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Nr. Samstag den 28. Juli 1888.

«fieljcner Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

lvureaur Schulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Politische Rundschau.

Gießen, 27. Juli.

jtdifti? Wilhelm befindet sich auf der Heimreise von St. Petersburg, auf welcher er am Donnerstag am Hofe von Stockholm auf einen Tag vorgesprochen hat, um dann an diesem Samstag in Kopenhagen einzutreffen und bis Montag der Gast der dänischen Königsfamilie zu sein. Aber wenn auch der Besuch des deutschen Kaisers in Stockholm und Kopenhagen neue glänzende Bilder von seiner Meeresfahrt entrollt, so beherrscht die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Ezaren doch immer noch die gesammte Tagessitualion und wird dies bedeutsame Ereigniß auch der nächsten Zeit noch sicherlich die Signatur aufprägen. Wenn indessen bet der Petersburger Kaiserzusammenkunft bislang mehr deren Aeußerlichkeiten, die verschiedenen Festlichkeiten, die Einzelheiten im Verkehr zwischen der Ezarenfamilie und ihren erlauchten Gästen u. s. w. hervortraten, so erhebt sich jetzt eindringlicher die Frage nach der inneren Be­deutung der Zusammenkunft, nach ihren positiven Ergebnissen. Es fehlt nun in dieser Beziehung allerdings noch immer an Aufklärungen von unzweifelhaft authen­tischer Seite und wer überhaupt auf die Veröffentlichung vonAbmachungen", die vielleicht die Entrevue gezeitigt, aufsehen wollte, könnte da lange warten. Dennoch sickert über die Berathungen, welche beide Kaiser und ihre Minister mit einander ge­pflogen, so Manches durch, was einen gewissen Schluß aus dem Eharacter dieser Be­sprechungen gestaltet. Vor Allem erscheint es da als ziemlich gewiß, daß in Petersburg die Erörterung der bulgarischen Frage und im Anschlüsse hieran das orientalische Ge- sammtproblem eine Hauptrolle gespielt hat und zu welchen Resultaten man hierbei ge­langt ist, wird wohl schon aus der signalisirten neuerlichen diplomatischen Behandlung der bulgarischen Angelegenheit zu ersehen sein. Als den wichtigsten politischen Punkt der Petersburger Kaiserzusammenkunft dürfte aber wohl der Eindruck zu bezeichnen sein, den Kaiser Wilhelm von der Friedensliebe Rußlands empfangen hat. Wenn der jugendliche Herrscher mit der Ueberzeugung heimkehrt, daß die russische Politik einen friedlichen Eharacter trägt und von keinerlei Hintergedanken beherrscht wird, so wird das Einverständnitz der beiden Kaiser in allen europäischen Streitfragen eine Lösung zu finden wissen und der bewaffnete Frieden wird von den Völkern leichter ertragen werden können. Hoffentlich wird das Ergebniß der Zusammenkunft diese Ueberzeugung herbeigeführt haben und an zuständigster Seite selbst scheint man dementsprechende Er­wartungen zu hegen.

König OScar von Schweden war an der Spitze eines aus zwölf Kriegs­schiffen bestehenden Geschwaders dem deutschen kaiserlichen Geschwader entgegengefahren, während eine zweite schwedische Flotille den deutschen Kaiser am Eingänge der Stock­holmer Scheeren erwartete. Auch der König von Dänemark fährt seinem kaiserlichen Gaste an der Spitze einer Flotte entgegen. Kaiser Wilhelm nimmt im Schlosse Ama- lienborg in Kopenhagen Absteigequartier; er gedenkt bis Montag Vormittag in der dänischen Hauptstadt zu verweilen.

