Nr. 300. Zweites Blatt. Dienstag den 24. December
1889.
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Amtlicher Theil.
Betr.: Amtstage des Großh- Kreisamts Gießen.
Bekanntmachung.
Die unterzeichnete Behörde wird
Sam-taa den A. Januar 1890, von Vormittag- 8 Uhr au, einen Amtstag im Rathhause zn Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingesessenen aus den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgeftellt, etwaige Anliegen in diesem Termin vorzubringen.
Gießen, am 21. December 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen v. Gagern.
Gießen, am 21. December 1889. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der in den Amt-gericht-bezirken Grünberg, Homberg und Laubach gelegenen Gemeinden deS Kreises „ Gießen.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.
v. Gagern.
Gießen', den 21. December 1889.
Betr.: Die Wahlen von Kreistagsabgeordneten durch die Bevollmächtigten der Gemeindevorstände.
Das Großherzoglichc Meisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Albach, Allen- dorf a. d. Lahn, Allert-Hausen, Belter-bain, BerSrod, Beuern, Birklar, Burkhardsfelden, Glimbach, Dorf-Gill, Oberstadt, Etting-Hausen, Garbenteich, Göbelnrod, Großen-Linden, Grünberg, Gröningen, Harbach, Hattenrod, Hausen, Holzheim, Klein - Linden, Lang - Göns, Lauter, Leihgestern, Lich, Lindenstrutb, Münster, Muschenheim, Nieder Besfiugeu, Ober Hörgern, Oueckborn, NeinhardShain, Reiskirchen, Saasen , Stangenrod, Steinbach, Stockhausen, Watzenborn-Steinberg, Weickartshain, Winnerod.
Nachdem gegen die Bekanntmachung vom 16. November l. I. — Kreisblatt Nr 273 — innerhalb der vorbestimmten Frist Einwendungen nicht erhoben worden sind, beauftragen wir Sie, die daselbst angegebene Zahl von Bevollmächtigten zur Kreistagswahl aus dem Gemeindevorstand in einer Sitzung des Gemeinderaths wählen zu lasten, hierüber ein Protokoll nach dem unten folgenden Muster auszunehmen und dieses binnen 8 Tagen an uns einzusenden.
Wir bemerken, daß als Bevollmächtigte der Gemeindevorstände solche Personen nicht gewählt werden dürfen, welche zu den 50 Höchstbefteuerten gehören, und verweisen deshalb auf das Verzeichniß derselben im Anzeiger Nr. 273.
v. Gagern.
Protokoll über die Ernennung von Bevollmächtigten zur Wahl des Kreistags.
Geschehen den.........
Anwesende:
Da die Gemeinde . . . Seelen zählt, dem Gemeinde - Vorstand also nach Artikel 20 des Gesetzes vom 12. Juni 1874 zukommt, Behufs der obenbemerkten Wahl . . . Bevollmächtigte aus seiner Mitte zu ernennen, so sind deshalb auf die anliegende, von Großh Kreisamt erlaffene, Aufforderung sämmtliche Mitglieder des Gemeinde- Vorstandes zur heutigen Versammlung eingeladen worden und die zur Seite bemerkten erschienen.
Es wurde beschlossen, daß..........
zur Abstimmung für die Wahl des Kreistags in oben bemerktem Wahlbezirk von dem Gemeinde- Vorstande hiermit bevollmächtigt sein sollen.
Unterschriften:
politische Neversicht.
Gießen, 23. December.
Die leichte Erkältung, an welcher der Kaiser in voriger Woche erkrankte, ist nach den officiellen Meldungen durchaus belanglos, da auch nicht der geringste Fiebergrad vorhanden t ist. — Die Uebersiedelung der kaiserlichen Familie aus dem [
Neuen Palais bei Potsdam nach dem Berliner Rcsidenzschlosse, welche nach einer ofsiciöscn Meldung am 30. December vor sich gehen sollte, wird nach einer neuerlichen Meldung erst im neuen Jahre erfolgen. — Der Großherzog und die Großherzogin von Baden sind am Samstag zum Besuche am kaiser lichen Hofe in Berlin eingetroffen und gedenken daselbst die nächste Zeit über zu verbleiben.
Der in den inneren deutschen Angelegenheiten cingetretene Ruhepause, welche mehr oder weniger durch die weihnachtliche Festzeit bedingt wird, entsprechen jetzt endlich die Nachrichten aus den deutschen Kohlenrevieren. Im oberschlesischen Reviere herrscht wieder vollständige Ruhe, nachdem der vereinzelte Strike aus der Centrumsgrube in Karsten sehr rasch beendet worden ist und auch in Niederschlesien ist unter den Bergleuten wieder ein ruhige Stimmung cingetreten. Endlich lauten auch die Meldungen über die Strikebewegung im Saargebiet nunmehr immer befriedigender und steht ihnen zufolge die vollständige Beendigung der theilweisen Ausstände aus den einzelnen Gruben in diesen Tagen bestimmt zu erwarten.
