Leitage zu Ar. 73 des „gichener Anzeiger".
Politische «eberficht.
Gieße«, 24. März.
Wahrhaft großartig und erhebend haben sich die Trauer- und Gedenkfeierlichkeiten zu Ehren der Kaisers Wiihelm am 22. März, dem Geburtstage des verewigten Monarchen gestaltet. Nachrichten aus Berlin, Breslau, Hamburg, Dresden, München, Stuttgart, Leipzig, Halle, Magdeburg, Elberfeld und vielen anderen deutschen Städten bekunden eine herrliche Ein- müthigkeit der deutschen Nation in der Würdigung des entschlasenen Kaisers, und es erscheint uns sehr wahrscheinlich, daß Vereine, Schulen und Untversttäten künftig jährlich den 22. März als Gedenktag Kaiser Wilhelms feiern werden.
Mittheilungen aus dem kaiserlichen Restdenzschloffe in Charlottenburg bestätigen die frohe Hoffnung, daß Kaiser Friedrichs Gesundheitszustand eine fast täglich wachsende Befferung zeigt, und daß man, wenn kein böser Rückschlag eintritt, darauf rechnen kann, daß Kaiser Friedrich noch manches Jahr dem Vaterlande erhalten bleiben wird.
Da der Reichstag bereits seit Dienstag geschloffen ist und die Landtage theil» ebensalls geschloffen, theils im Begriffe sind, in die Osterferien zu gehen, so herrscht aus dem Gebiete der inneren Politik bereits eine ziemliche Stille. Man beschäftigt sich in politischen Kreisen daher bereits mehr mit Vermuthungen und Erinnerungen, als mit Thatsachen, und sachlich Neues giebt es nicht viel zu berichten.
Dem Umstande, daß der Reichskanzler Fürst Bismarck gleich nach Schluß des Reichstages eine halbstündige Conserenz mit dem Äbg. v. Bennigsen, dem Führer der Nattonalliberalen, hatte, will man in einigen Kreisen ote Bedeutung beimeffen, daß der Reichskanzler in Hinblick auf gewiffe, durch den Thronwechsel wahrscheinlich gewordene Eventualitäten dem Herrn v. Bennigsen ein Minister- Portefeuille angeboten habe. Einige Blätter meinen dagegen, daß es sich nur um eine Herrn v. Bennigsen zugedachte Ordens-Decoration gehandelt habe.
In bayerischen Militär- und Beamtenkreisen wird der Rück- tritt des hochbesähigten Kriegsministers, General v. Heinleth, außerordentlich bedauert, und zwar hauptsächlich deshalb, weil der Rücktritt des bewährten Generals in Differenzen zu suchen ist, die Herr v. Heinleth mit dem Ches des Militär-CabinetS, Generalmajor v. Freischlag, gehabt hat. Dieser Herr, von dem die Sage geht, daß er noch keinen Feldzug mitgemacht habe, soll sich fortwährend eigenmächtig in die Functionen ves KriegSmmister» v. Heinleth gemischt haben. Die Leitung des bayerischen Kriegsmmisteriums hat General Prinz Leopold übernommen, doch glaubt man, daß es verfaffungsmäßig nicht zulässig sei, daß ein königlicher Prinz das Ministerium vor den Kammern vertrete und deshalb eine neue Aenderung in der Besetzung des Kriegsministeriums Bayerns bevorstehe.
Die bayerische Abgeordnetenkammer hat zur Aufbefferung der Gehälter der katholischen Geistlichen 522,200 JL und zur Ausvefferung der Gehälter der protestantischen Geistlichen 261,300 sowie zur Vermehrung der Dienstzulagen der Volksschullehrer 574,500 bewilligt.
In russischen RegierungSkrersen ist man sehr eifrig bemüht, jeden Zweifel an dec Aufrichtigkeit der Friedensliebe Rußlands zu beschwichtigen.