In München wird in den Tagen des 29. bis 31. Juli die Centenarfeier König Ludwigs 1. von Bayern festlich begangen, nachdem dieses Fest vor zwei Jahren infolge der tragischen Katastrophe in Bayerns Königshause hatte verschoben werden müssen. Die Gedenkfeier für König Ludwig I. ist zwar in erster Linie eine bayerische, aber auch das übrige Deutschland trägt ihr seine Theilnahme entgegen. Gilt es doch, in König Ludwig I. (geboren 25. August 1786 zu Straßburg, gelangte er 12. October 1825 zur Negierung, welche er 1848 infolge der politischen Ereignisse dieses Jahres niederlegte; 29. Februar 1868 verschied er zu Nizza) einen der kunstsinnigsten Fürsten aller Zetten, einen der größten Mäcenaten unseres Jahrhunderts und einen der edelsten, von echtem Patriotismus und lebhaftestem Nationalgefühl durchglühten deutschen Herrscher im Gedächtniß zu feiern. Auch im Auslande bethätigt man Sym­pathien für die Centenarfeier König Ludwigs I. und ist u. A. zur Theilnahme an der­selben eine Deputation der Stadl Athen mit dem Athener Oberbürgermeister an der Spitze in München eingetroffen.

In Oesterreich kann sich die öffentliche Meinung über die Quiescirung des Feldzeugmeisters Kuhn noch immer nicht ganz beruhigen und noch immer tauchen in der Presse neue Versionen über die vermuthlichen Gründe auf, welche die Zurdisposi- tionsstellung dieses verdienten Militoirs veranlaßten. Jedenfalls wird aber durch alle derartige Erörterungen an der vollzogenen Thalsache nichts geändert und höchstens die Frage könnte noch intercssiren, ob Feldzeugmetster von Kuhn doch noch berufen sein wird, in einem Kriege Oesterreichs wieder ein höheres Commando zu führen, eine Frage indessen, deren Beantwortung für jetzt müßig erscheint. Im Lande, wie in der Armee war der scheidende Feldzeugmetster sehr populair und die glänzende Huldigung, welche ihm bei dem Banket in Graz, das ihm zu Ehren anläßlich seines Austrittes aus der Armee dieser Tage veranstaltet wurde, die Garnison wie die Bürgerschaft der steiermärkischen Hauptstadt darbrachten, zeugte hinlänglich für diese Popularität.

Die zwischen Italien und Frankreich schwebende Streitfrage wegen der Be­steuerung der Europäer in M a s s a ua h hat plötzlich eine bedenkliche Wendung genommen, die mit der Steuerangelegenheit äußerlich allerdings nicht viel zu thun hat. Vom ita­lienischen Oberstcommandirenden in Massauah, General Baldissera, sind die Beziehungen zu dem dortigen französischen Vlceconsul abgebrochen worden, mit der Motivirung, der­selbe sei weder regelrecht ernannt, noch besitze er das Exequatur. Ob General Bal- dtssera auf eigene Faust, oder auf specielle Anordnung seiner Negierung dem Vertreter Fankreichs in Massauah gegenüber so gehandelt, bleibt sich vorläufig ziemlich gleich, in J jedem Falle wird sein Vorgehen die italienisch-französische Spannung nur vermehren. Für dieselbe würde u. A. auch die allerdings noch unverbürgte Nachricht sprechen, daß der von Rom abgereiste dortige französische Botschafter, de Mouy, nicht wieder dahin zurückkehren werde.

Deutschland.

Darmstadt, 26. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- ! gnädigft geruht:

Am 18. Juli den evangelischen Pfarrer Georg Friedmann von der ihm übertragenen Stelle eines eoangelichen Geistlichen am Landeszuchthause Marienschloß auf sein Nachsuchen zu entheben und dem Pfarrer Karl Roth zu Hitzkirchen die Stelle

Telegraphische Acpeschen.

Wolffs telegr. Corresponderrz - Brrrearr.

Berlin, 26. Juli. Der Wirkliche Geheime Oberregierungsrath Dr. Bonitz ist gestorben.

Die Reichstagsersatzwahl im sechsten Berliner Wahlkreise an Stelle des Abgeordneten Hasenclever ist auf den 30. August festgesetzt.

