Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ioo Erstes Blatt. Sonntag den 29. April
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Amtlicher Ißeik.
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Gießen, 28. April 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
p Fresenius.
Politische Ueberficht.
Gießen, 28. April.
Die Besserung im Befinden deS Kaisers schreitet derartig erfreulich fort, daß die Aerzte bet Auswahl der Speisen nicht mehr eine so ängstliche Vorsicht anwenden, wie früher, so daß dem hohen Patienten jetzt auch gewisse Lieblingsspetsen gewährt werden können. Besonders gut bekommt dem Kaiser die von Professor Leyden etngeführte besondere Form der Ernährung und erfolgt die Nahrungsaufnahme, wre die „Nat.-Ztg." mitzutheilen weiß, nach bestimmten physiologischen Grundsätzen, unter sorgfältiger Auswahl der Speisen und mit Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit der Verdauungsorganc wie des jeweiligen Kräfteoerbrauches. Der Speisezettel wird für den Kaiser täglich neu entworfen und auch das Quantum der zu genießenden Speisen genau nach Grammen angegeben. — Die Bulletins vom Freitag und Samstag Morgen besagen, daß der Kaiser sich nach gutem Schlaf recht gestärkt fühlte, daß das Fieder jetzt in den Morgenstunden immer verschwinde, um gegen Abend wieder mäßig anzusteigen und daß das Allgemeinbefinden langsame Fortschritte mache.
Aus dem Aufenthalte der Königin vvn England in Berlin, resp. Eharlotten- } bürg ragt als eine besondere Episode der Empfang des Fürsten Bismarck durch die hohe Frau hervor. Die ungewöhnlich lange Dauer der Audienz — sie mfyrte eine < volle Stunde — bekundet genugsam, daß es sich hierbei nicht um gewöhnliche Dinge gehandelt hat und kann man an dem politischen Charakter desselben nicht zweifeln, wenngleich sich selbstverständlich der Inhalt dieser einstündigen Unterredung der Kenn^ niß weiterer Kreise entzieht. Bei der im Charlottenburger Schlosse am Mittwoch Abend stattgefundenen großen Hoftafel wurde die besonders huldvolle Art, in welcher sich die englische Monarchin mit dem Reichskanzler unterhielt, sehr bemerkt und schloß man hieraus allgemein, daß die vorangegangene Audienz zu ungewöhnlich befriedigenden Ergebnissen geführt habe. Daß in letzterer auch das battenbergische Heirathsprojett eine Rolle gespielt hat, ist zweifellos, natürlich muß es aber dahingestellt bleiben, nach welcher Richtung sich die betreffenden Erörterungen zwischen der englischen Königin und dem Kanzler bewegt haben. „ r , . . —
Der sächfisch« Landesculturrath hat den Beschluß geiaht, bei der Staats- regierung dahin vorstellig zu werden, daß der Schweinehandel im Umherztehen tyett- welse oder ganz verboten werde, indem sie beim Bundesrathe eine bezügliche Abänderung der Gewerbeordnung beantragen soll. Zugleich ersucht der Beschluß die Regierung, die landwirthschaftlichen Vereine zur Aussprache darüber zu veranlassen, inwieweit ein Bedürfniß für die Beibehaltung des Schweinchandels im Umherztehen vorliege, beziehendlich als ein allgemeines Verbot desselben anzustreben sei. — Der Beschluß des Landesculturrathes mag, voni sanitären Standpunkte aus betrachtet, vielleicht Manches für sich haben, aber mit den Grundsätzen der Gewerbefreiheit läßt er sich nicht vereinbaren und kehrt er außerdem einen extrem-agrarischen Standpunkt heraus.
Das in russischen Blättern colportirte Gerücht, Oefierreich Ungarn beabsichtige, wegen des Bauernaufstandes in Rumänien Truppen an die rumänische Grenze zu senden, wird von der „Poltt. Corresp." als vollständig unbegründet erklärt.
