Ausgabe 
29.4.1888 Drittes Blatt
 
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Nl. 1OO Drittes Blatt. Soniitag den 29. April Iggg

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

vureaur Schnlstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Verwischtes.

Wie scck. Unsere Gemeinde befindet sich wieder in der Aufreauna einer Wahl- bcwegung, nämlich der nächsten Montag den 30. stattfindenden Wahl eines Bei­geordneten. Es wäre sehr zu wünschen, wenn endlich einmal das Parteige,riebe bei S-'t- g-s-tzt und nur das Wohl der Gemeind- ins Auge geiaht würde. Der von Leidenschaft beeinflußten Wahlen haben wir gerade genug gehabt und die Folgen der­selben, jahrelange Prozesse mit bedeutenden Kosten und Verluste sowohl für die Ge- mernde als auch deren Angehörigen schwer empfunden. Möchten sich daher alle Wähler diesmal zur Ausgabe machen, nur Dem ihre Stimme zu geben. der diesem Jlnik ßcmaiilen ift und tn seiner Person die Garantie bietet, ohne Leidenschaft seines Amtes zu walten, wie auch die im Gemeinderathe vorhandenen leidenschaftlichen Elemente in ruhigere gemessenere Bahnen zu lenken.

-r a^cn ^rikenden Maurergehilfen nicht nachgeben zu müssen, haben die hiesigen Bauunternehmer eine größere Anzahl italienischer Maurer engagiren lassen, von welchen gestern bereits 50 eingetroffen und zunächst bei dem Bauunternehmer Uffnger, der große Bauten für das Militär auszuführen hat, in Arbeit gestellt worden sind. Den kommenden Montag werden weitere Zuzüge italienischer Arbeiter erwartet. Der Lohn, welchen die Italiener erhalten, ist etwas höher als die Maurer seither hier erhielten und mußten die Bauunternehmer außerdem noch die Ver- vflrchtung langer Beschäftigung und der Zahlung der Reisekosten nach hier und zurück übernehmen. Inzwischen legen die strikendeir Maurer ihr Hauptaugenmerk darauf um den Zuzug von Collegen aus der Nachbarschaft zu verhüten. So kann man den ganzen Tag über von den Bahnhöfen, Landungsbrücken, Stadtthoren re. Gruppen Wache halten sehen, welche jeden Ankommenden, der dem äußeren Anschein nach zu dem Maurergewerbe gehört, anhalten und über die Strikebewegung unterrichten. Erfolglos sind diese Bemühungen nicht, denn man hat wahrgenommen, daß viele der Angekommenen alsbald wieder Kehrt machten.

Der Mittelrheinische Architecten- und Jngenieurverein hatte gestern zur Be­sichtigung der Neubauten eine Excursion hierher unternommen, in deren Verbindung am Abend erne Hauptversammlung des Vereins stattfand, zu welcher die wichtige Frage: Ist der Verein der Ansicht, daß von der Wiedereinführung der obligatorischen Meister­prüfung eine Hebung des Baugewerkes zu erwarten ?" zur Discussion auf der Tages­ordnung stand. Nach längeren sehr interessanten Debatten sprach sich der Verein gegen die Einführung der obligatorischen Meisterprüfung aus, empfiehlt aber die Einführung der facultatioen Meisterprüfung und erwartet von dieser eine Hebung des Bau­gewerbes. ö

Aus Rheinhessen, 27. April. Nächsten Sonntag findet in Oppenheim mtt einer entsprechenden Feier die Einweihung des dort errichteten Wasserwerks statt. Einem Notar von Oppenheim, der sein Fuhrwtrk unbewacht vor einem Wirthehaus in Bodenheim stehen hatte, wurde eine cigenthümliche Ueberraschung zu Theil. Als derselbe nach verrichteten Amtsgeschäften wieder heimwärts fahren wollte, gewahrte derselbe, daß an seinen Wagen statt seines guten Pferdes ein alter lahmer Klepper gespannt war. Eine Zigeunerbande hatte die Verwechselung vorgenommen und alsdann so fluchtig das Weite gesucht, daß man trotz telegraphischen Schritten am Abend noch nicht wußte, wo dieselbe mit dem vertauschten Pferde hingekommen.