Stuttgart, 26. Juli. DemStaatsanzeiger für Württemberg" wird aus Friedrichshafen mrtgethetlt: Nachdem der König sich schon im vorigen Sommer einer Massagekur bei dem Dr. Roechling aus Stuttgart mit gutem Erfolg unterzogen batte gebraucht Höchstderselbe jetzt wieder dieselbe Kur mit einer günstigen Wirkung. '

Stockholm, 26. Juli. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm ist heute Mittag 12 Uhr 45 Min. hier eingetroffen und von einer zahlreichen Menschenmenge enthusiastisch begrüßt worden. Die Stadt prangt in Flaggenschmuck.

Stockholm, 26. Juli. Der König und der Kronprinz begaben sich mit dem deutschen Gesandten und dem Ehrendienst heute früh 61/» Uhr an Bord der Nacht Drott", um dem deutschen Geschwader entgegenzufahren, das gegen 8>/r Uhr bei Galmon sichtbar wurde. DieHohenzollern" gab den Königsalut. Der König und der Kronprinz von Schweden begaben sich alsbald an Bord derHohenzollern", woselbst Kaiser Wilhelm dieselben mit der herzlichsten Umarmung begrüßte! Die SchiffeDrott" undBaden" wechselten darauf den Salut, die beiderseitigen Mufikcapellen spielten die preußische rcsp. schwedische Nationalhymne. Nach halbstündigem Aufenthalte kehrten der König und der Kronprinz an Bord desDrott" zurück, auf dem sie sofort nach Stockholm zurückfuhren, um den deutschen Kaiser an Land zu empfangen. Alle an den Ufern liegenden Villen sind festlich beflaggt.

eines evangelischen Geistlichen an dieser Anstalt mit Wirkung vom 1. August l an 3u übertragen. ö * * UH

, . Darmstadt, 26. 3ult. [Drben8DerId6unB.] Seine Majestät der Kaiser haben dem Ober-Consistorialrath und Superintendenten D. Sell den Rotben Adlei- orden dritter Klasse allergnädigst zu verleihen geruht. 9 WeX'

Berlin, 25. Juli. Nach dem Final-Abschluß der Reichs-Hauptkasse haben sich die Ergebnffse des Reichshaushaltes für das Etatsjahr 1887-88, abgesehen von den auf besondere Deckungsfonds angewiesenen Ausgaben, im Vergleich zum Etat in runbftt Summen wie folgt gestaltet: u

zJ?et ber Verwaltung des Reichsheeres sind an fortdauernden Ausaaben 3,133,000 JL weniger, an einmaligen Ausgaben 656,000 at mehr erforderlich gewesen Die das Reichsheer betreffenden Kapitel des allgemeinen Pensionsfonds hab?n züm^ Therl in Folge der durch das Reliktengesetz vom 17. Juni 1887 bedingten Ausaaben

Mehrbedarf von 1,608.000 aL abgeschlossen. An Einnahmen sind bei Militärverwaltung, mit Einrechnung der außeretatsmäßigen Einnahmen an Wittwen- und Waisengeldbetträgen von aktiven und pensionirten Officieren und Milttärbeamten auf Grund des Gesetzes vom 17. Juni v. I., 1,249,000 at mehr aufgekommen Bei dem Reichsheer stellt sich hiernach das Gesammtergebntß gegen den Etat um 2 118 000 aL günstiger. Insbesondere sind erheblichere Ersparnisse enteil bei der Naturalverpflegung bet der Bekleidung und Ausrüstung der Truppen und beim Medicinalwesen- ander' setts sind erwähnenswerthe Mehrbedürfnisse hervorgetreten bei der Verpflegung der Ersatz- und Reservemannschaften, beim Ankauf der Remontepferde, zu Reisekosten und Wittwenk^ffe 93or^pann= unb Transportkosten, sowie beim Zuschuß der Militär- Bei dem Marinefonds, einschließlich des die Marine betreffenden Kapitels des allgemetnen Pensionsfonds, sind 411,000 JL mehr erforderlich gewesen Desaleicken 387,000 aL beim Auswärtigen Amt und 488,000 aL im Ressort des Reich-Sckaüamts einschließlich der Retchsschuld und der Civtlpensionen beim allgemetnen Pensionsfonds- bezüglich der Reichsschuld ist hervorzuheben, daß die Verzinsung der Anleihe 1 021 000 JL mehr, die Verzinsung der zur vorübergehenden Verstärkung des ordentlichen Betriebs­fonds der Reichs-Hauptkasse aufgenommenen Mittel aber 579,000 aL weniger in An­spruch genommen hat. Die übrigen lei den Hauptabschnitten der Ausgabe einaetretenen Abweichungen gegen den Etat ergeben noch einen Mehraufwand von 207 000 aL Im Ganzen übersteigen die Mehrbedürfnisse bei den hier in Betracht gezogenen Äus- gabefonds die daran gemachten Ersparnisse um 623,864,53 aL.

