Nr. 92, Donnerstag den 18. Aprll 1889.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vrrrearrr Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh».
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Amtlicher TyeiL
Betreffend: Ermittelungen der den Vergütungen für Fourage und Landlieferungen der Gemeinden zu Grunde zu legenden Durchschnittspreise.
Bekanntmachung.
, „ ,6' wird hiermit zur üffentlichm Kenntnrß gebracht daß die nach § 6 der Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die
bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschmttsmarttprelse, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Mär, 1889 für dm LreferungSverband Gießen für 100 kg betragen: Hafer 15 80 Heu 9 ut - Stroh 8 L* 10 H '
Gießen, am 12. Aprll 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___ von Gagerrr.
Politische Rundschau.
Gießen, 17. April.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'- telegr. Eorrefpo«derrr - Brrreark
Der Kaiser traf am Dienstag Nachts von dem Ausfluge nach Oldenburg und Wilhelmshaven wieder in Berlin ein. In Oldenburg ist dem erlauchten Schirmherrn des Reiches ein ungemein glänzender Empfang zu Thetl geworden, wozu wohl der Umstand mit beitrug, daß Kaiser Wilhelm überhaupt das erste Mal in der Residenzstadt des Großherzogthums Oldenburg und am dortigen Hose erschien. Der äußere Glanz des Empfanges wurde indessen noch durch die Herzlichkeit übertroffen, mit welcher die Bevölkerung Oldenburgs den kaiserlichen Gast begrüßte und welche von der patriotischen Gesinnung der Oldenburger ein erhebendes Zeugntß ablegte. Auch in Wilhelmshaven, woselbst der Kaiser nach Beendigung seines Besuches am oldmburgtschen Hofe am Montag Mittag eintras, wurde er in festlicher Weise empfangen. Hier schiffte sich der hohe Herr an Bord der nach Samoa abgehenden Kreuzercorvette „Alexandrine" ein und geleitete sie bis in die Höhe von Wangeroog, bei seinem Abschiede Schiff und Mannschaft Gottes Schutz empfehlend; mit dem Aviso „Greif" fuhr er nach Wilhelmshaven zurück. Am Dienstag besichtigte der Kaiser noch vor der Rückreise nach Berlin das inzwischen eingetroffene Schulgeschwader.
Obwohl über den Zeitpunkt des Eintreffen- de- «SttigS Humvert vo« Italien i« Berlin noch immer keine amtliche Mtttheilung vorltegt, so gilt es doch allseitig als gewiß, daß dieser Besuch im Mai erfolgt. Aus Rom meldet neuerdings die „Polll. Corresp., daß König Humbert die Berliner Reise wahrscheinlich am 18. oder 20. Mai antreten wird und werde er auf derselben außer vom Cabtnetschef Ertspi noch von einem andern Minister begleitet sein; der Aufenthalt in der deutschen Reichs- hauptltadt fei auf eine Woche berechnet. Falls die Königin Margarita ihren Gemahl begleitet, was noch nicht seststeht, werden die italienischen Majestäten auf der Rückreise von Berlin dem verwandten sächsischen Hofe einen Besuch abstatten.
In Ostafrika kann der deutsche Reichscommissar, Hauptmann Wtßmann, bereits einen bemerkenswerthen Erfolg seiner Thätigkeit verzeichnen, obwohl Herr Wtßmann erst ganz kurze Zeit auf seinem oerantwortungsretchen Posten weilt. Es ist infolge seiner Bemühungen eine Waffenruhe zwischen den Deutschen und den Aufständischen an der Küste vereinbart worden und vielleicht gelingt es, auf dieser Grundlage zu einer dauernden Verständigung mit den Aufständischen zu kommen, zumal die Erhebung der Araber bedeutend im Rückgänge begriffen sein soll.
In letzterer Zeit waren sensationelle Gerüchte über den angeblich höchst besorgntß- erregenden Zustand verbreitet worden, in welchem sich Kaiserin Elisabeth vo« Oesterreich infolge des erschütternden Hinscheidens ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, befinden sollte. Nunmehr werden von Wien aus alle diese Gerüchte von authentischer Seite als vollkommen unbegründet bezeichnet und wird der Gesundheitszustand der Kaiserin Elisabeth als durchaus befriedigend erklärt; die neuralgischen Schmerzen, an denen die hohe Frau in den letzten Wochen gelitten, hätten sich wesentlich gemildert und erhoffe man von der Massagecur, welcher sich die Kaiserin demnächst in Wiesbaden zu unterziehen gedenkt, zuversichtlich die völlige Hebung des Leidens.