In Brüssel erregt ein scandalöser Vorfall peinliches Aufsehen, daselbst sand dieser Tage die Trauung der Prinzessin Ludmilla Arenberg mit dem Prinzen Carl von Croy-Dülmen statt, welcher eme Anzahl distinguirter Persönlichkeiten, u. A. auch Erzherzog Friedrich und die Erzherzogin Isabella beiwohnten. Der hochzeitliche Zug wurde nun bei dem Betreten der Kirche wie beim Verlassen derselben von einer großen Volksmenge mit Gejohle und Pfeifen begrüßt, ja man bewarf sogar den Wagen des Brautpaares mit Kartoffelschalen und sang beleidigende Ueber; die Polizei war genöthtgt, mehrere Verhaftungen vorzunehmen, ^en Anlaß zu dieser häßlichen Scene hatte das Auftreten des Schwiegervaters der Braut, des Herzogs von Croy, bei der Civiltrauung gegeben, indem der Herzog bet derselben in gewöhnlicher Straßentoilelte, mit dem Regenschirm in der Hand, erschienen war und diese offenbare Demonstration rief in der Brüsseler Bevölkerung eine große Erbitterung hervor, welche zu den erwähnten Auftritten vor der Kirche führte. In beiden Kammern des belgischen Parlaments wurde der Scandal clertcalerfeits zur Sprache gebracht und ist sertens der Regierung eine strenge Untersuchung eingeleitet worden.si
Der König Wilhelm von Holland soll von Neuem bedenklich erkrankt sem. Die in den letzten Tagen etngetrelene Verschlimmerung im Zustande des greisen Herrschers wird als eine derartige bezeichnet, daß in den 5)aager Hoskreffen die ernsteste Besorgniß herrscht. — Das Ableben deS Königs gerade im jetzigen Zeitpunkte wurde für Holland jedenfalls eine neue Erschütterung.bedeuten, nachdem das Land die mit den Kammerwahlen und der Ministerkrisis verbunden gewesene Aufregung kaum erst
überwunden hat. f, ~ ,
Der Besuch, welchen Präsident «arnot gegenwärtig dem Sudwesten Frank- reich's abstattet, läßt in seinem bisherigen Verlaufe erkennen, daß der Boulanger- schwindcl in diesem Landesthetle noch nicht vorherrscht. Im GegentheU, in a en e- deutenderen Orten, welche bislang das Oberhaupt der Republik berührte — so in Limoges, Pertgueux, 'Chateauroux, Agen u. s. w. — gestaltete sich sein Empfangs einer mehr oder weniger demonstrativen Kundgebung für die Republik, welcher gegenüber die hie und da aufgetauchten Manifestationen für Boulanger mchts esag wollen. Carnot hat sich denn auch beeilt, auf verschiedenen Bankets, Diners u. s. ., die ihm zu Ehren stattfanden, die Erklärung abzugeben, daß er em treuer Wachter über die republikanischen Einrichtungen sein werde und diese Besicherung w r - muthlich auch den Grundton seiner großen Rede in Bordeaux gebildet haben, ^nw - iueit das Aufflammen des wirklichen, republikanischen Patriotismus un Sud west en Frankreichs mit dazu beitragen wird, die boulangistische Bewegung im Lande e nz dämmen, das muß schon die nächste Zeit lehren.
In Serbien ist das Ministerium Gruic, wie sich voraussehen ließ, nunmehr zurückgetreten, da es sich mit der radicalen Mehrheit der Skupschtina wegen verschiedener schwebender Fragen nicht in Einklang zu setzen vermochte. An seine Stelle ist ein Ministerium getreten, welches den Namen Cristics, des früheren serbischen Gesandten in Petersburg, führt.
Fürst Ferdinand von Bnlgarien hat am Donnerstag seine Reise nach Timowa, der alten Hauptstadt Bulgariens, angetreten. Die Minister Stambuloff und Natschevttsch begleiteten ihn, bezeichnender Weise wird der Fürst und sein Gefolge auf der ganzen Reise von einer Compagnie Soldaten escortirt sein! Bei der Verab- chiedung von den Offizieren der Sofiaer Garnison sprach der Fürst die zuversichtliche Erwartung aus, sie würden auch ferner das Vertrauen zu ihm haben, das sie schon bislang an den Tag gelegt hätten.
Darmstadt, 27. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- ^^^ben^akulator hei den Oberhessischen Eisenbahnen, Hartmann Bätz, zum Revisor 2. Classe bei der Main-Neckar-Bahn zu ernennen;
am 25. April den Ober-Amtsrichter bei dem Amtsgerichte Hungen, Carl May, auf sein Nacbsuchen, unter Anerkennung seiner treu geleisteten Dienste, bis zur Wieder- herstellung seiner geschwächten Gesundheit in Den Ruhestand zu versetzen.
Die Krankheit des Kaisers.
