Das Handwerk und seine Lage.
(Nachdruck verboten.)
In dem ähnlichen Maße, wie dies bis vor wenigen Jahren mit dem sogen. Arbeiterftande der Fall war, ist seit nun schon längerer Zett der Handwerkerstand zu Len socialen Schmerzenskindern zu rechnen. Die Zeiten werden 4mmer schlechter, seufzen die Handwerker, und doch bilden sie noch immer den Kern des Kleinbürgerthums. Ihre Zahl ist trotz des Anwachsens der Großindustrie doch immer noch in den meisten Staaten noch weit bedeutender als die der Fabrikarbeiter, wie die vergleichenden Statistiken überzeugend nachwetsen.
Woher kommen aber jene Seufzer über die angeblich schlechten Zeiten und was verlangt man eigentlich?
In der Hauptsache ertönen die Klagen über geringen Verdienst und Arbeitslosigkeit von den älteren Handwerksmeistern, welche sich in die Neuzeit nicht zu schicken wissen oder sich nicht schicken wollen. Sagt da vor nicht zu langer Zeit ein biederer Schuhmachermeister, welcher vom Verfasser mit der Anfertigung eines neuen Stiefelpaares beauftragt und dem besondere Rücksichtnahme auf einige Frostballen der Füße anempfohlen worden war, danach könne er sich nicht richten, wie die Leisten waren, so würden die Stiefel, das habe er so gelernt (nämlich vor 40 Jahren), und was damals gegangen wäre, ginge heute auch. Und auf den Einwand, daß es doch heutzutage viel mehr Mittel gäbe, den Wünschen und Gebrechen seiner Kundschaft entgegenzukommen, meinte der biedere Mann, daß er solchen neumodischen Kram nicht anschaffte, und wem die von ihm nach altem Schrot und Korn gut hergestellten Stiefeln nicht anstünden, dem könne er eben keine liefern. Sprachs und — verschwand. In tausend und abertausend Fällen ist es aber in anderen Berufszweigen genau wie hier. Nur keinen Fortschritt! Das könnte doch furchtbaren Schaden bringen. Und ehe^ so ein alter Handwerksmeister sich bequemt, eine Neuerung in seinem Betriebe einzuführen, verliert er lieber Kunden auf Kunden, und kopfschüttelnd klagt er über die Zeiten, die immer schlechter werden. Dann verlangt er, daß der Staat ihm helfen folle, den alten Zopf weiter zu tragen, der eine ungeheure Länge und Dichtigkeit erlangt hat. Der Staat und immer wieder der Staat solle es besser machen, soll die Fabriken abschaffen u. s. w., einzig und allein nur, damit der Herr Handwerksmeister im alten Schlendrian weiter- wtrthschaften kann.
Nun, man muß den alten Herren schon etwas zu Gute rechnen, sie verstehen die heutige Welt nicht und werden sie auch nie verstehen lernen. In der Regel haben sie Vaters und Großvaters Rock angezogen und sind aus ihren vier Pfählen nicht herausgekommen. Wie es im Nachbarstädtchen aussieht, wissen sie meist nur vom „Hörensagen". Das Schlimmste aber an der Sache ist, daß sie es nur zu gut verstehen, ihre veralteten Ideen jüngeren Leuten einzutrtchtern, die, diese Ideen benützend, dann mehr oder weniger darunter zu leiden haben.
Der Gedanke, daß der Staat das Handwerk gegen die mächtig aufblühende Großindustrie schützen könnte, ist aber unbedingt aufzugeben und zu verwerfen. Niemals darf er sich in den Kampf zwischen Kleingewerbe und Fabriktndustrie einmischen. Weil man in Deutschland die Gewerbefreihett fünfzig Jahre zu spät einführte und die Entwickelung der Großproduktion vielfach hemmte, werden viele Dinge bei uns noch immer handwerksmäßig betrieben, welche in England und Amerika schon längst mit Maschinen oder mittels einer in's Kleinste gehenden Arbeitstheilung hergestellt werden. Unbedingt wäre es unverzeihlich zu nennen, wenn man vonsSeiten der Regierungen den Todeskampf einiger kleingewerblichen und häuslichen Betriebszweige künstlich verlängern wollte, anstatt den Uebergang zu modernen Betriebsmethoden oder die Einführung neuer Erwerbszwetge kräftig betreiben zu helfen.
Doch vergegenwärtigen wir uns einmal die immerhin schwierig zu nennende Stellung des Handwerks zur Großindustrie.
