Nr. 302. Erstes Blatt Sonntag den 29. December
1889
Der Hletzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-.
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Amtlicher Theil.
Gießen, den 27. December 1889. Betr.: Remunerirung des Polizeiauffichtspersonals.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grofth. Bürgermeistereien des Kreises.
Von Großherzogl. Ministerium des Innern und der Justiz ist uns für das Rechnungsjahr 1889/90 ein Betrag zur Belohnung des Polizeiaussichtspersonals zur Verfügung gestellt worden. ,
Sie wollen uns daher binnen 8 Tagen diejenigen Polt* zeibediensteten Ihrer Gemeinden, welche sich durch treue Pflichterfüllung einer besonderen Belohnung verdient gemacht haben, bezeichnen und hierbei deren Lebens- und Dienstalter sowie ferner angeben, wie viele Polizei-Anzeigen dieselben im letzten Jahre erhoben haben, und ob da» außerdienstliche Verhalten derselben zu Klagen keinen Anlaß gegeben hat.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Mittwoch den IS. Januar 1890, Nachmittags 2*/- Uhr, wird aus Lony's Felsenkeller zu Gießen (Westanlage) eine General-Versammlung de» laudwirthschaft- lichen BezirkSvereiu» abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins und der landwirthschaftlichen Localvereine und alle sonstigen Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, deü in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und aus zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung:
1. Vortrag des Herrn Dr. von Peter zu Friedberg über die Behandlungsweise und Verwendung des Stalldüngers und künstlichen Düngers
2. Vortrag des Herrn Profesiors Dr. Thaer zu Gießen über das Thema „Untersuchungen über Grundsteuer- Reinertrag, Pachtzins und Pächterkapital."
3. Antrag des Herrn Oeconomen I Güng rich aus Ausbildung junger Grobschmiede in der Reparatur und dem Schärfen der Pflüge neuerer Construction aus Kosten des landwirthschaftlichen Bezirksvereins.
4. Berathung über die Frage, aus welchen Gegenden von Seiten des Vereins im nächsten Frühjahre Saathafer bezogen werden soll.
Gießen, den 27. December 1889.
Der Director des landwirthschaftlichen BezirksoeremS Gießen. Jost.
Die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung aus den Samoa Inseln gestattet auch die definitive Wiederbesetzung des deutschen Consutats in Apia, der politischen Hauptstadt von Samoa und beschäftigt man sich in den Berliner leitenden Kreisen dem Vernehmen nach mit dieser Angelegenheit. Der bisherige deutsche Consulatöverweser in Apia, Legationsrath I Dr. Stübel versah sein Amt nur interimistisch, er war ledig lich infolge der Wirren auf Samoa durch das besondere Vertrauen des Reichskanzlers dorthin berufen worden und wird demnächst auf seinen früheren Posten — Dr. Stübel war Gcneralconsul in Kopenhagen — zurückkehren. Daü Consulat in Apia aber soll mit seinem früheren Inhaber, Dr. Knappe, wieder definitiv besetzt werden und dies wäre gewiß die glänzendste Genugthunng für Herrn Dr. Knappe, nachdem dessen Thätigkeit aus Samoa vielfach so schars angegriffen worden ist.
Dem brasilianischen Gesandten in Berlin ist jetzt von seiner Negierung ebenfalls die vsficiellc Mittheilung von dem Erlasse gemacht worden, welcher die Neuwahlen zur consti- tuirenden brasilianischen Versammlung aus den 15. September 1890 auöschreibt und den Zusammentritt derselben ans den 15. November 1890 festsetzt. In dieser Mitthcilnng heißt eö nun, diese Fristen seien deßhalb so knrz wie möglich bemessen worden, da ein neueö Wahlsystem eingeführt werden solle und auch neue Listen znr Ausnahme der vielen neuen Wähler, denen die provisorische Regiernng das Wahlrecht verliehen hat, ausgestellt werden sollen. Diese Begründung nimmt sich freilich recht sonderbar aus, da man doch meinen sollte, daß die genannten Vorbereitungen gerade Zeit erforderten, aber schließlich sind jene Wahl fristen auch gar nicht so „kurz" bemessen, denn der betreffende Erlaß der brasilianischen Regierung erschien im December, die Wahlen aber sollen erst nach neun Monaten stattfinden — das ist doch wohl keine kurz bemessene Zwischenzeit! Ueberhaupt scheint es aber, als ob sich die augenblicklichen Machthaber in Rio bemühten, das Ausland über die wahren Zustände in der neugebackenen Republick Brasilien zu täuschen, denn es sind in New York Meldungen aus Montevideo eingegangen, welche über neuerliche in Brasilien stattgesundenc Ruhestörungen lind Unordnungen berichten nnd die Lage der provisorischen Regierung als kritisch schildern, so daß Brasilien ein blutiger Bürgerkrieg als Folge des Sturzes des Kaiscrthumes vielleicht doch nicht erspart bleiben wird.