Berlin, 27. April. 3.25 N. Der Kaiser verließ im Laufe des Tages einige Keit das Bett empfing den Besuch der Meiningen'schen Herrschaften und den Vortrag Wilmowski'« Tas Aussehen ist gut, die Stimmung gehoben, er kann wieder feste Speisen genießen. Das Verlassen des Bettes soll auf den Rath der Aerzte noch möglichst b^b^antt ^7.^ April, 5.8 N. Das Fieber ging bei dem Kaiser im Laufe des Tages noch weiter zurück; gegen Mittag erreichte die Temperatur den normalen Stand. Der Kaiser verließ, obgleich die Aerzte dies nicht gern sahen, das Bett.
Berlin, 27. April, 5.25 N. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Da die fortschreitende Besserung des Befindens des Kaisers andauert, kann man die Gefahr der Situation, welche der letzte Anfall bedingte, als Überwunden ansehen. Die Morgentemperaturen nähern sich täglich mehr der Norm. Das Abendfieber fallt ebenfalls täalick ^m Fortbestehen des letzteren liegt allerdings noch Grund genug zu zurückhaltender Beurtheilung des gelammten Zustandes. Wenn auch die übrigen Körperfunktionen, namentlich Schlaf und Appetit, eine erfreuliche Rückkehr zur Norm zeigen, das Fortschreiten des Grundübels ist jedenfalls ein außerordentlich langsames. Man kann auch heute noch von einer sehr erheblichen Ausbreitung des Leidens und von dem gefürchteten Uebergreifen desselben auf andere besonders lebenswichtige Organe nicht sprechen.
Berlin, 28. April, 11 Uhr 15 Min. (Prioatdepesche). Bulletin von 9 Uhr Morgens: Im Befinden des Kaisers ist seit gestern keine Veränderung eingetreten; in den Morgenstunden ist das Fieber fast verschwunden.
Telegraphische Depeschen.
Wolfi s telegr. Correspondenz-Bnrean.
Berlin, 27. April. Der Kronprinz empfing gestern Professor Bergmann, wohnte heute Vormittag der Besichtigung des 1. Garderegiments in Potsdam bei und kehrte Mittags^nachbBerlm^zu^^ nad) bisherigen Generallieutenants des Barres,
Meerscheidt, Böhn, Heuduck, Lehndorff, Bronsart, Verdy, Burg, Radziwill, Waldersee, Guretzki, Winterfeld, Grolman und Caprivi zu Generalen der Infanterie, resp. Kavalle^e^iulnnL $cr Reichskanzler Fürst Bismarck conferirte mit Seiner
Majestät dem Kaiser von 2s/4 bis 4 Uhr Nachmittags.
„ Das Großherzogspaar von Baden, sowie Prinz Alexander ftatteten dem Kaiser einen Besuch ab.
Vermischtes.
Frankfurt a. M., 24. April. Vor den Frankfurter Gerichten schweben gegenwärtig zahlreiche Klagen, welche in dem Anfordern gipfeln, ein Ehegelobniß einzuhalten oder eine angemessene Entschädigung zu zahlen. 'Unter ben Klagenden und Beklagten finden sich alle Stände vertreten. Dre höchste Entschadigungssordeiung tft gegen einen Millionär gerichtet, von welchem die Braut, falls er sie nicht heirathe, die Kleinigkeit von 150,000 verlangt. Man sieht, das Ehegeschast kann sich unte^ Um- ftänbenjiu^tng^ Aus Kirchberg wirb folgender Vorfall berichtet:
Der Besitzer eines Hengstes hatte kurz vor seinem Orte bas Unglück, von dem Pferde zu fallen und sich einen doppelten Beinbruch zuzuziehen, so daß er vuf ^er Stelle Uegen blieb. Seine Hilferufe wurden, da es Nacht war, nicht gehört. Das Pferd Iref nach Haufe und wieherte^ bis die Angehörigen seines Herrn aus dem Schlafe erwacht Ovaren. Als man das Fehlen des Herrn bemerkte, versuchte man bas Pferd ^nzufangen, doch das Thier mar nicht in den Stall zu bringen, kehrte vielmehr um uni»begleitete bie Angehörigen zu der Unglücksstelle, wo es stehen blieb. Nun wurde der Reiter nach Hause selragen. Retter.) Die ehemaligen Pelrikirchwiesen im Stadtpark bei
Treptow boten am Mittwoch Nachmittag den Spaziergängern das Bild der Rettung eines Menschenlebens durch einen Hund. Dieser, einem bort sich ergehenben $errn gehörig, sprang plötzlich anscheinend ohne Veranlassung in s Wasser und schwamm auf einen Kahn los, der unweit des Users vor Anker lag. Hier tauchte das Thier, wie der „Voss, Ztg." gemeldet wird, unter und kam erst nach geraumer Zeit wieder zum


