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15.12.1889 Zweites Blatt
 
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1889.

Nr. 293. Zweites Blatt. Sonntag den 15. Dcccmbcr

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Die Weltlage am Jahresausgange.

Wur noch eine kurze Spanne Zeit trennt uns vom Aus­gange des Jahres 1889 und die Frage erscheint daher wohl berechtigt, wie sich die Vage der allgemeinen Politik gegen die Jahreswende hin darsteUr und ob die Völker Europas aus derselben besondere Hoffnungen für das auf der Schwelle stehende neue Jahr schöpfen dürfen. Da genügt denn schon ein flüchtiger Blick aus die Entwickelung, welche die allgemein- politische Situation im Laufe des gegenwärtigen Jahres genommen hat, um dieselbe als eine dermaßen friedliche und hoffnungsvolle erkennen zu lassen, wie sie noch vor etwa zwei Jahren kaum zu erwarten stand. Hatte doch gerade damals das Verhältniß zwischen Deutschland und Rußland ungeachtet des Besuches des Czaren bei Kaiser Wilhelm I. eine bedrohliche Spannung erlangt und die zu Anfang des Jahres 1888 erfolgende Veröffentlichung des deutsch-öster­reichischen Bündnißvertrages deutete genugsam auf den Ernst der Situation hin. Wie ganz anders ist heute! Die Aera der deutsch - russischenMißverständnisse" hat seit dem jüngsten Besuche des Kaisers Alexander in Berlin offenbar ihr End: gefunden und ersichtlich bildet jenes Ereigniß den Ausgangspunkt einer Klärung und fortschreitenden Auf­hellung des europäischen Horizontes, welche, Dank den auf­richtigen Friedensbestrebungen der maßgebenden Monarchen und Staatsmänner unseres Welttheils, das Beste auch für die Zukunft verspricht.

DieseAufklärung" tritt besonders im orientalischen Wetterwinkel hervor, wo von all' den Fragen, welche zu­sammen das vielverwickelte orientalische Problem ausmachen, zur Zeit höchstens noch die kretensischen Angelegenheiten von sich reden machen. Die Pforte hat sich allerdings bemüht, durch den Amnestie-Ferman des Sultans die Erregung auf Kreta zu dämpfen, aber ob ihr dies gelingen wird, steht noch dat)in, denn der großherrliche Firman beschränkt in ge­wisser Beziehung die Rechte der Kretenser und gibt somit der Unzufriedenheit unter denselben aufs Reue Nahrung. Aber nach der Behandlung, welche die Mächte bislang der kretensischen Frage haben zu Theil werden lassen, und nament­lich nach der energischen Zurückweisung der Versuche Griechen lands, aus den Wirren aus Kreta Capital für eine groß­griechische Politik zu schlagen, darf man zuversichtlich annehmen, daß auch die Vorgänge auf Kreta nicht aus ihrem seitherigen localen Character heraustreten werden. Dagegen macht Bulgarien fast gar nicht mehr von sich reden und ailch in Serbien und Rumänien, wo die panslavistischen Wühler noch vor einem halben Jahre so bedenklich bei ihrer Arbeit waren, sind jetzt anscheinend Verhältnisse eingetreten, welche sich mit der Ruhe Europas vertragen.

Bietet demnach der Stand der Balkanangclegcnheitcn zur Zeit nicht den geringsten Anlaß zu sonderlichen Befürchtungen dar, so herrscht auch in anderen Fragen, welche mitbestimmend für die allgemeiue politische Situation Europas sind, Ruhe. Dies gilt vor Allem von dem deutsch-französischen Vcrhältniß, in welchem schon seit längerer Zeit eine gewisse Stabilität eingetreten ist. Daß von einem großen freundschaftlichen Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich nicht die Rede sein kann, bedarf keiner näheren Erläuterung, aber wenigstens sind, seitdem die Franzosen angefangen haben, sich einmal mehr mit ihren eigenen Angelegenheiten zu beschäf­tigen, die officielen Beziehungen beider Staaten durch keiner­lei Grenzzwischenfälle mehr getrübt worden und stehen sie sich zwar beobachtend, aber sonst durchaus höflich gegenüber. Auch in den französisch-italienischen Beziehungen, die sich wiederholt in ernster Weise zu trüben drohten, ist in letzter Zeit eine merkliche Wendung zum Besseren eingetreten, wenn­gleich sich dieselbe weniger auf rein, politischem Gebiete und dasür mehr auf handelspolitischem Gebiete kundgibt.