Im Elberfelder Socialistenprozeß beantragte der Staatsanwalt gegen den Abgeordneten Bebel 15 Monate, gegen Grillenberger und Harm je ein Jahr, gegen Schumacher 6 Monate Gesängniß - letztere drei Angeklagte gehören bekanntlich ebenfalls mit zu den Führern der deutschen Socialdemokratie. Gegen den bekannten „Zeugen" Röllinghofs beantragte der Staatsanwalt 9 Monate Gesängniß, gegen 77 weitere Angeklagte 6 Wochen bis zu einem Jahr Gefäng- niß. Für 5 Angeklagte, unter denen sich auch die Führer der Elberfelder Socialisten, Loose und Dastig besindeu, beantragte der Staatsanwalt Freisprechung. Ueber die Urtheils- verkündignng durch den Elberfelder Gerichtshof hat indessen der Telegraph noch nichts gemeldet, vielleicht erfolgt dieselbe erst nach Weihnachten.
Die Stellung des bayerischen Ministerpräsidenten und Kultusministers v. Lutz im Vertrauen des Prinz-Regenten Luitpold ist trotz der jüngsten heftigen Vorstöße eines Theiles der Kammer gegen den Ministerpräsidenten nach wie vor eine vollkommen feste und unerfchütterte. Hierfür zeugt auch die herzliche Antheilnahme des Prinz-Regenten an dem Jubiläum, welches Herr von Lutz am letzten Freitag beging, da an diesem Tage zwanzig Jahre vergangen waren, daß er die Leitung des Cultusministeriums übernommen hatte. Als Zeichen seiner Huld und Theilnahme übersandte der Prinz-Regent Herrn v. Lutz seine herzlichsten Glückwünsche sowie ein prachtvolles Bouquet.
Die neuerliche Meldung aus Zanzibar, wonach sich Emin Pascha nunmehr außer Gefahr befindet, findet durch eine weitere Nachricht ihre Bestätigung- nur hat Emin noch immer geringen Ausfluß ans dem einen Ohre, der jedoch auch bald beseitigt sein dürfte. Während nun Emin in Bagamoyo noch aus seinem Krankenlager ansharren muß, ist Stanley in Zanzibar fortgesetzt Gegenstand festlicher Veranstaltungen. Am Mittwoch wurde ihm von den in Zanzibar ansässigen indischen Kaufleuten in silberner Cassette eine Adresse überreicht, welche die Verdienste des Gefeierten um die Eröffnung des Handels nach Central-Afrika preist. Stanley dankte und wies auf die Nothwendigkeit einer Eisenbahn von Mombassa nach dem Victoria See hin, hierbei die große Bevölkerungsdichtigkeit der benachbarten Provinzen und die Enzpfänglichkeit der Bevölkerung für europäische Erzeugnisse betonend.
Die in der Schweiz in Scene gesetzte lebhafte Agitation zu Gunsten einer neuen Wahlkreiseintheilung für die Nativnal- rathswahlen hat zu keinem Ergebnisse geführt. Allerdings wurde dem schweizerischen Parlamente ein Bundesgesetz über die Abänderung der Wahlkreisordnung vorgelegt, aber dasselbe muß als gescheitert betrachtet werden, da sich Nationalrath und Ständerath über die Eintheilung der Wahlkreise im Berner Jura nicht einigen konnten. Es ist eigentlich zu bedauern, daß die Bewegung diesen negativen Ausgang genommen hat, denn der ihr zu Grunoe liegende Gedanke, die Stellung der Minoritätsparteien gegenüber den Majoritätsparteien zu verbessern, erscheint jedenfalls ganz berechtigt.
Die in Paris anscheinend besonders stark grassirende Influenza hat sich namentlich auch die französischen Minister zu Opfern erkoren. Der Ministerpräsident Tirard wurde von ihr zuerst befallen, hierauf erkrankten die Minister Frey- cinet, Rouvier und Faye an der Influenza und nun ist auch der Minister des Auswärtigen, Spuller von ihr ergriffen worden. Herr Spuller mußte deshalb auf seine Absicht, am Sonntag der Eröffnung der neuen Eisenbahn im Departement Cöte d'Or beizuwohnen, verzichten. — Der Senat hat gleich der Dep utirtenkammer die geheimen Fonds für das Ministerium des Innern bewilligt und zwar mit der großen Mehrheit von 209 gegen 25 Stimmen.
Deutsches l'.cich.
Darmstadt, 21. December. Der Finanzausschuß zweiter Kammer stimmte der Regierungsvorlage betreffs Errichtung eines Amtsgerichtsgebäudes in Worms zu. (Die dafür an- gcsordertc Summe beläuft sich auf ca. 245OOOMk.)— Der ; Bericht über die Ergebnisse der landwirthschastlichcn Enquete i wird in den ersten Tagen künftigen Monats fertiggestellt werden.
