Samstag den 14. December. Gietzener Anzeiger. Beilage zu Nr. 292. -1889.
Der Bildungstrieb der Arbeiter-
Wer in den Fabrikbezirken die Verhältnisse der Arbeiter an der Quelle, d. h. in den Arbeiterquartieren und unter I ihnen selbst studirt, den wird der gewaltige Bildungsdrang überraschen, der namentlich viele jüngere Arbeiter beseelt^ Sie wissen, daß ihnen das Heraufarbeiten aus den Tiesen deS Volkes zu höherer Bildungsstufe nur in Ausnahmefällen gelingt, und doch opfern sie oft jahrelang ihre Nächte dem Studium. Rastlos arbeiten sie nut Zetchensttst und Zirkel. Unter den besten Schülern unserer gewerblichen I Fachschulen befindet sich mancher einfache Handwerksgesell, der sich den Weg zu höherem Wissen lediglich durch Fleiß und Sparsamkeit bahnte. Jene klugen Techniker, die durch tausend praktische Gedanken das deutsche Erwerbsleben befruchten, jene tüchtigen Werkmeister, die dem inneren Getriebe unserer Großindustrie vorstehen — auch sie waren vielsach einst nur schlichte Arbeiter. Dieselbe alte Straft, die wir an ,o vielen hervorragenden Persönlichkeiten schätzen lernten, die in früherer Zeit aus der Arbeiterbevölkerung hervorgingen, beseelt auch noch gegenwärtig zahlreiche Angehörige derselben. Es wäre ein Jrrthum, wollte man dieses Streben lediglich dem Begehren zuschrciben, aus gedrückter Armuth zu Wohlstand, zu höherem materiellen Lebensgenuß zu gelangen. Ein derartiger Egoismus ist nicht selten, keineswegs jedoch immer die Triebkraft des geistig aufwärts strebenden Arbeiters. Wir kennen einige Männer, die seit ihrer Schuljugend in Spinnereien und Webereien beschäftigt sind, andere, die in der Hausindustrie kümmerlich ihr Brod verdienen. Sie haben ihre freien Abendstunden und die oft wochenlang dauernden Arbeitspausen benutzt, um Herz und Gemüth durch gute Bücher zu veredeln? Wie nur ein mittelalterlicher Jnnungs- mcister sein ehrbares Gewerk lieben konnte, so hängen diese | Arbeiter an ihrem schlecht lohnenden Erwerbszweige. In diesen tüchtigen Männern, die ohne jeden eigennützigen Nebengedanken dem sittlich Guten nachstreben, ist der Idealismus der arbeitenden Bevölkerung gewissermaßen in klassich remer Form verkörpert.
Der Bildungsdrang tn der arbeitenden Bevölkerung beschränkt sich keineswegs auf rein gewerbliche und damit im Zusammenhänge stehende Dinge. Noch viel mächtiger, durch Tagespresse und Vorträge lebhaft angeregt, macht er sich gellend auf dem Gebiete der allgemeinen Wissenschaften. Es wird überraschen und ist trotzdem eine Thatsache, daß der aufwärtsstrebende Arbeiter meist dieselbe Leetüre liebt, wie sie in unseren guten Bürgerfamilien heimisch ist, deren männliche Glieder ihre Erziehung auf Gymnasien und Realschule erhielten. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß in zahlreiche Arbeiterfamilien die Schundliteratur ebensowenig Eingang findet wie in ein anständiges Bürgerhaus. Es werden dasür namentlich unsere elastischen Dichter in den billigen Reelam'schen und Meyer'schen Ausgaben gelesen, die ein wahrer Segen für das Volk sind. Schiller, Heine, Börne und
Lessing erfreuen sich einer großen Beliebtheit, dagegen wird i Goethe weniger gelesen als Lenau, Hauff, Bürger und selbst Chamisso. Die historischen Romane, ans denen man zugleich Belehrung zu schöpfen sucht, werden bevorzugt.
Im Uebrigen lieft man noch Zeitschriften über Gesund heitspflege, hauswirthschaftliche und technische Blätter. Von wisseuschastlichen Werken haben — wir sehen dabei ab von der im Dienste der Soeialdemokratie stehenden Literatur — namentlich volkstümliche Darstellungen der Entwickelungs geschichte der Erde, Geschichtsbilder, populäre, philosophische und naturwissenschastliche Bücher und die verschiedensten geographischen Werke, die zugleich illustrirte Reisebeschreibungen sino, Eingang gesunden.
