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27.5.1888 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

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Gießen, 24. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__________ ________ Fresenius.

Unfallversicherung und Unfallverhütung.

In der Medicin erkennt man mehr und mehr, daß es weit leichter sei, Krank- heUen zu verhüten als Krankheiten zu heilen. Man legt heute der Prophylaxe eine nicht geringere Bedeutung bei als der Therapie. Die vorbeugende Thätigketl wird geringer angeschlagen als die heilende. Ze länger je mehr wird die fonaietne snf G>^tidheitspflege, zur Aufgabe derjenigen Kreise, welchen das Wohl der

Menschheit am Herzen liegt. Die Erfolge dieser Richtung der öffentlichen Anschauungen ßpb St? * A"9en fallend. Allenthalben ist man beflissen, die Lebensbedingungen der Sr^^iUFAfttbCffGrn; den Straßen der Städte ziehen sich kunstvoll angelegte ^r?naJ? r?tn 1 f?it pielj-0e ^rke versorgen die Familien mit gesundem Trinkwasser; allenthalben wird emsig an der Verbesserung der Entwässerung gearbeitet, und die ganze Aufmerksamkett der Gesundheitspolizei ist auf die Entfernung aller Schädlich­keiten gerichtet, welche den Krankheiten sonst ein nur zu reiches Feld für ihre Ver­heerungen bereiten. Welche Wirkungen diese Sorge für die öffentliche Gesundheit hat, zeigt ein Blick ui die ^tattftif. Wo sonst epidemische Volksseuchen beständig wüthelen Nnd sie in ganzen Bezirken, in volkreichen Weltstädten plötzlich durch Zuführung von Hochquellwasser oder durch geeignete Kanalisation gänzlich verschwunden, und die Kapttaller., welche hygiemischen Zwecken zugewendet wurden, haben noch immer eine vorzügliche Rente gegeben, sowohl für die Familie im Einzelnen als für die Gesellschaft im Ganzen, als insbesondere für die Communen, welche sich zu dem hochherzigen Ent­schlüsse verstanden, die Steuerkraft ihrer Bürger in den Dienst der Gesundheit der Burger zu stellen.

für die arbeitende Bevölkerung darbieten. Die Betrachtung des bestehenden Zustandes (54nH*ttQU^ gewonnenen Erfahrungen, die Verbindung einzelner bisher zerstreuter Einrichtungen wird sowohl der Staatshilfe als der Selbsthilfe auf socialem Gebiet einen neuenmächtigen Aufschwung geben müssen, wie ihn die hygieinische Aus- stellung der öffentlichen Gesundheitspflege gegeben. Die weitere Wirkung dieses Unter- nehmens, dessen Unterstützung allen Kreisen der Nation nicht dringend genug empfohlen

fann' P?11? aber naturgemäß eine kräftige Verbesserung der Lage der arbeitenden ° cm-ilU0 nd) eine Entlastung der Gewerbe von mannigfachen Unfallkosten und endlich ?er ^cf!aIen Gegensätze und eine Versöhnung zwischen Arbeitgeber und r^in müssen. Denn alle Maßregeln der socialen Prophylaxe gipfeln schließlich ebenso wie diejenigen der medicrnischen in der gleichmäßigen Berücksicktiauna ünd und Geist, und wenn der Arbeiter durch eine weise Fürsorge vou Staat ft» nnA USb m%r fein lblbliches Wohl garantirt sieht, so wird

sich auch an ihm der Satz bewähren. Mens sana in corpore sano.

