Nr. 200 Dienstag den 28. August 1888»
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Vureaur Schulstraße 7.
Politische Rundschau.
Gießen, 27. August.
In den letzten Tagen fand am Berliner Hofe eine kleine Vereinigung von Mitgliedern der dänischen und griechischen Königsfamilie statt. König Christian von Dänemark, begleitet von seinem Bruder, Prinz Hans, war, von Wiesbaden kommend, am Freitag Abend zum Besuche der kaiserlichen Familie in Berlin etngetroffen. Hier wurde König Christian u. A. von seinem Enkel, dem Kronprinzen Constantin von Griechenland, begrüßt, welcher seit einigen Tagen wieder in der deutschen Reichshauptstadt weilt. Am Samstag langte dann auch König Georg von Griechenland, auf der Heimreise von Rußland nach Athen begriffen, in Berlin an, wo er im H-tel du Nord Absteigequartier nahm, während König Christian und Prinz Hans als Gäste Mlsers Kaisers im königlichen Schlosse Wohnung nahmen. Am Sonntag trennten sich die hohen Verwandten und reisten die dänischen Herrschaften nach Wiesbaden zurück, während der griechische Monarch die Heimreise fortsetzte. Schon in dieser Woche wird abermals hoher Besuch am Berliner Hofe erwartet, indem am 30. d. M. der König von Schweden zur Theilnahme an den Tauffeierlichkeiten in Potsdam in der Reichshauptstadt erwartet wird, außerdem ist für nächste Woche die Ankunft des Generalissimus der österreichischen Armee, des Erzherzogs Albrecht, behufs Theilnahme an den preußischen Manövern, in Berlin angekündigt; späterhin wird auch Großfürst Nicolaus der Aeltere in Berlin zum gleichen Zwecke etntreffen. .
Von den angekündtgten Besuchen Kaiser Wilhelms an mehreren deutschen Höfen dürfte nunmehr derjenige amsächstschenHofe zuerst zur Ausführung gelangen. Der Kaiser gedachte beute Vormittag in Dresden etnzutreffen.
Die kaiserlichen Prinzen haben ihren Sommerausenthalt in Oberhof beendigt und sind mit ihrer Begleitung am Samstag nach Potsdam zurückgekehrt; den Prinzen soll die kräftige thüringer Waldluft vorzüglich bekommen sein.
Die preußische Bischofsconferenz wird, entgegengesetzt allen hierüber im Umlauf befindlichen Gerüchten, auch in diesem Jahre und zwar schon in den allernächsten Tagen, in der Zeit vom 28. bis 30. August stattfinden. Wie immer, so kommen die preußischen Ktrchenfürsten auch diesmal am Grabe des Heiligen Bonifactus, in der alten Bischofsstadt Fulda zusammen; über das Programm der diesjährigen Confer enz-Verhandlungen ist noch nichts Zuverlässiges bekannt geworden.
Die Friedrichsruher Verhandlungen zwischen dem Reichskanzler und Herrn von Bennigsen bilden noch immer einen Concentrationspunkt für die innerpolttischen Betrachtungen der Blätter. Jetzt melden die als halbofficiös geltenden „Hamb. Nachr. , es sei zwischen dem Fürsten Bismarck und dem nationalliberalen Parteiführer über Wahltaktik und Cartellangelegenheiten verhandelt worden, wenigstens in der Hauptsache, aber von Uebernahme eines Diinisterportefeuiües durch Herrn v. Bennigsen sei ebensowenig die Rede gewesen, wie von seiner Candidirung zum preußischen Abgeord- netenhause. Es unterliege keinem Zweifel, daß Herr v. Bennigsen in voller Ueber- einstimmung mit dem Kanzler die Nothwendigkeit der Aufrechterhaltung des Cartells anerkenne und in dieser Richtung seinen politischen Einfluß geltend zu machen entschlossen sei. — Hoffentlich wird aber nun endlich die Dtscussion über die Friedrichsruher Reise des nattonalliberalen Parieichefs geschlossen werden.
Der Zusammenkunft zwischen dem Reichskanzer und dem italienischen Ministerpräsidenten Crispi in Friedrtchsruh ist fast auf dem Fuße eine zweite bedeutungsvolle Diplomaten-Begegnung gefolgt, diejenige des Herrn CriSpi mit dem Grafen » Kalnoky, dem Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns. Am Samstag trafen beide Staatsmänner, Herr Crispi von Karlsbad, Graf Kalnoky von Wien kommend, in Eger zusammen, woselbst vor zwei Jahren Bismarck, Kalnoky und Giers, der leitende Staatsmann Rußlands, zusammentrafen. Daß die Begegnung Crispi s mit dem österreichischen Minister des Auswärtigen derjenigen des italienischen Staatsmannes mit dem deutschen Kanzler so rasch gefolgt ist, deutet genugsam auf den innern Zusammenhang beider Ereignisse hin und man kann demnach die Dtplomaten-Entrevue von Eger als eine vollwichtige Ergänzung der Conferenzen von Friedrichsruh betrachten. Die Besprechungen Crispi's mit dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky besiegeln aufs Neue die vollständige „Entente" der drei verbündeten Reiche, Deutschland, Oesterreich und Italien, und alle Friedensfreunde können sich dessen nur freuen, gleichviel, welche Folgen die Zusammenkünfte von Friedrichsruh und Eger noch aufweisen werden. Daß gerade gleichzeitig mit diesen Ereignissen der Befehl des französischen Marineministers nach Toulon zur sofortigen Mobilisirung der Mittelmeerflotte gelangt ist, Hat nicht verfehlt, allerhand neue beunruhigende Gerüchte über die Spannung zwischen Frankreich und Italien entstehen zu lassen. Indessen handelt es sich nur um ein bestimmtes Manöver der französischen Mtttelmeerflotte, durch welches festgestellt werden soll, innerhalb welcher Zeit die Flotte für den Kriegsfall acttonsfähig gemacht werden kann.
