Ausgabe 
29.4.1888 Zweites Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

1888.

Nr. 1OO Zweites Blatt.

bur-a« r S ch u l st r a ß e 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Kreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

iMmiM DurchdiePost bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheik.

Gießen, den 26. April 1888.

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Grobherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boekmann.

Nr 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 21. d. M., enthält:

(Nr. 1795.) Gesetz, betreffend den Reingewinn aus kriegsgeschichtlichen Werken des großen Generalstabes. Vom 12. April 1888.

.(Nr. 1796.) Verordnung, betreffend die Abänderung und Ergänzung der Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetze über die Kriegsleistungen. Vom 14. April 1888.

(Nr. 1797.) Bekanntmachung, betreffend das Verbot des Umlaufs fremder Scheidemünzen. Vom 16. April 1888.

(Nr. 1798.) Bekanntmachung, betreffend die Gestattung des Umlaufs der Scheidemünzen der Frankenwährung innerhalb badischer Grenzbezirke. Vom 16. April 1888.

Berlin, 25. April. In derNordd. Allg. Ztg." wird mit Recht auf die Ver­dienste htngewiesen, welche Abteilungen des Heeres sich bei dem Rettungswerke in den Ueberschweinmungsgebieten erworben haben. Es wird darüber bemerkt:

Wie schon häufig bet solcher Gelegenheit sind auch diesmal wiederum von Offi- cieren und Mannschaften Thaten der Kühnheit und Unverzagthett verrichtet worden, die sich den rühmlichsten Leistungen im Felde gletchstellen lassen, ja, die in gewisser Be­ziehung noch höher zu stellen sind. So führten Abthetlungen des Magdeburgischen Pionierbataillons unter den schwierigsten Wttterungs- und Localverhältnissen am 20. und 21. März umfangreiche Eissprengungen bet Lauenburg aus, durch welche es gelang, den E'soerstopfungen ein Ziel zu setzen, die sich von Bleckede bis Brakede-Boitzenburg und von der Lauenburger Brücke bis Marschacht-Geesthaag gebildet hatten. Ein Detache­ment des Garde-Pionier-Batatllons, das zur Dienstleistung im Jnundationsgebiet von Lenzen cornmanbirt war, leistete den Bewohnern mit größter Aufopferung bei dem Bergen von Vorräthen und dem Retten von Vieh thatkräftige Hilfe, wodurch in der Bevölkerung der Eifer am Rettungswerk neu belebt ward. Bei Dömitz an der Unter­elbe und bei Boitzenburg waren ebenfalls Pontoniercommandos aus Rendsburg an der Ueberwältigung des dort bei Gülz eingetretenen Rothstandes bethetligt. Das gesammte ostpreußische Pionierbataillon Rr. 1 wurde in den Tagen vom 25. bis 27. März nach der Nogatniederung gezogen, um dort mit Rettungsutensilten bei der Ueberschwemmungs- noth Hilfe zu leisten. In gleicher Weise griffen bei den Verwüstungen, welche die Brahe in der Gegend von Deutsch-Krone anrichtete, Militärcommandos ein und wurden Dank der Entschlossenheit, mit der die Rettungsarbeiten dort betrieben wurden, die dem Staat gehörenden dortigen Mühlenwerke vor Zerstörung geschützt. Ebenso betheiligten sich mit unermüdlicher Bravour und Ausdauer die Jnfanterietruppenthetle der Garni­sonen Posen und Küstrtn und die zu Landsberg a. d. W. stattonirte Abthetlung des Feld-Artillerie-Regiments Nr. 18 an dem Kampfe gegen das entfesselte Element.

Durch diese Darstellung der Hilfeleistungen unserer Truppen bei den gegen­wärtigen Ueberschwemmungen wird der Gedanke angeregt, den Verdiensten und der heldenmüthigen Aufopferung derselben ein bleibendes Gedächtnitz zu sichern. Der Grotzherzog von Hessen hat bekanntlich für derartige friedliche Heldenthaten, die nicht minder Auszeichnung verdienen wie Tapferkeit vor dem Feinde, als Anerkennung bei der Wasser snoth im Jahre 188283 ein besonderes silbernes Ehrenzeichen für bte an der Rettung betheiligten Truppen gestiftet.

Vermischte-.

Babenhausen, 24. April. Ein hiesiger Handelsmann verkaufte unlängst einem Landwirth eine Kuh, welcher, wie später constatirt wurde, der Schwanz an der Wurzel vollständig abgestorben und künstlich angeheftet war. Da der Handelsmann die Zurück­nahme dieser verstümmelten Kuh verweigerte, wurde das Seligenstädter Amtsgericht zur Entscheidung angerufen. Vor der Beweisaufnahme kam jedoch ein Vergleich zu Stande, nach welchem sich der Käufer zum Behalten der ungeschwänzten Kuh bereit erklärt, der Verkäufer dagegen den Schwanzmangel mit 22 JL Entschädigung büßt. Demgemäß steht fest, daß eine schwanzlose Kuh um 22 JL mindcrwerthig ist.

