Ausgabe 
30.12.1888 Zweites Blatt
 
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Ar. SOM Zweites Blatt. Sonntag den 30. Decembcr 1ZZZ

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. -

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Amtlicher Hheik.

Betreffend: Die Verpachtung von Kirchen« und Psarrgrundstücken. Gießen, am 22. December 1888.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die evangelischen Kirchenvorstäude des Kreises.

Unter Hinweis auf das im Verordnungsblatt für die evangelische Kirche des Großherzogthums Nr. 17 vom 21. l. Mts. enthaltene Ausschreiben Großherzoglichen Oberconsistoriums Nr. 27 vom 5. l. Mts. beauftragen wir Sie, nach den Bestimmungen dieses Ausschreibens bei Verpachtung von Kirchen« und Psarrgrundstücken für die Zukunft zu verfahren.

v. Gagern. ___

Politische Jahres-Rundschau.

Gießen, 29. December 1888.

Das nun zu Ende gehende Jahr 1888 wies gleich seinem Vorgänger als seine vorherrschende Signatur Rüstungen und militärische Vorkehrungen nicht nur bei den maßgebenden Rationen, sondern selbst bet kleineren Völkern unseres Erdtheiles auf. Dennoch entwickelten sich aus dem Waffenlärm keinerlei kriegerische Ereignisse und noch heute sind die Aussichten auf die fernere Erhaltung des Völkerfriebens nicht schlechtere und nicht beffere, als sie es schon vor Jahresfrist waren.

Aber doch fehlte es nicht an welterschütternden Vorgängen, die allerdings zu­nächst nur Deutschland berührten, die jedoch auch in der gesummten übrigen Welt gewaltige Bewegung hervorrtefen: das Htnscheiden der beiden ersten Kaiser Les neuen deutschen Reiches. Am 9. März 1888 war Wilhelm I., der kaiser­liche Begründer detz Reiches, 91 Jahre alt, nach einer unvergleichlich ruhmvollen und erfolgreichen Regierung, heiß betrauert vom deutschen Volke, aus dem Leben geschieden und es folgte ihm in der Regierung des Reiches und Preußens sein einziger Sohn, Kaiser Friedrich III. Aber das heimtückische Hebel, mit dem der unglückliche Fürst schon seit Monden unter banger Lheilnahme der gesammtm Welt gerungen, setzte dem Leden Kaiser Friedrich's nur zu bald ein Ziel, denn bereits am 15. Juni folgte der edle Monarch, nach kaum dreimonatlicher Regierung, die aber dennoch auf allen Ge­bieten des öffentlichen Lebens leuchtende Spuren zurückließ, seinem unvergeßlichen Vater in die Ewigkeit nach. Der älteste Sobn des Heimgegangenen Fürsten bestieg nunmehr als Wilhelm II. den in so kurzer Zeit zwei Mal erledigten deutschen Kaiser- und Preußischen Königsthron und hoffend richteten sich nach all' dem schweren Leid die Augen aller deutschen Stämme auf den jugendlichen Herrscher. Mit einem hochbedeutsamen Acte tnaugurirte er seine Regierung durch die eine Woche nach seiner Thronbesteigung vollzogene Eröffnung des außerordentlichen Reichstages. Etnmüthig schaarten sich hierbei die deutschen Bundesfürsten um das neue Haupt des Reiches, hiermit vor aller Welt verkündend, daß guch fernerhin die deutschen Stämme und ihre Fürsten treu zu Kaiser und Reich stehen werden. Kaiser Wilhelm II. aber hat durch alle seine wetteren Handlungen und Regierungsacte kundgethan, daß er entschlossen ist, nach außen wie nach innen in den Bahnen seiner großen Vorgänger zu wandeln, und mit Muth und Vertrauen sieht darum das deutsche Volk der weiteren Zukunft entgegen.

