Ausgabe 
10.10.1889 Erstes Blatt
 
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Nr. 236. Erstes Blatt. Donnerstag bett 10. October 1889.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS

Äureanr Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

Durch die Posi bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 SR-

Bekanntmachung.

Beim Herannahen des Winters machen wir die Landwirthe unseres Kreiser daraus aufmerksam, ihre jungen Obstbäume in gehöriger Weise gegen Hasensraß zu schützen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginstern, wie es vielfach üblich ist, ist nicht genügend, da der Hase diese beiden Schutz« mittel leicht durchnagt; auch nisten sich im Stroh gern Obstöaumschädlinge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbmden der Bäume mit Dornen Bei der großen Bedeutung, welche der Obstbau zur Zeit hat, liegt es im dringenden Interesse der Landwirthe, ihren Bäumen dresen leicht und billig zu beschaffenden Schutz angedeihen zu lassen.

Gießen, am 8. October 1889. Großherzoglicher Kreisamt Gießen.

v. Gagern. _______________________________________________

Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, den 8. October 1889.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

sm die Schulvorstände des Kreises.

Die eingesandten Verzeichnisse werden in den ersten Tagen b. m. an Sie zurückgehen. . .

Zugleich erinnern wir diejenigen Schulvorstände, welche dieselben noch nicht eingesendet haben, an sofortige Erledigung unserer Verfügung vom 3. September Nr. 206 desGießener Anzeigers".

____________ v. Gagern.

Politische Mundschsm

Gießen, 9. October.

Am Berliner Hofe wird die Ankunft VeS russischen Kaisers, wie es scheint, <rft am 11. October erwartet. Augenscheinlich vermeidet man es noch immer, Etnzel- heitm über die Begegnung der Kaiser von Rußland und von Deutschland bekannt zu geben, aber an der unmittelbar bevorstehenden Zusammenkunft der beiden Monarchen in Berlin ist nicht mehr zu zweifeln. Am Dienstag sind auch aus Petersburg der Minister des kaiserlichen Hauses, Graf Woronzow-Daschkow, der Kommandirende des Hauptquartiers, Generallieutenant Richter, der Chef der kaiserlichen Kanzlei, Flügelad­jutant Oberst Graf Olssufjew und dessen Gehilfe, Kammerjunker Baron Budberg in Berlin eingetroffen.

Kaiser Wilhelm hat sich am Dienstag nach Kiel begeben, um das dort ein­getroffene englische Geschwader zu besichtigen. Da der Kaiser von Rußland über Kiel reisen wird, so ist es übrigens auch möglich, daß der deutsche Kaiser den Zaren bereits im Hafen von Kiel begrüßen wird.

Die Thätigkeit der BundeSraihsauSschüffe wird sich zunächst ausschließlich der Berathung des Reichshaushaltes zuwenden, welcher jetzt nahezu vollständig zur Vertheilung gelangt ist, nachdem auch der Heeresetat eingegangen ist. Es verlautet, daß der Bundesrath erhebliche Aenderungen kaum vornehmen wird, zumal über die wesentlichen Abweichungen des nächstjährigen Etats von dem laufenden Verständigungen bereits im Voraus zwischen den verbündeten Regierungen erfolgt sind. Es bezieht sich dies namentlich auf alle das Heerwesen betreffenden Angelegenheiten.

Im bairischen Landtage ist eine Petition um Einführung einer bairischen Klassenlotterie eingegangen. Als Motiv wird angeführt, es gelte, die preußische Lotterie, in der trotz des Verbotes in Baiern gespielt werde, zu verdrängen.

Die Deutsch-Oesterreicher in Böhmen halten an ihrem Programme fest. Der Club der deutfch-böhmischen Landtagsabgeordneten billigte die Haltung des Exe- kutiocomtt^s bet den letzten Ausgleichsversuchen und beschloß, auch dem neugewählten Landtage fernzubleiben, da den Deutschen keine Gewähr für Erfüllung ihrer bescheidenen Wünsche gegeben sei. Die Abgeordneten konstatirten ferner den energischen Widerstand der Wählerschaft gegen den Gedanken einer böhmischen Köntgskrönung und das un­erschütterliche Vertrauen derselben zur Parteileitung.