Es präsentirt sich also die Weltlage an der heurigen Jahreswende im Allgemeinen im erfreulichen Lichte, und so weit menschliche Voraussicht reicht, werden die Völker mit begründeten Friedenshoffnungen auch in das kommende Jahr eintreten dürfen. Gewiß wird man nicht behaupten können, daß die großen Streitfragen, welche unseren Erdtheil Jahre lang in kriegerischer Beunruhigung erhielten, nunmehr völlig beseitigt sind, aber es ist ihnen doch die drohende Spitze ab­gebrochen worden, und dies heißt unter den obwaltenden Verhältnissen schon viel erreicht. Letzteren entspricht es denn auch nur, wenn alle Staaten »fortgesetzt waffengerüstet da- stehen- trotz aller Rüstungen überwiegen indessen noch immer die allgemeinen Friedenstendenzen und diese finden ja in dem Dreibund immer wieder ihren kräftigsten Rückhalt. Für die friedlichen Bestrebungen des Dreibundes aber haben erst jüngst die Frankfurter Friedensworte Kaiser Wilhelms ein neues gewichtiges Zeugniß abgelegt, und daffelbe kann nur geeignet

sein, die politischen Erwartungen der Friedensfreunde für das neue Jahr zu stärken.

Locales und provinzielles.

Gießen, 14. December.

In der vorgestrigen Sitzung der Stadtverordneten, in welcher nächst dem Herrn Bürgermeister Gnauth und den Herren Beigeordneten Keller und Langsdorff die Herren Stadtverordneten Georgi, Grüneberg, Hoch, Hornberger, Jughardt, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wallensels anwesend waren, wurden nach Ent­gegennahme verschiedener Mittheilungen die Voranschläge des Großh. Realgymnasiums und der Realschule, sowie der höheren und erweiterten Mädchenschule für das Etats­jahr 1890/91 gutgeheißen. Infolge der Theilung des Festsaales der Realschule in drei Lehrsäle muß der für die G a s e i n r i ch t u n g daselbst vorgesehene Betrag auf 369 Mk., anstatt 100 Mk., erhöht werden- die Genehmigung hierzu wird ertheilt. Dem Gesuche des Herrn Lehrer Georg Straub um Erhöhung des Betrages seiner Wohnungszulage (derselbe bezog seither 200 Mk., hat abej nach seiner Ver­heiratung Anspruch auf 360 Mk.) wird stattgegeben. Der Voranschlag des Großh. Polizeiamts für das Jahr 1890/91 weist gegen das Vorjahr erhebliche Aenderungen nicht auf, der Gesammtbetrag desselben berechnet sich auf 31288.67 Mk. Dem Anträge des Finanzausschusses aus Genehmigung dieses Voranschlages trat die Versammlung bei. Die von der Stadt verwalteten Stistungscapitalien wurden seither nach verschiedenen Procentsätzen verzinst, meistens aber höher, als die Stadt Privatcapitalien verzinst, so daß dieselbe bei einigen Stiftungen zusetzte. Um die Ver­zinsung der Stistungscapitalien einigermaßen in Einklang mit derjenigen der Privatcapitalicn zu bringen, hat die Finanz­deputation beantragt, den Zinsfuß der Stiftungen auf4pCt. zu ermäßigen; von der Herabsetzung des Zinsfußes sollen indeß diejenigen Stiftungen ausgenommen bleiben, bei denen s. Z. der Zinsfuß ausdrücklich bestimmt und vom Stadt­vorstande angenommen worden, z. B. bei der Rabenau'schen und bei der Plock'schen Stiftung. Die Versammlung ist mit dem Anträge einverstanden. Bei dem Ausb au der Ostanlage haben sich die Planirungskosten um 94 Mk. gegenüber dem Voranschlag erhöht, weil die alte Straße um 4 Ctm. tiefer abgehoben werden mußtO- eine weitere Ueber- schreitung des Voranschlages um 54 Mk. hat sich bei den Zimmererarbeiten an der Badeanstalt für die städti­schen Schulen dadurch ergeben, daß sich nicht vorher- gesehenc Nacharbeiten nöthig machten. Diese Mehrbeträge werden bewilligt. Der Voranschlag über die Kosten für die Dungabsuhr aus den Eichgärten nach den städtischen Wiesen im Hcgstrauch und Altentisch hat sich um 122 Mk. ermäßigt. Die Anfrage des Herrn Scheel, ob der zur Der- Wendung gelangende Dung (Straßenkehricht) auch den Wiesen zuträglich sei, beantwortet Herr Vogt dahin, daß damit sehr gute Resultate erzielt worden seien, der Ertrag der Wiesen sei ein größerer- er empfehle Ausdehnung dieses Düngungs­verfahrens auf alle Wiesen. Herr Bürgermeister Gnauth bemerkt, daß angesichts der künftigen Zusammensetzung der Stadtverordneten-Versammlung auch die landwirthfchastlichen Interessen in der angcdeuteten Richtung Berücksichtigung finden würden- er verweise in dieser Hinsicht auf die künftige Mit­wirkung des Herrn Prof. I)r. Thaer. Das Ortsgesetz über die Anlage und Einfriedigung der Vor­gärten, mit dem, wie der Herr Bürgermeister ausführt, einem längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen werden solle, da der Mangel eines solchen den im Allgemeinen über die An­lage von Vorgärten bestehenden Bestimmungen der Bauord­nung nach die verschiedenartigste Auslegung zuließ, wird nach Vornahme ^einiger Aenderungen angenommen. Das Ortsgesetz lautet danach:

§ 1. In denjenigen Straßen, in welchen durch den genehmigten Bebauungsplan Vorgärten vorgesehen sind, dürfen diese Vorgärten in der Regel nur als Ziergärten angelegt und müssen als solche jedenfalls immer in gefälligem Aus sehen unterhalten werden. Ausnahmen hiervon sind nur mit Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung zulässig.

§ 2. Vorgärten von Gebäuden und von den Vorgärten aus benutzte räumlich mit ihnen verbundene Hofräume und Gärten in eröffneten Straßen sind längs der betreffenden Straßenseite mit dauerhaften geeigneten Metallstaketen in Höhe von höchstens 1.40 Meter auf im Maximum 1 Meter hohen massiven Mauern aus Hausteinen oder Blendbacksteinen mit Deckplatten oder Stellsteinen einzufriedigen. An Stelle der Staketen können für einzelne Einfriedigungstheile Mauern aus Hausteinen oder Blendbacksteinen mit Deckplatten oder

Mauerwerk mit Platten in einer für die Straßcnansicht nich mißständigen Weise zugelasscn werden. Bauplätze in eröffneten größtentheils bebauten Straßen müssen nach der Straßen­seite in einer Höhe von nicht unter 1.75 Meter mindestens mit einer abgehobelten und angestrichenen Holzcinsriedigung versehen werden. Den Anliegern liegt die ordnungsmäßige Unterhaltung der Einfriedigung auch hinsichtlich deS Verputzes und Anstrichs nach Anordnung deS Großhcrzoglichcn Polizei­amts ob. Bestehende Einfriedigungen, welche den obigen Vorschriften nicht entsprechen, sind, sobald sie vom Stadt­vorstand als mißstäudig erachtet sind, auf Anfordern des Großh. Polizciamts binnen 6 Monaten zu beseitigen bezw. durch ordnungsmäßige zu ersetzen. Scheidemauern an den Seiten der Einfriedigungen und Wände auf Vorgartenland dürfen die Höhe von 1.75 Meter nicht übersteigen.

§ 3. Verfehlungen gegen vorstehendes Ortsgesetz unter­liegen den Rechtsfolgen der Art. 79 und 80 der allgemeinen Bauordnung.__

Eisvergnügen.

