Börfeuwocheubericht
von E. Wasserschleben, Bankgeschäft.
Die abgelaufene Woche hat eine weitere Versteifung des Geldmarktes gebracht. Schon die Nachzügler der Ultimoliquidation mutzten sich bequemen, höhere Preise für ihren Geldbedarf zu zahlen, dann wurde bekannt, datz die Reichsbank bet dem Monatswechsel autzerordentltch stark in Anspruch genommen worden sei, der Privatdiscontsatz stieg auf 4o/o, und am Donnerstag erhöhte die Bank den offictellen Dtscontsatz auf 5o/g unter gleichzeitiger Ststtrung der Dtscontkäufe am offenen Markte. Der bekannt gegebene Status läßt allerdings eine ungewöhnlich starke Anspannung erkennen. Durch Lombarddarlehne und Wechseldiscontirungen wurden der Bank 138 Millionen entzogen und autzer diesen 84 Millionen Depositen zurückgefordert, so datz die steuerfreie Notengrenze nicht innegehalten werden konnte, sondern dieselbe um 71 Millionen überschritten wurde. Wenn nun auch die ersten Wochen des October erfahrungsgemäß einen Rück- flutz bringen, der im vorliegenden Falle vielleicht genügen wird, die Notenausgabe in die gesetzliche Grenze zurückzuführen, so steht doch die Bank den großen Anforderungen Der letzten Monate des Jahres reseroelos gegenüber, und unter diesen Umständen^ wird es fraglich sein, ob sie bei dem gegenwärtigen Dtscontsatz wird beharren können, besonders da der Bank von England fortgesetzt große Beträge von Gold entnommen werden, und die Wechselcourse sich nicht zu Gunsten Deutschlands stellen.
Diese Erwägungen haben naturgemäß der Speculation viel von der früheren Siegesgewißheit genommen, und politische Befürchtungen haben mit dazu betgetragen, das einmal erwachte Mißtrauen zu stärken. Am Montag bereits waren Abgaben bemerkbar, die sich nicht auf Realisationen allein beschränkten, und seitdem haben dieselben ständig an Umfang gewonnen. Besonders wurden Banken in den letzten Tagen in starken Posten abgegeben, da, wie es scheint, die Speculation auf diesem leicht beweglichen und von der herrschenden Stimmung am meisten abhängigen Gebiet eine Batsseposition zu schaffen sich bemüht, um im Falle eines Rückschlags hier Ersatz für Verluste auf anderen Gebieten zu finden. Im Gegensatz hierzu hat das Publikum mierschüttert an seiner Haussemeinung festgehalten und ist täglich mit umfassenden Kaufaufträgen im Markt erschienen, so daß die Course einzelner bevorzugter Papiere nicht nur nicht gesunken sind, sondern über die Schlußcourse der Vorwoche hinaus Besserungen erzielt haben.
Erst in den letzten Tagen sind unter dem Eindruck der Dtscontoerhöhung die Kaufaufträge aus der Provinz geringer geworden. Das Vertrauen ist jedoch nicht erschüttert Die letzte Scene vom letzten Act der großen Haussebewegung der Jahre 1888/89, für welche die Entfesfelung der Speculation auf dem Montanmarkt von mancher Sette angesehen wird, scheint noch nicht gekommen. Was gemeiniglich als das Vertrauen des Publikums bezeichnet wird, ist nicht die Aeußerung einer durchdachten auf Vernunftgründen basirten Meinung, sondern nur die in weiten Kreisen rege gewordene Sucht nach Coursgewinnen, welche begreiflich erscheint, angesichts der enormen Verdienste, welche eine seit Jahr und Tag andauernde Auswärtsbewegung aller Course den Besitzern von Börsenpapieren in den Schootz warf. Diese Sucht zu heilen, bedarf es anderer Mittel als theures Geld oder den Artikel eines Staatsmannes — und sei er auch von der Bedeutung Gladstones — welcher die Tripel- Alliance angreift. Vernunftgründe werden nichts fruchten und die Staatshilfe, die bereits gegen das Spiel an der Börse angerufen wird, kann keine Aenderung schaffen, solange der Erfolg andauert und fortgesetzt neue Schaaren zur Börse lockt. Erst eine Reihe von Mißerfolgen kann hier Wandelung bringen. Dann freilich werden dieselben Actien, um die man sich heute reißt, und für deren Besitz man keinen Preis zu hoch achtet, vom Gipfel der Volksgunst zurückoersinken in die Nacht der Mißachtung und Vergessenheit, in der sie die letztvergangenen 15 Jahre geruht haben.