In der Gegend von Meerane haben sich seit einiger Zeit Hausirer ein­gefunden, welche unter dem Vorgeben, dringend Geld zu brauchen und um j,den Preis verkaufen zu müssen, gewöhnlich drei schön aussehende Luchstücke zu drei Anzügen vor­legen. Es wird die Dache so gedreht, daß 50 80 JL herausgeschlagen werden Die Tuche sind jedoch sogen, englische Shoddywaare, die aus der Wolle alter Tuchlumpen gefertigt und mit Eisengarn zusammengesponnen ist. Die Schneider wollen die Waare nicht verarbeiten, weil der Wollstaub böse Augen macht. Auch merkt der Käufer bald, daß die Sachen, sobald sie in's Reißen kommen, förmlich vorn Leibe fallen. Der Meter solcher Waare ist in reellen Geschäften zu 2 zu haben.

Aus Magdeburg werden folgende Rechnungsergebnisse der Reichsfechtschule bekannt: Belegt sind nunmehr auf Hypotheken 358 600 JL, in Wertpapieren 35 940.75 JL Das sind mit dem Baarbestande 395 559.91 Jt. Für die Waisenhäuser Lahr, Magdeburg und Schwabach wurden bis jetzt verausgabt 386 809.22 JL Der Gesammrüberschuß der Sammlungen der Deutschen Reichsfechtschule betrug Ende März 782 369.13 JL

Den Getreidehändlern Gebr. Baruch und Hermann Heller in Leipzig, Leuten, welche sehr umfangreiche Geschäfte machen, wurden vor Kurzem ebensoumfang' reiche" Steuerhinterziehungen nachgewiesen. Sie wurden zu einer Strafe verurtbeilt welche mit Einschluß des Werthes der confisctrten Maaren über V2 Million Mark

c -r. April. (Deutscher Schulverein.) Aus der Berichterstattung in

9Cß Generalversammlung des deutschen Schuloereins im Ebel'schen (Safe - Hause am 9W Si l ^gibt sich, daß derselbe rm abgelaufenen Jahre 1887 eine Einnahme von 210 54 hatte, von welcher Summe 200 an die Emtralverwaltung in Berlin abgelrefert wurden. Es wurde beschlossen, eine Einladungsltste zum Beitritte in den Verein in unserer Stadt zirkuliren zu lassen, theils um die durch Wegzug oder Tod mehrerer Mitglieder entstandenen Lücken wieder auszufüllen, theils um die humanen und patriotischen Ziele des Vereins: Erhaltung des Deutschthums auf den Grenz- gebreten und tm Auslande mit erweiterter, der heutigen Stellung unserer Nation entsprechender und dringend erforderlicher Thätigkeit verfolgen zu können. An I^lle des Herrn A R!ick er. welcher nach vierjähriger dankenswertber Thätigkeit als Rechner der Gesellschaft dieses Amt niedergelegt hat, wurde Herr Lunkoorstand W ort- mann gewählt.

Frage-' Wer^I» »^npelegenbett bat zu salgendem Scherz Veranlassung gegeben: mrÄ » . der beste Mummeister? Antwort: Der Staatsanwalt Warum

Werl er aus zwei Hellern Vr Million herausgeschlagen hat!

r c?' 2lpriL in Belfort mißhandelten Studenten der £ 9efter,n DOn der zuständigen Behörde in Colmar vernommen wurden ^?ckein1demnÄ^ Woche bereits beim hiesigen Bezirksamt vernommen s^int demnach, daß die 14tagige Gefängnißstrafe, die das Gericht in Sfrh)rtÄ9?ajTlI1(1Iflraw °"^ngte, die Angelegenheit nicht zum Abschluß bringen r- ^bgierig ist man hier, ob gegen die Offiziere, welche es ruhig mit ansahen daß So daten die deutschen Studenten mißhandelten, vorgegangen werden wird Die'viel- «rilSS! ^lann§3U*t der französischen Armee wird unter Umständen durch den jüngsten Belforter Vorgang etwas grell beleuchtet werden. J

^Erchow und Schliemann in Aegyptens Aus Kairo, 18. April, wird nnn^airn und Dr. Schliemann wollten eigentlich schon am Dienstag

J ? ©uropa abreifen. Sie kamen am 5. d. M. von Ober-Aegypten, wo

hpftnnhpn interessante Beobachtungen gemacht und auch manche Abenteuer

ah!» r1 r 'r6 ir Professor Vrrchow hat viele Photographien und Skizzen der ^Esonders von denen m Wady Halfa mitgebracht, um die ethnographischen nf Dk ? epCnAn ^a.raut abgebildeten Typen der alten Aegypter zu studiren L"?,br glaubt, daß es ihm letzt möglich ist, dieselben zu classificiren. Virchow und drachten eine Woche in Fayoum zu, wo der bekannte englische Archäologe Ve lImCn fcfncJm Auftrage des britischen Museums bei der Labyrintb- Pyramrde unternommenen Ausgrabungen zeigte.

