Nr. 120
Samstag den 26. Mai
1888.
euer
Amts- und
für den Kreis Gießen.
)Bureau r Schul st raße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
rciS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,
Amtlicher Hy eit.
Lehrer-Conferenz
des Conserenz-Bezirks Gießen: Mittwoch den 30. Mai, Vormittags 10 Uhr, in Gießen,
des Conserenz-Bezirks Sich—Hungen: Donnerstag den 31. Mai, Vormittags 9V2 Uhr, in Hungen.
Gießen, den 24. Mai 1888. Büchner, Schulrath.
Politische Wochenschau.
Gießen, 25. Mai.
Das freudige Familienfest, welches am Donnerstag in unserem erhabenen Kaiser hause mit der Hochzeit des Prinzen Heinrich von Preußen und der Prinzessin Irene von Hessen gefeiert wurde, hat seinen Widerhall in allen deutschen Landen gesunden. Das deutsche Volk nimmt ja an den Geschicken seines Kaiserhauses in Leid wie Freud' den innigsten Antheil und wie es gerade die letzte schwere Zeit, welche mit den: Hetmgange^Kaiser Wilhelm's und der an erschütternden Wechselfällen so reichen Krankheit seines Lohnes und Nachfolgers über die kaiserliche Familie hereinbrach, so tief mitfühlte, davon liegen ja unzählige ergreifende Beweise vor. Aber ebenso lebhaft trägt es nun seine Theilnahme dem frohen Ereignisse entgegen, welches sich als erstes seit langen, trüben Monden im Schooße der Kaiserfamilie mit dem Hochzeitsfeste des Prinzen Heinrich vollzogen hat, namentlich, da diese Theilnahme noch durch die Genugthuung über die fortschreitende Wiedererholung Kaiser Friedrichs von seinem jüngsten schweren Krankhettsanfalle gehoben wird und allseitig erklingt der Wunsch, daß das junge Glück des neuvermählten Paares nicht wieder durch ernstere Nachrichten über das Befinden des kaiserlichen Vaters und Schwiegervaters getrübt werden möge. Die andauernde günstige Wendung im Zustande Kaiser Friedrich's hat denn auch dem Monarchen erfreulicher Weise die Theilnahme an den meisten festlichen Arrangements anläßlich der Hochzeitsfeicr gestattet, nur gebot hierbei sein Allgemeinbefinden selbstverständlich die Innehaltung gewisser Grenzen, wie denn überhaupt dle Rücksichtnahme auf den Gesundheitszustand des Kaisers der ganzen Feier eine Beschränkung auferlegte. Immerhin wies dieselbe ihre glanzvollen Momente auf, die mit dem feierlichen Empfange der Prinzessin-Braut auf dem Charlottenburger Bahnhofe am Vorabend des Hochzeitstages begannen. Im Uebrigen verlief das Hochzeitsfest ganz nach dem schon veröffentlichten Programm, so daß um 12 Uhr Mittags die kirchliche Trauung des hohen Paares — nach dem vorangegangenen standesamtlichen Acte — in der Schloßkapelle vollzogen wurde, und zwar durch Oberhospredtger Dr. Koegel. — Der Kaiser konnte erfreulicher Weise sowohl der civilen als auch der kirchlichen Trauung beiwohnen und war überhaupt sein Befinden gerade am Tage des Hochzeitsfestes ein recht gutes, wie denn überhaupt die Nacht zum Donnerstag für ihn die beste seit seiner Anwesenheit in Charlottenburg war.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat an diesem Freitag zum dritten Male über das Volksfchullastengesetz abzustimmen und hiermit wird wohl endlich die definitive Entscheidung über das Geschick'dieses Gesetzentwurfes, der so seltsam parlamentarische Wandlungen durchlaufen hat, fallen. Der Schluß der Landtagssession wird dieser letzten Beschlußfassung des Abgeordnetenhauses voraussichtlich alsbald folgen und es wird dann von den in der Reichshauptstadt bislang tagenden gesetzgeberischen Körperschaften nur der Bundesrath zurückbleiben, um in seinen Ausschüssen die Be- rathung über den abgeänderten Entwurf des Arbeiter-Invaliditäts- und Altersoersicherungsgesetzes durchzuführen, welche Berathungen aber schwerlich vor Ende Juni zum Abschluß gelangen werden. Im Uebrigen gehen wir in der inneren Politik ersichtlich der allsommerlichen Ruhepause entgegen, die sich in der allmälichen Ermattung der Erörterungen über die etwa noch schwebenden Tagesfragen kundgiebt und voraussichtlich werden erst die Vorbereitungen zu den im Herbste bevorstehenden Neuwahlen zum preußischen Landtage einen neuen Impuls in den Gang der innerpolitischen Angelegenheiten bringen.
