Ausgabe 
11.12.1889 Zweites Blatt
 
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Nr. 289. Zweites Blatt. Mittwoch den 11. December

1889.

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Gießen, 10. December.

Sitzung Großh. Handelskammer vom 3. December. Anwesend waren die Herren Koch, Klingspor, Gail, Heichelheim, Homberger, Katz, Kraatz, Scheel, Schirmer.

Die Ergänzungswahl der Mitglieder Großh. Handels­kammer für das Jahr 1890 soll am 17. December l. I., Nachmittags von 26 Uhr in dem Bureaulocal der Handels­kammer stattfinden. Die Wählerliste liegt vom 5. bis 16. December l. I. aus dem Bureau der Firma A. Heichel­heim offen. Zum Wahlcommissär wird Herr S. Heichelheim bestimmt und als Urkundspersonen die Herren Gustav Müller und Louis Kauffmann erwählt. Für den Fall der Verhin­derung eines dieser Herren wird der Herr Wahlcommissär autorisirt, andere Urkundspersonen zu bestellen. Nach dem Gesetze scheiden mit dem 1. Januar 1890 die Herren Koch, Gail und Katz aus.

Mit dem 1. Februar 1892 lausen die Handelsverträge mit der Schweiz, mit Italien und Spanien ab. Vorher schon endigen die Handelsverträge mit der Türkei und Rumänien, am 1. Januar 1893 der Vertrag mit Serbien und am 20. Februar 1895 der Vertrag mit Griechenland. Endlich können jeder Zeit gekündigt werden mit einjähriger Frist die Handelsverträge mit Belgien, Großbritannien und Irland, mit den Niederlanden, mit Oesterreich-Ungarn und mit Portugal.

Mit Frankreich besteht laut Art. 11 des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 ein Meistbegünstigungs­abkommen. Dasselbe erstreckt sich jedoch nur auf diejenigen Begünstigungen, welche Seitens eines der vertragschließenden Theile Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Oester­reich-Ungarn, Rußland oder der Schweiz zugestanden sind oder zugestanden werden sollen. Da jedoch die Handels­verträge, welche Frankreich mit.Belgien, Großbritannien und der Schweiz abgeschlossen hat, mit dem 1. Februar 1892 ab­laufen und die Verträge mit den Niederlanden, Oesterreich- Ungarn und der Schweiz jederzeit gekündigt werden können, so ist es leicht möglich, daß auch unsere Handelsbeziehungen zu Frankreich in kurzer Zeit thatsächliche Aenderungen erfahren können.

Wir bringen dies schon jetzt zur Kenntniß der Inter­essenten, um denselben Gelegenheit zu geben, frühzeitig ihre Wünsche bezüglich Erneuerung und Aenderung der bestehenden Verträge äußern zu können.

Am 30. October l. I. hat in Hannover eine Sitzung deS Bezirks-Eisenbahnraths stattgefunden.

Aus den Debatten theilen wir als von allgemeinem Interesse mit den Antrag Bertelsmann (Bielefeld):

Einführung einer ermäßigten Stückgutklasse für Güter aller Art bei Aufgabe m Mengen von 1000 Kgr."

Derselbe wird mit nur zwei Stimmen Majorität zur Befürwortung beim Herrn Minister angenommen. Der Gegenberichterstatter des Ausschusses verwies auf die im Landeseisenbahnrath vom 11. October er. stattgehabte Er­klärung des Herrn Ministers, welcher eine allgemein ermäßigte Stückgutklassc in Aussicht stellt, und erblickt im Antrag Bertelsmann einen neuen Ausnahmetarif, welcher geeignet sei, die Verwirklichung jenes Zugeständnisses aufzuhalten.

Auf der am 6. November l. I. in Köln abgehaltenen Sitzung des Bezirks-Eisenbahnraths lag zur Berathung vor der Antrag Weylarzd (Siegen): Einführung eines Schnell­zuges Deutz-Betzdorf-Gießen.

Der Vertreter der Kammer gab seinem Zweifel Aus­druck, daß dieser Antrag Aussicht auf Verwirklichung habe und vertrat wiederholt unfern Standpunkt in dieser oft ven- tilirten Frage dahingehend:frühere Anbringung des Zuges 215 (welcher hier 7 Uhr 45 Min. Abends fahrplanmäßig eintrifft) zu bewirken, um den Anschluß an den 7 Uhr 6 Min. nach Frankfurt a. M. abgehenden Schnellzug, sowie den um 7 Uhr 35 Min. Abends abgehenden Zug der Oberhessischen Bahn nach Fulda zu erreichen.

