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27/05/1888 Erstes Blatt
 
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Rr. 121 Erstes Matt. Smntaa den 27. Mai ' 18853.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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»ureau: Schulstr-ß- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. W2 M-rfb» Pst

Amtlicher Iheil.

Gefunden : 1 Kitzel, 1 rothe Tasche, 1 Perlenkrause, 1 seidenes Tüchelchen, 1 Hundemaulkorb, 1 Kindermantel, 2 Korallenketten, 1 Schlachtmefler, 1 goldener Siegelring, 1 gelber Handschuh, 1 Stock.

Gießen, am 26. Mai 1888. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberficht.

Gießen, 26. Mai.

Ueberall in deutschen Landen, ja, überall wo Deutsche wohnen, ist die hinter uns liegende Woche so fröhlich und heiteren Sinnes verlebt worden, wie seit langen Zetten nicht. Mit dem Austönen deslieblichen" Pfingstfestes hatte sie begonnen und diesem Pfingstfest leuchtete ein so heller, strahlender Himmel, daß der Menschheit ein echter Lenz sich plötzlich ausgethan hatte. Zu diesen von der Natur uns geliehenen Freuden gesellten sich die frohen Nachrichten über das Befinden unseres Kaisers, und nun haben wir mit ihm und seinem Haus die Vermählung seines zweitgeborenen Sohnes des Prinzen Heinrich mit der Prinzessin Irene, mitgefeiert. Fehlte dieser Vermählung auch der Glanz und die rauschende Pracht, durch welche sonst ein Kaiserhof ein solches Ereigniß zu begehen pflegt, im Herzen des Volkes hat diese stille Feier trotzdem ein nicht minder jubelndes Echo erweckt. Denn das kaum noch Er­hoffte war eingetretcn: Der kaiserliche Vater hat seinen Sohn selbst zum Traualtar geleitet. Möge es Kaiser Friedrich nun auch vergönnt sein, noch recht lange Jahre das Glück deS neuvermählten Paares zu schaun. Dieser Wunsch ist selbst bei unseren politischen Gegern laut geworden, vor allem in St. Petersburg, wo man bei dieser Gelegenheit das Wiedererwachen der alten verwandtschaftlichen Traditionen fühlte.

In Anbetracht der anhaltenden Besserung im Zustande des Kaisers ist nunmehr die Uebersiedelung des kaiserlichen Hoflagers nach Schloß Friedrichskrorr für die ersten Junitage in bestimmte Aussicht genommen, worauf im Hochsommer ein Aufenthalt in Homburg folgen soll, da Dr. Mackenzie die klimatischen Verhältnisse dieses Taunusbades als besonders geeignet für den kaiserlichen Palienten hält.

Das an allerhöchste Stelle eingereichte Gnadengesuch des früheren preußischen Lieutenants Techow, der bekanntlich wegen seines Verhaltens bei dem Berliner Zeug­haussturme in contamaciam zu längerer Freiheitsstrafe verurtheilt worden war, ist ab­schlägig beschieden worden, nachdem sich der Kriegsminister aus Gründen der militä­rischen Disciplin gegen eine Begnadigung ausgesprochen hatte. Eine Kritik der aller­höchsten Entscheidung erscheint selbstverständig ausgeschlossen, trotzdem wird man aber dem inzwischen zum Greise gealterten Flüchtling, dessen Schuld selbst durch ein 40jähriges Fernsein vom Vaterlande nicht gesühnt werden konnte, die rein menschliche Theilnahme an seinem Geschick nicht vorenthalten können.

Im badischen Landtage ist die Ordens frage noch immer nicht gelöst. Im Gegensatz zur zweiten Kammer, welche aus der kirchenpolitischen Vorlage die Be­stimmungen über die aushilfsweise Zulassung von Mitgliedern verbotener Orden zur Seelsorge strich, hat die Kirchencommission der ersten Kammer diese Bestimmung allerdings in etwas eingeschränkterer Form als die Regierungsvorlage genehmigt. Die Commissionsbeschlüsse laufen darauf hinaus, daß die Regierung einzelnen Ordensmit­gliedern die Verrichtungen und selbstverständlich jalso ^auch den Aufenthalt im Lande gestatten kann, wenn die oberste Kirchenbehörde in Freiburg die unumgängliche Noth- wendigkeit einer derartigen seelsorgerischen Aushilfe in jedem einzelnen Falle genau nachweist. Ob auf dieser Grundlage eine Verständigung zwischen den beiden Häusern des badischen Landtages in der Ordensfrage zu Stande kommt, steht noch dahin.

Der elsässischen Ministerialverfügnng, betr. die Paßpflicht der aus Frankreich kommenden Ausländer, ist die Verordnung über die Ausführung des Er­lasses auf dem Fuße gefolgt, die Maßregel wird also vom 31. Mai ab sofort in Kraft treten.

