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Nr. 285.

Freitag den 6. December

1889.

Der

Gießener An-eiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener

Aamikien vkäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

icßcnct Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Avonuemeutspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Kchutstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für den ALreis Gieren.

chratisöeikage: Gießener Zlamitienötätter

Alle Annonccn-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Gieren, am 3. December 1889.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Betpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 17. No­vember 1880 Anzeiger Nr. 273 vom 27. März und 11. November 1885 (Amtsblatt Nr. 1 und 7 von 1885) erinnern wir Sie an alsbaldige Einsendung der Ueber- wachungsbogen bezüglich der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren (§ 17 der Instruction), bezw, an die Ihnen obliegende Berichterstattung im Falle in Ihrer Ge­meinde keine solche Kinder verpflegt worden sind.

v. Gagern

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der seitherige Feuervisitator Hahn von Gießen um Entbin­dung von dem Amte eines Feuervisitators nachgesucht hat und daß wir mit der Vornahme der Feuervisitation in den Ge­meinden

Mendorf a d- Lva, Alten-Buseck, Annerod, Bersrod, Beuern, Daubringen, Großen-Buseck, Mainzlar. Reis­kirchen, Rödgen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck und Winnerod

den Maurermeister Heinrich Keßler von Annerod beauf­tragt und denselben als Feuervisitator verpflichtet haben.

Gießen, den 4. December 1889.

Großherzogtiches Kreisamt Gießen, v. Gagern

Gießen, den 4. December 1889.

Betr.: Die Verpflichtung des Feuervisitators Heinrich Keßler von Annerod.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh Bürgermeistereien Allendorf a. d» Lda, Alten» Buseck. Annerod, BerSeod, Beuern, Daubringen, Großen-Buseck, Mainz­lar, Reiskirchen Rödgeu, Treis a. d. Ada., Trohe und Wieseck.

Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weife zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.

v. Gagern.

politische Uevevsicht.

Gießen, 5. December.

Die Budgetcommission des Reichstages beendigte am Diens­tage die mehr als einwöchentliche Einzelberctthnng des Mili­täretats. Beim preußischen Etat nahm die Commission anch in dieser Schlttßberathung eine Reihe nicht unwesentlicher Abstriche vor, dagegen wurden die Militäretats für Sachsen und Württemberg ohne größere Aenderungen genehmigt. Im Verlaufe der Discussion theilte der preußische Kriegsminister v. Verdy mit, daß er im Interesse der Bewahrung der Schlag­fertigkeit der Armee einzelne von der Commission bewilligte Positionen unter Zustimmung der Reichsfinanzverwaltung bereits in Verwendung genommen habe, die in Frage kom menden Summen beliefen sich zusammen aus 2 358 200 Mk. Der Commissionsvorsitzende v. Bennigsen machte darauf auf­merksam, daß dieses Verfahren um so erklärlicher sei, als der Beginn der dritten Plenarlesung des Etats erst nach Neujahr zu erwarten stehe- der Referent wird im Plenum die weiteren Ausschlüsse in der Angelegenheit geben.

In Oesterreich ist am Dienstag der Wiederzusammentritt des Neichsrathes erfolgt und zwar in rein geschäftsmäßiger Weise. Im Abgeordnetenhause wurde vom Finanzmtnister v. Dunajewski der Staatsvoranschlag von 1888 vorgelegt, wonach sich die Ausgaben auf insgesammt 545475660 Gulden, die Einnahmen aus 546418477 Gulden beziffern, so daß also ein Ueberschuß von 942 817 Gulden verbleibt. Der Finanzminister erklärte in seinem Expose, daß die wirthschast- liche Lage in Oesterreich eine langsame, aber stetige Besserung aufweise und kündigt zahlreiche Reformen finanzieller Natur an, unter denen die Schaffung einer mäßig-progressiven Per­sonal-Einkommensteuer besonders erwähnenswerth ist.. An­gemeldet sind verschiedene Interpellationen des Abg. Plener über die Lage der Deutschen in Böhmen.

Im ungarischen Abgeordnetenhause nehmen die von der Opposition verursachten Scandalscenen ihren Fortgang und führten sie in der Dienstagssitzung sogar zu einer regelrechten Duellforderung zwischen einem oppositionellen Abgeordneten und einem Mitgliede der Regierungspartei. Im Uebrigen wurden in der erwähnten Sitzung die EtatspositionenMinister­präsident" lutbDispositionsfonds" mit großer Mehrheit genehmigt.

In Rom ist, ziemlich spät, soeben die Bestätigung der in Antoto am 25. October startgefundenen Krönung des Königs Menelik von Schoa zum Negus von Abyssinien durch Ragazzi, den Vertreter Italiens bei Menelik, eingegangen. Ragazzi bestätigt ferner die den Mahdisten durch die Unter- feldherrcn Meneliks bereitete Niederlage und berichtet, daß Mangascha, der verschlagene Neffe des gefallenen Negus Jo­

hannes, dem Könige Menelik seine Unterwerfung angeboren habe, deren Bedingungen dieser indesten abgelehnt habe.

