Mage zu Jlr. 199 Öes „Hichener Anzeigers
Der Besuch der Theilnehmer des internationalen Binnenschifffahrts- Congresses in Main; und Gustavsburg.
Mainz, 24. August.
Nach Vollendung unserer neuen großartigen Hafenanlagen kam man in den Kreisen unserer städtischen Verwaltung sowohl wie auch in den maßgebenden Handels- kreisen allmälig zu der Ueberzeugung, daß die Schaffung dieser kostspieligen Anlagen allein nicht zu der ersehnten Wiederbelebung des Mainzer Handels genüge, sondern daß es auch als eine Nothwendtgkeit erscheint, diese Neueinrichtungen den Interessenten vor Augen zu führen. Zu dieser Ueberzeugung mußte man um so mehr kommen, als das in jeder Beziehung günstig situirte Frankfurt keine Gelegenheit vorübergehen ließ, seine im Interesse des Handels geschaffenen Neuanlagen in den Vordergrund zu heben und durch seine bedeutende Presse der Welt bei dem geringsten Anlaß es zu verkünden, daß Frankfurt allein den Handel von Süd- und Mitteldeutschland beherrschen könne.
Dieses erwägend, war es ein glücklicher Gedanke, die Theilnehmer an dem internationalen Binnenschiffsahrts^Congreß zu einem Besuche hier einzuladen, um dessen Ausführung sich neben der städtischen Verwaltung und der Handelskammer in erster Linie der Präsident des letzteren Collegiums, Geh. Commerctenrath Michel, sehr verdient machte. Die Gäste würdig zu empfangen, reichte man sich in Mainz allseitig die Hände, und schon seit Wochen waren alle maßgebenden Faktoren bemüht, Jeder zu dem Gelingen des Ganzen entsprechend beizutragen.
So begaben sich denn heute Morgen um 8 Uhr die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, die Mitglieder der Handelskammer, Verwaltungsraths- mttglieder der Ludwigsbahn, sowie die einzelnen Empfangsausschüsse aus einen geschmückten Dampfer, um unter den Klängen von mehreren Musikchören und Böllerschüssen , begleitet von den Hochrufen der an dem mit Wimpeln und Fahnen festlich geschmückten Ufer entlang stehenden Menge, zu dem Empfange der Gäste nach der Gustavsburg zu dampfen- , t .
Von Böllerschießen begrüßt, landete auf der Gustavsburg der Empfangsdampfer, wo denselben schon die Verwaltung der Ludwigsbahn, die Verteter der Prooinzial- direction, rote der Gouverneur und der Stqdtcommandant erwarteten. Punkt 9 Uhr 10 Minuten trafen in einem Zuge mit zwei festlich gezierten Locomotiven die Eongreß- mitglteder, 360 an der Zahl, von dem Musikcorps mit einem Tusch empfangen, ein. Nach einer kurzen persönlichen Begrüßung wurden unter der umsichtigen Leitung des Oberbetriebsinspectors Heyl die Hafenanlagen einer Besichtigung unterzogen, wobei neben den praktischen Einrichtungen in erster Linie die dort liegenden großen Schiffe die Bewunderung der Eongreßmitglieder hervorriefen.
Von der heute zum ersten Mal ihre Strahlen sommerlich herniederwerfenden Sonne ziemlich ausgetrocknet, betraten die Eongreßmitglieder eine schattige Halle, in welcher Dank der Freigebigkeit der Ludwigsbahn Erfrischungen gereicht wurden. Letzteren sprach man so zu, daß es ein Glück war, als Geheimrath Reinhard im Namen der Ludwigsbahn das Wort ergriff und mit folgender Ansprache die Eongreßmitglieder wieder zum Ernst der Situation zurückbrachte:
„Meine Herren! Es ist mir der ehrenvolle Auftrag zu Theil geworden, die anwesenden Mitglieder des Congresses und an Ihrer Spitze das hohe Präsidium und die illustren Ehrengäste Namens der Verwaltung der Hessischen Ludwigsbahn zu begrüßen. Als Vorort des goldenen Mainz bildet die Gustavsburg heute Ihre erste Etappe. Sie stehen hier auf geschichtlichem Boden. Aber das ehedem befestigte Lager dient jetzt friedlichen Zwecken. Was Sie gesehen haben, macht nicht den Anspruch auf Großartigkeit und Eleganz. Von kleinen Anfängen ausgehend, hat sich die Anlage allmälig entwickelt und hat in ihrer äußeren Ausstattung den Rayonbestimmungen sich fügen müssen. Aber die Thatsache, daß die Anlage bereits seit länger als zwei Jahrzehnten im Betrieb ist, mag beweisen, daß die Ludwigsbahn ihre Aufmerksamkeit der Binnenschifffahrt schon zu einer Zeit geschenkt hat, wo die zunftmäßige Eisenbahnanschauung
in dem Wassecverkehr nur einen Gegner erblickte. Unsere Bestrebungen sind von Erfolg begleitet gewesen. Denn der Umschlagsverkehr hat sich von wenig tausend Centnern im Jahre auf über 8 Millionen Eenlner gehoben, wenn ich auch nicht verhehlen will, daß wir bei den Schwierigkeiten, mit welchen wir zu kämpfen haben, in unseren Bemühungen manchmal der Noth mehr gehorcht haben, als dem eigenen Triebe. Wir danken Ihnen für die Ehre Ihres Besuches und wenn es erlaubt ist, diesem Danke noch einen Wunsch einzuflechten, so ist es der, daß in Ihren Erinnerungen an den gegenwärtigen Eongreß auch die Gustavsburg einen freundlichen und ehrenvollen Platz finden möge. Mit diesem Wunsche trinken wir auf das Wohl unserer verehrten Gäste."
