Ausgabe 
27.5.1888 Drittes Blatt
 
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Nr. 121 Drittes Blatt. UMLSonntaa den 27. Mai 1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r S ch u l st r a ß e 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher Hheil.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Gießen, den 24. Mai 1888.

Betr.: Die Bestimmungen über den Eintritt junger Leute in die Unteroffizierschulen und Unteroffiziervorschulen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Wir weisen Sie an, nachstehende Bekanntmachung auf ortsübliche Weis? zur öffentlichen Kenntniß bringen zu lassen.

Dr. Boekmann.

Bekanntmachung.

Nachdem vom König!. Kriegtz'Ministerium zu Berlin neue Bestimmungen über den Eintritt in die Unteroffizier-Schulen Potsdam, Biebrich, Ettlingen und Marienwerder, sowie die Unteroffizier-Vorschulen Weilburg, Annaburg und Neu-Breisach herausgegeben worden sind, werden alle diejenigen jungen Leute, welche in die genannten Schulen einzutreten wünschen, mit dem Bemerken darauf aufmerksam gemacht, daß eine nähere Auskunft über den Eintritt bei dem Bezirks-Commando Gießen oder den zuständigen Bezirksseldwebeln zu erlangen ist. Caspary,

Oberstlieutenant und Commandeur des Landwehr-Bataillons-Bezirks Gießen.

Dus Lutherfestspiel von H. Herrig.

n.

Nach den vorhergegangenen Darlegungen verschmäht Herrig jeden Aufwand an Scenerie und Coulissen. Die Bühne in der Kirche ist ebenso einfach wie würdig. Ihre Ausstattung besteht in einer dunkel gehaltenen Draperie mit entsprechender Blumendecoration vor der Bühne. Die Bühne zerfällt in zwei Theile, eine Vorder- und Hinterbühne. Die Hinterbühne nimmt die ganze Bühnevbreite ein und ist, wenn nur auf der Vorderbühne gespielt wird, durch einen nach den Seiten ausziehbaren Vorhang geschlossen. Die Hinter­bühne ist der eigentliche Schauplatz der Festspielhandlung, sofern nicht, wie in der Reichs­tagsscene, größerer Raum beansprucht werden muß. Aus ihr sehen wir Luther in der Klosterzelle; im. Gespräche mit Staupitz; mit den Studenten; vor dem Kaiser; und zuletzt im Kreise seiner Familie.

Was aber soll die sog. Vorderbühne? Sie ist das Charakteristische des Festspiels. Denn auf ihr sprechen diejenigen beiden Personen, durch welche der Dichter gleichsam die Gemeinde mit den Darstellern verbindet und durch welche der Fortgang der Handlung an­gedeutet, die Phantasie der zuschauenden Gemeinde fort und fort angeregt und damit ein ebenso einfacher wie wirkungsvoller Ersatz für den Coulissen- und Decorationsmangel geboten wird. Die beiden Personen sie gehören zu den wichtigsten des Festspiels sind der Ehrenhold und der Rathsherr. Dieser letztere, eine.Art idealer Zuschauer, ein Raths­herr aus der Zeit vor der Reformation, läßt sich vom Herold oder Ehrenhold den Zu­sammenhang des Festspiels erklären und gibt jedesmal nach den einzelnen Scenen, während deren er sowohl wie der Ehrenhold auf der zur Vorderbühne führenden Treppenrampe sitzen, im Gespräch mit Ehrenhold den Eindruck wieder, den das Geschaute auf ihn, resp. auf die Gemeinde, gemacht hat. Der Rathsherr ist ein Typus der allen Zeit, die nicht weiß, was alles seit dem 15 Jahrhundert geschehen ist. Ihm wird das Leben Luther's in seiner reformatorischen Bedeutung vorgeführt, bis er bewundernd und frohlockend am Ende getrost in die Gegenwart des geeinten Deutschen Reichs hineinschaut.

So beginnt denn das Festspiel mit einem Gruße des Ehrenhold an die Gemeinde, sie um Milde bittend:

Nehmt für Vollbringen unser Wollen, Es schöpft nicht Jeder aus dem Vollen."

Dem Rathsherrn, der sich ihm zugesellt und Aufschluß über das Spiel erbittet, er­zählt nun der Ehrenhold, um was es sich handelt, zunächst daß Luther in's Kloster gegangen sei und dort vergeblich den Frieden seiner Seele gesucht habe. Nun ziehen sich beide nach der Treppe zurück; ein Choral, ein Morgenlied, erschallt vom Sänqerchor und während der letzten Töne öffnet sich die Hinterbühne: wir sehen Luther im Kloster.

