Ausgabe 
25.11.1888 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 25. November

1888

Aints- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen

Dureaur Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Einwohner,

ergeben

lebten unter

die

116 Mittelstädten

683 Kleinstädten

1951 Landstädten

4,446,381

4,171,874

6,054,629

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerilohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

hat, so

1885

9,5

8,9

12,9

12,4

56,3

Auf seines Grabes Hügel Ist Rosmarin gepflanzt. Auf dessen höchstem Zweige Schlägt eine Nachtigall."

So erscheint die Nachtigall, der Vogel, dessen Lied mehr als das eines anderen menschliche Seele ergreift, als der lieblichste der Todesboten.

Die Ergebnisse der deutschen Volkszählung.

Die erst kürzlich erwähnten Ergebnisse der deutschen Volkszählung vom 31. De- cember 1885, die bezüglich der Hauplzahlen bereits zu Anfang des vorigen Jahres vom kaiserlichen statistischen Amte veröffentlicht worden sind und welche den Gegenstand der Nachweisungen des kürzlich erschienenen 32. Bandes neuer Folge derStatistik des Deutschen Reiches" bilden, thetlen in 10 tabellarischen Ueberfichten mit: die nach der Verfassung und den Gesetzen des Reiches aus den Volkszäblungsergebnissen fest- zustellenden Bevölkerungszahlen; einen Nachweis über das Wachsthum der Bevölkerung; eine Aufstellung über den Flächeninhalt und die Volksdtchtigkett sowohl der einzelnen Staaten und größeren Landestheile, als auch der Kreise, Aemter und sonstigen kleineren Verwaltungsbezirke; ein Verzetchniß der einzelnen Städte und ihrer Einwohnerzahl; «ine Nachweisung über die Wohnhäuser und sonstigen bewohnten Baulichkeiten, sowie über die Haushaltungen; mehrere Ausstellungen über das Alter und den Familienstand; dann eine solche über den Geburtsort und endlich über das Religionsbekenntniß. Eine ausführliche Einleitung enthält eine Schilderung des Zählungsoerfahrens und eine Besprechung der gesammten Zählungsergebnisse, bet welcher auch die Ergebnisse früherer Höhlungen, sowie die bezüglichen Zahlen für fremde Länder zum Vergleich herangezogen sind. Beigefügt ist der Veröffentlichung eine kartographische Darstellung der Dichtigkeit der Bevölkerung des deutschen Reiches.

Nr. 277 Zweites Blatt.

Zusammen 46,455,704 Einwohner.

Danach kommen auf die Landbevölkerung 56,3 Procent, auf die Stadtbeoölkerung 43,7 Procent der gesammten Einwohnerschaft des Reiches und zwar spectell auf die Großstädte 9,5, die Mittelstädte 8,9, die Kleinstädte 12,9 und auf die Landstädte 12,4 pCt. Seit dem Jahre 1871 ist der Procentsatz der städtischen Bevölkerung und namentlich derjenige der größeren Siädte em immer größerer geworden; unterscheidet man nämlich die Wohnorte nach den verschiedenen Größenklassen auf Grund der Ein­wohnerzahlen, wie sie die jedesmalige Volkszählung ' '

-100 Einwohnern des Reiches

Vermischtes.

Einecht Münchener" Bürger hatte das Zeitliche gesegnet und war dadurch von einer großen Furcht befreit worden. Es schien ihm nämlich unzweifelhaft, er würde ertrinken müssen, wenn .... ihm einmal in einem Hohlwege so vtel Bier entgegenflösse, wie er in seinem Leben bereits vertilgt hätte. Trotz seiner beiden Lands­leute Derlei und Schwenninger hatte er einen mächtigen Umfang erlangt, so daß statt der üblichen vier Leichenträger sechs die Bahre vom Leichenhause zur ewigen Ruhestätte keuchend tragen mußten. Am offenen Grabe sprach der Geistliche zu Ehren seines dahingeschiedenen Freundes einige tiefgefühlte Worte und schloß, von Schmerz ergriffen, seine Rede mit dem Wunsche:Möge er der Erde leicht sein!"