In Frankreich ist in dem Kampf gegen die boulangistischen Bestrebungen ein neues Element eingetrcten, das Freimaurerthum. Die Loge zumGroßen Orient" in Paris hat die Gründung einerGesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte" be­schlossen, die allerhand Reformen anstreben, daneben aber den Boulangismus be­kämpfen soll. Wie sich eine solche Haltung mit dem internationalen Grundsätze der Freimaurerei, wonach sich dieselbe mit Politik nicht besaßt, vereinbaren würde, ist un­erfindlich, jedenfalls dürfte sich aber der Boulangismus durch den Verstoß desGroßen Orients" schwerlich einer ernstlichen Schädigung zu versehen haben.

Der französische Senat ist im Fortgänge seiner Berathungen über die Regierungsvorlage, betr. die Militärreform zu dem Beschlüsse gelangt, daß von den­jenigen Personen, welche von der Mtlitärdienstpslicht befreit werden, eine besondere Steuer zu erheben sei. Vorläufig hat der Senat die Militärsteuer indessen nurim Princip" beschlossen und es ist daher noch fraglich, ob dieses seltsame Steuerproject in der That zur Verwirklichung gelangt.

Die Londoner tonangebenden Blätter brachten zum Hochzeitstage des Prinzen Heinrich von Preußen sympathische Artikel, welche unter Hinweis auf die kürzliche Anwesenheit der Königin Victoria in Berlin erneut die Freundschaft zwischen Deutsch­land und England betonen.

Die serbische Regierung hat ihre sämmtlichen Behörden längs der bulga­rischen Grenze persönlich für die Aufrechthaltung der Ordnung und für die Verhinde­rung jeder Bewegung der bulgarischen Emigranten von Serbien aus verantwortlich gemacht. Die in den Grenzbezirken von Pirot, Risch und Leskowatz aufhältlichen bul­garischen Emigranten wurden in das Innere des Landes verwiesen, was für die Ver­hinderung der Bandenbildung von wesentlicher Bedeutung ist.

][ Darmstadt, 25. Mai. Se. Königl. Hoheit der Großherzog ist mit Seiner König!. Hoheit dem Erbgroßherzog und den Prinzessinnen Victoria und Alix heute Vormittag 9 Uhr 45 Min. im Extrazug von den Charlottenburger Vermählungs- sererlichkeiten wieder hierher zurückgekehrt. In demselben Zuge trafen Ihre Kaiser!. Hoheiten der Großfürst und die Großfürstin Sergius von Rußland (letztere bekanntlich j eine geborene Prinzeß Elisabeth von Hessen) hier ein, um im Großh. Neuen Palais J

und in dem nachbarlichen Fürstenlager zu Seeheim einen kurzen Aufenthalt zu nehmen. Die Großfürstin sah vorzüglich aus. Ein osficieller Empfang fand nicht statt. Nur der Dioisions-Commandeur, der Stadt-Commandant und der englische Gesandte waren auf dem Perron anwesend. Die Herrschaften fuhren in offenen Wagen nach dcm Neuen Palais.

Telegraphische Depeschen.

Wolss'S telegr. Correspondenz» Bureau.

Berlin, 25. Mai. Der Kaiser verließ das Belt gegen 11 Uhr, begab sich in fein Arbeitszimmer und empfing den Feldmarschall Blumenthal, später die Besuche des kronprinzlichen Paares, des Erbprinzen und der Erbprinzessin van Meiningen, die auch zum Dejeuner blieben, sowie der Prinzessin Friedrich Carl. Später hat sich der Kaiser wieder zum Schlummer niedergelegt.

Der Kaiser fuhr bis 7 Uhr im Park spazieren und begab sich um 8*/, Uhr zur Ruhe. Das Befinben des Kaisers war während des ganzen heutigen Tages ein sehr befriedigendes. Die Reise der Kaiserin nach dem Überschwemmungsgebiet bei Elbing ist gutem Vernehmen nach für einen der ersten Tage der nächsten Woche in Aussicht genommen.

Berlin, 25. Mai. Das »Milttärwochenblatt* enthält die Ernennung deS GrotzherzogS von Hefien zum Generalinspekteur der dritten Armee- Inspektion (7., 8. und 11. Armee-Corps) und des Generallieutenants v. Hämsch zum Commandeur der Cavalleriedioision des 15. Corps. Der bisherige Commandeur Gottberg ist pensionirt.

