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24.6.1888 Drittes Blatt
 
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Nr. Drittes Blatt. Sonntag den 24. Juni 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Burcaur SchuIstr°ß° 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Rrch

ZN Erwartung der Thronrede.

Das Herz des deutschen Volkes muß höher schlagen in dem Bewußtsein, daß alle Staaten und Völker in der Runde mit ängstlicher Reugier nach Berlin blicken, daß überall die Frage aufgeworfen und erörtert wird, ob die deutsche Politik durch den Tod Kaiser Friedrichs III., des Vtelbewetnten, keine Aenderung erfahren, ob dem Frieden von dem Thronwechsel in Deutschland keine Gefahr drohe. Wer vor einem Vtertel- jahrhundert gesagt batte, die Ruhe Europas werde bald von Deutschland abhängen und Berlin werde den Nordpol der politischen Magnetnadel bilden, der wäre verlacht und verhöhnt worden. Jetzt finden die Völker dies natürlich. Man zweifelt nicht daran, daß die Geschicke Europas zum größten Theile von den Entschlüssen der deutschen Staatslenker abhängen; man setzt dies als selbstverständlich voraus und lauscht darum jeder Aeußerung des neuen deutschen Kaisers begierig, um aus ihr Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen. Man möchte in die Seele des jungen Herrschers schauen, seine Gedanken ergründen, und der Thronrede oder Botschaft an den Reichstag sieht man in Rom und London, in Paris und Petersburg kaum mit geringerer Spannung entgegen wie in Berlin selbst. Daß Kaiser Wilhelm II. die Grundzüge der auswärtigen Politik keiner bedeutsamen Aenderung unterziehen wird, dafür bürgt sein stark fundirtes Ver- hältniß zum Fürsten Bismarck. Und der Reichskanzler hütet den Frieden, wie der Cherub mit dem Flammenschwerte das Paradies und ebenso sorgsam wie über den Frieden selbst, wacht er über das Bündniß, welches zu dessen Schutz geschlossen ward. Dort, wo man die Vorgänge in Deutschland ohne Voreingenommenheit und mit Ruhe beobachtet, muß man zu dem Schlüsse kommen, daß das deutsche Reich, wie dem Friedensbündniß, auch dessen Zweck treu bleiben wird, daß man die mühevolle Arbeit des Fürsten Bismarck nicht vernichten, die Tripel-Allianz niemals in eine Eroberungs- gemeinschaft verwandeln wird. Die Welt befindet sich in seltener Uebereinstimmung iy Bezug auf die deutsche Politik, an deren Aenderung man mit Recht nicht glaubt. Man möchte aber eine feierliche Bekräftigung der hoffnungsvollen Annahme haben. Darum sieht man der ersten Thronrede des deutschen Kaisers mit so großer Ungeduld entgegen. Daß sie bei aller Betonung stolzen Machtgefühls eine Botschaft des Friedens sein, daß sie der Unruhe und Sorge ein Ende machen werde, darauf hofft das deutsche Volk und mit ihm die ganze ctvilisirte Welt.

Lokales.

Gießen, 23. Juni. sSitzung der Stadtverordneten vom 21. 3uni.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herr Beigeordneter Gnauth, Seitens der Stadtver­ordneten die Herren Baist, Georgi, Dr. Gutfleisch, Grüneberg, Hanstein, Hoch, Jughardt, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wallenfels.

Vor Eintritt in die Tagesordnung theilt Herr Bürgermeister Bramm mit, daß auf die von dem Stadtvorstande an Ihre Majestät die Kaiserin-Wittwe Augusta ab- gesandte Betleidsadresse ein Telegramm des Kammerherrn v. Knesebeck eingegangen sei, in welchem die Kaiserin-Wittwe ihren Dank abstattet für die in der Adresse betätigte Kundgebung der Trauer und Theilnahme an dem dem Kaiserhause durch das Dohin- scheiden des Kaisers Friedrich betroffenen Verluste. Ferner bringt der Herr Bürger­meister ein Schreiben des Herrn Oberst Rogge vom 116. Regiment zur Verlesung, in welchem derselbe Namens des Regiments für die demselben am 17. Juni über­mittelten Glückwünsche zur Feier des 75jährigen Jubiläums dankt.

