Einzelbild herunterladen

M. 1'17 Mittwoch den 27. Jpui 18L8.

!>'p/W- *l> ö T-ß H- V

V__Z I C .VVF ©_^

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

' , o Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durcaur Schulftraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf«

Die Eröffnung des Reichstags.

Mehrheit der Stimmen erlangt, daneben wiesen die meisten Stimmen Harrison und Alger auf; die meiften Chancen besitzt demnach General Sherman.

Berlin, 25. Juni. Dem Gottesdienste in der Schloßkapelle wohnten außer dem Kaiser sämmtliche Bundessürsten bei, auch die katholischen. Die Kapelle war von der Generalität, den Ministern, dem Bundesrath, den fürstlichen Damen und den Ab­geordneten dicht gefüllt, und bot ein glänzendes Bild- Kögel predigte über den Text: Durch Gottes Gnade bin ich was ich bin". Inzwischen hatten sich im Weißen Saal die nicht am Gottesdienst Theilnehmenden versammelt, zu denen nach beendigtem Goktesdienft die Theilnehmer desselben kamen. Es waren etwa 200 Abgeordnete an­wesend, drei Viertel davon in den verschiedensten Uniformen die sich gegenüber der -Thronseite des Saales aufstellten. Zu beiden Seiten des Thrones schaarte sich dichttzedrängt eine glänzende Menge von Generälen, Ministern, Bundesrathsmitgliedern und hohen Beamten, ein buntes Bild mannigfachster Formen. Fürst Bismarck stand rechts vom Throne; auf einer logenartigen Estrade rechts vom Thron erschien die Karserm in t .

lehnt, der Feierlichkeit beiwohnte. Auf

tiefer Trauer mit dem kleinen Kronprinzen, der auf die Balustrade ge- lcvlu, Feierlichkeit beiwohnte. Auf eilte Meldung des Reichskanzlers nahte der Lug des Kaisers. Die Schloßcompagnie mit aufgepflanztem Bajonnet, Pagen, Hof­chargen, Marschgll Blumenthal mit dem Reichspanier, Generäle mit den anderen In­signien der Krone zogen voraus, an beiden Seiten des Thrones Aufstellung nehmend. Dann kam der Kaiser in Generalsuniform mit wallendem Purpurmantel, den Helm in der Hand, rechts von ihm der Regent von Bayern, links der König von Sachsen, dahinter sämmtliche Bundesfürsten mit ihren General- und Flügeladiutanten. Als der Kaiser den Saal betrat, rief Herren. Wedell-Piesdorf:Se. Mazestat der Katt er und bte verbündeten Fürsten leben.hoch!" Die Versammlung fiel brausend em. 5)er Kaiser nahm, auf beiden Seiten won den Fürsten umgeben, auf dem Thronfessel Platz, das Haupt mit dem Helm bedeckend. Fürst Bismarck überreichte ihm mit tiefer Verbeugung die Thronrede, in Sammetumschlag; der Kaiser verlas fte mit einer hellen, an mttr- tärisches Commando erinnernden Stimme; besonders an der Stelle vomFrieden mtt Jedermann", betonte er die Worte:soviel an mir liegt". An mehreren Stellen, die von der Erhaltung des Friedens, von dem Bündniß mit Oesterreich und der persön­lichen -Freundschaft zu dem russischen Kaiser handelten,^ erscholl lauter Beifall, Ter Kaiser gab die Thronrede Bismarck zurück, ihm beide Hande drückend- Minister von Lutz brachte ein dreifaches von der Versammlung laut aufgenommenes Hoch auf den Kaiser aus. Der Kaiser schritt vom Thron herab und der Zug verließ m ähnlicher Ordnung wie er gekommen war, den Saal. (F- ä >

