Nr. 22. Samstag den 26. Januar 1889
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
reiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 PK
Amtlicher HHeil.
Betreffend: Die Ueberwachung der in fremde Pflege gegebenen Kinder unter 6 Jahren. Gießen, am 19. Januar 1889.
Das Grotzherzogiiche Krcisamt Gießen
.4tt d ie Grotzherzo glich en Bürgermeistereien des Kreises.
Wir machen Sie wiederholt daraus aufmerksam, daß Sie verpflichtet find, die Ab- und Zugänge von unter 6 Jahre alten, in fremde Pflege gegebene« Kindern alsbald dem Grobherzoglichen Kreisgesundheitsamt Gießen anzuzeigen und hierbei sowohl die Namen der Pflegkinder, als auch der Pflegeltern genau
anzugrben.
v. Gagern.
Das Großhcrzogliche Steuer-Commiffariat Gießen
an die Großherzoglichen Ortsgerichtsvorsteher des Bezirks.
Wir ersuchen diejenigen von Ihnen, welche hiermit noch im Rückstände sind, um alsbaldige Rücksendung der Bau- und Cultur.Veränderung«. Verzeichnisse, nachdem in solchen die Offenlegung von Ihnen bescheinigt ist.
Gieße», am 24. Januar 1889. Süffert.
Politische Rundschau
Gießen, 25. Januar.
Zum ersten Male seit dem denkwürdigen 22. März 1887, dem 90. und zugleich letzten Geburtsfeste Kaiser Wilhelms I., schickt sich Alldeutschland wieder an, eine KaifergeburtstagS-Feier zu begehen. Ein Menschenalter vollendet Kaiser Wilhelm II. am bevorstehenden Sonntage und ist es zugleich das erste Geburtsfest, welches der jugendliche Monarch am heurigen 27. Januar als Kaiser und König feiert. Da das große Trauerjahr 1888 Deutschland überhaupt keinen Kaisersgeburtstag brachte, so soll der den schmerzlichen Ereignissen des vergangenen Jahres nun zum erstenmale folgende Geburtstag Kaiser Wilhelms II. nun um so festlicher und freudiger begangen werden, und in allen Gauen des Reiches hat man sich bereits zur würdige:! Feier dieses Tages gerüstet. Die von Berliner Blättern gebrachte Meldung, .daß sich anläßlich des Geburtsfestes des Kaisers die deutschen Fürsten wiederum, wie am 25. Juni vor. Jahres, dem Tage der Eröffnung der außerordentlichen Retchstagssession, in Berlin etnsinden würden, um so aus's Neue die unverbrüchliche Treue der deutschen Stämme zu Kaiser und Reich darzuthun, bedarf indessen noch der Bestätigung von competenter Seite. Bis jetzt ist für Sonntag nur der Besuch des Königs von Sachsen, des Großherzogs von Hessen, des Herzogs von Altenburg, beider Fürsten von Reutz und des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt am Berliner Hofe bestimmt angekündtgt.
Das preußische Abgeordnetenhaus wurde am Dienstag und Mittwoch durch die Generaldebatte über den Etat in Anspruch genommen, die jedoch ungewöhnlich glatt und ruhig verlief und nirgends den Rahmen einer sachlichen Discussion überschritt. Dieselbe endete mit der üblichen Ueberweisung einer Reihe von Etatsposittonen an die Bud^etcommlssion, worauf das Haus noch Rechnungssachen erledigte und den Entwurf betr. die Ergänzung zum Volksschullastengesetze an eine besondere Eommission überwies. Reu etngegangen ist die Hochwasser-Vorlage.
Das Hinscheiden des commandirenden Admirals, Vice-Admirals Grafen Monts hat zu mehrfachen Veränderungen im OfstziereorpS der Marine Anlaß gegeben. Zunächst ist durch kaiserliche Cabinetsordre der Chef der Marinestatton der Ostsee, Vice-Admiral v. Blanc, zur Disposition gestellt worden, während Contre-Admiral Knorr zum Vice-Admiral, die Capttäns zur See Häußner und Scheertng zu Contre- Adn träten ernannt wurden: als designirter stellvertretender Chef der Admiralität gilt Vice-Admiral o. d. Goltz, Chef der Marine-Station der Nordsee.