Herr Johannes Seeger, welcher die Wirthschaft zumKühlen Grund" erworben, sucht um Ertheiluna der Concession zum Betrieb derselben nach. Die hierbei in Betracht kommende Frage des Bedürfnisses zum Ausschank von Branntwein wird, nachdem auch Großh. Polizeiamt bejahend berichtet, bejaht. Zu demselben Beschlüsse führte das Gesuch des Herrn Karl Klingenberg, der die Bieker'sche (früher Bramm'fche) Wtrthfchaft in der Neustadt übernommen hat. Das Gesuch des Herrn Möbeltransporteurs Ludwig Bender um pachtweise Ueberlafsung eines städtischen Platzes zur Ausstellung von Möbeltransporlwagen, sowie das gleiche Gesuch des Herrn Ph. Müller findet Erledigung in der beschlossenen widerruflichen und pachtweisen Ueberlassung geeigneter Plätze in der Nähe des Lutherbergs, östlich vom Friedhof. ZuErhöhung der städtischen Trottoirs liegen Gesuche der Herren Jul. Bach und H. Kühn (Seltersweg) vor. Ersterer fragt an, ob die Stadt im Falle der Er­höhung des Trottoirs am Seltersweg auch die in die Plockstraße fallende Strecke vor seinem Laden unter denselben Bedingungen (die das künftige Lokalbaustatut vorschreibt) mit erhöhen lassen will, wie die am Seltersweg befindliche. Die Baudeputation bean­tragt Ablehnung des Gesuches und falls Petent Erhöhung des Trottoirs in der Plock- ftraße wünscht, dies ganz auf seine Kosten zu geschehen habe. Analog diesem Gesuche lautet dasjenige des Herrn Kühn, dessen Wunsch, daß die Trottoirerhöhung vor seinem Hause unter denselben Bedingungen, wie sie das Ortsbaustatut vorschreibt, auch auf die Löwengasse erstreckt werde, von der Baudeputation befürwortet wird, weil bezüglich der Löwengasse mehr ein öffentliches Interesse vorliege, als bezüglich der Plockstraße, deren projectirte, bis an die Verengung durch das Bach'sche Hinterhaus führende Trottoirlegung lediglich den Interessen des Herrn Bach diene. Die Versammlung beschließt den Anträgen der Baudeputatton entsprechend. Die Ueberlassung eines an der Grünbergerstraße vor den neuen Kasernen gelegenen Platzes an die Garnison- Verwaltung zur Errichtung eines Militär-Turnplatzes wurde s. Z. unter der Bedingung genehmigt, daß die Militär-Verwaltung einen 1,70 Meter breiten, zwischen dem projectirten Turnplätze und der Grünbergerstraße gelegenen Streifen Staatsgelände erwerbe, um zu ermöglichen, daß die den Turnplatz einfriedigene lebende Hecke in gleiche Richtung mit den Spalieren der Vorgärten in der unteren Grünbergerstraße kommt. Wie Seitens der Garnison-Verwaltung jetzt mitgetheilt wird, ist dieselbe bezüglich der Erwerbung des in Rede stehenden Geländestreifens bei Großh. Kreisbauamt auf Schwierigkeiten gestoßen, so daß sie nochmals mit dem Ersuchen an die Stadtverord- neten-Versammlung tritt, von der Bedingung der Einhaltung der Fluchtlinie abzusehen, wogegen die Baudeputation auf dem früheren Beschlüsse zu beharren beantragt. Während Herr Baist dafür eintritt, daß die Stadt sich bemühen solle, den erforderlichen Geländestreifen zu erhalten, um ihn mit dem für den Turnplatz bestimmten Gelände an die Militärverwaltung zu veräußern, erklärt Herr Scheel, daß er sich überhaupt nicht für den Verkauf des Geländes an die Militärbehörde autzsprechen könne, da er der Meinung sei, daß ein Militärturnplatz nicht an eine später vielleicht stark frequentirte Straße passe, ein solcher gehöre hinter die Kaserne. Er stelle deshalb den Antrag auf Wiederaufhebung des die Abtretung dieses Geländes betreffenden Beschlusses vom 22. December 1887. Herr Haustein meint, daß man hier die Zügel nicht zu straff anziehen solle; wenn bei der ursprünglichen Abmessung des Geländes der Turnplatz nicht vergessen worden wäre, so würde er so wie so angelegt und das erforderliche Gelände auch mit abgegeben worden fein. Jetzt, da die Militärbehörde noch Gelände brauche, solle man Diejenigen, mit denen man jetzt unterhandeln müsse, rttcht für die vorher gemachten Fehler verantwortlich machen. Der Antrag des Herrn Scheel wird

Schlosser, Pfarrer.