Das „Journ. de St. Pötersb.", dar Organ de» ruff. auswärtigen Ministerium», erklärt alle Nachrichten über weitere russische Truppenverschiebungen für erfunden. Rußland denke an keinen Krieg und habe auch gar keine Veranlaffung zu einer kriegerischen Politik. Nun, wenn sich diese Nachrichten au» St. Petersburg den ganzen Sommer hindurch bestätigen, so wird man sich in Europa recht freuen.
Vermischtes.
* Bon Wiesbaden schreibt man uns: .
Die Aussichten für den vom 9. bis 12. April er. in Wiesbaden tagenden Siebenten Kongreß für innere Medtctn sind ganz besonders glänzende. Autzer den drei schon länger vorbereiteten Verhandlungsgegenständen, für welche Autoritäten ersten Ranges die Referate übernommen haben und welche höchst interessante und besonders für die Praxis wichtige sind (die chronischen Herzmuskel- erkrankungen und ihre Behandlung: Oeriel sMünchenj, Ltchthetm [Sern]; der Weingeist als Heilmittel: Binz [33onn], v. Jaksch sGrazj; die Verhütung und Behandlung der asiatischen Cholera: August Pfeiffer (Wiesbadens, Cantani (Neapel)) wurden bis jetzt noch 21 Ortginalvorträge angemeldet, welche alle Gebiete der Inneren Medictn umfassen; bei denselben ist auch die lebhafte Betheiltgung österreichischer Acrzte hervorzuheben. Die angemeldeten Vorträge sind:
Herr Rumpf (Bonn): lieber das Wanderherz.
Herr Unverricht (Jena): Experimentelle Untersuchungen über den Mechanismus der Athembewegungcn.
Herr Liebreich (Berlin): Thema vorbehalten.
Herr Adamktewtcz (Krakau): Heber combintrte Degeneration des Rückenmarkes.
Herr Jaworski (Krakau): Experimentelle Beiträge zur Diätetik der Verdauungsstörungen.
Derselbe: Zur klinischen Diagnose des atrophischen Magenkatarrhes und über die Verschiedenheit Der nüchternen Magenflüssigkeit beim continutrltchen Magensaftfiusse.
Herr Stiller (Budapest): Zur Therapie des Morbus Baeedowii.
Derselbe: Zur Diagnostik der Rierentumoren. t „ „,r
Herr Emil Pfeiffer (Wiesbaden): Harnsäureausschetdung und Harnsaurelosung. Herr Binswanger (Jena): Zur Pathogenese des epileptischen Anfalles. Herr Jürgensen (Tübingen): lieber kryptogenetische Septiko-Pyaemte.
Herr Quincke (Kiel): lieber Lungenabscetz.
Herr Hans Leo (Berlin): Thema vorbehalten.
Herr H. Buchner (München): Heber den experimentellen Nachweis der Aufnahme von Jnfectionserregern aus der Athemluft. Mit Demonstrationen.
Herr G. Corn et (Berlin-Retchenhall): Hntersuchungen über die Verbreitung des Tuberkelbacillus.
Herr Seifert (Würzburg): Heber Masern.
Herr Dehio (Dorpat): lieber die physikalische Diagnostik der mechanischen Jnsufsicienz des Magens. /T1,
Herr August Pfeiffer (Wiesbaden): Demonstration von unter Glycerinzusatz gezüchteten Tuberkulose-Bacillen. ,r,
Herr v. Liebig (München): Heber die Anwendung der pneumatischen Kammern bet Herzleiden. .
Herr Binz (Bonn): Heber Jodoform bei innerer Anwendung.
Herr Weigert (Frankfurt a. M.): Histologische Hntersuchungen über den Tvphusbacillus.
Dieses überaus interessante und reichhaltige Programm wird wohl eine große Betheiligung voraussetzen lassen. Hoffentlich läßt uns das Früdlingswetter, welches soeben beginnt und welches bei den früheren Eongressen Wiesbaden in seinem ganzen Glanze und seiner ganzen Schönheit erscheinen ließ, auch diesmal nicht im Stiche und bildet einen weiteren Anziehungspunkt für Viele.________
Allgemeiner Anzeiger.
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