— Die 4. ordentliche Generalsynode tritt am 7. Januar 1890 in den Räumen der zweiten Kammer hier zusammen. Die Synode wird sich nach der Constituirung und der Entgegennahme der Vorlagen wieder vertagen.
— Von einer Offenbacher Firma war bekanntlich ein Gesuch an die Negierung nnd die Kammern gerichtet worden nm Errichtung einer Hessischen Landeslotterie. Der Finanzausschuß Zweiter Kammer soll sich, wie wir vernehmen, gegen dieses Gesuch ausgesprochen haben.
Berlin, 21. December. Das Armeeverordnungsblatt publicirt eine Cab inet Sordrc vom 12. December, wonach die Linien-Ulanen und Dragoner, soweit sie nicht Namenszüge führen, aus den Epauletten, Achselstücken und Schulterklappen die Regimentsnummer zu führen haben- ferner eine Bekanntmachung über die zu Neujahr eintretende anderweite Organisation des Kriegsministeriums, die provisorische Einrichtung eines vierten Waffen-Departements, sowie einer neuen Handwaffen-Abtheilung- endlich eine Uebersicht der Jnfanterie- truppentheile, welche am 1. April Einjährige einstellen.
Berlin, 21. December. Der Kaiser stand früh Morgens auf, arbeitete, hörte Vorträge und beabsichtigte für den Nachmittag einen Spaziergang.
Weimar, 21. December. Der Großherzog ist anläßlich seines militärischen Jubiläums vom Kaiser zum Generaloberst der Cavallcrie ernannt.
Cecales und provinzielles.
Gießen, 23. December.
f Die Niigegrichtssitzungen beim hiesigen Amtsgericht für das Jahr 1890 sind wie folgt bestimmt: In Feldrügesüchen je Donnerstag : 27. Februar, 24. April, 26. Juni, 21. August, 23. October, 18. December, Vormittags 9 Uhr - in Forstrügesachen je Dienstag: 25. Februar, 22. April, 24. Juni, 19. August, 21. October, 16. December, Vormittags 9 Uhr.
Militärdienstnachrichten. Dau, Unteroffizier vom 2. Großh. Hess- Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, zum Port.-Fähnrich, We lcker, Vicefeldw. vom Landw.-Bezirk 1 Darmstadt zum Sec.-Lt. der Res. des 2. Großh. Hess. Jnf.-RegtS. (Großherzog) Nr. 116, K v ch, Schiller, W e l ck e r 111., Vicefeldw. vom Landw.-Bezirk Gießen zu Sec. Lts. der Res. des 2. Großh. Hess- Jns.-Regts. (Großherzog) Nr. 116 befördert.
vermischtes.
— Influenza. Es ist eine alte Geschichte, daß sobald etwas "Neues austaucht, und sei es auch nur eine neue Krankheit , sich sofort der Humor und der Witz der Neuheit bemächtigen. Daß in dieser Beziehung die Reichshauptstadt im Witzmachen obenan steht, geht aus verschiedenen Blättern und Inseraten, Geschäftsreclamen und den Anschlägen an den Litfaßsäulen, den Auslagen in den Schaufenstern hervor. Ein „ I n s l u e n z a b r ä u " hat sich in der Nähe des Spittelmarktes aufg^han. In dem Schaufenster des Locales prangt zwischen Schinkenbrödchen und Heringssalat ein großes Plakat: „Guter Aufenthalt gegen Influenza". Dem Gründer dieses zeitgemäßen Curorts ist ein gutes Geschäft zu prophezeien, je mehr die Influenza die Leute austeckt, desto mehr Fässer wird er anstecken. — Ein wirkliches Jnfluenzabräu aber befindet sich in Berlin W. Dort find sämmtliche Kellner an dem tückischen Schnupseu erkrankt. Außerdem ist an demselben Tage die dem Stammtisch gewidmete große Schnupftabaksdose gestohlen worden. Wieder ein Beweis, daß ein Unglück selten allem kommt! — Daß die Influenza ein Leiden ist, das sich mit Worten gar nicht beschreiben läßt, davon zeugt ein Entschuldigungs-Zettel, den der Lehrer einer Berliner Gemeindeschule dieser Tage empfing: „Mein Sohn Arthur konnte die Schule nicht besuchen, indem daß er den neuen Schnuppen hatte, wovon ich das Wort nicht schreiben kann." — Die Krankheit hat in der letzten Woche einen Umsatz in den Apotheken herbeigeführt, wie er seit «undenklichen Zeiten nicht vorgekommcn ist. Wie die „Pharm. Ztg." berichtet, sind es hauptsächlich die Anti- pyretika und Chinin, welche in Anwendung kommen. — Auch die Börse ist von der neumodischen Krankheit heimgesucht. So beliebt man neuerdings an derselben in Bezug auf Leute, die finanziell nicht mehr recht „gesund" sind, zu sagen: „Der und der leidet an „ I n s o l v e n z a ".