Ist es auf socialem Gebiete. Auch hier hat die vorbeugende Thatigkett mindestens die gleiche Berechtigung rote die hellende. Es ist erfreulich daß sich bte Staaten allmählich ihrer Pflichten gegen die arbeitende Bevölkerung bewußt werden. Rur zu lange ist die Sorge für die unbemittelten Volksklassen versäumt worden; nur zu lange hat die gerechte Unzufriedenheit den Frieden der Bevölkerungs- klassen gefährden konnem Eine neue Zeit bringt neue Bedürfnisse hervor, welche neue Maßregeln erfordern. Seit die Dampfmaschine erfunden ist, hat sich eine mächtige Industrie in alle Welt ausbilden können. Jedoch ist überall die Fürsorge für bk arbeitende Bevölkerung erst mühsam den herrschenden Klassen abgerungen worden Die sociale Gesetzgebung zum Schutze der Kinder, der Frauen, der Unerwachsenen und aller hilfsbedürftigen Personen ist auch in England nur Schritt für Schritt durch­gesetzt worden und harrt ihrer Vollendung noch in allen Industriestaaten. Neuerdings bat besonders das deutsche Reich mit lobenswerthem Eifer die Lösung der socialen Frage in Angriff genommen. Freilich ist das Werk so groß und schwierig daß es kaum in Menschenaltern gekrönt werden kann. Ader es sind immerhin, wie man auch über Einzelheiten denken möge, die erfreulichen Grundlagen gelegt worden auf denen weiter gebaut werden kann. Jedenfalls muß es schon als eine glückliche Errungen­schaft bezeichnet werden, daß heute allenthalben die Geister an der Arbeit sind um die geeigneten Wege zur Abstellung von Noth und Elend im Arbeiterstande ausfindig zu machen. 0

Auch in der Gesetzgebung ist die Prophylaxe mit der Therapie Hand in Hand gegangen. Man hat bereits eine Reihe von gesetzlichen Maßregeln in der Gewerbe- ordnung und in Ausführung derselben getroffen, welche den schlimmsten Ausbeutungen der Menschenkraft Grenzen ziehen. Andererseits hat der Staat die Krankenversicherung ebenso obligatorisch gemacht wie die Unfallversicherung, und hat damit den ctnae- tr-etenen Schäden thunlichst Abhilfe gesichert. Daß diese Gesetzgebung noch Stückwerk ist, kann ihren Werth nicht mindern. Der Staat hat ein ihm ungewohntes, neues Gebiet betreten, auf welchem es an Erfahrungen fehlte, und selbst wenn auf diesem unbekannten Terrain hin und wieder ein Fehltritt gemacht wäre, so ist doch der An­fang gemacht, und die bessernde Hand kann immer angelegt werden. Für die nächste Zukunft steht die Ausdehnung der Versicherungsgesetze auf die Alters- und Invaliden- 1 Versorgung bevor, und wenn dieses große Unternehmen durchgeführt sein wird wenn es seinen Rahmen über die große Masse der Bevölkerung gezogen hat, dann werden die Hauptaufgaben der socialen Therapie für dm Arbeiterstand, soweit der Staat bei derselben Mitwirken kann, erfüllt sein, wenngleich im Einzelnen immer noch bedeutsame Reformen der kommenden Geschlechter harren.

Die prophylaktische Thätigkeit auf socialem Gebiet ist noch weitaus nicht soweit vorgeschritten. Selbst die allgemeinen Bestimmungen über die Einrichtungen zur Ver­hütung von Unfällen in den Fabriken sind noch nicht erschöpfend vereinbart worden sodaß auch nicht annähernd behauptet werden kann, es werde schon heute auf gewerb­lichem Felde das Mögliche gethan, um Leben und Gesundheit der Arbeiter zu schützen Wie aber allenthalben, wo Licht ist, auch Schatten ist, so hat die neuere Socialpolttik mannigfach eine Ueberschätzung der Staatshilfe erzeugt und der praktischen Selbsthilfe der Gewerbe Abbruch gethan. Diese Thatsache ist namentlich in der Praxis der Be- rufsgenossenschaften in die Erscheinung getreten. Es hat sich hier gezeigt, daß einzelne Berufszweige ganz außerordentlich viel Unfälle aufweisen und daher auch brückende Lasten übernehmen müssen. Da t|t es denn ein glücklicher Gedanke gewesen, auf dem Wege der Selbsthilfe die Verminderung der Unfälle zu versuchen und durch den Augen­schein zu beweisen, was zur Unfallverhütung noch geschehen könne und müsse. Diesem Gedanken ist der Plan einer Deutschen- allgemeinen Ausstellung für Un­fallverhütung entsprungen, die im nächsten Jahre zur Ausführung gelangt und von arbeiterfreundlichen Unternehmern unter dem Beistände der Behörden gegenwärtia emsig vorbereitet wird.

