Vertage zu Nr. 26 des „Achener Anzeiger"
Politische Uebersicht.
Gießers, 30. Ja«uar.
Die zweite große Vorlage des gegenwärtigen Sessionsabschnittes der Reichstage-, da- Wehrgesetz, ist von der betr. Commission am Samstag mit den in der Specialdiscusfion beschloffenen Abänderungen genehmigt worden. Zugleich hat die zweite Lesung des Entwurfes nun auch die nöthige Ausklärung über den Kostenpunkt gebracht; es werden 280 Mill. Jt für die Durchführung des Gesetzes gefordert, die im Wege einer Anleihe auszubringen find. Die Specialberathung des Wehrgesetzer im Plenum sollte noch im Lause dieser Woche erfolgen, falls stch nicht der Bundesrath vorher noch über das neue Anleihegesctz schlüssig macht. Dem Bundesrathe ist ferner ein Nachtragsetat in Höhe von 6,380,900 JL zugegangen, welcher zumeist das auswärtige Amt und die Retchspostverwaltung betrifft.
In Sachen der falliten Leipziger Disconto-Gefellfchaft ist ein ent'chetdender Schritt zu verzeichnen. In der am Freitag in Leipzig stattge- fm-ihenen Gkneral-Versammlung der Aclionäre der Disconto-Gesellschaft wurde der beinahe einstimmige Beschluß gefaßt, aus dem Ktagewege gegen den Aufsicht-- rath behufs Entschädigung vorzugehen, doch verbleiben dis Mitglieder des Aus- sichrsrathes trotzdem in ihren Aemtern. Jedenfalls darf man auf den Ausgang dieses eigenartigen Processer gespannt fein. Die Passiva der Gesellschaft betragen ca. 11,350,000 JL, von denen ca. 7,143,000 cA anerkannt sind; die Activa belaufen sich aus rund 4,746 000 in der Mafle dürsten etwa 60 Procent liegen.
Im ungarischen Abgeordnetenhause sollte am Schluß der Samstagssitzung die Beantwortung der von Seiten der Opposition über die auswärtige Lage gestellten Anfragen durch Herrn Tisza erfolgen. Inzwischen wird der Telegraph bereits darüber Aufschluß ertheilt haben, in welchem Lichte augenblicklich dem leitenden Staatsmanne Ungarns die auswärtige Situation erscheint; hoffentlich wird Herr Tisza seine das letzte Mal im ungarischen Reichstage vor Weihnachten geäußerte ziemlich hoffnungsvolle Auffaffung von der europäischen Eonstellation nicht geändert haben.
In den liberalen Kreisen Cisleithrniens bereitet sich gegen den Antrag des Prinzen Liechtenstein, den derselbe hinsichtlich der consessionellen Schule im Abgeordnetenhrmse eingebracht hat, ein Sturm vor. Innerhalb und außerhalb des Parlamentes nimmt man bereits entschiedene Stellung gegen diesen Versuch, die consessionelle Schule in Oesterreich einzuschmuggeln und sogar die Rechte selbst scheint von dem Vorgehen ihres Fraktionsgenoffen nicht sonderlich erbaut zu sein, ebensowenig, wie es die Regierung ist. Wahrscheinlich wird der Antrag Liechtenstein aus die lange Bank geschoben werden, um dann in die parlamentarische Rumpelkammer hiuabzugleiten.
Die Verhandlungen zwischen Frankreich und Italien wegen Abschluß des neuen Handelsvertrages sind nunmehr als definitiv gescheitert zu betrachten. Der italienische Botschafter in Paris, Gras Menabrea, sprach dem Minister Ftourens den Wunsch seiner Regierung aus, aus die weiteren Verhandlungen wegen de- Handelsverlrages zu verzichten; ein Zollkrieg zwischen beiden Parteien dürste in Folge deffen gerade nicht zu den Unwahrscheinlichkeiten gehören. Die politischen Beziehungen zwischen Part« und Rom, die überhaupt nicht die besten sind, werden durch da- Nichtzustandekommen de- Vertrages wohl kaum eine Aufhellung erfahren.
Der Zwischenfall von Trieux, von welchem überhaupt weder diesseits noch jenseits der Vogesen besonders viel Wesen gemacht worden ist, gilt als vollständig beigelegt. In den leitenden Pariser Kreisen hat man die That- fache, daß stch der franzöfische Jäger Barberot, als ihm der Grenzausseher Hahnemann da- Gewehr wegr.ahm, aus deutschem Gebiet befand, ohne Umschweife ausdrücklich anerkannt.
