formularpapier zu liefern. Von solchem Papier hat sich jeder Fleischbeschauer und der Stellvertreter eines solchen zwei Tagebücher mit dauerhaftem Einband in seinem seiner Thätigkeit entsprechenden Umsange aus Gemeindekosten anfertigen zu lassen. Mit diesen beiden Tagebüchern ist alle Kalendervierteljahr zu wechseln und das letztgeführte Tagebuch, sowohl des Fleischbeschauers als des Stellvertreters, und einerlei, ob Einträge stattfanden oder nicht, nach Quartalsschluß, und zwar jedesmal in den ersten 10 Tagen der Monate April, Juli, October und Januar durch Ihre Vermittelung dem betr. Kreisveterinäramre zur Revision ein­zusenden, welches vor Beendigung des nächsten Vierteljahrs dann das reoidirte Tagebuch jedesmal mit Reoisionsbemerk versehen wieder zurückzugeben hat.

2) In allen Fällen, in welchen nach § 8 der Fleisch­beschauordnung die Zuziehung eines Thierarztes erforderlich wird, hat derselbe seine Entscheidung unter Angabe der Krank­heit des Schlachtthiers in das Tagebuch des betr- Fleisch­beschauers in die SpalteBemerkungen" selbst einzutragen und mit Ramensunlerschrift zu versehen.

3) Sie selbst werden angewiesen, von dem Aussichtsrecht über die Fleischbeschau möglichst Gebrauch zu machen und jede Uebertretung uns unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.

4) Die oben verfügte Einsendung der Tagebücher der Fleischbeschauer hat zum erstenmal im Monat October d. I. zu erfolgen.

5) Bis zum 20. Juni d. I sehen wir Ihrer berichtlichen Anzeige darüber entgegen, daß Sie die Fleichbeschauer und

deren Stellvertreter von vorstehenden Bestimmungen in Kennt- niß gesetzt und denselben die erforderten Tagebücher zugestellt haben.

Die Formulare für die Tagebücher sind aus der Bekker- schen Hosbuchdruckerei zu Darmstadt zu beziehen, sowie aus der Schreibmaterialienhandlung von Wilhelm Klee dahier, v. Gagern.

Rr. 16 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. o. M., enthält: (Nr 1900.) Bekanntmachung, betreffend die Uebergangs- abgabe für geschrotetes Mah und die Steuerrückvergütung für ausgeführtes Bier in Bayern. Vom 29. Mai 1890.

Gießen, den 4. Juni 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 4. Juni. Das heute ausgegebene Groß­herzogliche Regierungsblatt Nr. 20 enthält:

Bekanntmachung Großherzogl. Staatsministeriums, Ab­änderungen der Postordnung vom 8. März 1879 betr.

Darmstadt, 4. Juni. Zur Zeit sind bei den hessischen Dragoner-Regimentern Reservisten in größerer Anzahl ein­beordert worden, die einer vierwöchentlichen Hebung mit der Lanze obzuliegen haben.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 4. Juni. Wegen Reizung des Brustfells ist dem Erbprinzen von Meiningen einige Tage Ruhe empfohlen.

Berlin, 4. Juni. Die Generalversammlung der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft beschloß ein­stimmig die Ausgabe von drei Millionen Mark Vorzugs- antheile mit der Maßgabe, daß den bisherigen Antheils- inhabern das Bezugsrecht zustehe.

Potsdam, 4. Juni. Die Taufe der Lochte r des Prinzen Friedrich Leopold verlief programmmäßig. Der König von Sachsen und zahlreiche andere Fürstlichkeiten waren zugegen. Die Prinzessin erhielt die Namen: Viktoria, Margarethe, Elisabeth, Marie, Adelheid, Ulrike.

Gnesen, 4. Juni. Das hiesige Domcapitel wählte den Domherrn Kraus zum Administrator der Diözese Gnesen.

Karlsruhe, 4. Juni. Generalstabschef Graf W a l d e r s e e, welcher in Baden-Baden aus dem Schloß übernachtete, hat heute per Extrazug die strategischen Bahnen besichtigt. An der Fahrt nahmen die Prinzen Karl und Max, die Minister Turban und Ellstädter, sowie der commandirende General v. Schlichting Theil. Abends halb zehn Uhr traf Waldersee wieder in Baden-Baden ein.

Paris, 4. Juni. Das Zuchtpolizeigericht verurtheilte den Marquis Mores wegen Aufreizung zu Ansammlungen anläßlich der Kundgebung am 1. Mar zu drei Monaten Ge- sängniß, den Mitangeklagten Arbeiter Ballen zu einem Monat.