Berlin, 25. Juni. Nach warmen Worten des Gedenkens für den Heimgegangenen Kaiser Friedrich seitens des Präsidenten und nach einem dreimaligen begeistert aufge nommenen Hoch auf den Kaiser wird das bisherige Bureau per Akklamation wieder- aewählt und eine Adresse an den Kaiser beschlossen in Erwiderung auf die Thronrede. Lugleich wird das Präsidium beauftragt, der Kaiserin Victoria Augusta, der Kaiserw- Wittwe, sowie der Kaiserin-Mutter die tiefgefühlteste Theilnahme des Reichstages aus­zudrücken. Der Präsident vertagt bis morgen die Sitzung, in welcher der Entwurf der Adresse vorgelegt werden wird. _____________

Politische Ueberficht

Gießen, 26. Juni.

Das Kaiserpaar traf am Sonntag in der neunten Abendstunde im Berliner Mesidenzschlosse ein, nachdem es die Fahrt von Potsdam bis Charlottenburg mittelst Dampfer zurückgelegt hatte. Die Eharlottenburger Chaussee sowie die Lindenpromenade entlang standen tausende von Zuschauern, welche die Majestäten, denen Abtheilungen von Gardes du Corps in Gala voransprengten, mit unbeschreiblichem Enthusiasmus begrüßten. Der Kaiser, welcher in kleiner Generalsuniform war, erwiderte freundlich, .aber ernst die Grüße des Publikums; nach den bisherigen Dispositionen gedenkt das Kaiserpaar bis Mittwoch in Berlin zu verweilen.

Aus allen Theilen des Reiches liegen Berichte über die am Sonntag zum Gedächtnisse des hochseligen Kaisers Friedrich stattgefundenen Trauergottes­dienste und sonstigen Trauerfeierlichkeiten vor.

An diesem Mittwoch Mittag 12 Uhr findet die Eröffnung deS preußischen Landtages statt, die sich gleich der des Reichstages im Weißen Saale des Berliner Ncsidenzjchlosses und uhter ebenfalls besonders feierlichen Formen vollzieht.

Nachdem Graf Zedtlitz-Trützschler die Uebernahme des preußischen^ Mini­steriums des Innern definitiv abgelehnt hat, beginnt wieder das alte Spiel des Rathens über die Person des Nachfolgers für Herrn v. Puttkamer. Staatssecretair v. Bötticher, der Reichstagspräsident von Wedell-Piesdorf, Landesdirector v. Leoetzow, Oberpräsident v. Achenbach, und noch so manche andere Persönlichkeit wird da genannt, obne daß hierdurch die Frage ihrer Lösung irgendwie zugeführt würde. Es scheint ganz, als ob das gegenwärtige Provisorium im Ministerium des Innern noch einige Leit fortbestehen sollte.

Die österreichische Delegation genehmigte in voriger Woche debattelos und einstimmig das Budget des Ministeriums des Aeußern. Der Berichterstatter hatte vor­her darauf hingewiesen, weich' eine Vertrauenskundgebung für die Politik Kalnoku s in der Annahme dieses Specialbudgets liegen würde und somit charakterisirt sich das Votum der Delegation als ein neuer hochbedeutsamer politischer und parlamentarrscher Erfolg des Grafen Kalnoky. Auch dem ordentlichen Heereserforderniß stimmte die Delegation zu, während ihr Budgetausschuß unverkürzt das Ertraordinarimn des SO.- Utairetats bewilligte.

Kronprinz Rudolf traf auf seiner bosnischen Reise am Samstag Abend, von Stolac kommend, in Bilek ein, auf der ganzen Fahrt von der Bevölkerung huldigend 'begrüßt.