Bevor wir nun weiter den Gang der Handlung angeben, sei hier noch auf das aufmerksam gemacht, was dem Festspiel seinen besonderen Werth verleiht. Der Dichter ist sowohl durch die überaus große Einfachheit der Bühne wie durch den nicht allzulang 2 Stunden gegeben Zeitraum in seiner Ausführung beschränkt. Aber in dieser Beschränkung zeigt sich der Meister. Es galt nicht ein eigentliches Drama in dem Sinne herzustellen, daß derHeld" des Stückes in irgend eine tragische Verwickelung kommt, um aus derselben entweder als Sieger hervorzugehcn oder darin zu fallen. Vielmehr sollten nur aus dem Leben Luthers diejenigen Züge zusammengestellt werden, welche zugleich die Größe und Wahrheit der Reformation bezeichnen Und hierbei hat Herrig meisterhaft gewählt.

Die Reformation ist aus dem religiösen Gewlissenskampf der nach Frieden ringenden Seele geboren: Wir hören Luther in seiner Zelle klagen über die Friedlosigkeit all seiner Möncherei bis Staupitz, sein Freund und Vorgesetzter, der Augustinerprovinzial ihn tröstend auf die Vergebung der Sünden in Christo hinweist. Die Reformation beginnt chren Kampf gegen die Tödtung des Gewissens im,Ablaßkram: Wir sehen Luther in herbem Schmerz und heiliger Entrüstung den Kampf aufnehmen gegen Tetzel und seine Leute. Die Reformation ist die Auflehnung gegen jede blos menschliche Autorität in Glaubenssachen: Luther, wie er zur Verbrennung der Bannbulle schreitet, zeigt's uns. Die Reformation ist das Recht des in Gott gebundenen Gewissens gegenüber einer ganzen Welt von äußerlicher Macht und Herrlichkeit: Die großartige Reichstagsscene mit ihrem: hier stehe ich, ich kann nicht anders, gibt davon Zeugniß. Die Reformation endlich ist zugleich die Förderin der Kultur, die Wieder­aufdeckung der Quellen der heiligen Schrift: Luther auf der Wartburg, die Bibel übersetzend, erzähltes. Die Reformation ist nicht die Quell e der Revolution, sondern das beste Mittel gegen dieselbe: Luther im Kampfe mit den Bilderstürmern lehrt uns die rechte Freiheit eines Christenmenschen. Die Reformation hat uns wieder schätzen und heilig halten gelehrt: Das Heiligthum der Ehe, des christlich-deutschen Familienlebens: Luther im Kreise der Seinen ist die letzte, vielleicht die lieb­lichste Scene.

So hat Herrig gerade die wichtigsten und zugleich ergreifensten Züge aus dem geben des Reformators zum Festspiel vereinigt; wie dies im Einzelnen nun wirksam ist, werden wir weiter zu zeigen haben.

Turnfest des Lahn-Wetter-Caues.

Am 7. und 8. Juli d. J^ also in wenigen Wochen, werden sich die Turner des Lahn-Wetter-Gaues in unserer <L>tadt vereinigen, um das II. Gau-Turnfest zu begehen. Schon seit längerer Zeit regt es sich in den zum Gau gehörigen Vereinen; mit erhöhtem Eifer wird geturnt; die schwereren Hebungen werden versucht, erprobt und eingeübt. Die guten Turner werden zum fleißigen Besuche der Turnplätze angehalten und noch besonders vorgenommen und durchgebildet. Gilt es doch auf dem bevorstehenden Feste im fröhlichen Zusammenturnen, in heißem Wetlkampfe die Ehre des heimathltchen Vereins zu wahren und als höchstes Ziel einen Siegespreis, dem Vereine zum bleibenden Ruhme, zu gewinnen.

Von dem Gedanken ausgehend, daß die Seele des Turnens das Volksleben ist und dieses nur in Oefientlichkeit, Luft und Licht gedeiht, durfte eine weitere Begründung über die Zweckmäßigkeit der Turnfeste überflüssig erscheinen. lieber den Werth, innere Berechtigung und Bedeutung solcher Feste äußert sich schon Turnvater Jahn u. A. folgendermaßen:Festlichkeiten, Feierlichkeiten und Gebräuche sind als unzer­trennliche Gefährten des gesellschaftlichen Seins verbreitet, so weit die Menschen ver­kehren. Sie schließen sich den wichtigsten Handlungen an, gesellen sich zur Freude und Trauer, sie durchschltngen das ganze Leben, sie sind Bedürfntß der Menschen. Fest­lichkeit ist Erheben über das gemeine Leben, Herauskommen aus der Alltäglichkeit, Entfesselung des Geistes von leiblichen Unterdrückungen, Abspannung der Körpers von der Frohnarbeit, Befreiung des Herzens von Daseinssorgen, Versuch, die Dafeins- bürden abzulasten, Überhaupt ein Erholungsleben, wo der Mensch doch einmal der Gegenwart froh wird. Volksfeste muffen das gesellschaftliche Leden veredeln, höhere Genüsse geben, als zu denen der Mensch gewöhnlich feine Zuflucht nimmt, weil er nicht bessere kennt." Mit diesen Auslassungen JahnS können wir uns gewiß ein­verstanden erklären, vorausgesetzt, daß das richtige Maß und Ziel solcher Feste nicht überschritten wird.