[6in triftiger Grund.)Aber, liebe Frau, eure Kaffeekränzchen werden ja immer länger und länger. Nun warte ich schon drei Stunden auf Dich." Sei nur nicht böse, lieber Mann, aber es geht nicht anders. Jede von uns will zuletzt weggehen, damit die anderen nicht über sie reden können, darum wagt keine, zuerst aufzustehen."

sEin Zukunftsbilds Hausherr (vor der Kammerthür der Köchin):Da Sie bis jetzt nicht heruntergekommen sind, Jule, hab' ich selber Feuer gemacht und bringe Ihnen nun eine Tasse Ehokolade. Hier sind auch die Morgenblätter und wenn Sie sonst noch etwas wünschen, so brauchen Sie bloß zu läuten!"

Todesboten.

Eine Rückschau in die Sagenzeit

zum Todtenfonntage, 2 5. November.

Von H. S.

(Nachdruck verboten.)

In seinenAnnales Marchiae Brandenburgicae erzählt der märkische Chronist Angelus aus dem Jahre 1559 Folgendes:In der Erndt, da man den Hafer pflegt abzuhauen, trug sich diese wahrhaftige Geschichte in der Mark, nicht weit von Berlin zu, wie folget: Es wurden plötzlich viel Mannspersonen auff dem Felde gesehen, erstlich fünffzehn, darnach zwölffe. Und waren die letzten zwölffe abscheulicher Gestalt, denn die ersten fünfzehn, denn sie waren ohne Häupter, da doch die anderen alle Häupter hatten. Diese sieben und zwantzig Männer hieben mit ihren Sensen mit aller Gewalt in den Hafer, daß man's hörete rauschen, und blieb doch gleichwohl der Hafer stets stehen. Da solch' Geschrei- vom Hofe kam, ging viel Hofgesindes, auch von Bürgern, hinaus, solches zu sehen, welche es dann also befunden. Als aber die Männer gefragt wurden, wer sie waren, woher sie gekommen und was sie machten, antworteten sie nichts: Sondern hieben immerfort in den Hafer. Und als die Leute bisweilen nahe chinzutraten und sie angreifen wollten, entwuschten sie ihnen, liefen geschwinde hinweg und hieben nichtsdestoweniger unter dem Lauffen in den Hafer. Da nun die Leute wieder in die Stadt kamen, wurden sie von den anderen gefraget, wofür sie diese Männer ansehen, darauff gaben sie ihnen die Antwort, daß sie dieselben für Geister «stehen, weil sie so schnell hätten können lauffen und so gräßlich unmenschlich aus- gefehen hatten. Verwegen ließ auch der durchlauchtigste Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Joachim der Andere, Churfürst und Markgraf zu Brandenburg rc., die fürnembften Prediger in der Mark versammeln, zu erfahren, was durch solches Gesicht bedeutet würde? Aber man hielt es dafür, daß dadurch göttliche Straffe und Pestilenz ange- zeiget wurde."

Diese wunderbaren Mäher, welche nach dem Dafürhalten derfürnembften Prediger in der Mark" bevorstehendegöttliche Straffe und Pestilenz" anzeigten, sind Todesboten, sind der Tod selbst, denn viele deutsche Sagen betrachten denselben ja als unbarmherzigen Schnitter, welcher mit scharfer Sense das Feld leert. Heißt es doch im Volksliede:

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Der hat Gewalt vom höchsten Gott! Heut' wetzt er das Messer, Es schneid'! schon viel besser Bald wird er drein schneiden, Wir müssen's erleiden.

Hüte dich, schön's Blümelein!"