Nach einer Meldung des nach Ostafrika entsandten Spe­cialberichterstatters desNew-Dork Herald" traf derselbe am 29. November aus Stanley, Emin Pascha, deren europäische Gefährten und ihre 560 Köpfe starte Colonnc. Die Begeg­nung erfolgte in Tsua, einige Tagereisen landeinwärts von Bagamoyo, und waren die Reisenden bereits in Tsua'durch Premierlteutenanl v. Gravenreuth Namens des Rcichscom missars Wißmann herzlichst begrüßt worden. Emin Pascha sagte zu dem Correspondenten, er wünsche keinerlei Ehren­bezeugungen für das, was er geleistet, sondern wünsche lediglich, wieder in die Dienste des Khedive von Egypten cinzutreten. Emin, Stanley und ihre europäischen Begleiter besanden sich im Allgemeinen ziemlich wohl.

Deutscher Reichstag.

29. Plenarsitzung. Mittwoch den 4. December 1889, 12 Uhr.

Die erste Berathung des nach dem Anträge Dr. Barth (dsr.) u. Gen. eingebrachten Gesetzentwurfes betr die Beseiti­gung des obligatorischen Arbeitsbuches für Bergarbeiter wird fortgesetzt.

Abg. S t ö tz e l (Ctr.): Die Erregung unter den rheini­schen Bergarbeitern sei gegenwärtig großer als im Frühjahr. Das patriarchalische Verhältniß, wie es vor 3040 Jahren zwischen Grubenbesitzern und Arbeitern bestand, ist ver­schwunden, die Grubenbesitzer haben keine persönlichen Be­ziehungen mehr zu den Arbeitern- diese unterstehen einem Vcrwaltungsbeamten. Aus dem früheren persönlichen Ver­hältniß ist ein sachliches geworden, das Eigenthum am Berg­bau ist Börsenpapier geworden und darunter leidet zuerst der Arbeiter. Das ist kein gesundes Verhältniß und wenn die ultramoutane Presse diese Angelegenheiten besprochen hat, so kann man nicht, wie der Abg. Klein gethan, von Hetzereien sprechen. Hetzen nennt man heute, wenn Jemand sich eines armen Arbeiters annimmt, oder Uebelstände an die Oeffent- lichkeit bringt. Die Ursachen, die schließlich zum Strike führten, erregten seit Jahren die Unzufriedenheit der Arbeiter. Wie soll denn eine Zeitung daraus durch einige Artikel Ein­fluß üben? Wohl aber sind die Arbeiter vielfach ungerecht behandelt. So hat die Märkische Knappschastskasse den Arbeitern Jahre lang 80000 Mk. fällige Jnvalidengelder vorenthalten und erst nach Jahre langem Proceß heraus­gezahlt. Eine Reform der Zlnappschaftskassen ist dringend nöthig- der heutige Zustand bildet einen beständigen Zank­apfel zwischen den Bergarbeitern und Grubenbesitzern. Für den vorliegenden Antrag kann Redner aus den gestern vom Abg. Dr. Franz angeführten Gründen nicht stimmen. Daß

Feuilleton.

Ausliin der in Amerika.

Daß Amerika das Land der Einwanderung ist, wird Jedem klar, der nur ein paar Tage, geschweige denn Wochen oder Monate siH in einer amerikanischen Stadt ausgehalten hat. Sei es nun Fabrik- oder Handelsstadt, Sommerfrische oder Landstadt, in jeder sind die verschiedenartigsten Nationali­täten anzutreffen. Neben dem Neger wohnt der Chinese, neben dem Irländer der Engländer, neben dem Franzosen der Deutsche, neben dem Italiener der Slovake, neben dem Norweger der Spanier u. s. w. Jeder Erdtheil sendet seine Bewohner, die sich auch mit wenigen Ausnahmen bald heimisch fühlen. Daß die früheren Angehörigen eines 'Landes sich zusammenthun, um ihre geliebte Muttersprache sprechen zu können, um ihren alten Sitten und Gebräuchen gemäß zu leben, ist nicht mehr als natürlich, und fast jede größere Sradt des Landes hat daher sein Deutschen - Viertel, sein Irländer-, Chinesen-, Neger-, Franzosen-, Italiener-Viertel u. s. w. Noch eben hat man jeden Menschen, Mann wie Frau, Kind wie Erwachsenen, deutsch sprechen hören und kaum ein einziges englisches Wort vernommen, und schon im nächsten Straßenviertel schlägt nur noch das Geplapper der Franzosen an das Ohr des Beobachters, oder das schwülstige Englisch der farbigen Bevölkerung, oder die vokalreichen Laute der Sprache der Söhne Italiens. Jedem Gerichtshof sind daher auch sieben bis acht Dolmetscher beigeordnet, welche für ihre Bemühungen täglich 9 bis 12 und mehr Mark erhalten. Einen fixen Gehalt beziehen diese Leute nur in wenigen Fällen, sic werden vielmehr je nach der Anzahl der Tage bezahlt, welche sie beschäftigt waren. Fast jede stärker im Lande vertretene Nation hat auch einen ihr eigenthüm- lichen Erwerbszweig, in welchem nur selten Angehörige