Paris, 4. Juni. Der Herzog von Orleans wurde gestern Abend auf telegraphische Weisung sreigelassen und im Nachteilzug nach Delle aus Schweizer Gebiet geleitet, von wo er über Ostende nach England zurückkehrt. Die Haft währte 116 Tage. Man erwartet Angriffe in der Presse und in der Kammer auf die Regierung wegen der Begnadigung.

Basel, 4. Juni. Der gesteren sreigelassene Herzog von Orleans ist mit dem Herzog von Luynes, dem Ober­sten Perceval und anderen Personen heute Vormittag in Clairvaux eingetroffen und setzt seine Reise Abends nach Brüssel fort.

Der Vicomte Gontaut-Biron, von 1872 bis 1878 französischer Botschafter in Berlin, ist nach langem Leiden gestorben.

Bern, 4. Juni. Der neue deutsch-schweizerische Niederlassungsvertrag tritt am 20. Juli 1890 in Wirksamkeit und bleibt bis zum 31. December 1900 in Kraft. Die Auswechselung der Ratificationsurkunden soll bis spätestens den 10. Juli in Bern stattfinden. Artikel 2 lautet wörtlich: Um die in Artikel 1 bezeichneten Rechte beanspruchen zu können, müssen die Deutschen mit einem Zeugniß ihrer Ge­sandtschaft versehen sein, daß der Inhaber die deutsche Reichs­angehörigkeit besitzt und unbescholtenen Leumund genießt."

Bukarest, 4. Juni. Die europäische Donaucommission beschloß neue Durch stich ar beit en, welche den Laus des Stromes zwischen Galatz und Sulina um 8 Kilometer ab­kürzen sollen.

Petersburg, 4. Juni. Heute Nachmittag fand in Zars­koje-Selo zu Ehren des Prinzen von Neapel eine Parade des Gardehusaren-Regimentes statt. Großfürst Nicolaus Sohn und Großfürst Paul defilirten an der Spitze des Regiments, der Czarewitsch an der Spitze seiner Escadron vor dem Prinzen von Neapel. Nach der Parade fand ein Dejeuner beim Großfürsten Wladimir, Abends ein Galadiner beim italienischen Botschafter statt, welch letzterem sämmtliche Minister, die höchsten Hofchargen und Würdenträger bei­wohnten. Bei der Rückkehr nach der italienischen Botschaft wurde der Prinz von dem zahlreichen Publikum lebhaft be­grüßt. Der Prinz tritt morgen eine zweitägige Excursion nach Finnland an.

Sofia, 4. Juni. Die Ausweisung der im Panitza- Processe Freigesprochenen erfolgte aus Gründen der Staatssicherheit.

Die bulgarische Regierung ersuchte den griechi­schen Geschäftsträger, der griechischen Regierung für den

Fenilleton.

Die Generalversammlung.

Aus der Naturgeschichte des Vereinslebens.

Von Hermann Robert.

(Nachdruck verboten.)

Gemeinnütziger Verein zu Schenkhausen. Die verehrlichen Vereinsmitglieder werden hierdurch zu der Dienstag den 3. Februar d. I., Abends Punkt 8 Uhr, im Saale desGoldenen Adlers" stattfindenden 20. ordent­lichen Generalversammlung des Vereins ergebenst eingeladen. Tagesordnung: 1. Bericht über das verflossene Vereins­jahr. 2. Rechnnngsablage. 3. Neuwahl des Vorstandes. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um recht zahlreiches und pünktliches Erscheinen gebeten.

Der Vorstand.

Der Vorsitzende des Gemeinnützigen Vereins, der ehe­malige Stadtverordnete und Rentner Herr Gottlieb Menzel, verabschiedete sich am besagten 3. Februar mit etwas sorgen­durchfurchter Stirn nach dem gemeinsamen Abendessen von seiner treuen Lebensgefährtin.

Ich gehe in den Adler zur Generalversammlung des Gemeinnützigen."

Gute Nacht, Männchen, daß sie Dich nur nicht absetzen."

Die Sorge vor Absetzung war es nicht, die an Gottlieb Menzels Herz nagte. Er hatte vor nun 20 Jahren den Gemeinnützigen Verein begründen helfen, war von Anfang an im Vorstände, seit nun 12 Jahren Vorsitzender und war sich bewußt, den Verein auch im vergangenen Jahre würdig vertreten zu haben, soweit nämlich etwas zu vertreten war. Doch ebenda lag der Hase im Pfeffer.