Mit dieser Ansicht deckle sich ein auf der Tagesordnung stehender Antrag des Herrn Commerzienrath Creutz (Siegen). Herr Directions-Präsident Offermann glaubt für den Sommer- fahrplan eine Zug-Aenderung in diesem Sinne zusagen zu können.

Ueber die Sitzung des Bezirks-Eisenbahnraths Frank­furt a. M. vom 27. November l. I. bringen wir Folgendes zur Kenntniß der Interessenten :

Der AntragBenutzung der Güterzüge durch Aerzte und Thierärzte gegen Fahrkarte 3. Klaffe" ward fast ein­

stimmig gegen das ablehnende Verhalten der Regierungs- Vertreter angenommen.

Auf Strecke Franksurt-Wiesbaden ist eine Vermehrung der Züge für den Sommersahrplan Seitens der Direction vorgesehen.

Unser Vertreter brachte den motivirten Antrag ein, daß Zug 324 der Main-Weser-Bahn (ab Gießen 6 Uhr 24 Min. Vormittags) directen Anschluß nach Wiesbaden erhalte, ebenso Schnellzug 304a (ab Gießen 7 Uhr 6 Min. Abends) in Frankfurt a. 9)L correspondirende Schnellzugverbindung mit Wiesbaden finde. Beide Desiderien sollen Berücksichtigung finden.

An directen Steuern waren im Großherzogthum Hessen für das Jahr 188889 zur Erhebung überwiesen worden insgesammt 3163007 Mk., wovon anf Starkenburg 3 031964 Mk., auf Oberhessen 1853 840 Mk. und auf Rheinhessen 3277 202 Mk. entfallen. Die Gesammtsumme vertheilt sich auf Einkommensteuer mit 4015 982 Mk., Gewerbsteuer mit 853 125 Mk., Gundsteuer mit 2936 763 Mk. und Kapitalrentensteuer mit 357136 Mk.

Nicht zu viel in der Christbescheerung! Wenn wir mit innigster Theilnahme auf die armen Kinder schauen, die den Weihnachtsabend freudenleer vorüberziehen sehen müssen, so möchte man doch mit den Kindern fast noch mehr Mitleid haben, die in eine überreiche Fülle hineingetrieben werden und in aller ihrer Freude eigentlich von Herzen nicht froh sind. Die Ansprüche jener Kinder, die ein gewisses Wohl­leben gewohnt find, erfordern an sich nicht wenig, so daß Geschenke an solchen Ausrüstungsstücken, die sich eigentlich von selbst verstehen und an denen noch nie Mangel gewesen ist, wie Kleider, Wäsche, Schulbücher u. s. w., nur dann einen Eindruck machen werden, wenn sie danach angethan sind, die Bewunderung auf sich zu ziehen. Wenn nun aber die elterliche Schwachheit neben solchen praktischen und meist viel Geldopfer verlangenden Gaben noch eine ganze lange Tafel mit den verschiedensten Gegenständen, deren bunte Zusammenstellung eine ganz eingehende Besichtigung bedarf, ausgerüstet hat, wie kann man dann verlangen, daß das Kind über jedes einzelne Stück von Herzen sich freuen soll! Die überreiche Fülle weckt ja leicht den Gedanken, daß die Eltern Mittel genug haben, um solche Pracht zu schaffen, und stumpft damit das Gefühl der Dankbarkeit ab. Nun kommt noch hinzu, daß bei solcher Fülle manche Gaben gefunden werden, die für das Kind oft nur einen sehr zweifel­haften Werth haben, z. B. Spielzeug, dessen Betrieb wo­möglich erst eine lange wissenschaftliche Auseinandersetzung nöthig macht, der Phantasie des Kindes keinen Spielraum läßt, und mit seiner Einförmigkeit bald ermüdet, oder man sinnt nur darauf, das Neueste und Glänzendste, womöglich etwas, was noch nie dagewesen ist, zu bieten, und fragt nicht nach der Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit, dem inneren Werth. Da wird nun das arme Kind von einem Stück zum andern getrieben, soll hier bewundern, was der Papa von seinen Reisen mitgebracht, dort, was Großmütterchen geschickt, was die Tante gestickt, der gute Onkel gespendet hat, und steht doch mancher Gabe ganz kühl gegenüber, weil es kein Gegen­stand seiner Wünsche gewesen ist und überhaupt seiner Ge­dankenwelt ganz fern liegt. Da liegen Dinge, die weit über das Alter des Kindes hinausweisen und nur aus der Phantasie elterlicher Eitelkeit, die der Art des Kindes immer vorauseilt, herausgewachsen sind. Möchte man nicht lächeln, wenn dem kleinen Jungen, der kaum auf den Beinen stehen kann, ein voller soldatischer Anzug mit Säbeln und Helm oder Kanonenstiefeln, die das ganze Kerlchen fast verschlingen, oder dem kleinen Mädchen, das lieber die Klapper in die Hand nimmt, ein eleganter Sonnenschirm geboten wird, oder dem halbwüchsigen Knaben Reitstiefeln mit Sporen für künftige Reitstunden, dem schüchternen Backfischchen, das mit seiner Schulmappe und dem kurzen Kleide Jedermanns Wohlgefallen erregt, eine volle Damentoilette geboten wird? Wird damit die Eitelkeit der Kinder nicht gewaltig genährt, daß sie immer anspruchsvoller, wählerischer, begehrlicher, aber auch freuden­loser werden? Wie groß aber ist nun dann erst die Gefahr, wenn Kinder Familien angehören, in denen nicht blos an einem Tage bescheert wird, sondern zu verschiedenen Tagen nach einander zu den Verwandten gewandert wird, die wo­möglich sich noch die Aufgabe stellen, einander zu überbieten! Wo bleibt da die Poesie der Kindheit, die harmlose Freude, die edle Zufriedenheit, die traute Gemüthlichkeit, die heilige Weihe der spendenden und nehmenden Liebe? Da geht es der kindlichen Freude wie manchem armen Tannenbaum, der mit so vielerlei Schmuck, Backwerk, Gold- und Silberglanz überladen ist, daß die natürliche Schönheit seiner grünen Zweige, an denen in der winterlichen Oede das Auge gern