Um das englische Ministerium SaliSbury steht es nicht unbedenklich und gerade die Unbotmäßigkeit, welche sich in den Reihen der Regierungspartei selber, der Conservativen, gegen deren parlamentarische Führer und gegen die Regierung kund- giebt trägt am meisten zu der Erschütterung des Cabinets bei. Lord Salisbury hat allerdings die oppositionelle Haltung, welche ein Bruchtheil der Tories in Sachen der Localverwaltungsbill gegen die Regierung einnimmt, scharf gerügt und eventuell die Demission des Ministeriums in Aussicht gestellt, aber es bleibt noch abzuwarteu, ob diese Drohung zur Wiederherstellung der Disciplin innerhalb der Tory-Parte: fuhren wird Jedoch auch die liberalen Unionisten, die dem conservativen Cabinet Salisbury überhaupt nur bedingte Heeresfolge leisten, beginnen sich als unsichere Cantomsten zu zeigen und stecken wieder mehr das liberale Mäntelchen hervor, dies freilich erst, fett sie in verschiedenen Ersatzwahlen der letzen Zeisiden Anhängern @labftone§ gegenüber tm Nachtheil geblieben sind. Das Ministerium Salisbury fühlt sehr wohl den Boden unter sich schwanken und es hat darum den Antrag der Gladstonianer, welcher sich gegen die Ausführung der irischen Zwangsgesetzgebung wendet, zum äußern Anlaß ge­nommen, um eine klare Situation zu schaffen, indem es denselben als e n directes Mißtrauensvotum gegen die Regierung bezeichnete. Die am Montag hierüber im englischen Unterhause begonnene Debatte wird zeigen, ob in England schon wieder einmal ein Negierungs- und Systemwechsel vor der Thür steht.

Gras Robilant, der frühere italienische Minister des Auswärtigen, ist zum Botschafter in London ernannt worden und wird diese Ernennung als ein weither Beweis für die engen Beziehungen zwischen England und Italien betrachtet, da No- bilant als Minister stets für ein Zusammengehen beider Staaten gewesen ist.

In Frankreich macht sich eine Bewegung zu Gunsten der Rückkehr eines der verbannten orleanistischen Prinzen, des Herzogs von Aumale, geltend. Die Bewegung aebt vom Institut de France aus, welches beim Ministerpräsident Floquet dahin vor­stellig geworden ist, er mochte dem Herzog doch die Rückkehr nach Frankreich gestatttn, da derselbe eines der ausgezeichnetsten Mitglieder des Instituts sei und ein solcher Schritt jedes politischen Charakters entbehre. Floquet verschanzte sich indessen hinter dem Ministerrath, dem ein Beschluß in dieser Frage allein zustehe. Ob aber der Ministerrath dem Gesuch des Instituts de France stattgeben wird, erscheint ewiger- maßen zweifelhaft; denn die Rückkehr des Herzogs von Aumale konnte zu recht bedenk­lichen Consequenzen führen.

Der in Chicago versammelten Nationalesnvention der republikanischen Partei Nordamerikas ist in voriger Woche das Parteiprogramm der Republikaner unterbreitet worden. Dasselbe spricht sich für das Schutzzollsystem unter gewissen Cm- schränkungen aus, fordert Abschaffung der Vielweiberei bei den Mormonen, Beibehaltung der Doppelwährung, Credite für militärische und maritime Zwecke, spricht sich gegen die contractmäßigen Arbeiten Fremder, namentlich der Ehinesen aus und tade dw auswärtige Politik Clevelands, welche durch ihre Unthattgkett die Ausbreitung europäischen Einflusses in Centralamerika begünstigt habe. Das Programm sand die Zustimmung der Convention, welche aber im Gegensatz zu der in St. Lortts ver­sammelt gewesenen Convention der demokratischen Partei ein merkwürdiges Schauspiel von Zerfahrenheit darbietet. Während sich die demokratischen Delegirten sofort und unter enthusiastischen Kundgebungen auf Clevelcmd als Präsidentschaftscandidaten und auf Tburman als Candidaten für die Vicepräsidentschaft einigten, haben die republikanischen Delegirten unter den sich ihnen zur Auswahl präsentirenden Candidaten noch immer keine Auswahl treffen können, trotz einer ganzen Reihe von Wahlgängen. Doch hat in den letzten derselben der General und Senator Sherman allmalich die relative

Thronrede Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm II. ?ur Eröffnung des deutschen Reichstags am 25. Juni 1888.