Dieses Unternehmen verspricht, eine Art social-hygieinischer Ausstellung zu werden. Es umfaßt alle Veranstaltungen, alle Maßregeln, alle Einrichtungen, welche überhaupt auf dem Gebiete der Unfallverhütung und des Arbeiterschutzes zu treffen sind, und wird durch die Vorführung aller dieser Einrichtungen, Erfindungen, Ent­deckungen, Anregungen mittelst Maschinen, Plänen, kurzum durch alle Hilfsmittel der Technik,;der Mechanik, der Wissenschaft, ein erschöpfendes Bild der Erfahrungen und -Bedürfnisse auf dem ganzen Gebiete der gewerblichen und der allgemeinen Fürsorge

24. Mal. Der Fall Morlock wird im nächsten Monate vor dem Schwurgerichte zur Verhandlung kommen. Dieses schreckliche Verbrechen wird wie man hort. Manches noch ausdecken, was feit^ im '«nbmg£nCn g«umm h' unb bür» d>e zahlreichen Verhaftungen, welch- seit dem Tag- d-s Mordes statt/- unden haben, ans Tageslicht gekommen sind. Wie bereits gemeldet, so wurde das Gewehr an.orI°^ | °uf dem Heuboden eines Kutschers gefunden, der es aus dem Walde mit- gebracht habbn soll. Derselbe wurde ebenfalls verhaftet.

...T .Drr am 13. d. M. in Dresden versammelt gewesene, zahlreich aus aoru Deutschland besuchte 13. deutsche Schmiedetag beschloß u. a., daß Schmtedegesellen^ die

-'nm angehoren so v-el als möglich nicht in Arbeit genommen werden sollen salls sie nicht aus den F-chveretnen ausscheiden. Von der Hilfe des Staates versvrach man sich hierbei wen g, sondern hielt die Selbsthilfe für das richtig- Mittel, das

HUtaf^/C8El?6mUfle- Ä beschloß, Lehrlingen, die ausgelernt haben ein Se0ittmation86u(6 zu übergeben, Gesellen aber solche Bücher nur auf Wunsch zu geben Betreffs der Reiseun erstutzung eimgte man sich dahin, daß das Geschcnkwese/jed^ wurde^ Frankfurt.^M^geivLhlll'3um°rt Abhaltung des nächsten V-rbandsiages T fZwei niedicinische N-uigkellen.s Ein medicinischer Mitarbeiter schreibt der T. R. . Wir haben heute über zwei medicinische Neuigkeiten zu berichten die von allgememem Interesse fein dursten. Di- eine ist di- Entdeckung eines neuen Neb°" mittels,Phenacetin genannt, das seine längsten Vorgänger, das Anttpyrin unb Mntis d?s t>'.i'En®iatten stellen soll Das Phenacetin ist die Acetylverbindung

bes Phenttibins, wirb burch einen ziemlich verwickelten chemischen Proceß aus her Carbo^saure dargestellt unb bildet eine grau-röthliche, fein kristallinische Masse Seine G^uch-unb Geschmacklosigkeit erleichtern natürlich bte Anwenbung bes Mittels. Das Mmhpn11 L& m?U ksit?er Aerzte aus die ausgezeichneten fieberwibrigen Eigen-

schaften des Phenacetins gelenkt zu haben, gebührt den Professoren Käst unb Hmsbera