Zu den schweren Schlägen, die im alten Jahre Deutschlands Kaiserhaus heim- fuchten, gehörte auch das Ableben des jugendkräftigen, reichbegabten Prinzen Ludwig von Baben, des Lieblingsenkels Kaiser Wilhelm's I., aber es fehlte anderseits auch nicht an frohen Ereignissen im Schooße der Kaiserfamilie und solche bedeuteten die Vermählung des Prinzen Heinrich von Preußen mit Prinzeß Irene von Hessen, die Geburt des fünften Sohnes des Kaisers, des Prinzen Oscar, und die Verlobung der Prinzessin Sophie von Preußen mit dem Kronprinzen Constantin von Griechenland.

Unter den sonstigen für Deutschland bemerkenswerthen Begebenheiten des Jahres 1888 steht der Erlaß des Landsturmgesetzes vom 11. Februar, also noch unter Kaiser Wilhelm I., mit voran, welches in seinen Tonsequenzen eine gewaltige Ver­stärkung der Wehrkraft Deutschlands bedeutet. An den Beginn der Regierung Kaiser Friedrich's knüpfte die vielerörterteKanzler-Crtsis" an, die schließlich mit dem Rück­tritte des preußischen Ministers des Innern, Herrn v. Puttkamer, und dessen Ersetzung durch den Unterstaatssecretär Herrfurth endigte. Unter der Regierung Kaiser Wil- belm's II. traten weitere bedeutsame Personaloeränderungen ein. Zum lebhaften Be­dauern aller Volkskreise trat Generalfeldmarschall Gras Moltke in Folge seines hohen Alters vom Posten eines Chefs des deutschen Generalstabes, welchen der bisherige Generalquartiermeister Graf Waldersee übernahm, zurück, doch blieb der berühmte Schlachtendenker durch seine Ernennung zum Präses der Landesvertheidigungs- Commi sion in Berührung mit dem deutschen Heere. Weiter vertauschte der seitherige Cbef der Admiralität, v. Caprivi, diesen Posten mit dem eines commandirenden Generals- an seiner Stelle übernahm Vice-Admiral Graf Monts die oberste Leitung der deutschen Flotte; eine Reihe weiterer Veränderungen in den höheren Commando- stellen des Heeres und der Marine schlossen sich hieran an. Schließlich rückten noch rwei hervorragende Parlamentarier in höhere Staatsstellen ein, indem Rudolf o. Ben­nigsen zum Oberpräsidenten der Provinz Hannover und Freiherr v. Maltzahn-Gultz an Dr Jacodi's Stelle zum Reichsschatzsecretär ernannt wurden. Die Socialreform wird auch unter Kaiser Wilhelm II. kräftig weitergeführt werden, wie die dem Reichs- taae zugegangene Vorlage über die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter be­kundet Unter persönlicher Theilnahme des Kaisers wurde in Hamburg der Zoll- «nscklüst in Leipzig die Grundsteinlegung zum Reichgerichtsgebäude vollzogen. End­lich sind von innerdeutschen Ereignissen noch die im Herbst ftattgefunbenen Neuwahlen rum preußischen Landtag zu erwähnen. .....

5 Von wichtigeren Begebenheiten, welche die deutsche auswärtige Politik be­rührten, sind die Veröffentlichungen der gefälschten .Bismarck-Depeschen" und des Leutsch-österreichischen Bündnißoertrages, in gewissem Sinne der Erlaß der Paßvor- ichriften in Elsaß-Lothrtngen, die Reisen Kaiser Wilhelms II. nach dm nerdstchen Höfen wie nach Wim und Rom, sowie die Besuche des Grafen Kalnoky und des Herrn Crispi als der Leiter der auswärtigen Volitik Oesterreich-Ungarns und resp. Italiens, in Friedrichsruhe beim Fürsten Bismarck hervorzuheben. .

* * An die deutsche «olonialpolittt endlich traten neue Aufgaben durch den Araberaufstand in Ostafrika heran; doch ist die Reichsregierung in ledern Falle ent­schlossen die Errungenschaften Deutschlands in Ostafrika festzuhalten und stehen im Uebrtgen hierüber noch wichtige Reichstagsdebatten bevor.