Pari-, 27. Januar. Um den Grenzsall bei Trieux nicht ungenützt vorübergrhen zu lassen, bemüht stch die Pariser Presse, den Jäger Barberot zu einem patriotischen Heros uab den deutschen Grenzwächter zu einem gemeinen Kerl zu machen und beide sozusagen als Vertreter ihrer Nation auszuspielen. Der „Temps", der einen schreibseligen Mann in Briey hat, geht mit patriotischem Beispiel voran: ihm zufolge hat der Grenzwächter nicht» im Auge, al» Beförderung urd Gewinn; „der Greis" kannte ihn nicht und ging ohne Mißtrauen aus ihn zu, und der Zeuge Nicloux vermeinte zwei Jäger stch in Freundschaft unterhalten zu sehen, al» er plötzlich den „unglücklichen Greis" zu Boden geworfen und gewürgt sah, woraus der Mistablader Nicloux hinzueilte und „der Deutsche mit allen Beinen entfloh, da» halb zerbrochene Gewehr entführend, ein werchvolles Geschenk des Herrn v. Wendel", und „es ist ein gewissermaßen provtdentieller Zufall, daß das mit einer Kugel geladene Gewehr nicht lo»gtng." Die „France" enthüllt den Franzosen die Schliche der deutschen Spione in Frankreich, als ob der richtige Franzose nicht langst i; alle Geheimnisse der deutschen Bosheit eingeweiht wäre! Uebrigens nut) der Präsekt in Nancy, Schnrrb, selbst davon ab, aus der Sache eine diplomatische Angelegenheit zu machen; dagegen meldet „Havas", daß der Unterpräfekt in Briey und der Staatsanwalt dem Bürgermeister von Trieux einen Verweis ertheilt haben, weil er nicht auf die erste Nachricht eine Untersuchung angestellt habe. „Der ehrwürdige Greis" und feine Leute scheinen die Sache erst von der patriotischen Seite aufgesaßt zu haben, al» sich die Demagogie de- Falle- zu bemächtigen suchte. Tragikomisch ist die Hervorhebung von Familiengeschichten: Barberoux wehrte sich so tapfer, sein Gewehr zu verlieren, weil es „ein Geschenk seines Herrn" war; dieser Duboft, der in Straßburg verhaftet wurde, ist „Vater von 7 Kindern" und er wurde „wegen Majestätsbeleidigung" verhaftet und dergleichen Gemüthlichkeiten | wehr. Der deutsche Grenzwächter heißt Annemak (Hahnemann), er wurde laut dem „Matin" zweimal zu Boden geworfen und erhielt eine Beule; schließlich wurde her 71jährige Greis schwach und Annemak setzte ihm da- Kniee aus die Brust, als Nicloux, „sehr geschätzt im Dorfe", herzultes, um Barberot zu Helsen. „Annemak ist, so scheint es, wenig geachtet, Vater von 4 Kindern, steht aber schlecht mit seiner Frau und ergiebt sich dem Suff." Selbstverständlich, kein Deutscher ohne Versoffenheit! E» ist damit, wie mit dem Urthetle des Berliner Berichterstatters des „Temps", der aufrichtig meldet, die ganze Berliner Presse verleugne ihren Ursprung nicht: „Ihre Artikel sehen aus wie Vorlesungen von
gewissen Privatdocenten, welche, um Zuhörer zu locken, einen schwerfälligen wiffenschastlichen Vortrag mit kühnen Behauptungen, Paradoxen, Sophismen und noch gröbern Bosheiten füllen, die sie ihren Widersachern in'» Gesicht schleudern; abgesehen von zwei fortschrittlichen Journalisten haben sie alle Blei in der Feder."
Deutschland.
Straßburg i. G., 28. Januar. Der hiesige FSrbereibesitzer Appel wurde gestern verhaftet.
Hesterreich.
Pesth, 28. Januar. Abgeordnetenhaus. In Beantwortung der Interpellation Helfy's betont Ministerpräsident o. Tisza, es sei nicht der geringste Grund vorhanden für irgend Jemand, an ter gegenseitigen bona fides der zur Aufrechterhaltung des Friedens und zur eigenen (Licherheit verbundenen Mächte zu zweifeln. In Folge der einschneidenden Dislokation und Verlegung russischer Truppen in der Richtung nach der Grenze der Monarchie ist es, ohne irgendwie Zweifel in die friedfertigen Erklärungen des Kaisers von Rußland zu setzen und jeden Schein der Provokation vermeidend, unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß für alle Fälle das Nöthige geschehe, was die Sicherung unserer Grenzen und die Wehrfähigkeit der Armee erfordert. Tisza wiederholt, daß das Bündniß der Mächte Centraleuropas nie etwas Anders als ein entschiedenes Friedensbündniß auf rein defensiver Basis war, dem jedes aggressive Vorgehen fernsteht. Redner hofft, es werde den friedliebenden Monarchen und Negierungen gelingen, den Frieden zu erhalten und Europa von dem schwerlastenden Gefühle Der Unsicherheit befreien.