Eingesandt.

,n Einsender dieses war in früheren Jahren schon oftmals wie auch

Tagen erst wieder Augenzeuge, mit welcher Dreistigkeit die namentlich in den ^nstunden zahlreich in den hiesigen Gärten sich herumtr'eibenden Raben die Nester von Singvögeln (Amseln, Buchfinken :c.) plündern und zerstören, um mit ben entnommenen ß-xern und Jungen ihre eigene Brut aufzufüttern. Jrn Interesse kOflelwelt-richten wir an die Besitzer größerer Gärten inne, halb unserer denen sich Baumanlagen befinden, die freundliche und dringende Bitte, solche auf Vorhandensein von Nabennestern untersuchen und z. Falls letztere zerstören lassen zu zollen. Ebenso werden alle Jagdpächter hiesiger und umliegender Gemarkungen gebeten, sich durch Abschuß von Raben um Vermehrung der Singvögel verdient zu d/ese, zur Brutzelt nächst der räuberischen Hauskatze keinen schlimmeren

Feind haben als dre gewöhnliche Rabenkrähe. Ein Vogelfreund.

Literarische-.

D!e von Otto Hendel in Halle a. S. unternommene und auch in diesen ."er" mehrfach erwähnteBlbliothek der Gesummt-Literatur des In- und Aus­landes (25-Psennig-Ausgabe) ist bereits auf 200 Nummern angewachsen und schreitet in immer schnellerem Tempo vorwärts. Von Beginn an (1886) hat dieses Unter­nehmen, das durch korrekten, deutlichen Truck, handliches Foimat und auch dadurch sich auszeichnet, daß die Bändchen in steifen Umschlag geheftet und beschnitten sind, überall Emgang gefunden und nimmt gegenwärtig eine der ersten Stellen auf dem deutschen Büchermärkte ein.

Landwirthfchaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

_ .. ~ sUmpflanzen der Kamelien.) Zu den Zimmerpflanzen, welche in jüngster Zelt sehr beliebt geworden sind und die fast in keinem Hause fehlen, gehören die Kamelren in ihren verschiedenen Varietäten. Diese prächtig blühenden Pflanzen eignen sich auch für die kalte Winterszeit wie kaum eine andere zum Zimmerfchmuck. Leider ist dre Freude nur kurz, da die in den Zimmern gehaltenen Kamelien nur selten im nächsten Jahre zum zweiten Male zur Blüthe kommen. Demgegenüber können wir nur rathen, die Kamelien im Frühjahr, am besten tm April, zu verpflanzen. Die für Kamelien geeignetste Erdmischung besteht aus Lehm und Sand, denen Buchenlaub­und Moorerde beigemischt ist. Da nur selten in Hausgärten die Bestandtheile dieser Mlschung zu finden sein werden, so kauft der Blumenliebhaber am besten seine Erde aus einer größeren Gärtnerei, im Rothfall genügt auch eine nahrhafte, sandige Erde dle aber nicht gesiebt sein darf. Hauptsache ist, daß die beim Umsetzen zu benutzenden Töpfe womöglich neu sind und daß für einen guten Wasserabzug gesorgt wird

(Schonung für den Maulwurf.) Mit dem Beginn der Gartenarbeit beginnt für den armen Maulwurf eine schlimme Zeit. Aus seinem Winterschlafe erwacht schickt er sich an, seine Arbeit zu beginnen und dem Menschen seine Gartenbeete von Enger­lingen, Regenwürmern und allerhand schädlichem Gethier zu reinigen, doch kaum zeigen sich die ersten Zeichen seiner nutzbringenden Thätigkeit, so stellt ihm der undankbare, unwissende Mensch nach und sucht ihn zu tobten, wo er ihn trifft. Wir geben ja nun zu. daß das Aufwerfen der Haufen auf den frisch besäeten Beeten eine Unannehmlich­keit ist, indeß weiter auch nichts, die Harke bringt bald Alles in Ordnung und die Hauptsache bleibt doch immer, daß er, der Maulwurf, das Ungeziefer vernichtet. Der Maulwurf mit feinen Haufen richtet nicht so viel Schaden an als die vielen Jnsecten- larven, die er vertilgt, das ist längst wissenschaftlich und unumstößlich festgestellt. An Wurzeln und dergleichen vergreift er sich nie. Darum bitten wir beim Beginn der Frühlingspflanzzeit um Schonung für den schwarzen Gesellen, der unser treuer Helfer ist. Wer ihm diese Schonung gewährt, wird das bald merken und sein Freund werden.

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