0 Wenden wir uns nun zunächst der Deutschland so eng teM uuaarischeu Monarchie zu, so treten uns in deren innerer Politik bedeutsemeRttntster- Veränderungen entgegen. Zwar will die Ersetzung des polnisch« .Landsmami-MtmsterS

v. Ziemialkowski durch Herrn v. Zaleski nichts besagen, bedeutungsvoll ist dagegen die Ersetzung des bisherigen Krtegsrnmisters Grafen v. Bylandt durch General Freiherr v. Bauer und einen politisch besonders scharf ausgeprägten Character trug die Ernennung des Czechenireundes Grafen Schönborn zum österreichischen Justizminister. Sie bekun­dete eine offenbare Stärkung des die Slaven des Kaiserstaates begünstigenden Systems des Grafen Taaffe und war um so eigenthümllcher, als ihr in Bellooar die Zurecht­weisung des panflavistisch gesinnten Croatenbischofs Dr. Stroßmayr durch Kaiser Franz Josef selbst vorausgegangen war und obwohl auch vorher Kaiser Wilhelm II. bet seinem Besuche in Wien den Ministerpräsidenten Grafen Taaffe weder empfangen, noch durch eine Ordensverleihung ausgezeichnet hatte. Jedenfalls haben aber alle Wider­sprüche der inneren österreichischen Politik an dem kräftigen Weiterbestände der deutsch- österreichischen Allianz nichts geändert, vielmehr geht aus den in Wien zwischen ben Kaisern Franz Josef und Wilhelm gewechselten hochbedeutsamen Trinksprüchen hervor, daß die Waffenbrüderschaft ihrer Reiche und Heere unerschütterlich weiterbesteht. Die Schlagfertigkeit des österreichisch-ungarischen Heeres hat durch das vom österreichischm Abgeordnetenhause bereits definitiv angenommene neue Wehrgesetz eine weitere Erhöhung erfahren, während anderseits die in beiden Reichshälften von den Parlamenten geneh­migte Vorlage über die Spiritussteuer eine Kräftigung der österreichisch-ungarischen Finanzen bezweckte. Das 40jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josefs wurde von allen Völkerstämmen Oesterreich-Ungarns am 2. December freudig begangen und bildete es somit gegenüber dem sonstigen Rationalitätenhader im Donaureiche einen erhebenden Lichtpunkt.

Die dritte Macht im europäischen Friedensbunde, Italien, war im Laufe des alten Jahres sichtlich bestrebt, durch eine Reihe einschneidender militärischer Maßregeln, von denen einige noch in den letzten Tagen erst die Zustimmung des italienischen Parlamentes gefunden haben, den Werth ihrer Bundesgenoffenschaft zu erhöhen. Die verschiedenen bedrohlichen Reibungen zwischen Italien und Frankreich, so in den Fragen wegen Tunis und Masfauah, ließen im Uebrtgen die militärischen Vorkehrungen Italiens ganz erklärlich erscheinen, obwohl schließlich sämmtliche italienisch-französischen Zwtschen- fälle befriedigend beigelegt wurden. Bemerkenswerthe Fortschritte im inneren politischen Leben Italiens bedeuteten die Durchführung der Provinzial- und Communalreform, sowie die Einführung des neuen Strafgesetzbuches, dagegen sind die finanzreforma- tortschen Maßregeln des Ministeriums Crispi noch ohne parlamentarische Zustimmung geblieben und wird sich die in dieser Frage entstandene Krisis erst noch zu entscheiden haben. In feiner Afrika-Politik hatte Italien durch den Rückzug der Abyssinier vor Masfauah und weiter vor den italienischen'Stellungen bei Saati einen nicht unbe­deutenden Erfolg zu verzeichnen. Die Theilnahme eines italienischen Kriegsschiffes an der deutsch-englischen Blokade der Zanzibarküste knüpfte die Interessen Deutschlands und Italiens in einem neuen Punkte zusammen, daß aber auch sonst das Bündniß beider Staaten trotz einer nicht ganz bedeutungslosen Gegenströmung in Italien un­entwegt fortbeftebt, verbürgt der begeisterte Empfang, der Kaiser Wilhelm auf italieni­scher Erde überall zu Theil wurde.