anderer Nationen vertreten sind. So befinden sich z. B. die Bierbrauereien, mit Ausnahme derjenigen natürlich, welche jetzt von dem englischen Syndikat angekauft worden, fast ausnahmlos in den Händen Deutscher. Auch die Angestellten in den Brauereien sind vom Braumeister an bis aus den niedrigsten Stallknecht der deutschei^Nation entnommen, so daß, so zu sagen, das ganze Braugewerbe ein urdeutsches ist. Der großartige Profit, welchen eine gutgeführte Brauerei abwirft, har selbstverständlich auch viele Amerikaner angelockt, sich mit der Fabrikation von Bier zu beschäftigen, doch in den wenigsten Fällen waren diese erfolgreich. Außerdem ist ein Amerikaner unter seinen Landsleuten es sind natür­lich hierbei nur die Vollblut-Amerikaner gemeint, die Ab­kömmlinge der alten Quäker re. wie ein umherwanderndes Nebel gemieden, sobald er öffentlich Bier, dieses verhaßte Getränk derDutchmen", das von Jahr zu Jahr das Nationalgetränk des Amerikaners, den Schnaps, mehr und mehr verdrängt, fabrieirt. Ja, wäre er heimlicher Partner in einer Brauerei ober Eigentümer einer Schnapsbrennerei, so würbe er zu ben exclusivsten Zirkeln bes heuchlerischen Kirchenvolkes Zutritt haben. Nur nicht öffentlich mit einer Brauerei ober einer Wirthschaft in Verbinbung stehen! Diesem Zuge ber Heuchele? kann man hier im Lanbe auf Schritt und Tritt begegnen. Oeffentlich wird der Kampf gegen das Liquorübel" mit Wort und Schrift gepredigt, im Geheimen wird dem schrecklichsten aller Laster, demSchnapssuff", in einer Weise gehuldigt, für welche uns Deutsche das Ver- ständniß gänzlich abgeht. So hat der Schnapsteufel in Amerika eine Krankheit gezeitigt, welche wohl in keinem anderen Lande so häufig anzutreffen ist. Der volksthümliche Ausdruck dafür istan die Spree gehen", der medicinische acuter Alkoholismus". Ein Mann, der seit Jahr und Tag keinen Tropfen berauschender Getränke über die Zunge ge- gebracht hat, läßt sich überreden, ein Glas Whiskey (Schnaps)

zu sich zu nehmen. Von diesem Augenblick an ist der Be­treffende wie umgewandelt. Dem ersten Glas folgt ein zweites, dem zweiten ein drittes u. s. w., bis er so betrunken ist, daß er nach einem Hotel ober ins Stationshaus gebracht werben muß. Hiermit hat bie Krankheit jedoch noch nicht ihr Enbe erreicht. Im Gegentheil, am nächsten Tage wieder- holt sich basselbe Schauspiel. Es ist, als ob diese Unglück­lichen alle und jede Controle über sich verloren hätten. Ist das Geld ausgegeben, so werden Kostbarkeiten versetzt, Pferde, ja Geschäfte verkauft, und nicht eher hört dieSpree" auf, als bis jeder Pfennig vertrunken ist, ben ber Mann auf ber Welt fein eigen nennt. Ungezählte Vermögen finb hierbei schon verfchleubert, bie schönsten Geschäfte ruinirt worben unb Hunderte, ja taufenbe von Familien, welche sich einmal eines blühenben Wohlstanbes erfreuten, finb hierdurch bem Elend verfallen. Nur ein Heilmittel gibt es für diese Krankheit, nämlich das folgende: Sobald die Verwandten oder Bekannten eines solchen Mannes sehen, daß derselbe dem Uebel befallen, schaffen sie ihn, sobald er sich bewußtlos getrunken, in ein Hospital oder Irrenhaus und sorgen dafür, daß er dort die nächsten drei, vier, Wochen verbleibt, bis sich bei ihm das schreckliche, nicht zu besiegende Verlangen nach berauschenden Getränken gelegt hat und er wieder auf Wochen, ja Monate ober Jahr hin keinen Tropfen anrührt. Dieses Heilmittel ist jeboch vielfach nicht ausführbar, ba bie Krankheit oft so plötzlich auftritt, baß bie Familie erst etwas bavon merkt, baß ihr Oberhaupt einerSpree" gefröhnt hat, wenn das- felbe nach mehrtägiger Abwesenheit als körperliches unb geistiges Wrack in seine Wohnung zurückkehrt, nachbem es, wer weiß, was für Geldsummen ausgegeben hat. So wie das Brauerwesen sich fast gänzlich in ben Händen unserer Landsleute befindet, so ist der Handel mit Früchten wieder ein durchweg von Italienern betriebenes Gewerbe. Die Chinesen, welche im Staate Californien allerlei Gewerbe