Geehrte Herren!

Mit tiefer Trauer im Herzen begrüße Ich Sie und weiß, daß Sie mit Mir trauern. Die frische Erinnerung an die schweren Leiden Mewes hochseligen Herrn Vaters, die erschütternde Thatsache, daß Ich drei Monate nach dem Hintrltt weiland Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm berufen war, den Thron zu besteigen, üben die gleiche Wirkung in den Herzen aller Deutschen, und unser Schmerz hat warme Theist nähme in allen Ländern der Welt gefunden. Unter dem Drucke defselben bitte ^ch Gott, Mir Kraft zur Erfüllung der hohen Pflichten zu verleihen, zu denen sein Wille $ Dieser Berufung folgend, habe Ich das Vorbild vor Augen, welches Kaiser Wilhelm, nach schweren Kriegen, in friedliebender Regierung seinen Nachfolgern hinter­lassen, und dem auch SNeines hochseligen Herrn Vaters Regierung entsprochen hat, soweit die Bethätigung seiner Absichten nicht durch Krankheit und Tod verhindert

Lt. Sie, geehrte Herren, berufen, um vor Ihnen dem deutschen Volke zu verkünden, daß Ich entschlossen bin, als Kaiser und als König dieselben Wege zu wandeln, auf denen Mein hochseliger Herr Großvater das Der rauen seiner Bundes­genossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Au^ landes gewonnen hat. Daß auch Mir dies gelinge, steht bei Gott, erstreben will Ich C§ in* Die^wichttgften Aufgaben des deutschen Kaisers liegen auf dem Gebiete der \ militärischen und politischen Sicherstellung des Reiches nach außen, und im Innern in ' der Ueberwachung der Ausführung der Reichsgesetze. , . ...

Das oberste dieser Gesetze bildet die Reichsoerfassung; sie zu wahren und zu ; schirmen, in allen Rechten, die sie den beiden gesetzgebenden Körpern der Nattonund jedem Deutschen, aber auch in denen, welche sie dem Kaiser und ledem der ve^undeten Staaten und deren Landesherren verbürgt, gehört zu den vornehmsten Rechten und

/Äebung des Reiches h°b° Ich nach der Verfassung mehrir-Meiner Eigenschaft als König von Preußen wie in der des deutschen Kaisers witzuwiiken, aber in beiden wird es Mein Bestreben fein, das Werk der Reichsgesetzgebung in dem i Len Sinne fortzuführen, wie Mein hochs-iig-r Herr Großoater es begonnen hat. ; Insbesondere eigne Ich Mir die von Ihm am 1^/iooc^Ih^8L»!bfJen ®af) 1 i fßrem vollen Umfange nach an und werde im L-wne derselben sortfayren, oayw zu L?n daß di- Lsg-sltzgebung für die arbeitende Beoolkerung auch s-rn-r den Schutz erstrebe, den sie, im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Stttenlehre, den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasew gewahren kann. Ichdo sie daß es gelingen werde, auf diesem Wege der Ausgleichung ungesunder Üesellschaftliche Gegensätze näher zu kommen und hege die Zuversicht, daß Ich zur Pstege unsere inneren Wohlfahrt die einhellige Unterstützung aller treuen Anhänger des Reiches und der verbündeten Regierungen finden werde, ohne Trennung nach gesonderter

; SPadCif6bEUnio aber halte Ich für geboten, unsere staatlich- und gesellschastliche Ent­wicklungen den Bahnen der G-s-hlichk-it ru erhalten und °Uen Bestrebungen, we che den Zweck und die Wirkung haben, die staatlich- Ordnung zu untergraben, mH Festig kett entgegenzutreten. _______________ ___