4Ur04aU\mIn Empfehlung ber Kliniker Professor v. Bamberger in Wien bas rftupraftl^rfn0cn,cnbct hat, unb zwar mit sehr gutem Erfolge. Später ist P^nacetin auch schon von verschiedenen anberen Seiten lebhaft gerühmt worben Es setzt in Gaben von Vio bis Vs Gramm bei Kinbern unb V2 bis 1 Gramm bei die gesteigerte Körpertemperatur schnell unb sicher herab unb bereitet nach erfolgter Entfieberung bem Kranken em wirkliches Wohlbefinben. Der hauptsächlich^ Vorzug bes Mittels aber besteht barm, baß seine Anwenbung feine lästigen Neben erscheinungen nut sich bringt, wie alle anderen Fiebermittel. Es bewirkt kein Er- brechen, kein Herzklopfen ober bergleichen. Die Wirkung bes Phenacetins hat sich noch besonders bewahrt bei dem Gelenkrheumatismus, bei dem es nicht nur bas tückffche fieber in ©dtranfen halt, jonbern auch zugleich die Schmerzen lindert und die Ent­zündung in den Gelenken rückgängig macht. Schließlich isi noch zu erwähnen, daß bas Phenacetin^ auch als Mittel gegen nervöse Kopfschmerzen, Neuralgien der verschiedensten Art, Migräne gute Dtenste leistet. Als Zweites haben wir zu berichten daß es zwei Turiner Forschern gelungen ist, die Ursache der epidemischen Genikstarre (Menin- gitu cerebroepinahs epidemica), jener nächst der Schwindsucht meist gefürchteten Krank- heit, zu entdecken. In unsererZeit ber Bakterien" nimmt es nicht mehr Wunder zu Horen, baß auch die Ursache dieser Krankheit eines jener kleinen Lebewesen ist, die'sich immer mehr als die gefährlichsten Feinde der Menschheit Herausstellen. Der Erregt der Genickstarre hat von se nen Entdeckern den NamenMeningococcns erhalten, weil

CIihbS Entzündung der Gehirne unb Rückenmarkshäute beftebt. Er ist identisch mit dem Erreger ber Lungenentzündung (Diplococcus pneu-

' V+p berrI(L*auc^ ihatsächlich häufig die Genickstarre verbunden ist. Es ist n?tr ^0T^n 1 na^ ^I^ur's Methode Schutzimpfungen gegen bte Sr * - * f oem MemngococouB an Thieren auszuführen, die in ber That von Crfolg gefront waren, aber doch noch wesentlicher Verbesserungen bedürfen, um für den Menfchen Anwendung zu finden.

, öoldene Sonntag" wird er an vielen Orten genannt, ber Sonntag

?Qr? - . 0 o?"'i?bluitatus, bas Dreifaltigfeitsfest feiernb, zu Ehren ber heiligen Drei-

CtL* v rct^en die vielen Trinitatis Sonntage, bis zur Abventszeit vor Weihnachten bas neue Kirchenjahr beginnt. Seit dem Jahre 1260, in Folge bes ^onc , A Arles, allgemein gefeiert, wird derGüldensonntag" durch manche Bräuche manches Fest begangen, z. B. dort, wo die Ackersleute mit e>ang und Klang hinaus- ziehen, um des Himmels Segen für die Fluren zu erbitten. In manchen deutschen Gauen verlangt frommer Volfesglaube, daß Niemand diesen Tag entweihe mit Alllaas- ? c ap: ober Flickarbeit, um sich die Gewitter fernzuhalten. Wer aber __ so

beißt es am heiligen Dreifaltigfeits-Sonntage dreimal zur Kirche geht, Kopf unb ©inn erfüllt von Dem, was ihm gerade zunächst am Herzen liegt unb beschästiat ?a2e nad) Trinitatis Alles glücken, was er vornimmt. Auch bie foaen. Gluckskinber , denen befanntlich alles ja gelingt, was sie beginnen, sollen theilweise

121 Zweites Blatt. Sonntag den 27. Mai jgßg

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.