(Professor Virchow in Egypten.j Professor Virchow hat von Alexandrien aus folgenden interessanten Bericht nach Berlin gelangen lassen:

Alexandrien, 15. April 1888. Hochgeehrter Herr! Soeben sind wir nach einer zweimonatlichen Reife durch Egypten hierher zurückgekehrt, wohlbehalten und voll von Erfahrungen der mannigfaltigsten Art. Ein recht rauher Nordwind bläst uns entgegen und wir empfinden den Temperaturunterschied lebhaft. Ich werde daher, um einen gewissen Uebergang zu machen, Schliemann nach Athen begleiten und eine kurze Reise in den Peloponnes mit ihm machen. In der ersten Maiwoche denke ich wieder in Berlin zu fein. Nach der Rückkehr aus Nubien haben wir uns eine Woche in Theben (Luksor) aufgehalten und die dortigen Alterthümer möglichst vollständig durch­forscht. Es handelt sich für mich namentlich um die Feststellung der anthropologischen Typen in den allen Bildwerken und in der jetzigen Bevölkerung. Diese Studien sind dann in Abydos, Denderah, dem Fayum, dem Delta und Kairo fortgesetzt worden M und ich darf hoffen, einige brauchbare Materialien für die exakte Erörterung dieser höchst wichtigen Verhältnisse gesammelt zu haben. In Kairo ist mir durch eine w] Specialerlaubniß des Ministerpräsidenten Nubar Pascha und unter der persönlichen

Theilnahme des höchst entgegenkommenden Unterstaatssecretärs im Unterrichts- 0 Ministerium, Artim Pascha Jakub, die Gelegenheit geboten worden, die Mumien der B alten Könige der XVIII.XX. Dynastie (18. bis 13. Jahrhundert vor Christus) zu messen. Die beiden Tutmes Setht I, Ramses II. und III. werden nunmehr in ihren drl physischen Charakteren genauer bekannt werden, und eine Vergleichung der naturwissen­schaftlichen Verhältnisse mit den plastischen und malerischen Nachbildungen ist leicht $ herzustellen. Das freundliche Entgegenkommen des jetzigen Directors des Bulag- - Museums, Mr. Grebart, und die aufopfernde Hilfe des Herrn Brugsch Pascha hat es ermöglicht, diese Untersuchungen noch auf einige andere Statuen, z. B. auf berühmte Holzstatuette des Dorfschulzen, auszudehnen. Einen besonders wichtigen Bestandteil des Bulag-Museums bilden die steinernen Colossalstatuen des Hyksotz, beten Haupt­sundort das alte Tanis (Zaon) im östlichen Theile des Delta ist. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, eine Einigung der Gelehrten über die Herkunft dieses gewaltigen Er­oberers zu erzielen. Jeder Zuwachs zu dem höchst spärlichen Material ist daher von größter Bedeutung für die alte Geschichte. Wir besuchten einen eben erst aufgeschlossenen neuen Fundort im südöstlichen Theile des Delta. Herr Naville, ein Schüler von Lepsius, hat mit ungewöhnlichem Glück und Geschick die gänzlich verschütteten Ruinen ] von Bubastis, in der Nähe des heutigen Zagazig. aufgedeckt und einen gewaltigen j Tempelbau bloßgelegt, in dem sich zwei neue Hyksos-Btldsäulen von Stein gefunden I Haben. Daß hier die Darstellung eines fremden Typus versucht worden ist, läßt sich

nicht bezweifeln. Leider bieten sich jedoch auch bis jetzt noch für eine ethnologische Bestimmung große Schwierigkeiten dar, indem durch die Kopfbedeckung eine sichere Erkennung der eigentlichen Schädelbildung unmöglich gemacht wird, also nur die Ver­gleichung der Gesichter übrig bleibt. Besonders lohnend war die unter Führung des Herrn Schweinfurth vorgenommene Bereisung des Fayum, welche bis an den Rand der Sahara ausgedehnt wurde. Die Ruinen der alten Stadt Arsinos sind von Herrn Schweinfurth selbst zum Gegenstand ausgedehnter Forschungen gemacht worden. Wir sanden außerdem einen jungen englischen Egyplologen, Mr. Flinders Petri, in voller Arbeit, die durch Lepsius berühmt gewordene Pyramide von Hawara und die daran stoßenden Reste des Labyrinths zu durchforschen. In der Pyramide hatte er einen bis zur Mitte reichenden Gang eröffnet, an dessen Ende eine neue Anordnung der Bau­stucke aufgedeckt wurde. Hier scheint es ihm nach einer neueren Mittheilung in der That gelungen zu fein, auf die Grabkammer zu stoßen. Vor der Pyramide hat er Hunderte von Gräbern aus den ersten beiden Jahrhunderten nach Christt eröffnet, welche prächtige Mumienmasken und Porträttypen enthalten. Ich bringe von da zahlreiche Schädel mit.

Mit freundlichem Gruße R. Virchow."

Die Wasserfälle der Rhone dienen der Stadt Genf zur Erzeugung einer großen Betriebskraft. Bis jetzt wird nur hydraulische Kraft mittelst Turbinen und Pumpen verwendet; jedoch geht man augenblicklich mit dem Gedanken um, die Kraft auf elektrischem Wege zu übertragen. Die Wasserfälle liefern momentan Wasser für die Stadt selbst und 15 Vororte und Kraft für 145 Fabriken.