Bet den am Sonntag stattgehabten französischen Stichwahlen sind die gehegten Erwartungen erfüllt worden. In der aus 576 Abgeordneten bestehenden neuen fran­zösischen Deputirtenkammer werden die Republikaner über eine beträchtliche Mehrheit verfügen, ohne daß jedoch die gemäßigten Republikaner für sich eine geschlossene Majorität dar stellen. Nach den neuesten Berichten ist das Gesammtergebniß der Stichwahlen bis jetzt: 127 Republikaner und 46 Oppositionelle. Die neue Kammer würde demnach enthalten: 362 Republikaner, nämlich 236 gemäßigte und 126 radikale, und 205 Mit­glieder der Opposition, nämlich 100 Royalisten, 58 Bonapartisten und 47 Boulangisten. Unter den Wahlergebnissen sind einige besonders bemerkenswerth. Der Minister des Innern, Constans, ist in Toulouse mit 8394 Stimmen gegen den Boulangisten Susini gewählt. Ebenso ist im 1. Pariser Arrondissement der Minister der öffentlichen Arbeiten, Yves Guyot, mit 6113 Stimmen Sieger über den Boulangisten Turquet, der nur 5417 Stimmen erhielt.

Gegenüber dem sreundschaftlichen Besuche, welchen der Kaiser von Rußland in diesen Tagen am deutschen Kaiserhofe machen wird, muß es sehr auffallen, daß ein Thetl der russischen Presse über den beabsichtigten Besuch des deutschen Kaisers in Eonstantinopel Alarm schlägt. Zumal die zuweilen inspirirteNowoje Wremja" be­spricht in gereiztem Ton den für die Russen höchst ärgerlichen Entschluß des deutschen Kaisers, den Sultan in Eonstantinopel zu besuchen, und führt aus, daß dieses Ereigniß der russischen Politik Deutschland gegenüber die größte Zurückhaltung zur Pflicht mache. Es sei Zeit, von Deutschland eine kategorische Erklärung über die bulgarische Frage zu verlangen, Deutschland müsse Rußlands Entschlossenheiten kennen, Rußland dürfe eventuell nicht länger unparteiischer Zuschauer am Balkan bleiben. Was aber die Hauptsache sei, Niemand erwarte, daß Rußland jemals seineActtonsfreiheit" mit der Politik von 1870 vertauschen werde. Es wird Zeit, die Russen sehr energisch daran zu erinnern, daß Deutschland in der Türket keine politische Mission hat, und daß der deutsche Kaiser seine Reiseziele nach seinen Entschließungen wählt.

Persien gegenüber sind die Russen mit einem neuen Etsenbahnprojekt hervor- . getreten, bie Bahnlinie aus dem Transkaspigebtet nach Mesched im Nordosten Persiens soll um 200 Werst abgekürzt werden. In Tiflis tritt eine Commission zur Prüfung des Projektes zusammen.

Berlin, 8. October. Die Getreideeinfuhr Deutschlands weist im laufenden Jahre forldauernd eine sehr bedeutende Entwickelung auf. Nach dem neuesten Handels­ausweise der Reichsstattstik sind in den 8 Monaten von Januar bis August d. I. ein- gelührt worden 8 642 383 Doppelcentner Wetzen, 7184113 Doppelcentner Roggen, 3 489 417 Doppelcentner Gerste und 1 739 239 Doppelcenter Hafer. Die Gesammt- einfuhr an diesen vier Hauptgetretdearten stellte sich danach auf mehr als 16 Millionen Doppelcentner. In fast allen früheren Jahren ist die Einfuhr während der ersten 8 Monate hinter diesem Quantum weit zurückgeblieben; nur das Jahr 1884 zeigt für diesen Zeitraum eine um ein Geringes höhere Gesammtziffer. Der Umstand, daß in diesem Jahre Hamburg und Bremen, die früher als Zollausschlüsse in die deutsche Handelsftattstik nicht einbegriffen waren, jetzt nach dem Zollanschluß vollständig zum Inland gerechnet werden, kann an diesem Resultat nichts ändern. Einen besonders großen Umfang hat der Import von Roggen und Gerste angenommen; seitdem eine genaue statistische Ermittelung der Einfuhr stattfindet, d. h. seit dem Jahre 1880, sind von diesen Getretdearlen während der Zeit von Januar bis August niemals so be­deutende Mengen aus dem Auslande bezogen worden, wie in diesem Jahre. Daß trotz der sehr hohen Zölle die Einfuhr eine solche Ausdehnung erlangen konnte, ist der über­zeugendste Beweis dafür, in welchem Umfange Deutschland der Versorgung mit aus- ländischem Getreide bet nickt günstigem Ernteausfall bedarf.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Korrespondenz -BureaiN