Die Fabrik ist für das heutige industrielle Leben gerade so charakteristisch und tonangebend, wie es das Handwerk für das mittelalterliche Leben war. Dort, wo Fabrik und Handwerk mit einander konkurriren, beruht die Ueberlegenheit der Fabrik auf ihrer größeren Arbeitstheilung, auf Maschinen - Benutzung, Kapitalmenge und Handelsgeschicklichkeit, sowie auf den vielfachen Ersparungen, welche der Betrieb im Großen zuläßt. Der Fabrikant kann Vorräthe seiner Erzeugnisse anlegen und die vortheilhaftesten Gelegenheiten zum Ankauf für Rohstoffe und zum Verkauf der Fabrikate aufsuchen und abwarten, während der Handwerker im Kleinen und stets theurer etnkaufen muß und entweder von Bestellungen abhängt oder die unbestellte Maare aus Mangel an Raum oder Geldmitteln meist schnell an die Großhändler verkaufen muß.
Ganz besonders aber zeigen sich die Vorzüge der Fabrik bet den für den ausländischen oder doch entfernten Absatz arbeitenden Gewerben und es sind daher bet manchen Betrieben die Handwerksmeister nicht mehr im Stande, in Güte und Wohlfeilheit der Erzeugnisse mit den Fabriken Schritt zu halten. Und daher kommt es^ daß in einem Thetle der Gewerbe das Handwerk von den Fabriken verdrängt wird.
Endlich kann auch die Fabrik solchen Gehilfen und Lehrlingen, die in einer besonderen Richtung in gewissen Handgriffen und Arbeitsleistungen spectell geübt sind, auch viel höhere Löhne zahlen und durch Ausnützen ihrer Fähigkeiten, sowie durch rasches Jnetnandergreifen der so getheilten Beschäftigungen zahlreiche Gegenstände viel schneller, besser und billiger Herstellen.
Aber alle diese durch das Zusammenwirken von Arbeitgebern und Arbeitnehmern täglich erhöhten Vortheile der Großindustrie bewirken, daß die Menschen jetzt wett leichter und billiger als sonst mit Gütern aller Art versorgt werden, und daß sich auch Handwerker und Arbeiter in Nahrung, Wohnung, Kleidung, Genuß, in Unter- Haltungs- und Belehrungsmitteln jetzt doppelt so gut stehen als vor sechzig oder noch mehr Jahren.
Die Großindustrie hat aber auch direct oder tndirect bewirkt, daß auch bei den Erwerbszweigen, wo die Maschinen nichts zu thun haben, allüberall eine Vermehrung der Güter eingetreten ist.
Ein Ankämpfen gegen die von den Handwerksmeistern so geschmähte Fabrikation würde daher gegen das Wohl aller Klaffen sein, und sicher würde dies die mittleren und untersten Klassen am meisten treffen.
Dagegen kann sich das Handwerk trotzalledem in solchen Zweigen, bei denen die Vorzüge des großen Betriebes wegfallen und überall da, wo persönliche Neigungen und Bedürfnisse deS Käufers und lokale Verhältnisse in Frage sind, immer behaupten. So werden zwar Schneider und Schuhmacher, Schlosser und Schmiede, Tischler und Tapezierer rc. stets gesucht bleiben, weil das Kaufen fertiger Maaren nicht Jedermanns Sache ist. Ebenso werden alle mehr oder weniger örtlichen Gewerbe, wie Bäcker, Fleischer, Maurer, Zimmerleute. Maler, Schornsteinfeger u. a. m. niemals entbehrt oder durch Fabrikbetrieb ersetzt werden können.
Während nun einige Handwerkszweige ganz eingehen, wie Nagelschmtede, Schwertfeger rc., entstehen alljährlich auch Gewerbe, die sich nur für den Betrieb im Kleinen eignen, z. B. die Conditoren, Photographen, Friseure, Musterzeichner u. a. m.
Der Handwerkerstand wird daher den Kampf gegen das Andringen der großen Unternehmungen, wenigstens thetlwetse, aufzunehmen im Stande sein und ganz besonders dann, wenn er sich bemüht, in Kenntnissen und Geschicklichkeiten den Anforderungen der gesteigerten Bildung zu genügen und zum Kunstbetrieb überzugeben. Machen es aber viele Handwerker, wie der Eingangs erwähnte Schuhmachermetster, bann ist das Ende des Kampfes vorauszusehen.
In der Gegenwart bedarf es eben des Fortschreitens mit der Zett. Der Handwerker darf sich nicht schämen, im Gebrauche der neuen Werkzeuge, Maschinen und Arbeitsmethoden, im Zeichnen und in der Aneignung theoretischer Kenntnisse selbst wieder Lehrling zu werden. Thut er dies, erfaßt er die Jetztzeit voll und ganz und befleißigt er sich fortgesetzt tüchtigen Lernens, bann wird unb muß er burch sein Handwerk vorwärts kommen. Meint aber ein Meister, eS müsse auch so gehen, wie vor 50 Jahren, analog der Anschauung unseres Schusters, dann freilich ist dem Handwerk der goldne Boden ausgestoßen. Egon "W.
Literarische-.
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