(Tollkühner Sprung.j Der Luftschiffer Edward D. Hogan verpflichtete sich, in einer Höhe von zehntausend Fuß aus seinem Ballon zu springen, ohne den Fall­schirm zu öffnen, sondern das Ceffnen desselben bei dem rapiden Niedersturz der gegen; strömenden Lust zu überlassen. Eine Höhe und ein Wagniß, welche bisher von keinem anderen Aeronauten versucht wurden. Der Ausstieg geschah in Jackson im Staate Michigan, wo der Luftschiffer wohnt. Hier hatte sich auf Bekanntmachung von dem Unternehmen eine bedeutende Anzahl von Berichterstattern der nahen Städte einge­funden, ebenso waren Vertreter des Militärs und zahlreiche Sportsmen erschiene:?, welche den sorgfältigen Vorbereitungen mit Interesse zusahen. Viele suchten den Wage­hals von seinem Unternehmen abzuhalten, welches nach Ansicht der Meisten sicheren Tod bedeutete. Die Vorstellungen blieben jedoch ohne Erfolg. Hogan stieg, wie aus Newyork geschrieben wird, um 5 Minuten nach 11 Uhr in die Lüfte empor und erhob sich bis zu einer Hohe von völlig 10 000 Fuß. Dann schweifte er langsam etwa 300 Fuß nordwärts und hing nun wie ein kleiner, dunkler Ball im blendenden Aether. Die Versammelten beobachteten den Ballon mit angehaltenem Äthern; die mit machtvollen Gläsern Bewaffneten bemerkten deutlich Hogan's Vorbereitungen zum Sprunge.Er schreckt zurück!" riefen Einige.Nein!" schrieen Andere,er steht schon am Rande der Gondel!" So war es. Hogan war auf den Rand der Gondel getreten, befestigte kali- blütig das Ende des Fallschirmes an seinem Gürtel, da er dessen Oeffnen nicht vor einem Niedergang von 3400 Fuß erwartete und bei der dann folgenden plötzlichen Erschütterung losgerissen zu werden befürchtete, und bann hob er die Arme hoch empor fertig zum Sprunge. Viele der Beobachtenden wandten sich bleich und zitternd ab, ein Schrei des Entsetzens erscholl im nächsten Augenblick: Hogan hatte die Gondel verlassen. Gleich einer Kanonenkugel schoß der Körper durch die Lüfte herab ein zwei dreihundert Fuß und noch war der Schirm geschlossen. Dann stieg ein anderer Schrei empor, der Schirm begann die Luft zu erfassen, er öffnete sich, wie die Flügel eines Ungeheuers der Lüfte und der Fall fam fast plötzlich zu einem momentanen Stillstand, um nun, leise schwankend in em gemächliches Sinken von mittlerer Ge­schwindigkeit überzugehen. Drei Minuten nach dem Herausspringen landete der toll­kühne Mann^ wohlbehalten auf offenem Felde. Hogan sagte, er habe den Äthern nur für wenige Secunden verloren und denselben nach Füllung des Schirmes leicht wieder­gefunden. Der Schirm ist aus dickem Tuch und hat einen Durchmesser von 20 Fuß. Schwingungen des Apparates sind durch ein vierzölliges Loch in der Mitte der lieber: spannung verhindert. Hogan hatte nie vorher einen anderen Luftschiffer mit dem Fallschirm manöoeriren sehen und selbst erst einige Versuche aus nur sehr mäßiger Höhe unternommen.

Einen Ring von einem dicken, geschwollenen Finger zu entfernen, ohne ersteren durchsägen zu müssen, wird von den Newyorker Juweliren auf folgende Weise bewerkstelligt: Der betreffende Finger wird von oben nach unten mit einem langen, flachen Kautschukbande umwickelt. Dieses elastische Band äußert einen sanften, beständigen Druck auf das Zellengewebe des Fingers und sinkt dabei nach und nach das Fleisch bis auf das Bein zusammen. Die Hand wird bann einige Zeit über den Kops gehalten, bas Band rasch abgewickelt und nochmals um das Glied gewickelt. Nachdem man diese Procedur dreimal wiederholt hat, läßt sich der Ring mit Leichtig­keit vom Finger streifen. Diese Methode soll sich selbst bei sehr dickgeschwollenen Fingern mit Erfolg anwenden lassen.

Universität- - Cbronik.

Der ordentliche Professor der romanischen und englischen Philologie bei der philosophischen Facultät in Münster, Dr. Korting, hat einen Ruf an die Universität Greifswald erhalten.

Jena, 25. April. Wie uns mitgetheilt wird, ist der Privatdocent Dr. Engel­hardt in Halle an Stelle des nach Dorpat berufenen Professors Küstner nach Jena berufen worden.

FrtMAtMAMlAltM FI Pi SCll-PC g»t Oll,

BVL RlOlIieriCll. S unentbehrliches Niibrmittel für Magenkranke,

** Schwacheu.Genesende.Von Aerztenverordnet. cm