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Nr. 262.
Samstag den 9. November
1889.
Der Hieh-n-r An-eiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Aßmikien dtäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Vierteljähriger Avonnemenlspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Rcdaction, Expedition und Druckerei:
General-Anzeiger.
Schutstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Aints- und 7lnzeigeblatt für den Kreis (ßiefjeit.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamitienbkätter.
Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, am 4. November 1889.
Betreffend: Lieferung des Bedarfs an Materialien für die BekleidungSwirthschaft der Truppentheile rc. des XI. Armee-Corps.
Das Kroßherzogliche Kreisamt Gießen
an die Vrohh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Aus Anordnung des Kriegsminifteriums sollen die in den einzelnen Corpsbezirken ansässigen Industriellen nach Möglichkeit zu den Lieferungen des Bedarfs an Materialien für die BekleidungSwirthschaft der Truppentheile, hier derjenigen des 11. Armeecorps, herangezogen und ausgenutzt werden, um dieselben hierdurch für den Kriegsfall in Bereitschaft zu haben.
Sie wollen daher bis spätestens zum 1- December L I. hierher berichten, ob in Ihren Gemeinden sich
1) Webereien für Leinen- bezw. Baumwoll-Stoffe,
2) Band-, Knopf-, Schnur- und Litzen-(Posamentirwaaren), Metallwaaren-rc. Fabriken, welche sich mit der Anfertigung von Mllitärbedarss-Artikeln besagen,
3) Militär-Effecten-Fabriken, speciell in Leder- und Metaü- rc. Maaren rc.,
4) Lohgerbereien und Lederzurichtungen, größeren Umfange», befinden.
v. Gagern.
politifc^e Neberficht.
Gießen, 8. November.
Abermals kommt aus dem dunkeln Erdtheile eine er schütternde Hiobspost, die gerade uns Deutsche schmerzlich berührt. Dr. Karl Peters, der Leiter der deutschen Expedition zur Aufsuchung Emin Paschas, ist mit seinem ganzen Gefolge, ausgenommen einen Europäer und einen Somali, auf seinem Zuge von der ostasrikanischen Küste nach dem Kenia-Gebirge, von feindlichen Eingeborenen, wahrscheinlich Angehörigen der wilden Massais, ermordet worden. Die Unglücksbotschaft, welche zuerst nur gerüchtweise auftrat, hat leider ihre Bestätigung erfahren, denn in Lamu, dem Ausgangspunkte der Expedition, traf die authentische Bestätigung der ersten Nachricht von der Ermordung Dr. Peters und seiner Gefährten ein. In ganz Deutschland wird man sicherlich den schmerzlichsten Antheil an dem furchtbaren Schicksale nehmen, welches Dr. Peters und seine Begleiter fern in den Wildnissen Ostafrikas
ereilt hat und wie man vielleicht sonst auch das Peter'sche, nunmehr also gänzlich gescheiterte, Unternehmen beurtheilen möge, jetzt wird man mir mit Wehmuth Derer gedenken, die auch auf afrikanischem Boden für ihr Vaterland gefallen sind. Bei all' dem liegt noch ein gewisser Trost in der inzwischen eingetroffenen Nachricht, daß ein Theil der Peters'schen Expedition, welcher von den Herren Rust und Borchert geführt wurde, durch einen als glücklich zu bezeichnenden Zufall abgehalten wurde, dem unter Dr. Peters vorangegangenen ersten Theil der Expedition rechtzeitig zu folgen, wodurch er vordem entsetzlichen Schicksal der zuerst abgegangenen Colonne verschont blieb. Nachträglich wird denn auch gemeldet, daß außer Dr. Peters überhaupt kein zweiter Europäer bei dem Ueberfalle getödtet worden sei.