Das Wiener officiöse „Fremdenblatt" sagt anläßlich der Entrevue Kalnoky's mit Crispi: Weder in Friedrichsruh noch in Eger sei man aus dein Rahmen der Friedenspolitik herausgetreten. Es dürfe daher auch die Zusammenkunft von Eger mit jener Genugthuung begrüßt werden, welche den Friedensfreunden eine erneute Bekräftigung eines zum Schutze des europäischen Friedens geschlossenen Bundes gewähre.
Herr Crispi dürfte alsbald nach seiner Begegnung mit dem österreichischen Minister die Heimreise nach Italien angetreten haben, da angeblich verschiedene Vorgänge der inneren Politik seine Anwesenheit in Rom dringend nothwendig erscheinen lassen. Ob Graf Kalnoky nun noch nach Friedrichsruh gehen wird, ist vorläufig wieder unsicher geworden und in Berliner politischen Kreisen will man denn auch schon wissen, daß diese Reise, als überflüssig geworden, wieder aufgegeben sei.
Das Ableben des ungarischen Unterrichtsministers v. Trefort macht die anderweitige Besetzung des ungarischen Unterrichts- und Cultusmtntstertums nothwendig. Indessen wird die Frage der Neubesetzung dieses wichtigen Ressorts vorerst in der Schwebe bleiben und vermuthlich erst nach Eröffnung der ungarischen Reichstagssesfion ihre Erledigung finden.
Erfreulich nehmen sich die letzten aus Südafrika in London eingegangenen Nachrichten aus. Ihnen zufolge ist Dtnizulu, der bekannte rebellische Zuluhäuptling, mit zweien seiner Unterbefehlshaber und einer größeren Anzahl Vieh von den Boers
gefangen genommen worden und sollen Dinizulu und seine Gefährten von den BoerS bereits an die englischen Behörden ausgeliefert worden sein. Vorerst tritt diese Nachricht allerdings nur gerüchtweise auf, so daß ihre Bestätigung noch abzuwarten bleibt.
Lokales.
Gießen, 27. August. Da die Tage bereits bedenklich kurz werden, so erscheint es nicht unangebracht, auf das Urtheil htnzuweisen, welches das Retchsge^chr bezüglich der Verpflichtung der Hauswirthe zur Treppenbeleuchtung am 14. October 1886 gefällt hat. Hiernach ist ein Hauseigenthümer, welcher Mtether in feinem Hause aufnimmt oder auf andere Weise einen Verkehr in seinem Hause herstellt, verpflichtet, die Fluren und Treppenaufgänge, welche nach ihrer Beschaffenheit im Dunkeln jeden Passanten die Gefahr aussetzen, sich zu beschädigen, bei eintretender Dunkelheit so lange zu beleuchten, als der Verkehr im Hause stattfindet. Treten in Folge mangelhafter Beleuchtung Unglücksfälle ein, so haftet der Hauseigenthümer für dadurch entstehenden Schaden.
— (Turnerisches.) Auf dem gestern in Mainz abgehaltenen mittelrheinischen Turntage wurde beschlossen, das nächste 18. Mittelrheinische Turnfest im Jahre 1890 in Koblenz a^bzuhaltem Heuchelheim und Wreseck abgehaltenen Kirchweihfeste waren trotz des wenig einladenden Wetters von hier aus stark besucht.
— Der Regenbogen, welchen man gestern Abend nach W Uhr beobachten konnte, zeigte seine Farben in solcher Pracht und Fülle, daß sich die bekannten „ältesten Leute" nicht erinnern konnten, je Schöneres gesehen zu haben.
Gießen, 27. August. Vorgestern entstand in einem Hause der Bahnhofstraße dadurch Feuer, daß ein in der Wohnung sich allein befindliches 2*/2 Jahre altes Kind die auf dem Tische stehenden Streichhölzer ergriff, damit spielte und dabei die Fenstervorhänge anzündete. Das Feuer konnte bald gelöscht werden.
— Ein Rangirer verunglückte am vergangenen Samstag auf hiestgem Bahnhof dadurch, daß er auf das Trittbrett eines im Gange befindlichen Zuges sprang, dabei ausglitt und mit dem einen Arm unter die Räder kam. Ob eine Amputation des Armes nöthig wird, ist noch unbestimmt.