Was die Entnahmen des Reiches angeht, so haben die Zölle und die Tabak- siLuer, von deren Ertrage dem Reiche nur der feste Betrag von 139,000 000 aL ver­bleibt, einen Mehrertrag von 9,192,000 aL ergeben, nämlich 6,031,000 JL an Höllen 2,275,000 aL an Tabaksteuer und 886,000 aL an Aversen der Zollausschüsse Die den Bundesstaaten im vollem Reinerträge zu überweisenden Stempelabgaben für Wertb- papiere rc. haben 675,000 JL weniger gebracht. Diese Abweichungen von der etats­mäßigen Voraussetzung findet für den Reichshaushalt ihre Ausgleichung durch ent­sprechende Erhöhung, beziehungsweise Ermäßigung herunter den Ausgaben voraesebenen Ueberweisungen an die Bundesstaaten.

Die nach dem Gesetz vom 24. Juni v. I. vereinnahmten Beträge von 6 061 000 jz an Verbrauchsabgabe für Branntwein und an Zuschlag zu derselben' und von 12,944,000 JL. an Nachsteuer von Branntwein, welche bei dem Voranschlag noch nickt berücksichtigt werden konnten, sind gemäß der SS 39 und 42III. jenes Gesetzes den ein­zelnen Bundesstaaten überwiesen.

Im Ganzen belaufen sich die Ueberweisungen auf 176,289,000 JL das sind 27,522,000 JL mehr als der Etat voraussetzt. ' 'nD

An Zuckersteuer sind 20,144,000 JL weniger aufgekommen, desgl. 13,528 000 Jt an Branntweinsteuer, soweit diese zufolge des erst nach der Etatsseststellung erlassenen Gesetzes vom 24. Juni v. Js. der Reichskasse verbleibt. Die Salzfteuer ergab 1,164 000 JL und die Braust euer 2,916,000 JL über den Etats ansatz. Die Aversen der Zollausschüsse für die letztgenannten vier Steuergattungen haben 575 000 -M* weniger betragen. Der Spielkartenstempel hat 93,000 JL. mehr eingebracht, die Wechsel- stemvelsteuer 8000 JL und die statistische Gebühr 39,000 JL. Die Betriebsverwaltungen schlossen sammtlich mit Mehr-Ueberscküssen ab, und zwar die Post- und ^elegravben- verwaltung mit einem solchen von 913,000, die Reichs - Eisenbahnverwaltuna mit 3,760,000 JL und dre Reichsdruckeret mit 416,000. Die Einnahmen aus dem Ban" wesen sind um 45,000 hinter dem Etat zurückgeblieben. An Zinsen aus belegten Reichsgeldern sind 473,000 «4t. mehr aufgekommen. Die verschiedenen Verwaltungs­einnahmen haben, mit Einrechnung der oben gedachten Mehreinnahmen bei der Mili­tärverwaltung, 2,248,000 mehr eingebracht, darunter 898,000 at Mehreinnahmen aus dem Munzwesen.

Im Ganzen sind die ordentlichen Einnahmen um 22,262,619.64 at hinter dem oKrZ^eblteben und es hat sich unter Berücksichtigung der Mehrausgaben von 623,864.53 at für den Haushalt des Etatsjahres 188788 einen Fehlbetrag von 22,886,484 17 at ergeben.