Eine Folge dieses Bücherlesens ist es, daß Arbeiter mit einer achtensmerthen, allgemeinen Bildung nicht selten sind. Zweifellos hat jedoch die Beschäftigung schlichter Arbeiter mit Werken der Dichtkunst und mit wissenschaftlichen Schriftstellern — von der Soeialdemokratie ganz abgesehen — auch ihre ernsten Schattenseiten. Der Zwang zu schwerer Arbeit, I das ewige Einerlei des täglichen Lebensganges, die Enge der eigenen Verhältnisse, das Elend des Daseins wird oft um so bitterer empfunden, je mehr man glaubt, zu etwas „Höherem i als „niederer" Handarbeit geboren zu fein. Biele sonst ehrenwerthe Charaetere gehen in den arbeitenden Massen durch unverdautes Wissen zu Grunde. Immerhin sind diese I trotzdem nur ein Bruchtheil der aufstrebenden Kräfte. Man soll deßhalb die ehrliche Mühe, aus dem Banne dumpfer Unwissenheit herauszutreten in den Lichtkreis moderner Bildung, nicht verdammen. Aber es ist die Pflicht jener Stände unserer
I Gesellschaft, die durch sorgfältige Schulerziehung und glückliche Lebenslage dazu befähigt sind — vielleicht auch unter Beihilfe des Staates — dem Bildungsdrange der arbeitenden Klassen weit mehr als bisher durch Volksbibliotheken, Borträge, Abendschulen, Fachunterrichtsanstalten und ähnliche Institute entgegenzukommen. Wer heute den nimmermehr einzudämmenden Wissensdrang unter der arbeitenden Be- I völkerung in verständige, geregelte Bahnen leitet, der wird sie zugleich vor politischen Abwegen behüten. Es gilt jedoch nicht nur, den Wissensdrang einseitig zu fördern, sondern vor Allem auch den CH ar ae ter zu stärken, es gilt, immer mehr die Ueberzeugung zu verbreiten, daß auch die einfachste Handarbeit ihren Adel hat. Das Wort von der Arbeit, die nicht schändet, wollen wir namentlich jenen Männern der besitzlosen Klassen immer wieder mahnend ins Bewußtsein rufen, die durch selbsterworbene Kenntnisse und Fähigkeiten sich
I über die Arbeiterklasse erhoben haben und nun physische Arbeit gering achten möchten.
Obige Zeiten sind einem vortrefflichen Aufsatze entnommen, den Johannes Corvey unter dem Titel: „Der I Idealismus der arbeitenden Klassen" im letzten Hefte des Böhmert-Gneist'schen „Arbeiterfreundes" veröffentlicht hat.
Dcrmifdtfc».
Höchst i. C., 9. Deeembcr. Doli einem recht bedauerlichen Unglücksfall würde am Samstag eine Familie in Ober Kinzig betroffen. Die junge Frau deS Hauses lag im ersten Wochenbett, wobei auch ärztliche Hülfe in Anspruch genommen werden mußte und der behandelnde Arzt Arznei zum Einnchmen und Carbol zu Einspritzungen verordnete. Die Mutter der jungen Frau, die zur Pflege ihrer einzigen Tochter herbeigeeilt war, verwechselte die Arznei und gab der Kranken einen Löffel voll Carbol, worauf die Tochter sofort sagte: „Mutter, eben hast Du mich vergiftet!" Bis ärztliche Hilfe erschien, war die junge Frau schon eine Leiche. Die größte Verzweiflung erfaßte nun die Mutter, die sich die Haare ausraufte und die Kleider vom Leibe riß und seitdem in heftigen Krämpfen liegt. Bei der gestern erfolgten Sectio« der Leiche und Untersuchung des tragischeii Falles in Anwesenheit der Staatsanwaltschaft war die Frau nicht ver nehmmigsfähig, die nach Lage der Sache jetzt am meisten zu bedauern ist.
Literatur und ICunft
Korpulenz. Ihre Ursachen, Verhütung und Heilung i durch einfache, diätetische Mittel, von Dr. Julius Vogel, Professor der Medicin. Einundzwanzigfte Auflage nach den neuesten wissenfchafllicken Forschungen bearbeitet von Dr. med. I. Goltner, proct Arzt. Preis 1 JL Verlag von Martin Hampel in Berlin- Friedenau. Die Thalsache, datz das vorliegende Buch nun bereits tn 21. Auflage erschienen, spricht genügend für den Werth desselben, ein ganz besonderer Vorzug dieser 21. Auflage ist jedoch darin zu finden, daß sie nicht, wie die früheren, nur das Bantmg sche System der Entfettung, sondern sämmtliche zur Zeit bekannten Entfettungskuren, zu Hause und tn Kurorten angewandt, eingchendst behandelt. Nachdem auch die Brunnenkuren für Fettleibige besprochen, giebt der Verfasser zum Schluß noch denen, bet welchen eine Anlage zur Fettleibigkeit vorhanden, Rathschläge zur Verhütung der- I selben.
Weihnachtsliteratur. Obwohl es bereits eine Menge spcctell der Frauenltteratur gewidmete Bücher giebt, so verdient doch ein I Werk' „Das Frauenglück" von Ida v. Brun-Barnow (Leipzig, E A. Kochs Verlag, eleg. geb. 2 JL 50 noch eine besondere Empfehlung in allen weiblichen Kreisen. In keinem I anderen Bucke werden nämlich wie in dem Werke „Das Fraum- glück" die Pflichten und Aufgaben der Frauen in so treffender, jeden edlen Eharacler überzeugender, jedes brave Herz befriedigender Weise geschildert, Nichts ist in dem Buche vergessen, was zur Veredelung des weiblichen Berufes dienen kann, und für Gattinnen und Mütter, sowie für herangewachsene Jungfrauen giebt es keine bessere Leetüre, I als dieses Merkchen.____________________________________________________
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Arnsburg, den 9. December 1889.
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