Der Schlittschuh, der jetzt wieder zu Ehren kommt, hat ebenso gut seine Geschichte, wie irgend jeder andere Gegen stand, dessen sich der Mensch zu seinem Nutzen oder der Unter­haltung halber bedient. Vor Allem steht fest, daß er uralt ist, freilich in einer sehr primitiven Form, die gleichwohl in dem praktischen Sinn jener Generation hingereicht haben muß, den gewünschten Zweck zu erfüllen. Man fand nämlich in Pfahlbauten der reinen Steinperiode Geräthschaften von Pferdeknochen, welche derart zugeschliffen und an beiden Enden durchlöchert waren, daß man sich ihrer mit Zuhülfenahme von Ledersandalen als Schlittschuhe bedienen konnte. Allerdings darf man nun nicht etwa zu dem Schlüsse kommen, daß die jungen Pfahlbewohner, mit solchen knöchernen Schuhen aus­gerüstet, auf dem Eise Quadrillen tanzten oderholländer- ten"- diese waren ihnen vielmehr ein Nothbedars, nm schneller fortzukommen, da die glatte Fläche dem Gehschritt des Menschen nicht eben günstig zu sein pflegt. Ucbrigens sind knöcherne Schlittschuhe bis "in die neuere Zeit in der Mark Branden­burg bekannt und beliebt gewesen- auch ans einer alten Be­schreibung Londons weiß man, daß sichdie Jugend Knochen unter die Füße band und, gleichzeitig mit einem gespitzten Stabe stoßend, so schnell wie der Vogel in der Lust über das Eis dahinglitt". Aber die Heimath des modernen Schlitt- schuhlausens mit seiner Kunstsertigkeit und Vervollkommnung sind die Niederlande- wobei nicht genug darauf hingewiesen werden kann, daß es das Bedürfniß war, wodurch hier der Schlittschuh auf solche Weise in Gebrauch kam. Abgeschlossen im Winter von einer jeden Communication, Monate hindurch von meilenweiten Eisflächen umringt, mußten diese Leute wohl oder übel an ein Mittel denken, wie sie über dieselben Hinwegkommen könnten. Die Noth machte wie überall, so auch hier erfinderisch. So verfiel man in diesen Niederungen sowohl auf die Form des Stahls, wie sie heute beim Schlitt­schuh allgemein als die beste anerkannt ist, als auch auf die Art und Weise, wie man ihn am zweckmäßigsten unter den Fuß bringen könne. Der deutsche Schlittschuh, unten mit einer Rinne versehen und verhältnißmäßig hoch, unterschied sich lange zu seinem Nachtheil von dem holländischen, welcher glatt, sehr lang und niedriger war. Ungeschickt war vor Allem die Befestigung, wodurch die Blutcirculation im Fuße mitunter geradezu gehemmt war. Derselbe hatte Martern zu bestehen- man würgte ihn gewissermaßen. Der Schlitt­schuh hat dann eine ganze Scala von Entwickelungen durch­machen müssen- er wurde zum Gegenstände einer Industrie, die beinahe unglaublich erscheint, wenn man erwägt, daß ihr Object doch eigentlich nur dem Vergnügen des Menschen dient, bis endlich der praktische Sinn der Amerikaner, wie in so vielen anderen Fragen, so auch hier, glücklich die Lösung fand.___

Heute Eisbahn", so heißt die Einladung auf den Plakaten des Eisvereins und gleichzeitig dcr Lockruf für den fußfertigsten Theil des civilisirten Menschengeschlechts, und auf der spiegelblitzenden Fläche saust und schwebt Alles durch­einander : Alt und Jung, Männlein und Weiblein! Ja, wir sind jetzt so emancipirt, sagen die ehrsamen Spießbürger so aufgeklärt, sagen die freiherzigen Modernen daß auch dem weiblichen Geschlecht jenes frischeste Vergnügen, jene ge­sundheitsfördernde Leibesübung nicht mehr durch Rücksichten auf eine steife ober thörichte Etiguette verwehrt bleibt. Es ist äußerst interessant, Eisstudien zu machen. Daß ®ott Amor, der splitternackte, liebliche Bube, selbst bei 10 Grad unter Null auf dem Eise nicht fehlt, ja gerade auf diesem I nachdrücklichst seine Pfeile schleift, weiß alle Wett. Smd I doch schon viele Herzen während einer Schlittschuhfahrt ver-