In der Stichwahl im Reichstagswahlkreise Kehl-Offenburg siegte der Centrums- candidat Reichert mit einigen hundert Stimmen Mehrheit über seinen nattonalltberalen Gegner v. Bodman, da die Socialdemokraten Mann für Mann für den Centrums- candtdaten stimmten. Es ist dies das siebente Reichstagsmandat, welches den National- liberalen feit den allgemeinen Wahlen des Jahres 1887 verloren geht.
Zur allgemeinen Lage ist aus dieser Woche von russischer Seile eine recht friedliche Aeußerung zu verzeichnen. Das hochoffictöse „Journ. de St. Petersb." drückt seine Genugthuung über Artikel der Wiener „Militärzettung" betreffs der russischen Reichswehr und des „Daily Telegraph" über die friedlichen Gesinnungen des Czaren aus und erklärt das Petersburger Regierungsblatt, es sei nur zu wünschen, daß derartige Anschauungen in conscroativen Kreisen immer mehr zur Geltung gelangten. Schließlich versichert das Blatt, Rußland bleibe seinen Freundschaften treu und sei immer bereit, volle Gegenseitigkeit bei guten Beziehungen obwalten zu lassen. — Diese Kundgebung des „Journ. de St. Petersb." dürfte höchstens an der Seine einiges Unbehagen verursachen, sonst aber überall nur mit Befriedigung ausgenommen werden.
In der spanischen Deputirlenkammer gelangte dieser Tage die Angelegenheit des früheren Botschafters Spaniens am Berliner Hofe, Grafen de Benomar, zur Erörterung. Aus den Mittheilungen Armijos, des Ministers des Auswärtigen, auf dessen Betreiben hin die Abberufung de Benomars aus Berlin erfolgt sein sollte, ist zu entnehmen, daß sich der spanische Staatsrath zunächst noch mit der Angelegenheit des Grafen Benomar zu befassen hat, daß dieselbe jedoch zu keinerlei Mißhelligkeiten zwischen Spanien und Deutschland Anlaß gab.
Für die französische Hauptstadt bringt die jetzige Woche eine an Aufregungen reiche Wahlperiode zum Abschluß. Am Sonntag wird sich die Pariser Wählerschaft zu entscheiden haben, ob'der Ultraradicale Jaques oder Boulanger, der Zukunftsdtctator Frankreichs, als 36. Vertreter der Hauptstadt in der Deputirtenkammer erscheinen soll und ganz Frankreich harrt mit größter Spannung dem Ausgange dieses eigenartigen politischen Duells zwischen Radicaltsmus und Cäsarismus. In Paris selbst sind zahlreiche Wetten auf den Ausfall der Ersatzwahl eingegangen worden, bet denen die Einsätze aus Boulanger bei Weitem am höchsten stehen.
In Serbien beginnen die Vorbereitungen für die Wahlen zur nächsten (kleinen) Skupschtina. Der mit Ausarbeitung des provisorischen Wahlgesetzes beauftragte engere Verfassungsausschuß wählte ein Unter-Comitö, aus den früheren Ministern Boskootc und Velimirovic, sowie dem Advocaten Stojanovic bestehend, welches die einleitenden Arbeiten zu treffen hat. Zugleich wurden Sachverständige nach Belgien, Dänemark, Frankreich und Griechenland zum Studium der dortigen Wahlsysteme gesandt.
Die Nachricht englischer Blätter, England und Nordamerika würden in der Samoafrage gemeinsam vorgehen, wird vom „Reuter'schen Bureau" dementirt mit dem Bemerken, England habe sich in Washington über die jüngsten Ereignisse auf Samoa noch gar nicht geäußert. Anderseits weiß der „New-Aork Herald" zu melden, daß zwischen Deutschland und Nordamerika in der Samoa-Angelegenheit eine volle Verständigung erzielt worden sei.
Deutscher Reichstag.
26. Plenarsitzung. Donnerstag, den 24. Januar 1889, 1 Uhr.
Eingegangen ist der Beschluß des Bundesrathes betr. die Einführung der Gewerbe-Ordnung für Elsaß-Lothringen.