Gleich dem Berliner Oberbürgermeister v. Forckenbeck ist jetzt auch ein anderer hervorragender freisinniger Politiker vom Kaiser durch eine Ordensdecoration ausgezeichnet worden, nämlich Professor Virchow, welchem der Rothe Adler-Orden zweiter Classe mit Stern und Eichenlaub verliehen wurde. Wie bei Herrn v. Forckenbeck, so wird man auch bei Herrn Virchow den äußern Anlaß zu dieser Auszeichnung in seinem ausgebreiteten gemeinnützigen Wirken zu suchen haben, aber doch entbehrt der Vorgang des politischen Beigeschmackes nicht. Es soll nämlich die Verleihung von Ordensdecorationen an noch wettere freisinnige Politiker — man nennt u. A. Hänel, Mommsen, v. Staufenberg — geplant gewesen und nur in Folge des entschiedenen Einspruches des Fürsten Bismarck unterblieben sein. Derselbe soll die Demission des Gesammtministeriums in Aussicht gestellt haben, wenn noch ferner Personen, die notorisch der Opposition gegen die von den preußischen Ministern geführte Politik angehörten, derartig ausgezeichnet würden; inwieweit diese sensationell^ Nachricht begründet ist, bleibt noch abzuwarten.
Aus Oesterreich sind wieder einmal allerhand Curiosa zu vermelden. Im Abgeordnetenhause waren zwei gleichlautende Massenpetitionen eingegangen, welche ein Zollbündniß mit Deutschland zwecks zollfreier Einfuhr von Agrarproducten verlangten. Der bekannte Abgeordnete Schönerer beantragte, die Petitionen drucken zu lassen und sie den volkswirthschaftlichen Ausschüssen zur beschleunigten Berichterstattung zu überweisen; doch ging das Haus über die Anträge Schönerer's wie über die Petitionen selbst zur Tagesordnung über. Ferner sind als „Zeichen der Zeit" aus Oesterreich das Verbot des Absingens der „Wacht am Rhein" und die Auflösung der Grazer Burschenschaft „Franconia", welche ihr Vereinslocal mit deutschen Fahnen geschmückt hatte, zu registriren.
Aus Frankreich wird ein seltsamer Coup der Bonapartisten gemeldet. Das für den einen bonaparttstischen Prätendenten, den Prinzen Napoleon, thätige Agitations- comilä hat an das für den anderen Prätendenten, den Prinzen Victor arbeitende ComilS ein Schreiben gerichtet, in welchem beantragt wird, eine Revision der Ver
fassung behufs directer Wahl des Staatsoberhauptes vorzunehmen, aber nicht zur Wiederherstellung der Monarchie, sondern zur — Befestigung der Republik! Man weiß schon, was hinter diesem Manöver steckt! — Von Clemenceau, Joffrin und Rance, also Vertreter der verschiedenen republikanischen Richtungen, werden Schritte unternommen, um die republikanische Partei gegen die plebiscitäre Bewegung der Boulan- gisten und Bonapartisten zu einigen, auch die französischen Freimaurer wollen gegen die letztere Stellung nehmen.
2KaL Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschlreßung vom 24. d. M. Allergnädtgst geruht:
TO.r, Die Hofdamen Ihrer Königlichen Hoheit der Höchstseltgen Großherzogin Alice, Freiin von Senarclens-Grancy, zur Schlüsseldame und die Kretin Margarethe von Fabric zur Hofdame zu ernennen.
25. Mat. Die „Köln. Ztg." glaubt aus sicherster Quelle zu berichten, daß der Kaffer Seine Königliche Hoheit unseren Großherzog zum Jn- erna^nnt^bat^' ^rmce'^n^cc^I0n' sicher das 7., 8. und 11. Armee-Corps zugethetlt ist, au 24. Mai. sMilitärdienstnachrichten.j Feldt, Hauptm. vom
Generalstave der 19. Div., als Comp.-Chef in das 2. Großh. Hess. Jnf.-Rgt. (Groß- • &Ä \ H^sig, D0™ 2. Großh. Hess. Jnf.-Rgt. (Großherzog) dem Reg. unter Beförderung zum Hauptmann, — aggregirt. Schnitzker, EtcefelbweM °om Landw.-Bats.-Bezirk Halle, zum Sec.-Lt. der Reserve des 2. Großh. Hest. Jnf.-Regts. (Großherzog) Nr. 116 — befördert. Cullmann, Hauptmann und Comp.-Chef vom 2 Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, als Major mit Pension und ferner bisherigen Uniform der Abschied bewilligt.
, Berlin, 23. Mai. Der „Münchener Allg. Ztg." wird gemeldet: „Der Kaiser hll^e beabsichtigt, mehreren hervorragenden liberalen Politikern Ordensauszeichnungen zu verleihen, verzichtete aber darauf, nachdem Fürst Bismarck das Entlassungsgesuch des gesammten Staatsministeriums in Aussicht gestellt hatte. Auch in anderen süddeutschen Blattern finden sich allerlei Bemerkungen zu diesem Gegenstände — unter anderen werden als die von Kaiser Friedrich mit einer Auszeichnung Bedachten Virchow, Mommsen, Hanel und Schenk v. Stauffenberg genannt.