Der Volksglaube kennt viele solcher Todesboten: Der Hund, Katze und Maus, Roß und Stier, besonders aber viele Vögel werden zu ihnen gerechnet. Der Hund, dem Wuotan, wohl auch der Frigg und den Nornen geweiht, wittert besonders den Tod und zeigt durch sein Heulen bevorstehendes Unglück des Hauses an; wenn er dabei den Kopf senkt und zur Erde sieht oder wenn er sich in der Stube so niederlegt, daß die Schnauze nach der Thür gerichtet ist oder wenn der Kettenhund ungestüm Löcher in die Erde scharrt ober wenn er im offenen Fenster sitzt, mit dem Kopf nach der ; Stube zu, fo bedeutet er den Tod eines Hausgenossen. Freyja ober Frigg war bie ! Göttin bes häuslichen Glücks unb der Liebe, ihr Gespann wurde von zwei Katzen

5,805,893 allen übrigen Landorten 26,376,927

gezogen; allein ihrem Wefen waren auch noch Züge des kriegerischen Alterthums eigen, °fn.n ll.e lheiite sich mit Odhin in die Leider der auf der Wahlstatt Erschlagenen. Nach diesen beiden Seiten der Göttin ist auch ihr Thier, die Katze, geartet. Einmal ist sie der gute Hausgeist, das Wesen, an dessen Lebensdauer der Bestand der Familie hängt.

1 gesteht man beispielsweise ein neues Wohnhaus, fo wird erst die Katze aus der alten Wohnung in einer schwarzen Schürze herbeigetragen und über die Schwelle der neuen hinelngejagt, denn:Die schwarze Katze, bas schwarze Huhn soll kein Bauer aus bem Hause thun. Dennoch fürchtet man sich, die schwarze Katze allein bei den Kindern zu oVl"' ^sonders ist man bedacht, alle Katzen zu entfernen, während bet einer

- m. lenwacht gehalten wird. Die schwarze Katze, welche sich einem Kranken auf . baö Bett setzt verkündet seinen nahen Tod; wird sie auf einem Grabe gesehen, fo bedeutet dies, daß der Abgeschiedene in der Gewalt des Teufels ist. Träumt Jemand in der Christnacht von einer schwarzen Katze, so ist das ein Vorzeichen einer beun­ruhigenden Krankheit während des folgenden Jahres. Ebenso deutet man das Träumen von tobten Mäusen auf Tod in der Verwandtschaft, und zernagt eine Maus dem Kranken das Bettstroh unter dem Hauptkiffen, fo stirbt er bald. Vor bem Fenstersims Ptn; und herlaufenb, sinb bie Mäuse gleichfalls tobfünbenb, weil man das Zimmer- fcnfter öffnet,um die Seele des eben Verstorbenen hinauszulassen", denn Mäuse sind Seelen.Den Mäusen pfeifen, heißt den Seelen ein Zeichen geben, um von ihnen abgebolt zu werben", sagt Rochholz; ebenso wie ber Rattenfänger von Hameln die Lockpfeife dlast, auf deren Ton alle Mäuse unb Kinder der Stadt mit ihm in den Berg htneinziehen, der sich hinter ihnen schließt. Die Seele des auf der Jagd entschlafenen Königs Guntrum kommt schlängleinartig aus seinem Munde hervor und der Goethe'sche Faust weigert sich, den Tanz mit bem hübschen Hexenmädchen am Blocksberg fortzu- Neu.beim mitten im Gesänge sprang ein roihes Mäuslein ihr aus bem Munbe". 3n Böhmen heißt es: Läuft einem im Garten eine Maus vor den Füßen, so ftirbt Jemand aus ber Familie; im Oldenburaischen: Kommen sehr viel Mäuse unb Ratten tn ein Haus, so ftirbt alsbalb Jemanb darin; in Nordbeutschlanb: Wenn bie Ratten ein Schiff verlassen, so geht es unter.