Schweiz.
Bern , 28. Januar. Der Bundesrath verbot wegen anarchistischer und socialistischer Umtriebe den deutschen Reichsangehörigen Hauptmann Ehrenberg, Emil Schopen, Ignatz Metzler und Christian Haupt den Aufenthalt auf Schweizergebiet. Er spricht ferner gegenüber der Regierung die bestimmte Erwartung aus, dieselbe werde dafür sorgen, daß die Veröffentlichungen der Ofsicin der Socialdemokraten sich innerhalb der Schranken einer ruhigen und sachlichen Diskussion halte und Aufreizungen, Beschimpfungen und beleidigende Ausfälle vermeiden werden. Der Bundesrath behält sich jeder Zett ein Einschreiten gegen die Betheiligten vor.
Zürich, 28. Januar. Der deutsche Polizeiagent Haupt ist gestern über die Grenze geschafft worden. (F. Z.)
tzugland.
London, 28. Januar. Der „Daily Telegraph" bespricht die deutsche Wrhr- vorlage und sagt, jede Vermehrung der Militärmacht Deutschlands dürfe von dem übrigen Europa sicher als weitere Friedensbürgschaft betrachtet werden; der erleuchtete Monarch und der weise Staatsmann, welche Deutschlands Politik leiteten, hätten während der letzten siebzehn Jahre unzählige Beweise friedlicher Gesinnung gegeben; die Deutschen seien lediglich vorbereitet, das Ihrige nach besten Kräften, gleichvtü mit welchen Opfern an Blut und Geld, zu vertheidigen; es müsse zugegeben werden, daß ihre patriotische Bereitwilligkeit in dieser Hinsicht Bewunderung verdiene.
— Der parnellitische Deputirte Cox ist heute in Ennis zu einer viermonatlichen Gefängntßstrafe verurtheilt worden. Cox meldete sofort die Berufung an und wurde gegen Caution freigelassen, jedoch beim Verlassen des Gerichtshauses wegen der in Kildyfart gehaltenen aufrührerischen Rede sofort auf's Neue verhaftet.
Lo»don, 28. Januar. Dr. Mackenzie ist heute früh nach San Remo abgereist.
Stoße*.
Sa« Remo, 28. Januar. Seine König!. Hoheit der Grvßherzog von Hessen und Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Irene sind sehr gut hier angekommen. In Genua erwarteten Se. Königl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen mit einem Salonwagen die Hoben Reisenden. Nach dem Frühstück fand die Weiterfahft bis San Remo bei schönstem Wetter statt.
Schweden.
Stockholm, 28. Januar. Erzbischof Sundberg hat den Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden, abgelehnt.
Spanien.
Madrid, 28. Januar. Die Exkönigin Isabella ist nach Sevilla abgereist' Die Königin - Regentin itnb die Minister gaben derselben das Geleite nach dem Bahnhofe.
— In der Deputirtenkammer erwähnte der Minister des Aeußeren, Moret, die Erhöhung der spanischen Gesandtschaften zu Botschaften, und erklärte, Spanten suche dabei keine eitle Genugthuung, sondern die Mächte, welche das Emporkommen Spaniens anerkannt hätten, wollten dem Lande Beweise ihrer Sympathie geben.
Wutzkand.
PeterSb«rg, 28. Januar. Der Chef des Generalftabs im Marineministerium Tschichatschew, ist zum Commandirenden des Uebungsgeschwaders für die kommenden Uebungsfahrten ernannt worden. Die Flaggenofficiere dieses Geschwaders unD der Commandtrende des Artillerie-Lehrgeschwaders und des Marineschulgeschwaders sind gleichfalls bereits ernannt.
Bulgarien.
Philippopel, 28. Januar. (Telegramm der „Agence Havas".) Prinz Ferdinand wohnte heute dem Gottesdienste in der Moschee bei und erwiderte auf eine an ihn gerichtete Ansprache, er werde dafür Sorge tragen, daß die muselmanische Bevölkerung entsprechend den Wünschen des Sultans begünstigt und gefördert^ werde. Nach dem Gottesdienste brachten viele vornehme Türken dem Prinzen prächtig gestickte Stoffe dar.
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