In Frankreich ist nun in aller Form die gerichtliche Untersuchung gegen Boulanger und seine Mitangeklagten vor dem Senat als Staatsgerichtshof eingeleitet worden. Nachdem der Senat In seiner ersten geheimen Sitzung mit 210 gegen 55 Stimmen beschlossen, in die Verfolgung Boulanger's einzutreten, erschien in Ausführung dieses Senatsbeschlusses am Sonntag ein Polizeicommissar in den Pariser Wohnungen Boulanger's, Rochefort's und Dillon's und schlug hier einen Vorführungsbefehl an, die erste Formalität, welche die Abwesenheit der Genannten feststellt; im Uebrigcn wird sich der Pcoceß jedenfalls sehr langsam abwtckein. Auch den in Paris zurückgebliebenen Getreuen Boulanger's scheint die französische Regierung nunmehr ernstlich an den Kragen gehen zu wollen; als die boulangtsttschen Deputirten Laguerre und Lehöcisse am Sonntag das Boulangisten-Bankett in Versailles verließen, wurden * e^ncm Polizetcommissär angehalten und nach der Mairie gebracht. Hier wurde mit ihnen ein Protocoll ausgenommen, worauf man die beiden Herren, welche energisch gegen diese Behandlung protestirten, wieder entließ; die Laguerre und Lehärisse begleitende Volksmenge mußte von den Militärposten durch Aufpflanzen der Bajonette davon abgehalten werden, in die Mairie einzudringen.
Die Nachricht, daß Persten die Grenzfestung Kalat-i-Nadir an Rußland abgetreten habe, ist im englischen Unterhause regierungsseitig für unbegründet bezeichnet worden. Trotz dieser osficiellen Erklärung herrscht in England noch immer große Beunruhigung wegen dieser Angelegenheit, da anderweitige Meldungen wissen wollen, die genannte Festung werde demnächst doch in den endgiltigen Besitz Rußlands gelangen. Kalat-i-Nadir ist eine militärisch sehr starke Position und zugleich von großer strategischer Bedeutung, daher sich die Besorgniß der Engländer, diesen Punkt an die Russen ausgeliefert zu sehen, als sehr erklärlich erweist.
^^^EkmShsve«, 16. April. Der Kaiser ist soeben mit dem Schulgeschwader vor Wilhelmshaven zu Anker gekommen.
Berlin, 16. April. Der Kaiser ist heute Abend 93/< Uhr hier wieder angekommen.
m it d^kli« - *6. April. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bemerkt gegenüber dem Pariser „Pays", welcher behauptet hatte, Catargi's Berufung an dte Spitze der nimantschen Geschäfte sei die schwerste Niederlage der Btsmarck'schen Politik, da da» Cabtnet Cataigi sich Rußland zuwenden werde und es für Deutschland unmöglich fet, vollständig von der Balkanhalbtnsel loszumachen, wte der Kanzler gethan zu haben vorgebe. Diese Behauptung sei falsch. Deutschland habe in Rumänien nicht mehr Interessen zu vertreten wie in Bulgarien, und die Thatsache, daß in Rumänien etjt Hohenzoller regiere, könne an sich dte Politik des Deutsche^ Reiches nicht in Wege drängen, welche durch die Interessen der deutschen Station nicht geboten seien.
. ®**lt«, 16. Aprll. Der „Reichsanzetaer" veröffentlich! die Namen der MU- gUeder des Preisgerichts für das Nattonaldenkmal Kaiser Wilhelm's: Minister Bötticher, Graf Lerchenfeld, der hanseatische Minister Krüger, Präsident v. Leoetzow, Abgeordnet^Heeremann, Römer, Wichmann, Künstler Janssen-Düsseldorf, Encke- Berlin, Miller-München, Volz-Karlsruhe, Stadtbaurath Blankenstein-Berlin, Oberbau- rath Leins-Stuttgart, Geheimrath Jordan-Berlin. Die Arbeiten sind abzultefern an das ^andesausstellungs-Gebäude zu Berlin.
m ®erlitt, 16. Aprll. In Gegenwart des Chefs des Generalstabs, des Grafen Waldersee, sowie des ganzen Officiercorps der Milttär-Luftschifferabtheilung fand Vor- mittags auf dem Uebungsplatze derselben die Vorführung eines neuerfundenen Fall- schtrmes seitens des Erfinders Charles Lerouer statt. Die Lustschiffer-Abtheilung hatte den Ballon dazu gestellt. Lerouer stieg in den Ring, der an einem 5 Meter langen Taue befestigt war, rapid aufwärts, schwang sich bet etwa 1000 Meter Höhe in den neben ihm hängenden Fallschirm, welcher sich alsbald von dem Ballon trennte und anfangs ziemlich> geschwind, dann zu halbkugelförmtger Gestalt aufgebläht langsam mtt dem Luftschiffer sich senkte und in etwa 4 Minuten eine halbe Melle entfernt den Boden erreichte.