Auch bas Pferb ist ein solcher Tobeskunbiger. Wenn es bie Mähne sträubt, heißt es im Dldenburgischen, und ängstlich thut, so zieht es einen geisterhaften Leichen- jug; wenn es an Jemandem aus dem Hause nicht vorüber will, so wirb er bald sterben; wenn Pferde bei einem Umzüge, besonders bei der Hochzeit, nicht weiter wollen, so bedeutet es Unglück und frühen Tod. In Böhmen sagt man, daß man mcht mehr lange leben werde, sofern man bei Beginn einer Reise einem Schimmel -uerst begegnet, wie man sich auch in Westfalen von einem Sterbenden auSdrückt: Der weiße Schimmel wird ihn holen." In der ungarischen Volkssprache ist der Name der Todtenbahre allgemein Michael-lova, Michaelspserd, und vom tödtlich Er­krankten gilt der Ausdruck, des heiligen Michael Pferd Hal ihn schon getreten, schon geschlagen. In dänischer Volksrede heißt es dagegen von einem Wiedergenesenden, er bat bem Tob einen Scheffel Hafer gegeben. Auf altgriechischen Grabdenkmälern zeigt sich ein Fenster, durch das von außen ein Pserdekopf hineinblickt. Dem analog gilt es»*" F^ckthaler Dorfe Eicken und zu Döttingen an der Aare als eine Todes- ankündigung, wenn am Fenster eines schwer Erkrankten des Abends ein Roß von der Straße her sichtbar wird. Alles dies deutet darauf hin, daß ber Todesgott feine Opfer ju Roß abholte. Da aber dem Germanen ber oberste Gott Wuotan als Seelenherr galt, ber wie bie von ihm entsendeten Leichensammlerinnen zu Roß erschien, so wirb man in der ältesten Vorzeit die einzelne Leiche zu Roß in's Grab geführt unb bann das Thier mit ihr zugleich verbrannt haben. Da, wo bas Pferd nicht gehalten wird, besonders in Berggegenden. sind nun viele dieser Volksmeinungen auf den Stier übertragen worden und heißt es beispielsweise in Süddeutschland: Pferde und Rinder gehen über keine Stelle, wo ein Ermordeter verscharrt liegt.

_ Ganz besonders aber sind Vögel Todesboten. So kündigt die Eule durch ihr Krächzen vor oder auf dem Hause einen Todesfall an; der Ruf des KäuzchensKiwitt" bedeutetkomm mit". Diese Todesbedeutung des Eulenrufs ist uralt. Ein an's neuster pickendes Vöglein meldet den Tob eines in ber Frembe Verstorbenen; wenn der Bauer am bayerischen Lechrain, auf bem Siechbette liegenb, zuletzt sich selbst den Tod wünscht, so ist seine Rebe:Wenn nur bie Nachtigall käme unb thäte uns auflösen!" Da kommt benn", fährt Leoprechting's Lechrainer Sagenbuch fort,biemalen ein Vogel unb singt fo fein, baß bie Schmerzen aufhören und man entweder besser wird oder ftirbt." So wird die Seele als ein Vogel dargeftellt, der im Entschweben lieblich singt. Im 15. Jahrhundert, während der Kirchenversammlung zu Basel, erschien in einem der Stadt benachbarten Walde eine Nachtigall, bie so wunberschön fang, baß selbst die hochgelahrten Doctoren und Prälaten nach dem Walde zogen, um sie zu hören; das Volk aber erkannte in bem melobieenreichen Sänger bie Seele eines Menschen, ber noch nicht zur Ruhe gekommen war. Im schwebischen Märchen wirb das von den Raubthieren zerrissene Hirschkälbchen von einem barmherzigen Mädchen gliederweise wieder zusammengesetzt unb in ben Walbbaum gelegt, worauf bem Thier- fdjäbel eine Nachtigall cnisteigt unb zu schlagen beginnt, unb im bretonnischen VolkS- liebe vom Helben Mazlbrouk heißt es:

Wir heben aus bem Inhalte des genannten Werkes hier noch einige weitere Zahlen hervor, welche sich auf die Vertheilung ber Bevölkerung nach Wohnorten beziehen. Wenn man als Großstäbte die Orte von mindestens 100,000 Einwohnern, als Mittel­städte die von 20 bis 100,000, als Kleinstädte die von 5 bis 20,000, als Landstädte von 2 bis 5000, als Landorte endlich bie von weniger als 2OOO Einwohnern bezeichnet, so lebten am 1. December 1885 von der Gefammtbevöikerung:

in den 21 Großstädten '

1871

1875

1880

in

Großstädten

4,8

6,2

7,2

in

Mittelstädten

7,7

8,2

8,9

in

Kleinstädten

11,2

12,0

12,6

in

Landstädten

12,4

12,6

12,7

in

anderen Orten

63,9

61,0

58,6