Die Coll-kte für das Diakoniffenhau»Elisabeth-nstift" in Darmstadt, aus dem auch unsere hiesigen Diaconiffen stammen, wird non nächster Woche an durch Collekteur Weisel erhoben werden, und wird hiermit bestens empfohlen.

Gießen, den 21. Juni 1888.

abgelehnt, der auf Beharren auf dem früheren Beschluß lautende Antrag der Bau­deputation dagegen angenommen. Dem Gesuch der Garnison-Verwaltung um Er- laubniß zur Aufstellung einer Petroleumlaterne an der Mitte des von der Loth'schen Wirthschaft nach dem Haupteingang der Kaserne führenden Wegs wird statt­gegeben, nachdem die Garnison-Verwaltung auf den Vorschlag der Stadt, den Haupt­eingang mit Gas zu beleuchten, wogegen bann die Stadt an der oben bezeichneten Stelle eine Gaslaterne aufzustellen sich erbietet, nicht eingegangen. ZuFeuerlöschwesen" beschließt die Versammlung, die schon seit Langem in Erwägung gezogene Erbauung eines Steigerhauses bis nach Inkrafttreten der eben in Behandlung befindlichen Landes­feuerlöschordnung hinaus zu schieben, da diese Feuerlöschordnung auch Vorschriften hin­sichtlich der den Gemeinden obliegenden Verpflichtungen enthält. Nach der seit dem 1. April d. Js. erfolgten Uebemahme der Straßenreinigung auf die Stadt haben sich über die Verpflichtung zum Reinigen Zweifel hinsichtlich der folgenden vier Gäßchen ergeben: 1) des Gäßchens zwischen den Häusern der Wwe. Krailing und Ph. Schlatter am Neuenweg, 2) des Gäßchens, welches am Botanischen Garten nach der ehemaligen Super- intenbentur führt, 3) bes zwischen ben Häusern ber Wwe. Zülch und des C. Lony am Selters­weg gelegenen Gäßchens vnb 4) des nach ber Friedel'schen Brauerei führenben Gäßchens. Die Versammlung beschließt bezüglich der ersterwähnten zwei Gäßchen Uedernahme auf die Stadt und demgemäß Steinigung durch die städtische Kehrmannschaft, bezüglich der zwei letzteren vorherige Feststellung der Eigenthumsverhältnisse an denselben. Die Gesuche der Firma Andr. Euler um Erlaubniß zur Waßerabsührung mittelst Rohr­leitung nach dem Stadtbach an der Nordanlage und der Freimaurerloge wegen dergl. Erlaubniß (Rohrlegung nach einem städtischen Kanal in der Ostanlage) werden auf Antrag der Baudeputatton widerruflich genehmigt. Gemäß einem früher ge­faßten Beschlüße, die Anzahl der Ruhebänke in den städtischen Anlagen zu vermehren, ist Voranschlag über die Anschaffung von 6 Ruhebänken (2 für die Kirchhofsanlage, 3 für die Südanlage und 1 für die Nordanlage), sowie für Brettsitze im Tempelchen der Südanlage eingegangen, welcher sich auf 510 JL beläuft. Diese anscheinend hohe Summe wild nach der Ausführung des Herrn Beigeordneten Gnauth dadurch erklärt, daß diese Bänke ganz besonders solid und dauerhaft, weil verschiedenen Zerstörungs­versuchen ausgesetzt, angefertigt, aus Steinsockel mit Eisenlehnen und schweren eichenen Bohlen an Sitz und Rücklehne hergestellt werden müssen. Die Versammlung ist mit dem Voranschlag einverstanden. Der aus Anlaß des Bauerlaubnißgesuches des Herrn Vogt ausgearbeitete Plan für die Fluchtlinie der Wolkengasse, in welchem unter thunlichster Schonung der bestehenden Bauten an dem Eingänge der Gasse vom Sel­tersweg her eine Breite von 5Vr Meter, in der Mitte eine etwas größere Breite