Der Verein war seinerzeit in gerechter Opposition gegen den in den Krallen der Demagogenpartei befindlichen, oben­drein schändlich dem Trünke ergebenen früheren Bürgermeister entstanden. Als dieser den Becher, der sein letzter aus Erden werden sollte, halb geleert hatte, war er todt vom Stuhle gesunken inmitten seiner Cumpane, der Stammgäste im Rothen Löwen. Dann war ein junger tüchtiger Mann Bürgermeister geworden. Nun kamen die Ursachen zur Beschwerde über die Stadtverwaltung allmälig in Wegfall, der Gemeinnützige Verein aber blieb. Unentwegt hielt Gottlieb Menzel die Vereinsfahne auch im Sturme der eingetretenen Windstille hoch. Galt es doch, für schlimme Zeiten, die dereinst noch kommen konnten, auf der Wacht zu bleiben. Inzwischen gaben fehlende Bänke in den öffentlichen Anlagen, der wünschens- werthe Durchbruch einer Straße, die üblen Gerüche einer chemischen Fabrik, in allerneuester Zeit die Anregung einer Fernsprechverbindung und ähnliche Dinge Stoff zu wohl­durchdachten, sorgfältig ausgearbeiteten und von sämmtlichen Vorstandsmitgliedern, von jedem mit verschiedener Tinte, unter- sertigten Eingaben an die Behörden.

Aber, aber! leugnen- ließ es sich nicht die Teil­nahme der Bürgerschaft an den Vereinsbestrebungen war er­lahmt. Die früher vom Feuer der Debatte durchglühten, vom Vorsitzenden kaum zu zügelnden ordentlichen und außer­ordentlichen Generalversammlungen wurden immer schwächer besucht. Die Stimmen mehrten sich, daß der Gemeinnützige Verein nur mehr einVermeintnütziger Verein" sei. (Diesen treffenden Witz hatte ein boshafter Anonymus in einemEin­gesandt" ausgebracht, welches sich gegen die vom Verein be­kämpfte Entfernung des verkehrshinderlicheu und baufälligen, aber sehr historischen alten Stadtthors richtete.) Die letzte Generalversammlung war sogar beschlußunfähig gewesen, da außer dem Vorstaud nur ein Vereinsmitglied erschienen war.

Da hatte man 'denn in der Carnevalgesellschast eine Pinselei verübt, betiteltEine Gemeinnützige Generalversammlung", und darstellend Herrn Menzel nebst zwei Vorstandscollegen am Vorstandstische und vor ihnen unzählige leere Bänke, deren erste mit jenem einen Mitgliede besetzt war.

Das hatte doch sehr gewurmt. Um sich und den Ver­ein vor neuem Spott zu schützen, hatte diesmal Herr Menzel einige besonders zuverlässige Mitglieder durch Abends zuvor aufgegebene Postkarten dringlichst ersucht, doch ja heute Abend zu erscheinen.

Aber die geheimen Befürchtungen schlummerten nicht und schienen sich in schlimmster Weise zu bewahrheiten, als er, 5 Minuten vor 8 Uhr in den Adlersaal tretend, dort erst den Kassenwart des Vereins, den Apotheker Jeremias Büchsel, gewahrte. Gleich nach 8 Uhr erschien dann noch der Schrift­führer, Herr Hofbuchhändler Dietrich. Dann aber trat eine bedenkliche Pause ein. Herr Dietrich ließ gerade etwas von unverantwortlicher Gleichgiltigkeit gegen öffentliche Interessen" verlauten, als die Thür aufging und, gottlob, gleich zwei Herren auf einmal erschienen, derBeisitzer" im Vorstand, Herr Redacteur Unverzagt, mit seinem persönlichen und poli­tischen Freunde, dem Bierbrauer Faßloch. Kaum hatte mast sich begrüßt, da trat noch das jüngste Vereinsmitglied, Herr Märker jr. ein, der vor 3 Monaten in das Geschäft seines Vaters eingetreten war und nun eifrig begann, durch rege Theilnahme an öffentlichen Angelegenheiten und Vereinen sich bekannt und beliebt zu machen.

Dann aber öffnete sich die Thür nur noch vor dem Kellner, der mit 6 Glas schäumenden Faßloch'schen Gebräus eintrat.

Es war 83/4 Uhr und des Wartens genug, als Herrn Gottlieb Menzels Präsidentenklingel durch den Saal ertönte und seine sonore Stimme sich also erhob:

Geehrte Anwesende! Ich erkläre hiermit die zwanzigste.