Ar. 279 Mittwoch den 28. November 1888.
Gießener Anzeiger
Amts-und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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u wu vc» snvnwfl». , Durch die-Post bezogm vierteljährlich 2 Mark 50 M.
Amtlicher Hßeiü
Bekanntmach«»,.
Unter der Heerde des Schäfers Ludwig Dietrich zu Grüningen ist die Schafräude auügebrochen. Die Schafe der Heerde des Philipp Will waren m letzterer Zeit mit der Heerde des rc. Dietrich in Berührung und sind deshalb der Ansteckung an Räude verdächtig. Ueber beide Heerden wird hierdurch die Gemarkungssperre verfügt. Die Ausführung von Schafen zum Zweck sofortiger Abschlachtung ist nur mit unserer vorgängigen Erlaubniß gestattet.
Greß en, am 24. November 1888. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________________v. Gagern._____ _______
Politische Rundschau
Gießen, 27. November.
Das Arbeitsprogramm des Reichstages hat bereits jetzt, zu Beginn seiner Session, durch die bekannten angekündigten Anträge der deutschfretsinnigen Partei und der Soctaldemokraten eine Erweiterung erfahren und stehen in den nächsten Wochen noch fernere Initiativanträge aus der Mitte des Hauses zu erwarten. Aber auch die Regierung selbst gedenkt dem Reichstage außer den schon bekannten Vorlagen noch weiteren Arbeitsstoff zukommen zu lassen und wird da zunächst die schon in der Thronrede angedeutete Vorlage über die ostafrikanische Frage genannt. Ueber den Inhalt dieser Vorlage kann man höchstens Vermuthungen hegen, da sie sich noch in den ersten Stadien ihrer Vorbereitung befindet, vielleicht darf jedoch baldigst bestimmteren Mittheilungen hierüber entgegengesehen werden und kann der Gegenstand sicher in den weitesten Kressen auf Interesse rechnen, wie überhaupt Alles, was mit den ostafrtka- nischen Vorgängen zusammenhängt. Dagegen erweisen sich die Angaben über beabsichtigte neue Vorschläge des Bundesrathes zur Regelung der Sonntagsfeier als unbegründet, da nach Versicherungen von unterrichteter Seite der Bundesrath die bezüglichen Bestimmungen in den Etnzelstaaten für vollkommen ausreichend hält; auch hinsichtlich einer Revision der Gewerbeordnung gedenkt der Bundesrath an seinen jetzigen Be- schlüfien festzuhalten. Jedenfalls dürften indessen die Arbeiten des Reichstages, auch ohne neue Vorlagen nach den zuletzt angedeuteten Richtungen hin, einen Umfang annehmen, wie er ursprünglich nicht geplant gewesen ist und erscheint es darum fraglich, ob seine Session zu Ostern geschlossen werden kann.
Die in letzter Zett aufgetauchten Gerüchte, denen zufolge die -eirtsch-ostafrikanische Gesellschaft beabsichtigen sollte, sich infolge des in ihren Gebieten herrschenden Aufstandes aufzulösen, erweisen sich als unbegründet. Der Directtonsrath genannter Gesellschaft hielt am Samstag in Berlin eine Sitzung ab, in der es sich um die endgültige Beschlußfassung über die Stellung der Gesellschaft den veränderten Verhältnissen in Ost- afrika gegenüber handelte. Die Berathungen führten zu dem einmüthigen Beschluß, von den vertragsmäßigen Rechten der Gesellschaft an der ostafrikantschen Küste nach keiner Seite hin etwas auffugeben und dem Reichskanzler hiervon in einer Eingabe Mittheilung zu machen. Die noch besetzt gehaltenen Küstenplätze Dar-es-Salaam und Bagamoyo?sollen stärker besetzt und mit Steinforts befestigt, die an die Aufständischen verlorenen Plätze unter dem Schutze des Blokade-Geschwaders nach und nach mit Waffengewalt wieder genommen werden. Zu diesem Zwecke beabsichtigt die Gesellschaft eine eigene Colonialtruppe zu bilden, und sich für die ersten Auslagen einen Vorschuß vom Reiche zu erbitten. Schließlich wies der Directtonsrath an der Hand authentischer Acten die von englischer Seite gegen die Beamten der deutsch-ostafrikantschen Gesellschaft erhobenen Beschuldigungen als unbegründet zurück und sprach den Beamten für die bekundete Thätigkeit seinen vollen Dank aus. — Es verdient nur Anerkennung, daß die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft unter den auf sie einstürmenden Bedrängnissen nicht den Muth verliert und die von ihr verlorenen Stellungen in Ostafrtka wiedererobern will. Ob aber ihre Kraft hierzu ausreichen wird, ist eine andere Frage, selbst angenommen, das Reich würde der Gesellschaft eine bedeutende Summe „vorschießen"; der Araberausstand in Ostafrika scheint, nach allen vorliegenden Schilderungen zu urtheilen, eben ein so weitumfassender und nachdrücklicher zu fein, daß ihn die Gesellschaft selbst mit Hülfe der in Aussicht genommenen Colonialtruppe vermuthlich nicht bewältigen wird.