Nach den mit großem Beifall aufgenommenen Worten des Herrn Reinhard nahm Provinzialdirektor Küchler das Wort, um Namens der Hessischen Provinzial- Direktion die Eongreßmitglieder zu begrüßen und zu den Bestrebungen des Congresses den besten Erfolg zu wünschen. Sein Toast galt dem internationalen Binnenschiff- fahrts-Congreß. Handelskammermitglied vr. Passavant erroieberte beiden Mitgliedern und dankte insbesondere der Ludwigsbahn für ihre gastliche Bewirthung.
Böllerschüsse verkündeten die Zeit der Rückfahrt und so betraten denn die in bester Stimmung befindlichen Eongreßmitglieder die bereitliegenden Schiffe, um unter dröhnendem Böllerkrachen und lustigen Weisen nach unserem Hafen zu bampfen. Hier begrüßte Dr. Oechsner die Gäste mit nachstehenden Worten:
„Meine hochgeehrten Herren! Ich begrüße es mit Freuden, daß so viele der geehrten Gäste des zur Zeit in Frankfurt tagenden internationalen Binuenschiffsahrts- Congresses auf unsere Einladung hin auch Mainz mit ihrem Besuche beehren. Ich spreche Ihnen hierfür Namens der Stadt Mainz meinen Dank aus und heiße Sie zugleich von Herzen willkommen! Und fürwahr, es war für mich keinen Augenblick zweifelhaft, daß unsere Nachbarstadt Frankfurt, diese große, schöne und günstig gelegene Centralstelle einen bedeutenden Anziehungspunkt namentlich für die Besucher Zirres internationalen Congresses bilden würde! Sind jedoch die großen Leistungen der Stadt Frankfurt auf allen Gebieten, insbesondere aber in Bezug auf Handel und Verkehr allbekannt. Aber auch der preußische Staat, der unter seinen zahlreichen Städten in Frankfurt eine Perle ersten Ranges besitzt, leistet Bewunderungswerthes, wenn es gilt, dieser Perle die entsprechende Fassung zu geben. Meine Herren! die Vollendung des Mainkanals und die Herstellung des Hauptpersonenbahnhofes in Frankfurt sind Werke, welche Staunen und Bewunderung Hervorrufen. — Wir hier in Mainz erfreuen uns ja auch in hervorragender Weise des Wohlwollens unserer Regierung; allein was die mächtige Krone Preußens zu bieten vermag, das kann selbstverständlich Hessen nicht bieten. Und dennoch wölbt sich hier ganz in unserer Nähe eine steinerne Brücke über den Rhein, welche zunächst dem energischen Willen Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs Ludwig IV. von Hessen ihre Entstehung verdankt. — Meine Herren! Alles was Sie nur hier schauen, die Stadterweiterung, die Ufererweiterung, die Quai- und die Hafenbauten, die Errichtung von Lagerhäusern, von Zollamtsgebäuden u. s. f. verdankt die Stadt in erster Linie der Initiative und der Selbsthülfe ihres intelligenten und einigen Bürgerthums, welches Dank der freisinnigen Verwaltungsgesetzgebung und Dank Den Segnungen des Friedens ungehindert seine Fittige entfalten konnte. Wenn jemals, so gilt hier der Satz: concordia res parvae crescant! Meine Herren! Wenn Sie von diesen Gesichtspunkten auszugehen belieben, dann bin ich überzeugt, daß Sie auch unsere Einrichtungen für Handel und Verkehr mit Wohlwollen beurteilen und darin übereinstimmen werden, daß auch Mainz mächtig vorangeschritten ist, bereits Großes zu leisten im Stande war unb keinen Vergleich mit anderen Städten zu scheuen braucht! Meine Herren! Ich heiße Sie nochmals im Namen der Stadt Mainz von Herzen willkommen!"
Den Worten des Dr. Oechsn er folgte eine Besichtigung der Hafenanlagen, worauf sich die Eongreßmitglieder zu einer Besichtigung des Centralbahnhofes und des I Domes zerstreuten, um sich um 2 Uhr wieder zu dem Gabelfrühstück in der Stadt- I halle einzufinden.
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