Berlin, 8. October. Der Kaiser kehrt hierher von Kiel Donnerstag früh zurück. Während der Anwesenheit des Kaisers Alexander findet nach den btshertgen Dis­positionen am Freitag Nachmittag Galatafel im Weißen Saale, Abends Festoorstellung im Opernhause, Samstag Jagd in Letzlingen, Sonntag Frühstück bei dem Kaiser Alexander-Regiment, Abends die Abreise statt.

Berlin, 8. October. DerRetchsanzeiger" veröffentlichte die Ernennung des bisherigen Dtrectors im Retchsamt des Innern Boffe zum Unterstaatssecretär und des Geheime» Oberregterungsraths Nteberdtng zum Dtrector des gedachten Reichsamts.

DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Das Galadtner zu Ehren der Prinzessin Sophie, der Braut des Kronprinzen von Griechenland, an das sich Cour und Hof- concert anschlteßen, ist auf den 14. October festgesetzt.

Kiel, 8. October. Der Kaiser richtete beim Empfange an den Bürgermeister Fuß mehrere auf die Entwickelung der Stadt bezügliche Fragen, insbesondere über die wachsende Bauthättgkeit in den dem Nordostseekanal zugewandten Stadttheilen und über den Einfluß des Canalbaus auf die Erwerbsoerhältniffe der Stadt. Er war sichtlich befiiedigt darüber, daß das Verhalten der zahlreichen Eanalarbeiter zu Klagen keinen Anlaß gebe. Vormittags hörte der Kaiser den Vortrag des Staatssecretärs Heusner, begab sich Mittags in das Marineoffiziercastno und besichtigte Nachmittags die Kaiserliche Werft, sowie das auf der Germania-Werft erbaute Panzerschiff Siegfried".

Kiel, 8. October. Das englische Eanalgeschwader legte sich Nachmittags 4 Uhr an den Bojen des Krtegshafens fest. Viceadmiral Knorr, welcher dem Geschwader auf der Stattonsyacht entgegengefahren war, begab sich jofort an Bord des Flaggschiffes Northumberland" und begrüßte den Admiral Batrd. Sodann kamen der englische Consul Kruse, der Militärattache Domville an Bord. Nach Besichtigung der Wersten umfuhr der Kaiser die englischen Kriegsschiffe sofort nach ihrem Eintreffen auf der Dampfbarkasse ohne Standarte. Er kehrte gegen 41/« Uhr ins Schloß zurück und em­pfing dort die englischen Admiräle Batrd und Tracey. Domville hatte an dem Früh­stück im Marinecasino thetlgenommen. Abends 8 Uhr findet im Schlosse Galadtner statt, wozu dte Admiräle Batrd und Tracey, die Kommandanten der englischen Schiffe, der englische Martncattachs, sowie dte deutschen Admiräle, Stabsoffiziere, sowie das kaiserliche Gefolge geladen sind.

Zu Ehren derlOffiziere des englischen Canalgeschwaders findet im Schlöffe eine Galatafel statt.

Wien, 8. October. Der russische Botschafter, Fürst Lobanow-Rostowski, ist von seinem Urlaub zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Botschaft wieder über­nommen.

Wien, 8. October. DerPol. Corr." wird aus Petersburg gemeldet, daß Herr v. Giers heute von seinem Ausfluge nach dem Gouvernement Tambow nach Petersburg zurückkehrt.