Banken haben mit wenigen Ausnahmen Abschwächung erfahren. Handelsan- therle erzielten zu Anfang der Woche auf die im vorigen Bericht erwähnten Gerüchte eine ganz unverhältnißmäßig große Steigerung. Sie wurden bis 197 gehandelt. Mit Einsetzen der schwächeren Tendenz ist die ganze Avance und Donnerstag Abend mehr als dies wieder verloren gegangen. Dresdner Bank haben eine Coursbesserung von mebr als 3% erfahren, weil Börsengerüchte der Bank eine große Betheiligung an verschiedenen neuen Finanzgeschäften zusprechen. Die übrigen Bankactien notiren wegen der erwähnten umfassenden Abgaben der Speculation unter dem Schlußcours der letzten Woche. Disconto verloren 3%, Credit — anfänglich wegen der Steigerung Türkischer Tabaks-Actien gebessert — 2 fl., Darmstädter 2,50 o/g, Deutsche Bank 3,50 o/o Nationalbank für Deutschland 2,50 %, Länderbank 4*/4 fl.
Von Deutschen Bahnen erfreuten sich nur Marienburger einer etwas höheren Beachtung. Böhmische Bahnen haben sich abgeschwächt, Buschtherader um 3Va fl., Duxer um 12 fl., Nordwestbahn 3 fl. und Elbthal 2 fl. Fest lagen nur Staatsbahn und Lombarden, beide auf günstige Einnahmeausweise, welche den Einfluß der stark verminderten Getreidetransporte nicht erkennen lassen. Schweizer Bahnen sind ebenfalls fest, doch ist auch hier die Abschwächung nicht spurlos oorübergegangen. Schweizer Union zeigen 2o/o, Westbahn 2.50°/o Verlust. Dagegen haben Gotthard, obwohl nicht ganz behauptet, 2% und Nordoftbahn-Actien 1.25<70 gewonnen.
Renten sind trotz des hohen Geldstandes gut behauptet, wozu der Anlagebedarf des Octobertermins mit beigetragen haben mag. Besondere Nachfrage bestand für Oesterreichische Renten, Türken, Spanier, Portugiesen und Egypter.
Auffallend ist namentlich die Steigerung der Ottoman-Zoll-Obl. mit I.6O0/0 und der Spanier mit 0.80%. Madrider Loose gewannen 1% auf den Amtsantritt des neuen Alcaden, der anscheinend die Regelung der Finanzverhältnisse der Stadt ernstlich in Angriff zu nehmen gedenkt.
Schlechter haben sich Ungarn, Italiener und Russen gehalten. Von letzteren find besonders die Orientanleihen im Verein mit der russischen Valuta schwächer. Für Italiener wirkt ein von Zeit zu Zeit auftauchendes Gerücht, die Regierung werde einen ’ in ihren Händen befindlichen Betrag von 240 Millionen Rente zum Verkauf bringen, i deprtmirend. Deutsche Fonds sind gleichfalls abgefchwächt.
Von Jndustriewerthen beanspruchten Gelsenkirchener und Laura-Actien das größte '' Interesse. Von ersteren erwartet die Speculation, daß die in voriger Woche beschlösse- 1 nen Käufe benachbarter Gruben das Werk zu dem bedeutendsten Europas machen werden. Die Actien wurden bis 194 gehandelt und haben sich auch an den flauesten Tagen gut behauptet, ausgenommen am Freitag, wo trotz der Besserung auf anderen Gebieten der Cours bis auf 187 zurückging. Der Wochengewinn ist ca. 4 o/g. Aehn- uch ist die Coursbewegung der Laura-Actien. Auch diese wurden bis weit über 160 '
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Course der Frankfurter Börse.
Staatsanleihe«.