Im Finanzausschüsse des ungarischen Abgeordnetenhauses wurde am Samstag die Wehrvorlage vom finanziellen Standpunkte aus erörtert und nach eingehenden Erläuterungen und Erklärungen des Landesoertheidigungsministers Feyeroary genehmigt. Doch beschloß der Ausschuß vorsichtshalber, Die Erklärung des Ministers, daß aus dem Gesetze keine weiteren Mehrausgaben als die in ihm genannten erwachsen würden, mit in den Bericht aufzunehmen.
Der Aufenthalt des deutschcn Schulgeschwaders in den österreichisch-ungarischen Gewässern ist mit dem Besuche desselben in Ftume doch noch nicht zum Abschlüsse gelangt. Vielmehr stattete das Geschwader am Samstag auf seiner Weiterfahrt nach Süden auch der dalmatinischen Hafenstadt Spalato einen Besuch ab und traf am Sonntag in der Bocche di Cattaro ein, der sich im äußersten Süden des dalmatinischen Küstenlandes über 30 Kilometer landeinwärts erstreckenden großen Meeresbucht, in deren Hintergründe die Stadt und Festung Cattaro liegt. Ueber das fernere Reiseziel des deutschen Schulgeschwaders ist noch nichts Näheres bekannt; das Gerücht indessen, das Geschwader sei nach Zanzibar bestimmt, wird jetzt entschieden als unbegründet bezeichnet.
Berlin. Der englischen Eigenliebe hat die in der Dienstagssitzung des Unterhauses vom Staatssekretär des Krieges Mr. Stanhope gemachte Mitlheilung, daß l Solinger Arbeiter herangezogen worden seien, um englische Arbeiter in der Herstellung j brauchbarer Klingen für Hieb- und Stoßwaffen anzulernen, einen gewaltigen Stoß versetzt. Es wird daran erinnert, daß die Kunst des Waffenschmiedens in England von Alters her zu der geachtetsten und ausgebildetsten gehört habe, und hinzugefügt, ein so gänzlicher Verfall dieser Kunst bis zu der Nothwendtgkett, zu ihrer Wiederbelebung und Förderung auf zeitgemäße Höhe bei dem Auslande in die Lehre gehen zu müssen, dürfe keinen sein Heimathland aufrichtig liebenden Engländer gleichgültig lassen. Mit der von der Kriegsoerwaltung ergriffenen Maßregel erklärt man sich gleichwohl durch
aus einverstanden: die s. Z. mit den im Nahkampfe gegen die Mahdisten wie Pappe sich biegenden Bajonetten der britischen Soldaten gemachten Erfahrungen sind denn doch zu nachhaltig gewesen, als daß der praktische Sinn der englischen Politiker sich leichtfertig darüber Hinwegfetzen möchte. Aber man hat den Fall reiflich erwogen, und ist dabei zu Ergebnissen gelangt, die für das Manchesterthum und Freihandelssystem wahrhaft vernichtend lauten, daher denn auch die den letzteren wirihschastlichen Standpunkt vertretenden Preßorgane den fatalen Umstand, daß Sheffield bei Solingen, England bei Deutschland in die industrielle Schule gehen muß. möglichst tobt schweigen. Desto weniger Zwang legen sich die Fair-Trade-Organe auf, die durchweg auch Anhänger der gegenwärtigen Regierungsgewalt sind. Die „Morntngpost" nennt es geradezu einen „nationalen Skandal", daß der Freihandel wichtigste Zweige des englischen Gewerbfleißes binnen einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne in Grund und Boden ruinirt habe. Ein anderes Blatt spricht von einem, durch den Freihandel an dem Genius der nationalen Arbeit begangenen „Hochverrate". Nicht ganz so tragisch, aber immerhin echt englisch, stellt sich der „Globe" zu der Sache, indem er eine Parallele zwischen dem England von heute und dem Palästina jener Tage zieht, von dem im Buche Samuelis die Rede ist, wo es heißt: Es ward kein Schmied erfunden im ganzen Lande Israel, unb_ mußten die Kinder Israel ihre Pflugscharen und Aexte sich von den Philistern in Stand halten lassen. So kam es, daß am Tage der Schlacht weder Schwert noch Speer in der Hand eines der Mannen gefunden wurde, die mit Saul und Jonathan waren. Der „Globe" ist augenscheinlich überzeugt, daß diese Parallele seine btbelkundigen Landsleute viel eher und gründlicher zum Bewußtsein ihrer prekären ,Lage, Solinger „Philister" importiren zu müssen, führen wird, als noch so beredtes Jammern über den Niedergang der edlen Waffenschmiedekunst auf englischem Boden. Darauf gründet das Blatt denn auch seine Zuversicht, die englischen Arbeiter würden mit allem Fleiß es dahin zu bringen trachten, daß man ihre Lehrmeister, die Solinger „Philister", recht bald werde wieder nach Hause schicken können. Eine Sorge aber wird die öffentliche Meinung jenseits des Kanals bei alledem nicht los, und die besteht darin, daß es keineswegs blos die Klingenfabrikation allein sein dürfe, worin „der unwiderstehliche Deutsche" (the irresistible German) der einheimischen Industrie den Rang mochte abgclaufen haben, und lautet denn je ertönt seit einigen Tagen der Ruf nach einer Politik des Schutzes der nationalen Arbeit.