Telegraphische Depeschen.
Wolff s telegr. Correspondenz - Burearr.
Berlin, 24. Mai. Der Kaiser hatte einen recht guten Tag, er unterließ aber in der Erregungen des heutigen Tages die Theilnahme an der Spazierfahrt, welche die Kaiserin mit den Prinzessinnen-Töchtern nach dem Grünewald unternahm, und fuhr Abends von 6 bis 71/2 Uhr im Ponnywagen im Park spazieren. Gegen 8 Uhr suchte er das rQU^rC Großherzog von Hessen ist mit den Familiengliedern des
artrl^n Hauses Abends 81/2 Uhr nach Darmstadt zurückgekehrt, nachdem er vorher noch Abschiedsbesuche des Kronprinzen, des Prinzen von Wales und des Großfürsten Sergius mit Gemahlin empfangen hatte.
1 Berlin, 24 Mai. Dem Vernehmen nach dürfte der Kaiser in den ersten Tagen des Ium nach Schloß Friedrichskron bei Potsdam übersiedeln, wo er die parterre rechts gelegenen Zimmer bewohnen wird. Im Hochsommer soll dieser Aufenthalt mit Homburg v. d. H. vertauscht werden, da Dr. Mackenzie die dortigen klimatischen Verhältnisse für besonders geeignet hält.
. Berlin. 24. Mai. Mit dem Glockenschlag 12 zeigte das Läuten sämmtlicher Glocken Charlottenburgs den Beginn der kirchlichen Trauung im Schlosse an. Um 12 Uhr ?-2.^reIt0ntren 26 Kanonenschüsse als Zeichen, daß die Ringe gewechselt seien. Sämmt- liche Glocken begannen wiederum zu läuten. Der Kaiser und die Kaiserin Augusta wohnten oer Ferer bei. Bei der Anfahrt wurden Prinz Heinrich, der Kronprinz, ferner Feld- marschaU Moltke von einer nach vielen Tausenden zählenden Menschenmenge mit stürmischer Begeisterung begrüßt. Der Kronprinz trug Marine-Uniform.
« 2t- 2)?aL Prinz Heinrich mit Gemahlin ist Nachmittags 3 Uhr vom
Bahnhof Charlottenburg m einem Extrazug nach Erdmannsdorf abgereift. Auf dem Wege brachtem roar eine dichtgedrängte Menge, welche stürmische Huldigungen dar-
Berlin, 24. Mai. Die Kaiserin Augusta küßte nach beendigter Trauung das Brautpaar Aderst. Prinz Heinrich kniete vor ihr nieder und küßte ihr die Hand; er wurde dann von der Kaiserin umarmt. Der Kaiser empfing hierauf das Brautpaar, umarmte Beide stehend und küßte Beide herzlichst, ebenso wie die Kaiserin Victoria.
Berlin, 24. Mai. Der Traurede des Oberhofpredigers Koegel lag als Text das Evangeliftenwort zu Grunde: „Den Frieden lasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch!" Koegel hob hervor, daß nach Tagen tiefer Trauer und banger Sorge ein Maientag voll Glück und Glanz das Kaiserhaus begrüßte. Er erinnerte, daß der Name der hohen Braut eine stete Erinnerung an das Wort „Frieden" fei. Den Toast auf das Brautpaar bei der Galatafel brachte der Kronprinz Namens des Kaisers aus.
Berlin, 24. Mai. Der Staatssekretair v. Stephan dankte den Beamten der kaiserlichen Postanstalten für die durch Verfügung vom 9. April veranstalteten Sammlungen zu Gunsten der Ueberschwemmten, welche die Summe von 76,852 10 4 ergeben, in
einem Schreiben, batirt 00m 20. d. M., worin es heißt: „Ich weiß, daß die Herren Be- anltenj. ür $ur Herbeiführung dieses günstigen Ergebnisses aufgewendete Mühe und gebrachten Opfer Dank und Anerkennung nicht begehren. Aber es ist mir ein Bedürfniß, Ad^n auszusprechen, wie sehr der auch bei dieser Gelegenheit hervorgetretene gute Geist, der Alle erfüllt, mich wiederum erfreut und erhoben hat".
®erlht, 24. Mai. Der „Reichsanzeiger" publicirt ein Gesetz über eine Anleihe für die durch die Hochwasser im Frühjahr 1888 herbeigeführten Verheerungen.
Berlin, 24. Mai. Im Schloßpark zu Charlottenburg meldete sich gestern Abend em Parkwächter Landhammer, der durch einen Schuß am Arm verwundet war. Der That- bestand ist noch nicht festgestellt. Von der Patrouille ober einem Militärposten ist kein Schuß erfolgt. Die Verwundung ist unerheblich.