Cours oom Cours nom
2/.Sept. 4.Oct. 27 Sevt 4 D t
1°/o Hessische Obligation. 105.20 105.50 4i/r°/»Portua -Ä 88u 89 98 70 qq sn
„S^rn .... 106.15 106.30 5°/ö°m°>t S-kb Gold-
3°"o Sächsische Rente. ! 96^50 ^9050 go/ SerbischeEisenbabn' 82-8° 82'20
3V,°/°BrcmerStaatsanl. 102.55 102.80 L a 84- 83 41
"':2Sä"'"7 Sä'™”’:1880'. ‘S ‘K
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5% Rumänische Rente . 96.60 96.65 D lgg? ' q9 ü9 c-
4'/-°/° Russische Anl.. . 101.10 101.25 ' ' ' 92'80 9218»
Gisenbahn-Prioritäten.
40/0 5o,„ Südbahn Lombarden 102.55 102.55
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eiiKhh6»antf J 103'40 103 35 4°/0 ttrag-Dur-r Gold . 10L10 10130
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wc».ew„: SS se N.63Ä8E •*" *•*
S bt So' ' 05 101150 .... .“M* ■ ■ SSM 5S.2»
0 T vttt zt irr „ _ 3% Llvorneser . . . 64.20 64 40
n0/ 1 . 84.20 84.40 40/g Russ.Südw.-Eisenb. 90.30 90 40
0 do. Ergänzungsnetz 81.60 81.60 40/0 Wladikawkas garnt 89— rrqa
b°/o Nordwestbahn Gold 107.60 4°/° gar. S°r"in Le° stsr 88 80 88 60
Gisenbahn-Actien.
• 2371~ 236170 Lübeck-Büchner . . . 196 80 196 50
Hessische Ludwigsbahn. 125.40 124.90 Ntecklenburger 166'
Psälzisch- Nordbabn . 129.95 129.- Gottbardt . ' go'rö 82 20
Martenburger-Mlawka. 65.50 65.25 Jtal. Mittelmeer . . 120L5 120 05
Bank-Aetien.
Deutsche Reichsbank . 133.40 133.60 Dresdener Bank 161— 164 qo
Z^H^'d^öesellsch. 190.- 190.40 Mitteldeutsche Creditb. '. 114'40 114-
Deutsche Bank . . . 173.— 169.50 Bsiener Bank-Verein 97 »7 qk 7-
DeutscheGenossenschftsb. Württemb Vereinsbank 126 90 126 80
v.Soergel.ParrisiusLCo. 137.90 138.10 Beremsoanr 126.90 126.80
Jndnstrie-Papiere.
Binding-Brauerei . 171.80 172.80 Deutsche «erlagsanstait 279.40 279
Stern- do. (Oberrod) 136.30 135.- Farbwerk-,vorm.Meister,
B°d. Anilin- u. Soda- ßacius & Brüning . 258.- 259
______sadrik ♦ ♦ ♦ • 266.90 268.20 Riedeck'scheMontanwerke 192.— 189 50
. Pfandbriefe.
4°/o Frank, HYY.-Psdbr. 4°/»DeutscheGrundschld.-
v. 86 ab . . . 102.15 102.20 Bk.-Pfandbr 103— ins-
MoFrnkf.Hyp-Psdbr. 99.90 99.90 3V2% bo. . . . ' 99 80 99 80
4°/oPreuh.Hyp.-Act.-Bk.- 3'/-°/°Rhein.Hyp.-Bank- ' °
Q1... Vsandbr. . . . 103.— 103.— Pfandbr. . . . 99.70 99 30
^öPr°ub.L-nti.-B°d.- 100 ^Meminger Pfandbr. 103.- 102.50
Cred.-Pfandbr. bis
1885 .....J 00.90 100.90
Oestr. 1860r fl. 500-Loose —.— —.- Braunschweig. 20 Thlr.-
„ 1854rfl. 250- „ 117.25 Loose .... 107 40 107 50
4v/g Meininger Prämien- 3o/o Oldenburger Loose . -'- —
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- ?rt-, rück,ahlb 1910 . -.- 117.20 Nebraska 1927 . . 91.80 91 90
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Prt., ruckzahlb. 1921 . 105.30 105.45 I. M., rückzahlb. 1912 108.- -
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ruckzahlb. 1896 . . 112.25 112.30 solidated I. M. r. 1920 110 80 110.10
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