Die französische Republik hatte im Jahre 1888 wiederum nicht unbedenkliche innere Erschütterungen durchzumachen, die sich namentlich in der immer offener auf­tretenden und vielfach mit der monarchistischen Propaganda verquickten Bewegung der Boulangisten zeigten. Die Wahlsiege derselben bei einer Reihe von Ersatzwahlen konnten nur das Selbstvertrauen der boulangistischen Führer vermehren und ihren Bestrebungen kommen der Zwiespalt unter den Republikanern, der Widerwille des französischen Volkes gegen die neuen parlamentarischen und politischen Skandalgeschichten, wie sie z. B. in der bekannten Affaire Ruma Gilly abermals zu Tage treten, endlich auch die Panama- Kanal-Katastrophe sehr zu Statten. In ihrer Abwehr der boulangistischen wie der mon­archistischen Angriffe ist die französische Regierung allerdings auch nicht sehr glücklich gewesen und ob die gegenwärtig betriebene Verfassungsrevision zum Helle der Republik ausschlagen wird, erscheint noch recht zweifelhaft. Merkwürdigerweise sah Frankreich im Jahre 1888 nur einen Ministerwechsel; Im April trat an die Stelle des Ministeriums Tirard das vollkommen radicale Cabinet Floquet, dem es infolge des Zusammentreffens verschiedener günstiger Umstände möglich gewesen ist, sich bis jetzt im Sattel zu be­haupten. Unter dem Cabinet Floquet wurde auch das Fremdendecret erlassen, das all­gemein als die Antwort Frankreichs auf die Paßmaßregeln Deutschlands aufgefaßt wurde Dennoch trat die Politik Frankreichs nach Außen hin tm Allgemeinen nicht scharf 'hervor, wenngleich die Zwischenfälle speciell mit Italienauf gewisse auswärtige Beziehungen der Republik immerhin ein bezeichnendes Licht warfen. In Tonkin herrschte im Großen und Ganzen Ruhe und dasselbe konnte auch von den übrigen colonialen Besitzungen Frankreichs gelten. 1OOO s

Die auswärtige Politik des Czarenreiche» wies im Jahre 1888 gleichfalls das Gepräge einer gewissen Reserve auf. Nur standen mit letzterer die fortgesetzten mili­tärischen Rüstungen Rußlands, zu denen auch die ganz neue Einthellung der russischen Armeecorps gerechnet werden muß, und schließlich auch die endlich gegluckte neue russische Anleihe im Widerspruch, so daß die Zurückhaltung Rußlands in den europäischen Fragen sich als ziemlich zweifelhafter Dtatur herausstellt. inneren 3uftän^

Rußlands anbelangt, so gingen wiederum Gerüchte über Elistische ^^ge um, doch hat das Ausland hierüber nichts Zuverlässiges enahrm, selbst was angebliche Attentat auf Kaiser Alexander III. wahrend dessen Kaukasusreise aubelangt. Die letztere schloß mit einer grellen Diffonanz durch die Entgleisung des kaiserlichen Hof-uges be Borki ab; wunderbarerweise kamen hierbei der Czar und die Seinigen fast, unverletzt davon während zahlreiche Personen aus der unmittelbaren Umgebung der kaiserlichen Herrschaften getödtet oder schwer verwundet wurden. In wirthschaftlicher Beziehung verdient die Eröffnung der russischen Transcaspi-Bahn bis Merw -ls /in erwähnm^-

Eretaniß reaiftrtrt zu werden. Im Uebrtgen ragt noch der Besuch des deutschen Kaisers in Petersburg hervor, der aber in den deutsch^ufsischen Beziehungen doch n cht hie erhoffte entscheidende Wendung zum Besseren tm Gefolge gehabt hat.