Ein Schreiben des Reichskanzlers sucht die Genehmigung des Hauses zur strafrechtlichen Verfolgung des Abg. Grillenberger (Soc.) wegen Preßoergehens nach. Das Schreiben wird der Geschäftsordnungs-Commission zur Vorberathung überwiesen.
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Fortsetzung der zweiten Etatsberathung, Specialetat der Zölle und Verbrauchssteuern.
Abg. Gehlert (Rp.) führt Klage über die verschiedenartige Behandlung des Holzes bei der Zollabfertigung in Sachsen.
Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz glaubt, daß zu solchen Beschwerden bei dem. klaren Wortlaut der bestehenden Bestimmungen kein Grund vorliege, verspricht aber die erhobenen Beschwerden zu prüfen,
Sächs. Bundesbeoollmächttgter Zoll- und Steuerdirector Golz betont die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Nutz- und Brennholz.
Auf eine Anfrage des Abg. Lrtruckmann (natl.) erwidert Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz, daß der Bundesrath den Antrag auf Beseitigung des Petroleum-- faßzolles und eine Petition um Errichtung eines Reichstarifamtes abgelehnt habe, letztere deshalb, um die verfassungsmäßig selbständige Stellung der verbündeten Regierungen in Steuersachen nicht zu beschränken.
Abg. v. Kar dorff (Rp.) wünscht das Brennerei-Gewerbe gegen die Nachtheile zu schützen, die ihm aus dem Zollanschluß Hamburgs und den bei dieser Gelegenheit verbliebenen Privilegien erwachsen.
Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz verspricht den Beschwerden näher zu treten, kann aber über den Ausfall der Entscheidung nichts sagen.
Abg. Gamp (Rp.) meint, daß die prtvtlegirten Brennereien auf den Export beschränkt werden sollten.
Bundescommisiar Geh. Rath Neumann hält dies für unausführbar.
Abg. Broemel (5fr.) meint, daß die Vorthetle der Brennereien hauptsächlich in der zollfreien Einfuhr des Getreides bestehen, vielleicht veranlasse dies die Regierung, den Identitätsnachweis aufzuheben.
Auf eine Anregung des Abg. Graf Mirbach gibt Staatssecretär v. Maltzahn die Erklärung ab, daß oie verbündeten Regierungen die Aufhebung des Identitätsnachweises zur Zeit abgelehnt haben, weil Vie Interessen Deutschlands keine einheitlichen in dieser Frage seien und die Tragweite der Maßregel nicht zu übersehen sei.
Abg. v. Kardorff (Rp.) hofft, die verbündeten Regierungen würden bei nochmaliger Erwägung zu einer anderen Entschließung über den Identitätsnachweis kommen.
Der Titel „Zölle" wird hierauf bewilligt.
Bei dem Titel „Tabaksteuer" beantragt die Commission, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, den mehrfachen Wünfchen und Klagen der Tabakbauer gegenüber in eine Prüfung einzutreten, inwieweit sich eine Erleichterung in der Veranlagung und Erhebung der Steuer empfiehlt und das Ergebniß baldthunlichst dem Reichstage mitzuthetlen.
Durch diese Resolution sollen zugleich eine Reihe von Petitionen für erledigt erachtet werden, welche die Tabaksteuer und den Tabakzoll betreffen und der Petitions- Commission überwiesen sind.
Abg. Menzer (cons.) spricht sich dafür aus, entweder eine Ermäßigmrg der Steuer für inländischen Tabak oder Erhöhung des Zolles auf ausländischen Tabak eintreten zu lassen.
Abg. Duvigneau (natl.) schließt sich den Wünschen des Vorredners an und bittet, namentlich den kleineren Tabaksbauern die gleichen Vortheile bei der Steuerabfertigung zuzuwenden, welche heute die großen Tabaksbauern genießen. Zollerhöhungen sind bedenklich, sie beunruhigen jedesmal den Markt. Mit der Statistik muß man in diesen Dingen vorsichtig fein; der Cousum ist allerdings zurückgegangen, nicht aber die Production. Man sollte auch darauf Bedacht nehmen, daß von den Bauern ein besseres