i sich erquickt, ganz verdeckt ist und zu einem reinen Kunst- I product herabsinkr. Darum Maß und eine weise Grenze für die spendende Liebe?

Universitäts-Nachrichten.

Marburg, 7. December. Laut Anschlag am schwarzen Brett der Universität findet am nächsten Dienstag, den 10. d. M., Abend» V19 Uhr, auf der Freidhol'schen Terrasse eine Versammlung der Studtrenden der evangelischen Theologie statt, zwecks Stellungnahme zu dem die Mtlitärdicnstbesretung der Theologen betreffenden Antrag Huene, wozu die hiesigen Studtrenden der Theologie eingeladen werden.

Straßburg, vr. C. I. Fuchs hat sich als Privatdocent für Nationalöconomie und Finanzwtssenschaft in der rechts- und staatSwtssenschaftlichen Facultät habiltttrt.

Literatur und ICwnft.

Da» Lexicon deS LebenSglückS. Zuverlässiger Führer und Wegweiser auf dem Lebenswege. Ein practtsches Hund- und Nachfchlagebuch für alle Fragen des menschlichen Wohlergehens. Don Curt Adelfels. Preis brofchtrt 3.60, elegant gebunden JL 4.50. Verlag von Levy u. Müller in Stuttgart.

Glücklich fein, glücklich werden und glücklich bleiben, ist da» Ziel und die Sehnsucht aller Menschen. So verschieden und mannig­faltig auch die Menschen und Neigungen, die Bedürfnisse, die Tem­peramente, die Ansichten und Gedanken: darin sind alle Menschen gleich, daß sie dem Glücke zustreben und das Unglück fliehen, wie die Nadel der Bussole nach Norden strebt. Um die Gunst deS Glücks buhlen und werben alle Menschen. Das Glück ist der Pol unserer Sehnsucht. Ueber die Kunst, glücklich zu fein, sind denn auch viele Bücher geschrieben worden, und wenn man liest, mit welcher Bestimmtheit manche Verfasser versichern, daß ihre Recepte die Leser unfehlbar glücklich machen werden, falls sie dieselben be­folgen, so muß man sich baß verwundern, daß überhaupt noch un­glückliche Menschen ans diesem Planeten seufzen und trauern und wehklagen. Anders Cun Adelfels in seinemLexicon des Lebens­glücks". Wett entfernt, dem Leser unerfüllbare Versprechungen zu machen, erstrebt Adelfels, dessen ausgezeichnetesLexicon der seinen Sitte" längst das Bürgerrecht im deutschen Hause genießt, keinen anderen Zweck als den: für alle Verhältnisse, Lagen und Stimm­ungen, in welche der moderne Culiurmensch kommt oder kommen kann, treffliche, erprobte Lebensregeln und praktische Winke zu bieten. Bewaffnet mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts" versteht eS der Verfasser, einen gediegenen, autz Wissenschaft und Leben geschöpften Gedankengehalt in eine überaus anziehende Form zu kleiden, so daß die einzelnen Artikel reizende Feuilletons darstellen. Der Verfasser hat seinen reichen e>toff wieder in die bequeme Form alphabetisch geordneter, für sich abgeschlossener Artikel gegliedert, die es dem Leser ungemein erleichtert, für jede auf das Lebensglück Bezug habende Frage, die an ihn herantritt, rasch und bequem die sichere Auskunft zu erhalten, trefflichen Rath in allen zweifelhaften oder schwierigen Situationen, klare Erleuchtung