Berlin, 25. Mai. Das Abgeordnetenhaus berieth den vom Herrenhause zurück­gelangten Gesetzentwurf betreffend die Erleichterung der Volksschullasten. Der Abgeordnete Richter erklärte im Namen seiner Partei, daß sich durch den auf die Verfassung geleisteten Eid die Gewissen verpflichtet fühlten, ebenso zu stimmen, wie am 19. Aprrl. Der Minister- von Scholz erklärte, das vorliegende Gesetz sei für die Regierung nie eine Frage des Parteiwesens gewesen. Auf ein verfassungsmäßiges Verbot der Fürsorge des Staates für die Schule konnte die Regierung nicht eingehen, von Rauchhaupt weist jedes Fractions- interesse dieser Frage zurück. Dr. Windthorst hält den Beschluß des Herrenhauses für sehr bedenklich; durch die gegnerische Auffassung des Artikels 25 werde die Schule ganz in die Hände des Staates gegeben. Die Frage der Veränderung der Verfassung sei ungemein einfach. Das Centrum werde bei den früheren Beschlüssen beharren und wolle das Gesetz zur Erleichterung der Gemeinden zu Stande bringen. Werde § 7 gestrichen, so werde seine Partei gegen das ganze Gesetz stimmen, von Gerlach spricht für den Gesetzentwurf in der von dem Herrenhause vorgeschlagenen Fassung. Der Cultusminister von Goßler hob her­vor, die Frage, ob eine Aenderung der Verfassung vorliege, sei eine Rechtsfrage, bei der der Verstand zu entscheiden habe. Man müsse sich klar machen, was man seiner Zeit mit dem Artikel 25 gewollt habe. Rach einer weiteren Debatte, in welcher der Minister von Scholz die Regierung noch einmal gegen den Vorwurf verwahrte, Angriffe gegen irgend § eine Partei gerichtet zu haben, und nachdem verschiedene Verfassungsanträge abgelehnt waren, wurden die Paragraphen 1 bis 6 angenommen, bei § 7 tritt Brüel für den Antrag Windthorst ein (Wiederherstellung des vom Herrenhause gestrichenen § 7 Verfassungs­änderung). Die Discussion wird hierauf geschlossen und der Antrag Windthorst mit 179 gegen 148 Stimmen abgelehnt. Die Fortsetzung folgt morgen um 11 Uhr Vormittags.

Paris, 25. Mai. Die Bank von Frankreich erklärt die Meldung desFigaro", wonach die Bank nunmehr auch Kenntntß von der Existenz gefälschter Tausend-Frank- BilletS habe, für unrichtig; die Zahl der der Bank bekannten gefälschten Fünfhundert- Frank-Billets betrage bis jetzt 53.

Berlin, 26. Mai. (Privatdepesche.) Se. Majestät der Kaiser hatte eine gute Nacht und fühlt sich gestärkt; er befindet sich jetzt im Park.

Lokales,

Gießen, 26. Mai. Herr Assistent W. Garth hat Stellung in Pfungstadt genommen. Als Nachfolger und erster Afsistent der hiesigen Veterinär-Anstalt ist Herr cand. med. vet. F. Meyer bestimmt.

Gießen, 26. Mai. Die Tiroler Concertsänger-Gesellschaft Bogner-Kittel, welche sich nächste Woche im Cafö Leib producirt, ist, wie wir aus Frankfurter Blättern ersehen, was exacten Chorgesang und Stimmmittel anbelangt, die entschieden beste Gesellschaft der Neuzeit. Besondere Erwähnung verdienen die Vorträge der preisgekrönten Zithervirtuosen Gebrüder Kittel, welche in ihren Leistungen unübertrefflich sind. Was Herrn Bogner (Bariton) und Frl. Preyer (Sopran) anbelangt, ist es wohl nicht nöthig, ihre Leistungen zu betailliren, da dieselben in Frankfurt längst als tüchtige Gesangskräfte bekannt sind. Freunden eines wirklich guten Tirolergesanges können wir daher diese Concerte aufs Beste empfehlen, und wird sich kein Besucher derselben enttäuscht fühlen.

Das Turnfest des GaueS Hessen, welches anfänglich in diesem Jahre nicht ; abgehalten werden follte, findet nunmehr am 8. und 9. Juli er. in Wetzlar statt.

Vermischtes.

Annerod, 22. Mai. Am 3. Pfingsttage vollzog sich zu Annerod in aller Stille ! eine sehr einfache und bescheidene, aber doch recht bemerkenswerthe und erhebende Feier, | die allen dabei Betheiligten unvergeßlich bleiben wird, und Dem, dem sie galt, ein j ehrendes Zeugniß ausstellt. Es galt den Dank der Gemeinde Annerod an den in den i Ruhestand zurücktretenden Lehrer Kolb nach Zljähriger ununterbrochener Wirksamkeit. | Zu dem Zweck versammelte sich am genannte» Tage im dortigen Schulhause der ? Gemeinderath und der Schulvorstand, um durch den Vorsitzenden des letzteren Herrn Kolb die ihm gebührende Anerkennung auszusprechen und den Gefühlen der Gemeinde beim Abschiede ihres geliebten und verehrten Lehrers Ausdruck zu verleihen. Es geschah dies denn auch in herzlichster Weise unter dem Ausdrucke des Bedauerns, daß Lehrer Kolb die Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit verlasse. Dabei wurde hervor - gehoben, daß dieser Abschied einen bitteren Tropfen Wermuth in die diesjährige Pfingst- freude mische, da er viele gute Freunde in Annerod zurücklasse und fast die ganze