In der bayerischen Abgeordnetenkammer ist es am Mittwoch und Donnerstag anläßlich der kirchenpolitischen Anträge der bayerischen Centrumspartei, welche aus Streichung des königlichen Bestätigungsrechtes in der Glaubens- und Sittenlehre und Zurückberusung der Redemptoristen zielen und die sich auch gegen die Altkatholiken wenden, zu großen Culturkampf- debatten gekommen. Dieselben gestalteten sich zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Ministern Dr. v. Lutz und Dr. v. Riedel, sowie liberalen Abgeordneten einer- und den Rednern des Centrums anderseits; zu einer Abstimmung über die Anträge ist es vermuthlich nicht gekommen.
Die zwischen Ungarn und Kroatien schwebende lange Streitsache des finanziellen Ausgleiches beider Länder ist endlich beigelegt worden. Am Mittwoch nahm das ungarische Abgeordnetenhaus den vorgeschlagenen finanziellen Ausgleich mit Croatien an, nachdem Ministerpräsident Tisza die Anschuldigung der Ultras auf der Linken, die Negierung habe nichts für Fiume gethan, widerlegt und zugleich aus die sichtliche Besserung der Lage Croatiens hingewiesen hatte. Am gleichen Tage lehnte das Unterhaus den Antrag der äußersten Linken, den Landesvertheidigungsminister Baron Fejervary wegen der Monoer Fahnenaffaire in Anklagezustand zu versetzen, mit großer Mehrheit ab. — Der deutsch-nationale Club des österreichischen Reichsrathes hat sich vollständig aufgelöst, da jetzt aus dem Club auch die Abgeordneten Kaiser und Ursin ausgeschieden sind.
Die unter den Londoner Schiffsarbeitern ausgebrochene neue Strikebewegung greift immer weiter um sich. Die Zahl der strikenden Arbeiter auf den Lichterschiffen ist bis auf 6000 gestiegen, welche entschlossen sein sollen, an ihren Forderungen festzuhalten, während dieselben von ihren Arbeitsherren als unvernünftig und unbillig bezeichnet werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 6. November. Zu den Uebungen der Er- satzre scrv ist en sollen im Jahre 1890/91 für daS preußische (Kontingent 12 500 Mann aus zehn Wochen eingestellt werden, 10500 Mann auf sechs Wochen, 9500 Mann aus vier Wochen. Die Uebungen von Mannschaften des Bcurlaubtenstandes sind bemessen für 1300 Unteroffiziere aus 56 Tage, 12 915 Gemeine auf 49 Tage, 665 Unteroffiziere und 80 Gemeine auf 42 Tage, 20 Unteroffiziere aus 28 Tage, 9200 Unteroffiziere auf 13 Tage, 91 300 Gemeine auf 12 Tage.
Deutscher Reichstag.
10. Plenarsitzung. Donnerstag den 7. November 1889, l^Uhr.
Haus und Tribünen sind spärlich besetzt.
Am Bundesrathstische: Dr. v. Boetticher, Herr- surth u. A.
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Fortsetzung der ersten Berathung des S o e i a l i st e n g e s e tz e s.
Abg. v. d. Decken (Welse) ist Gegner des Ausnahme gesetzes, aber nicht infolge einer Wahlverwandtschaft mit den Socialdemokraten, sondern weil er, im Gegensätze zu den Socialdemokraten, den gebrochenen Nechtszustand wieder reformiren wolle. Die Annexionen seien eine offene Wunde am Körper des Deutschen Reiches,- diese Wunde müsse geheilt werden, durch Ausnahmegesetze könne man das nicht. Freudig sei keine Partei für dies Gesetz eingetreten; nach seiner Meinung sei es die höchste Zeit, von dem System der Ausnahmegesetze zurückzukommen. Für die geistige Ueberwindung des Socialismus habe man nichts gethan. Die Regierung stelle sich mit dem Socialistengesetz ein Armuthszeugniß aus. Der Socialismus habe doch auch seine materielle Basis, die man nicht verkennen dürfe. Diese^ Ideen, mögen sie noch so irrig sein, werden nicht mit Gewalt aus der Welt geschafft. Durch solches Gesetz wird die soeialdemokratische Partei nur gestärkt werden, ähnlich wie das Centrum durch die Cultur- kampsgesetze erstarkte. Fürchten wir Gott, aber nicht daS Gespenst der Socialdemokratie.
