Nr. 961 Freitag den 26. April 1889«
Hießemr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstr-ß- 7. ‘ Erscheint täglich mit Ausnahme des M-ntagS. W«ÄÄU
Bekanntmachung.
Die unterzeichnete Behörde wird Saru-tag de« 11. Mai l. I., von Vormittags 10 Uhr an, einen Amt-tag im Rathhause zu Grünberg abhalten und bleibt es den Kreisangehörigen aus den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubringen.
Gießen, am 18. April 1889. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
____________________________________________________________v. Gagern.______
Betreffend: Die Abhaltung von Amtstagen in Grünberg. Gießen, am 18. April 1889.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
en die in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg and La ab ach gelegenen Bürgermeisterei,« des Kreises Gießen
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie Ende dieses Monats auf ortsübliche Weife zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.
.___________________________________________ v. Gagern.___
Betreffend: Die Ableistung des Huldigungs- und Verfaffungseides. Gießen, am 18. April 1889.
Das Grohhcrzogltche Kreisamt'Gießen
an die «rotzherzoglichen Bürgermetstereien^des «teile!»
Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides Seitens der neu ausgenommen« Orkbürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Untertanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, verheirathet haben, soll wie folgt stattfinden: *w‘*
1) nämlich derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Grünberg und Homberg liegenden Gemeinden
SamStag den 11» Mai L I., Vormittags 11 Uhr, in dem Rathhause zu Grüuberg;
2) derjenigen aus den in dem Amtsgerichtsbezirke Gießen liegenden Gemeinden:
Dienstag den 14» Mai L I., Vormittags 11 Uhr, in dem Regierungsgebäude (auf dem Brand) zu Gieße«;
3) derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach liegenden Gemeinden:
Donnerstag den 16. Mai I. I., Mittags 1 Uhr, in dem Rath Haufe zu Lich;
4) derjenigen aus den in den Amtsgerichtsbezirken Hungen, Nidda und Laubach liegenden Gemeinden:
Donnerstag den 23. Mai L I., Mittags 1V< Uhr, in dem Rathhause zu Hungen.
Wir beauftragen Sie hierdurch die betreffenden Personen zu den Terminen vorzuladen und wie geschehen unter Angabe der Namen der Vorgeladenerr anzuzeigen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten sich dergleichen Personen auswärts aus, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben. «
v. Gagern.
Politische Rundschau.
Gießen, 25. April.
Die österliche Ruhepause waltet auf dem Gebiete der inneren Politik noch immer merklich vor, denn dürftig genug fließt das Nachrichtsmaterial. Bemerkenswerth erscheint indessen eine Berliner Meldung, wonach dem Bundesrathe auf Antrag Preußms ein Entwurf zur Abänderung des § 4 des Strafgesetzbuches, betr. die im Auslande begangenen Verbrechen und Vergehen, nebst Gesetzentwurf und Begründung zugegangen ist. Der Antrag, dessen Wortlaut noch nicht vorltegt, soll im engsten Zusammenhänge mit der Straf- und Preßgesetznovelle stehen und wird er sofort im Justtzausschusse des Bundesrathes zur Berathung gelangen, um später, wie versichert wird, zugleich mit der Novelle zum Strafgesetz dem Reichstage vorgelegt zu werden.
Am Ostersonntag verschied in Friedenau bei Berlin der Geh. Oder- RegierungSrath a D. Wagener im Alter von 74 Jahren, der im politischen Leben der 70er Jahre eine hervorragende Rolle spielte. 1866 wurde Wagener, der ein eifriges Mitglied der altconservativen Partei in Preußen war, zum Vortragenden Rath im preußischen Staatsministerium berufen, da Fürst Bismarck glaubte, durch Wagener einen Theil der Altconservativen an seine Politik ketten zu können; auch wurde Wagener vom Fürsten Bismarck in socialen Fragen häufig zu Rathe gezogen. Am 1. Januar 1873 berief den Verstorbenen das Vertrauen des leitenden Staatsmannes in die einflußreiche Stellung eines ersten Rathes im Staatsmtnistertum, aber Wagener verwerthete dieselbe zur Einfädelung und Begünstigung von verschiedenen unsauberen Unternehmungen und dieses Treiben deckte Eduard Lasker im preußischen Abgeordnetenhause in seiner berühmten Rede vom 7. Februar 1873 schonungslos auf. Wagener mußte infolge dessen seinen Abschied nehmen und wurde er außerdem gerichtlich zum Ersatz von 40,000 Thalern verurtheilt. Völlig gebrochen zog sich Wagener hierauf aus oem öffentlichen Leben zurück und der einst so vielgenannte Name dieses Mannes gerieth bald in gänzliche Vergessenheit; jetzt ist sein Name durch den Tod Wageners dem lebenden Geschlechte noch einmal in Erinnerung gebracht worden.