Anläßlich der jüngsten Oberdank-Demonstrationen in ver schicdenen italienischen Städten war auch das Gerücht ansge- taucht, der jetzige Unterstaatssecretär im italienischen Ministerium des Auswärtigen, Fortis, habe zu Oberdank und dessen Attentat in Beziehungen gestanden. Von osficiöser italienischer Seite wird nun dieses Gerücht als vollständig aus der Lust gegriffen bezeichnet und ließ sich eigentlich von vornherein denken, daß es sich hierbei nur um ein müssiges Gerede handeln konnte.
Gesunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 gold. ^^aillon, 1 kleines Mefferchen, 1 Säge (Fuchsschwanz), 1 Sack Soda.
Gießen, am 28. December 1889.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
F r e f e n i u ».
Deutsche- Reich.
Darmstadt, 27. December. Die zweite Kammer wird, wie man aus sicherster Quelle hört, auf den 21. Jan. zur Plenarsitzung eil,berufen und die Session voraussichtlich bis Ende Januar dauern. Die Berathung der Secundärbahn- Vorlage wird einer später zu bcrusenden Tagung Vorbehalten
politische Uevevsicht.
Gießen, 28. December.
Die weihnachtliche Stille aus dem Gebiete der inneren deutschen Angelegenheiten ist durch keinerlei bemerkenswerthes Ereigniß unterbrochen worden nnd voraussichtlich wird erst nach Neujahr wieder mehr Leben in die innere Politik kommen. Am 8. Januar nimmt zunächst der Reichstag seine durch dic Weihnachtsserien unterbrochene Thätigkeit wieder auf und eine Woche später tritt auch der preußische Landtag zu seiner Wintersession zusammen, über deren Vorlagen freilich noch wenig genug bekannt ist. Was den Reichstag anbelangt, so I gilt es für ihn vor Allem, die zweite Berathung des Etats zu Ende zu führen, während über sein weiteres Arbeitsprogramm noch nichts Bestimmtes verkantet. Vcrmuthlich wird aber nach Erledigung der zweiten Etatslesung die Special- bcrathnng der Socialisten - Vorlage in Angriff genommen werden, deren Aussichten allerdings noch immer recht dunkel sind: alsdann dürfte wohl endlich auch die Dampfer-Vorlage für Ostasrika an die Reihe kommen. Jedenfalls wird aber der Reichstag noch bis in den Februar hinein tagen müssen und ist es nicht unwahrscheinlich, daß er erst kurz vor dem 21. Februar geschlossen werden wird, an welchem Tage bekanntlich fein Mandat erlischt. 1
bleiben.
Berlin, 24. December. Der Generallieutcnant v. Alten ist zum Gouverneur der Festung Ulm, der Generallieutenant v. Versen zum Commandeur der Garde-Cavallerie-Division ernannt. Der Generalmajor von der Planitz ist mit der Führung der Cavallericdivision des 15. Armeecorps und der Commandeur des dritten Garde - Ulanen-Regiments Oberst v. Kleist mit der Führung der zweiten Gardc-Cavallerie- Brigade beauftragt.
Potsdam, 24. December. Se. Majestät der Kaiser wohnten hente Nachmittag der Wcihnachtsbescheerung beim Lehr-Jnfanterie-Bataillon bei. Die Weihnachtsbescheerimg für die kaiserliche Familie, welcher beide Majestäten, die Mutter der Kaiserin, Prinz und Prinzessin Leopold und der Erbprinz von Meiningen nebst Gemahlin beiwohnten, fand Nachmittags 5 Uhr im Muschelsaale statt, wo zwei große und fünf kleine Christbäume ausgestellt waren. Unter den Geschenken für die drei ältesten Prinzen befanden sich drei vom Sultan geschickte Sättel von blauem Sammet mit breiter aolbener Stickerei und vergoldeten Steigbügeln.
München, 25. December. Wie die „Allgem. Zeitung meldet, hat der Prinzregent genehmigt, daß die bayerischen Briefmarken in den für die Werthzeichen des Weltpostvereins geltenden Farben hergestellt werden. Die neuen Marken werden von Neujahr 1890 ab, resp. nach dem
gänzlichen Verbrauch der alten bai rischen Marken verkauft werden. __________________________________
Ausland.