Abg. Kuh le manu (natl.) polemisirt mit dem Abg. Munkel, dem gegenüber er namentlich den Gesichtspunkt vertritt, daß eine richterliche oberste Beschwerde-Instanz nicht so bedenklich sei, als Munkel geschildert habe. Daß die Bezeichnung als Ausnahmegesetz aus das Socialistengesetz in dem Sinne nicht zutreffe, wie man es legislatorisch versteht, hat früher der Abg. Bamberger erschöpfend nachgewiesen. Redner sucht die Nothwendigkeit von Präventivmaßregeln der Social-
Feuilleton.
Hessische Sichter der Gegenwart
Po« Dr. Ella Mensch.
IV. ^Nachdruck verboten ]
Walloths Lyrik zerlegt sich in zwei nach Form und Inhalt scharf gesonderte Theile. Wenn in dem einen die ewig gesungenen und doch nie ausgesungenen Themata von Lenz, Liebe, Scheiden und Meiden rc., allerdings auch meistens in der von Walloth beliebten pessimistischen Färbung zu Tage treten, so kommt in dem andern, vorzugsweise aus reimlosen Gedichten bestehenden Theile ein Moment zum Vorschein, das, wenigstens in dieser Ausdehnung und Nachdrücklichkeit, von keinem der Neueren behandelt wird. Ich möchte es die Vorliebe für die antike Formenschönheit nennen, welche namentlich in den Elegien, die sich auf ähnlichen Stoffgebieten wie die Goethe'schen bewegen, den Grundton bildet, nur daß Walloth nicht etwa wie der weiche, träumerische Hölderlin in Sehnsucht nach dem Geist und der Seele der antiken Welt schmachtet, sondern das Sinnenfällige betont, jene derbe Naivetät, wie solche u. a. auch das erotische Leben beherrscht. Da aber Walloth kein naiver Dichter ist wie etwa Wieland oder gar der Weimarer Olympier, sondern seine Stärke im Sentimentalen, Pathetischen hat, berührt diese Realistik, diese vor nichts zurückschreckende Deutlichkeit, die noch nie ohne Reflexionen erscheint, nur zu oft im höchsten Grade peinlich und legt die Befürchtung nahe, daß Walloths Talent, falls es diese Richtung eigensinnig weiter verfolgt, die Fähigkeit, sich zu den sonnenklaren, reinen Höhen der Menschheit zu erheben, allgemach einbüßen muß. Ich weiß sehr wohl, daß heutzutage Viele diese ungenirte Schreibweise, dieses unerhörte Sichgehenlassen in der Situationsmalerei als den höchsten Triumph der Kunst ausfassen und alles andere, was nicht auf diese Tonart gestimmt ist, als elende idealistische Schönfärberei verurtheilen. Die große Frage ist die: Muß das
Häßliche, das Gewöhnliche, das Niedrige nothgedrungen auch häßlich, gewöhnlich, niedrig dargestellt werden? Ja! ja! ruft man uns von allen Seiten entgegen; Theorie und Praxis überbieten sich in der Bekräftigung dieses „Ja", und besonnene Köpfe, wie Otto v. Leixner, der sich mit dieser Frage sehr eingehend beschäftigt und in ihrer Untersuchung zu wesentlich anderen Ergebniffen gelangt, als unsere naturalistischen Heißsporne, können sich in dem lärmenden Chorus nur schwer Geltung verschaffen.