Die drei Delegirten der Unionsregierung zur Samoa-Eonferenz, die Herren Bates, Kasson und Phelps, werden in diesen Tagen in Berlin erwartet. Sie sind unterwegs, in Queenstown, über ihre Stellungnahme auf der Eonferenz „interviewt" worden und äußerten sie sich, wenigstens die Herren Bates und Kasson, hierbei in überraschend entgegenkommender und versöhnlicher Weise, so daß die Gerüchte über die „scharfen" Instructionen, welche die amerikanischen Delegirten von ihrer Regierung empfangen haben sollten, wahrscheinlich bedeutend übertrieben worden sind.
Die österreichische Hauptstadt hat ziemlich bewegte Osterfeiertage verlebt, da fich an den am Ostersonntag ausgebrochenen Strike der Wiener Pferdebahnkutscher Straßenunruhen knüpften, die hie und da sogar einen offen revolutionären Charakter trugen. Wiederholt mußte Militär einschreiten, wobei verschiedene Verwundungen vor- | kamen und weit über 100 Verhaftungen oorgenommen wurden, welche weniger die ; strikenden Kutscher als vielmehr tumultutrende Burschen betrafen. Der Kaiser, welcher ' am Dienstag Morgen von Ischl in Wien eintraf, ertheilte alsbald dem Polizei-Präsi- |
denten eine Audienz und ließ sich von ihm eingehend Bericht erstatten. Der Strike der Pferdebahnkutscher selbst dauert unvermindert fort und hat insofern noch eine weitere Ausdehnung erfahren, als auch das Aushilfspersonal infolge Bedrohung durch die Strikenden am Dienstag die Arbeit einstellte; der Pöbel verhält sich andauernd excessiv. Am Dienstag Abend kam es namentlich in dem Bezirk Favoriten und dem Vororte Hernals zu bedeutenden Ausschreitungen, wobei die nach Tausenden zählende Menge das anrückende Militär mit Steinwürfen bombardirte. Die Cavallerte hieb schließlich mit Säbeln auf die Tumultuanten ein, während Infanterie mit gefälltem Bajonet oorging, wobei zahlreiche Verwundungen vorkamen. Nach Vornahme vieler Verhaftungen war Abends 10 Uhr die Ruhe wieder hergestellt.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's lelegr. Correspondenz-Bnreaik
Berlin, 24. April. Der „Reichsanzeiger" veröffentlichst die Ernennung des Geheimen Regierungsraths Grafen Hue de Grats zum Regierungspräsidenten irr Potsdam.
Berlin, 24. April. Achter deutscher Geographentag. Die Eröffnungssitzung fand Vormittags halb 11 Uhr statt. Der Ehrenpräsident, Cultusminister o. Goßler» hieß die Versammlung herzlichst willkommen. In der Eröffnungsrede wies er a»f den vom Deutschen Reiche seit seinem Bestehen den Bestrebungen des Congrffses geleisteten wichtigen Vorschub hin, andererseits auf den fruchtbringenden Einfluß, den die preußische Unterrichtsverwaltung aus jenen Bestrebungen erhalten. Anwesend waren Staats- secretär v. Maltzahn, Minister v. Scholz, zahlreiche Mitglieder des Bundcsraths, der Unterrichtsverwaltung, des Generalftabs und viele Gelehrte. Zu Vorsitzenden wurden Professor v. Rtchthofen und Gueßfeldt gewählt. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des letzten Congresses, Geheimrath Hardeck-Karlsruhe, gab v. Rtchthofen eine Uebersicht der Entwickelung und die Ziele des 1881 durch Nachttgal hier gegründeten Congresses.
Berlin, 24. April. Der Geographentag beschloß in seiner Nachmittagssitzung, von den noch übrigen 12,000 JL der in Berlin für das Nachttgal-Denkmal gesammelten Gelder 7000 für eine Büste im Völkermuseum, 4000 Jt Zuschuß zu der in seinem Geburtsort Stendal zu errichtenden Statue und den Rest zur Herausgabe seines wissenschaftlichen Nachlasses zu verwenden. Kirchhoff (Halle) gab den Bericht der Central- Commission für wissenschaftliche Landeskunde Deuischlands; Supan (Gotha) sprach über specialgeographtsche Literatur; Richter (Graz) über die Vorschläge zur einer sachgemäßen Stoff- und Arbettstheilung der deutschen geographischen Zeitschriften.
Kiel, 24. April. Der Kaiser übersandte Klaus Groth anläßlich des siebzigsten Geburtstages seine besten Glück- und Segenswünsche und verlieh ihm den Rothen Adlerorden 3. Classe. Die Stadt überreichte eine Adresse, wonach der Platz bei der Wohnung deö Dichters für immer Grothplatz benannt wird. Seitens der Universität gratulirten Hänel und Busolt. Das Festcomitö, unter Führung des Bürgermeisters Fuß, überreichte eine Ehrengabe. Zahlreiche Briefe und Telegramme find aus allen Theilen Deutschlands eingettoffen.
München, 24. April. Den letzten Nachrichten aus Hohenschwangau zufolge veranlaßten eingetretene Verdauungsstörungen eine weitere Abnahme der Kräfte der