™ m lr6‘ April. In der heutigen Sitzung des Congreffes für innere
Medictn dielten Professor Zimmermann (Basel), Fürbringer (Berlin) und Ziemffen (München) längere Vorträge, worauf ein Festdiner zu 300 Gedecken im Curhause ftatt- fand. Bet dem Trinkspruch, welchen Professor v. Ltbermeister auf Seine Majestät o!? £Q nlU0e«bftarfen des Deutschen Reiches, ausbrachte, erhob
sich die Ttschgesellschaft und stimmte dte Nationalhymne an, welche das Curorchester begleitete.
« k 16*i AprA« . Dte niederländische Regierung nahm die Einladung des- Bundesraths zu einer Conferenz behufs internationaler Regelung der Arbetterschutz- gesetzgebung an. ®
Wien, 16. April. Wie die „Pol. Corr." sich aus Bukarest melden läßt, hat der " rf f°f, inende Communiquä veröffentlicht: „Dte zahlreichen Adressen welche die durch die endgiltige Regelung der Thronfolge erzielte Festigung der DynasUe begrüßten, hatten den König mit Dank erfüllt. Das zwischen dem Volk und dem Herrscher bestehende Vertrauen werde dte Stärke des Vaterlandes ausmachen und diese Zeichen der Ergebenheit bewiesen die loyale Gesinnung und dte bürgerlichen Tugenden der Nation, welche auf der Höhe des kriegerischen Muthes ständen. Das Köntgspaar beauftragt daher den Ministerpräsidenten Catargtu, seinen lebhaften Dank für dte thm gewordenen Kundgebungen auszudrücken." y
Fl' Pr-" meldet, daß Professor Lang in Budapest zum Staatssecretär des ungarischen Finanzministeriums ernannt worden ist.
, , Pari«, 16. April. Der Schriftsteller Louis Ulbach ist gestorben. - Dem ..Parts" M E°u-°"g°r beschlagnahmten Papiere
J6' aptlL„ ®cr Mmisterrath beschloß, an die Präfekten ein Einladc- schreiben zu senden, um alle Gemeinden aufzufordern, am 5. Mai anläßlich des Jahres- Sm™ ?? Generalstaaten an den festgesetzten F-terltchkcii-n theil-
KhIi r« f eJ £e8 Innern richtete an dte Präsekten Instruktionen, wonach S ?unbÄn9e,n zu dulden sind, welche die Ruhe stören könnten.
~?r Minister wird demnächst ein anderes Rundschreiben erlassen, worin er dte Prä- )n den Departements die einzigen Repräsentanten der Centratgewalt seien, jede politische Aktion in ihren Händen vereinigt sein müsse und alle anderen Beamten dieselben unterstützen müßten.
— 3n Biarritz ist der britische Club niedergebrannt. Niemand ist dabei umgekommen. 1
it r. 16- April. Im Unterhause legte Goschen das Budget vor. Der
Ueberschutz des letzten Finanzjahres beträgt 2,800,000 Lft., die Staatsschuld hat sich um 7 /2 Millionen vermindert. Die gesammten Kosten der Convertirung der Consols betrugen 3'/» Millionen. Dte Einnahmen des laufenden Finanzjahres werden auf 85 und die Ausgaben auf 87 Millionen veranschlagt. Zur Deckung des Deficits sollen verwendet werden: Eine Million der bet der Convertirung der Consols erzielten Er- lparntM, die Einnahmen aus der vorgeschlagenen einprocentigen Erhöhung der Erbschaftssteuer bei Erbschaften über 100,000 Pfund, endlich die Eingänge aus der Bier- steuer, welche bisher per 36 Gallonen von 1057 spectfischen Gewichts erhoben wurde künftrg aber schon per 36 Gallonen von 1055 spectfischen Gewichts erhoben werden soll. Das Deficit verwandelt sich in Folge dessen in einen Ueberschuß von 180,000.
London, 16. Aprll. Das Unterhaus hat sich heute bis zum 29. d. Mts. vertagt.