Gießen, 27. August. Von unbefugter Hand wurde tn der Gemarkung Lang- Göns ein Kornhaufen in Brand gesetzt. Behufs Augenscheineinnahme begab sich heute Morgen das Gericht nach Lang-Göns. ±
— Der in voriger Woche verhaftete, eines Sittlichkeitsvergehens verdächtigte hiesige Einwohner ist wieder aus der Haft entlassen worden.
p mlschland.
Berlin, 25. August. Der Kaiser hat den König von Dänemark zum Chef des thüringischen Ulanenregiments Nr. 6 ernannt. £ Är ,,
München, 25. August. Der Kaiser von Oesterreich ist heute früh hier eingetroffen und von der Prinzessin Leopold und der österreichischen Gesandtschaft am Bahnhofe empfangen worden: derselbe begibt sich morgen nach Kreuth.
— Der König von Portugal ist heute nach Nürnberg abgereist.
— Crispi traf, von dem italienischen Gesandten empfangen, gegen 8 Uhr von Eger hier ein und reiste 8 Uhr 50 Min. nach Mailand weiter.
Außkand.
Petersburg, 25. August. Die Kaiserin ist heute Nachmittag 2 Uhr mit dem Großfürsten - Thronfolger und der Großfürstin Xenia zu einem Besuche der Herzogin von Cumberland nach Gmunden abgereist. _______________
Der Besuch der Theilnehmer des internationalen Binnenschifffahrts- Congrrsses in Main; und Gustavsburg.
ii.
Mainz, 25. August.
Nach Besichtigung der städtischen Sammlungen, des Centralbahnhofes und des Domes fanden sich gegen 2 Uhr in der prächtigen Stadthalle die Congreßmitglieder zu dem von der Mainzer Handelskammer gegebenen Gabelfrühstück ein. In dem riesigen auf das Reichste geschmückten Hallenraum waren neun Längstafeln und eine Quertafel aufgestellt, an welchen zwischen 500 und 600 Personen Platz genommen hatten. Die Plätze an der Quertafel waren für das Präsidium des Kongresses, Vertreter der Regierungen, staatliche und städtische Behörden, sowie sonstige illustre Gaste reservirt. Nach dem ersten Gang eröffnete Stao^sminister Finger von Darmstadt den Reigen der Toaste, um sein Glas auf den deutschen Kaiser und den Großherzog zu leeren. Herr Finger gedachte hierbei des Zweckes des Binnenschiffsahrtcongresses und der Entwicklung, welche Mainz in den letzten Jahrzehnten genommen, wobei er betonte, daß Mainz seine Entwickelung lediglich seiner eigenen Kraft und Initiative zu verdanken habe. Handels- kammerpräsident Geheimer Commerzienrath St. C. Michel trank hierauf auf das Wohl der Mitglieder des Binnenschifffahrtscongresses.
In französischer Sprache brachte den nächsten Toast Herr Carlier, Inspecteur general des ponts et ohauss^es, von Havre auf Handelskammerpräsident Geh. Commerzienrath St. C. Michel aus. In ungeschminkten und von Herzen kommenden Worten feierte der Redner die zu erwartenden Zeiten, in welchen rote in Handelsbeziehungen auch in politischer Beziehung die Eintracht der Nationen einkehre. Ein Trinkspruch eines Herrn aus Oesterreich, dessen Namen rote Worte Ihrem Referenten unverständlich geblieben sind, folgte noch ein launiger Toast des Oberbürgermeisters vr. Oechsner, der auf den Binnenfchifffahrtscongreß trank.
Mit den Reden und Toasten war auch die Tischkarte beendigt und Böllerschüße verkündeten, daß die Zeit zu der pibce de resistance der ganzen Feier, der Rheinfahrt^ gekommen war. Konnten die Frankfurter Congreßmitglieder ihren Aerger darüber, daß wir Mainzer von dem Wetter so begünstigt, schon am Morgen schlecht verhehlen, so waren sie über den Himmel um so ungehaltener, als bei dem Austritt der Festversammlung die zahllosen Flaggen und Wimpel der Festschiffe in Hellem Sonnenschein lustig flatterten. Es war ein Wetter, wie man es für eine Rheinfahrt nicht schöner denken kann. Unter klingendem Spiel ging es bann auf die Schiffe rmd unter Böllerschüssen setzte sich die aus etwa 20 großen und kleinen Dampfern gebildete Flottille tn Bewegung. Es war ein prächtiges Bild! Heller Sonnenschein, auf beiden Ufern unb der Brücke viele Tausend Menschen, alle Gebäude festlich geschmückt, dazwischen unzählige bunt beflaggte Fahrzeuge aller Großen und dabei auf allen Schiffen heiteres fröhliches Leben. Mit halber Kraft fuhr die Flottille stolz den Rhein hinab, „allenthalben von Böllerschüssen begrüßt und ebenso fleißig in gleicher Weise dankend. Unterhalb Eltville