Unsere Stadt, die jederzeit große Sympathien derartigen Festen entgegengebracht hat, wir erinnern nur an die früheren Turn-, Sänger-, Schützen- und anderen Feste, welche hier abgehalten wurden wird sicherlich auch diesem Feste einige Auf­merksamkeit entgegenbringen und das der Turnerei überhaupt stets entgegengebrachte Wohlwollen Seitens unserer Einwohnerschaft dürfte sich auch diesmal wieder betätigen.

Wenn auch der genannte Gau hinsichtlich der Zahl feiner Orte und Vereine bis jetzt etwas klein erfcheint, fo wird doch, wie zu hoffen ist, durch die zu erwartende Betheiligung der zum Gau gehörigen, sowie der einzuladenden auswärtigen Vereine, sich ein recht reges Leben in Stetn's Garten, wo bekanntlich das Fest gefeiert wird, entfalten.

Was nun Stein's Garten, der zur Abhaltung des Festes bestimmt wurde, an- delangt, so dürfte sich so leicht kein passenderer Ort hierfür finden, da derselbe durch seine Größe, schöne Lage (wodurch es ermöglicht wird, die Festlokalitäten schnell und leicht zu erreichen), Schatten spendenden Bäume und parkähnlichen Anlagen, sowie gute Bewinhung, geeigneter ist, als irgend ein Etablissement unserer Stadt, den Theil- nehmern des Festes das zu einer gemüthlichen Feststimmung Nöthige zu bieten. Zur weiteren Vergrößerung seiner Wirthschastslokalitälen wird Herr Stein noch eine Halle erbauen lassen, wodurch es ermöglicht wird, mehreren taufend Besuchern ein gemüthliches Sitzplätzchen und einen weiteren Unterschlupf gegen Hitze und Regen zu gewähren. Da das vorläufige Arrangement betreffs des Festes bestimmt, daß am Samstag ein großer Commers und am Sonntag das eigentliche Turnfest stattfindet, fo wird voraussichtlich mit einer starken Betheiligung zu rechnen fein und Herr Stein auch für die gebrachten Opfer feine volle Entschädigung finden.

Um das Interesse für das Fest auch in weiteren Kreisen anzuregen, ist eine Einladung behufs Bildung eines Fest-Comit^s an verschiedene Turner, die zugleich auch Mitglieder anderer Vereine unserer Stadt sind, ergangen. Durch die freundliche Mit­wirkung dieser Herren, sowie die dankenswerthe Bereitwilligkeit, auch in ihren Vereinen für das Fest zu wirken, düifte auch von dieser Seite eine schöne Unterstützung zu erwarten fein, zumal den Mitgliedern der an dem Zuge sich betheiligenden Vereine die gleiche Vergünstigung wie den Turnern gewährt werden wird.

Sind nun die Vorbereitungen und Vorarbeiten, welche sich naturgemäß durch die Veranstaltung eines solchen Festes ergeben, auch nicht von solcher Bedeutuna, wie bei größeren Festen, so harren doch immerhin, und zumal durch die Kürze der Zeit zu beschleunigende, nothwendige Arbeiten ihrer Erledigung, welche durch die innerhalb des Festcomitäs gebildeten Commissionen wesentlich gefördert werben und fo wird das Fest, wie zu hoffen ist, sich zu einem schönen, zweckentsprechenden gestalten. P.

B t t m i f t r 1

Münster (Kr. Colmar, Oberelsaß), 20. Mai. Im Laufe des Winters wurde bei dem im Altenweier bei Metzeral zu erbauenden Vogesen-Reservoir eine große Mine zur Sprengung eines Felsenhügels angelegt. Die Sprengung sollte am zweiten Pfingst­tage mittelst elektrischer Batterie vorgenommen werden. Die Mine wurde im Laufe der vergangenen Woche mit 45 Centner Sprengpulver geladen. Gestern sollte der Rest