auf allen Lebenspfaden. So gleicht das Buch auch in seiner äußeren Anlage demLexicon der feinen Sitte", zu welchem es gewissermaßen ein Seitenstück oder vielleicht besser eine glückliche Ergänzung bildet. In jedem Falle aber bürfen wir es als ein für alle Gelegenheiten passendes, einem Jedem will­kommenes Geschenkbuch bezeichnen, denn was für ein Buch könnte geeigneter sein, von Eltern den Söhnen und Töchtern, vom Gatten der Gattin, vom Bräutigam der Braut, vom Freunde dem Freunde in die Hand gelegt zu werden, als einLexion des Lebensglücks".

Noch rechtzeitig für Weihnachten ist eines der gediegensten und passendsten Geschenkswerke fertig geworden. Es ist dies die neue reich tfluftrtrte Ausgabe von Schiller- Gedichte« (elegant gebunden nur JL 7., Verlag von Paul Neff in Stuttgart). Wir haben während des Erscheinens der Lieferung-Ausgabe wieder­holt auf dieselbe aufmerksam gemacht und wir können, nachdem daS Werk vollständig ist, unsere Empfehlung nur aufs Wärmste wieder­holen. Aeußere elegante Ausstattung, die kurze Lebensskizze und besonders auch die Anmerkungen machen diese neue Schiller-Ausgabe zu einem der empfehlenswertheften Festgeschenke.

-e. Es ist eine unbestreitbare und schon oft auch in dem Gießener Anzeiger" hervorgehobene Thatsache daß Deutschland in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiete der mechanischen Herstellung farbiger Nachbildungen von Originalge­mälden solche Fortschritte gemacht und eine solche Vollkommenheit erreicht hat, daß es dem Ausland, namenllich Frankreich, hierin, nicht nur gleichkökimt, sondern dieses sogar in mancher Hinsicht übertrifft. Das finden wir wiederum bestätigt bei einem und vor­liegenden Kunstblatt in FarbenlichtdruckHafenvonStavanger" das im Verlage der seit Kurzem bestehenden und rüstig aufstrebenden Kunsthandlung von Brick u. Co., Berlin W., Potsdamer- str aße 23, erschienen ist. In der Bildgröße von 46>/2:31 cm (Cartongroße 72^:60 cm) zeigt es eine vorzügliche Wiedergabe des gleichnamigen Gemäldes von Lindemann-Frommel. In dem kräftigen Farbenton, der dem nordischm Himmel eigen ist, erblicken wir die von Schiffen belebte Hafeneinfahrt und zu den Setten die Ufer des Fjordes, an dem die berühmte norwegische Hafenstadt liegt. Ueberraschend naturwahr ist die Wiedergabe der von leichten Wellen gekräuselten See, die den in Purpurfarben erglühenden Himmel wiederstrahlt; nicht minder gelungen auch die Durchführung der Luftperspectioe, namentlich bet dem Hintergrund, der die dem Hafen vorgelagerten Inseln barfteüt. Der bekannte Kunstschriftsteller Lubwig Pietsch urthellt in betVoss. Zeitung" über bas Kunst­blatt :Die technische Wiedergabe ist so vollkommen, baß bas Bild, dem Wandschmuck eingereiht, die Täuschung erwecken kann, als oo man nicht an einer Copie, sondern am Originale sich erfreue". Das Bild, in hiesigem Prioatbefitz, ist für wenige Tage in dem Schau­fenster des neu eröffneten Ladens des Herrn Glasermeister Luh auf dem Neuenweg ausgestellt.