Paris, 26. December. Wie die Abendblätter melden, nimmt die Influenza feit zwei Tagen hier einen ernsteren Character an. Die Krankheit, welche zuerst gutartig auf trat, geht jetzt oft in Lungenentzündung und Lungencongestionen üffcr. Die Krankenhäuser reichen nicht auö, die Kranken aufzunehmen, cö werden deßhalb in den Höfen und Gärten der Krankenhäuser Zelte für dic Kranken ausgeschlagen. In der letzten Woche betrug dic Zahl der Gestorbenen nach dem amtlichen Ausweis 200 mehr als in der vorhergehenden Woche.
Charleroi, 24. December. Der Strike der Kohlen grub enarbeiter in den Kohlenwerken von Mambvurg, Sacre Madame, PayS de Liege und den Vereinigten Gruben dauert fort und hat sich auf die beiden Kohlenbecken von Monceau und Fontaine ausgedehnt. In Amercoeur und Rochelle ist dic Arbeit theilweise, in Bonbier und Ormont vollständig wieder ansgenommcn. Dic Zahl der Strikenden beträgt gegen 6700, nämlich in Charleroi 1160, in Damprcmy 195, in Montigny 880, in Gilly 385, in Lodelinsart 520, in Jumet 740, in Roux 315, in Chatclincau 770, in FleuruS 720, in Lambuffart 350, in Marchienne 640. Die Strikenden, welche sich übrigens ruhig verhalten, verlangen 15—20 pCt. Lohnerhöhung.
Charleroi, 26. December. Der Strike der Kohlen grubenarbeiter hat heute wiederum au Ausdehnung zu- gcnommen. Die Zahl der Strikenden in dem Kohlengebiet von Charleroi beträgt jetzt 10400. Die Ruhe ist nicht gestört.
Rom, 24. December. Bei dem heutigen WcihnachtS- empsange der Eardinäle hielt der Papst eine längere Ansprache, in welcher derselbe die Verfolgungen und schrecklichen Kämpfe hervorhob, denen die Sl'irdje insbesondere in Italien ausgesetzt sei- katholische Institutionen würden mit allen Mitteln bekämpft, sowohl Institutionen, welche der Verbreitung des Glaubens dienten, als auch solche, welche die Linderung der Noth unter der Menschheit zum Zwecke hätten. Unter solchen Umständen mache sich der Mangel an wahrer Freiheit, welche zur Ausübung des apostolischen Amtes absolut nothwendig sei, immer mehr fühlbar. Der Papst kündigte außerdem eine Encyclica über die katholischen Pflichten an.
Lissabon, 26. December. Das Befinden des Königs ist besser, er konnte heute das Zimmer verlassen.
Belgrad, 25. December. Vor einigen Tagen kamen etwa 250 Arnauten bei Toplitza über die serbische Grenze unter dem Vorwande, Holz holen zu wollen, und beantworteten die Aufforderung des Commandantcn der serbischen Grenzwache zur Umkehr mit Gewehrschüssen. Bei dem darauf entstandenen Kampfe und Handgemenge wurden der Commandant und ein Untcrofpcier der serbischen Grenzwache verwundet. Die serbische Regierung hat in Folge dessen bei der Psorte Vorstellungen erhoben.
Zanzibar, 26. December. (Meldung dcö Bureau Reuter.) Der Dampfer „Mansurah" segelt morgen mit 250 Personen von dem Gefolge Emins nach Suez. Stanley und dessen englische Osfizierc reisen am 30. December nach Egypten ab.
Rio de Janeiro, 26. December. (Telegramm des Bureau Reuter.) Ein vom 23. dö. M. batirter Erlaß der Regierung ordnet an, daß alle des Aufruhrs, der Bestechung des Militärs ober ber Opposition gegen bic Republik be- schulbigten Personen vor ein Kriegsgericht gestellt werben sollen. .
— Die Regierung hat ein für die Opposition cm* tretendes Blatt unterbrürft._____
Neueste Nachrichten.
Wolff- telegraphisches Correfpondenz-Bureau.
Köln, 27. December. Die „Köln. Ztg." meldet ans Zanzibar, Morgens: Ehlers sei mit einer Abteilung deö Wißmann'schen Expeditionscorps von Pangam zum Kilimandscharo aufgebrochen, nm im Auftrage des deutschen Kaisers dem Fürsten Moschi Geschenke zu überbringen. Wißmann verbleibt an der Küste. r
Elberfeld, 27. December. Die Verhandlungen des Socialistenprozesses wurden heute geschlossen. Die Angeklagten sind nochmals auf Montag Nachmittag vorgeladen und wird wahrscheinlich die UrtheilSverkündigung an diesem
Karlsruhe, 27. December. Der Großherzog ist leicht I erkältet und hütet das Zimmer.