Telegraphisch« Depeschen.
Wolff'S UUfrt. «orrrspONderr,, Vur-arr.
Berlin, 26. November. Der Kaiser empfing heute Mittag 12»/< Uhr das Präsidium des Reichstags. Ueber die Audienz, die etwa 5 Minuten dauerte, wird der Präsident, v. Levetzow, morgen dem Reichstage ausschließliche authentische Mit- theilung machen.
Berlin, 26. November. Das Herzogspaar von Aosta trat heute Abend 8 Uhr die Rückreise nach Italien an. Der Kaiser gab demselben bis zum Bahnhofe das Geleite, wo man sich herzlichst mit Umarmung und Kuß verabschiedete. Auch der Botschafter Italiens, Graf de Launay, war mit den übrigen Mitgliedern seiner Botschaft auf dem Bahnhofe anwesend.
Bremen, 26. November. Die Rettungsstation Büfum telegraphirt: Am 25. November Abends von einer gestrandeten Bark die aus 13 Personen bestehende Besatzung durch das Rettungsboot der Station Büsum gerettet.
Bern, 26. November. Durch die geftrlge Volksabstimmung im Canton Bern wurde die Frage, ob eine partielle Revision der cantonalen Verfassung oorgenommen werden solle, mit 28,820 gegen 23,183 Stimmen verneint.
Paris, 26. November. Gestern Abend hatte die Polizei von 8 Uhr ab den Wagenverkehr in Rue Richelieu, wo sich das Restaurant Lemardelay befindet, in welchem das angekündigte Boulangistenbanket stattfand, untersagt. Es hatten sich nur wenige Neugierige eingefunben, 3 oder 4 Personen wurden verhaftet, weil sie „ES lebe Boulanger, nieder mit Floquetl" gerufen hatten. Um 9 Uhr begannen die Theil- nehmer am Bankett einzutreffcn, die Ankunft Boulanger's veranlaßte keinen Zwischenfall; überhaupt fanden keinerlei Ruhestörungen statt. Um 11 Vs Uhr traf Boulanger wieder in seiner Wohnung ein — in den Straßen, welche er passiren mußte, verhinderten Pdlizeibeamte jede Kundgebung. Zahlreiche Mitglieder der Patriotenliga, welche den Concordeplatz hatten verlassen müssen, nahmen Wagen und umringten damit den Wagen Boulanger's, demselben Ovationen dar bringend, alS er den Jndustriepalast passirte. Während des ganzen Abends wurden etwa 40 Personen verhaftet, wovon jedoch viele wieder freigelaffen sind.
DariS, 26. November. Bei dem gestrigen Boulangisten-Banket hielt Boulanger eine Rede, worin er gegen die allgemein verbreiteten Ansichten protestirte, daß er aggressive Hintergedanken habe. Der General erinnerte an die Worte, welche er im Jahre 1886 bei dem Feste im Hippodrom sprach: Jedes Volk, welches leben wolle, müsse stark sein. Bei der gegenwärtigen Lage Europas, Angesichts der von allen Nationen getroffenen Maßnahmen, würde Frankreich weniger in Sicherheit leben, wenn es weniger gerüstet, weniger vorbereitet als die Nachbarn wäre. Frankreich sei eifersüchtig auf feine Rechte, trachte aber doch nach Frieden und fchütze die Arbeit; er (Boulanger) fei mehr Patriot als Soldat, er wünsche sehnlichst die Aufrechterhaltung des Friedens. Es gebe zwei Arten des Friedens, den Frieden, um welchen man bittet, und den Frieden, welchen man durch würdige, feste Haltung auferlegt, letzterer allein gezieme den Franzosen. Der Redner fragt, ob Jemand wagen würde, eine andere Sprache zu führen. Boulanger verwünscht die gegenwärtige Politik, welche die Kräfte des Landes zersplittere und einen trügerischen Anschein von Schwäche erwecke; er sage „trügerischen Schein", denn jeder Appell an das Vaterland würde die inneren Zwistigkeiten aushören machen. Boulanger greift sodann die Politiker an, welche, um sich den Flitter einer ephemeren Gewalt zu bewahren, fast dienstfertig das Mitleid des Auslandes anflehten. Anspielend auf Ferry, behauptet Boulanger, das Volk habe die