Das Ungleichartige der Walloth'schen Lyrik, der rapide Wechsel zwischen Hohem und Niedrigem dürste ein Beweis dafür sein, daß der Dichter als Lyriker sein ästhetisches Ideal noch ebensowenig wie seinen festen Stil gefunden hat. Wer die gedankenvolle Ode an den „Schlaf" liest oder das Moll durchzitterte Stimmungsbild „Die Turteltauben", kann sich nur schwer zu der Ueberzeugung entschließen, daß diese reiche Phantasie einem so trivialen Stoff zum Opfer fallen konnte, wie er z. B. in der kleinen poetischen Erzählung „Alfted" vorliegt, die aus dem zweiten Bande der „Gedichte" besser weggeblieben wäre. Wir haben sehr oft und auch hier den Eindruck, daß es sich um die Wiedergabe von Selbsterlebtem handelt, aber alles, was in das Reich der Schönheit eingehen will, muß zugleich ein Ewiges sein. Das stark Persönliche in Walloths Dichtungen erscheint nicht immer geläutert und ausgewachsen zum Allgemein-Interessanten und Bedeutsamen. Daß Walloth den Zug zum Großen und Schönen kräftig entwickelt in sich trägt und daß es jammerschade wäre, wenn er ihn durch andere, minder bewunderungswürdige Eigenschaften seiner Poetennatur überwuchern ließe, zeigt vornehmlich seine Odensprache, in der Gedankenreichthum und Formenadel sich vermählt. Das Ausfinden neuer, passender Beiwörter, die mit dem Hauptwort zu einem treffenden Gesammtbegriff verschmelzen, ist u. a. characteristisch für diesen Stil. In der einfachen Liedform, wie sie dem Volkstone am nächsten kommt, hat Walloth sich gleich zu Anfang seiner dichterischen Laufbahn mit Glück versucht, wennschon die ReminiScenzen, nament
lich Lenau, Grün, Eichendorff, die Eigenart noch nicht zum Durchbruch kommen lassen.
Es vergeht kein Jahr, daß nicht im Verlage von Wilh. Friedrich in Leipzig ein ziemlich umfangreicher Roman, ein Drama oder ein Bändchen Lyrik von Walloth erscheint. Obwohl erst im Anfänge der dreißig stehend und durch körperliches Leiden am hastigen Produciren gehindert, hat er bereits über ein Dutzend Bücher auf den Markt gebracht — und doch ist seine Poesie noch im Werden. Ob dieses Werden zugleich ein Wachsen sein wird, das steht im Wesentlichen bei ihm selbst. „Habe die Sonne zu lieb nicht und die Sterne, komm', folge mir hinab in's dunkle Reich". Mit diesem Satz aus der „Iphigenie" leitet der Philosoph Carl Rosenkranz seine „Aesthetik des Häßlichen" ein, — bald wird es an der Zeit, unseren modernen Dichtern den umgekehrten Rath zu ertheilen: sich aus dem dunklen Reich wieder zum Wandel im Lichte zu bekehren. Wenn man einige Zeit in Walloths Gedichten geblättert hat, überkommt Einem ein Ge- sühl ähnlich dem, welches man beim anhaltenden Hineinstarren in einen tiefe«, dunklen, schilfbestandenen Waldweiher hat. Ringsum geheimnißvolles Schweigen, vielleicht nur unterbrochen vom eintönig-melancholischen Turteltaubenruf, kein Luftzug kräuselt den tobt daliegenden Wasserspiegel, verstohlen nur schleicht ein müder Sonnenstrahl durch das grüne Dickicht, auf Schilf und Wasser allerlei seltsame Lichtwirkungen erzeugend. Das Bild ist nicht ohne Rekz. Die Schwermuth des Todes, der Zauber des Vergehens haftet daran und verleiht ihm eine eigentümliche Schönheit, — aber auf die Dauer bedrückt es, es lähmt die Energie, es macht müde, und der Wunsch nach einer Comrastwirkung drängt sich mit unerbittlicher Nothwendigkeit auf. Nach der traumschweren, herzbeklemmenden Schwüle ein erlösendes Athemholen auf freier, sonncnbeschieuener Höh'! Nach dem Aufenthalt im engen Thal eine Bergfahrt!
Bergfahrten heißt das Büchlein Lyrik, das den directen Gegensatz zu Walloths Gedichten bildet und das sich zu ihm