und an ber Ausmünbung auf die Bahnhofstraße eine Breite von 7 Meter vorgesehen ist, wird gutgeheißen. In der Angelegenheit betr- die Wodestraße liegen der Versamm­lung außer dem imGießener Anzeiger" veröffentlichten Eingesandt des Herrn Pfarrers Dr. Naumann zwei weitere Eingaben, die erste unterzeichnet von anscheinend sämmt- lichen Interessenten, letztere von Herrn Fabrikant Sch mall, uöt. Die Interessenten machen in ersterer Eingabe geltend, daß sie ihren Verpflichtungen zur Instandhaltung der Straße und des Stegs stets nachgekommen, der Sieg sei mit erheblichen Kosten ausgebessert worden, er werbe febr viel von der Einwohnerschaft und nicht nur von den Interessenten begangen. Von Concessionen, die die Stadt gemacht habe, sei keine Rede; wenn solche bei Vernehmungen mit Herrn Schwall berührt worden, so könne dies nicht als bindende Erklärung seitens der Mitinteressenten betrachtet werden. (Herr Bürgermeister Bramm bemerkt, daß man städtischerseits deshalb mit Herrn Schwall verhandelt habe, weil derselbe die Eingabe geschrieben und man deshalb zu der An­nahme berechtigt war, Herr Schmoll handle im Auftrage der Bewohner der Wodestraße.) Schließlich ersuchen die Hausbesitzer um nochmalige Vorlage ihrer Anliegen an die Stadtverordneten-Versammlung. Herr Sch mall berichtet, daß er s. Z. Alles gethan habe, um die Sache zu einer beide Theile befriedigenden Lösung zu bringen, resp. er­klärt, dasselbe zu ihun, was die anderen Interessenten auch thun; daß er, wie vielfach angenommen, gegen das Zustandekommen des Straßenausbaues sei, sei ihm nicht nach­zuweisen. Mit den Interessenten habe er sich wohl über die von der Stadt gemachten Anerbieten ins Einvernehmen gesetzt, habe aber meistentheils keine Antwort erhalten; er bitte, ihn deshalb künftig mit ähnlichen Aufträgen zu verschonen. Herr Veigeord- neter Gnauth gibt hieraus nochmals eine chronologische Neber sicht über die seit An­beginn gepflogenen Verhandlungen und Beschlüße des Stadtvorstandes und bemerkt ausdrücklich, daß die Stadt 3000 JL zu den 9770 betragenden Kosten habe Zu­schüßen wollen, um die Fahrbarmachung der Straße mittelst Neberbrückung des Schor- grabens bis an die Ostanlage zu ermöglichen; dieser Beschluß sei auch Herrn Schmal! mitgetheilt worden, man habe aber bis jetzt noch keine Erklärung erhalten. Darauf sei man, als Beschwerden über auf der Brücke befindliches Glatteis eingelaufen, stadtrscher- feits wieder darauf zurückgekommen und habe später den auf Entfernung des Steges lau­tenden Beschluß gefaßt. Die Baudeputation beantrage nun Vernehmung der sammtlichen Interessenten, wenn diese so großen Werth barauf legten, obwohl man sich wenig davon ver­spreche und ferner den Steg während der schwebenden Verhandlungen stehen zu Ulfen Herr Sanfte in bittet, der Gesammtheit nicht entgelten zu laßen, was vielleicht Einige unterlassen' man solle doch in etwas entgegenkommen. Auch im Interesse der vielen Arbeiter und sonstigen Bewohner der Stadt, die den Steg benutzten, möge man suchen, eine Verständigung herbeizuführen, damit Weg und Steg in gutemZustand erhalten bleiben Herr Bürgermeister Bramm bemerkt, daß die Stadt durch ihren Beschluß, 3000 JL zum Ausbau zuzuschießen, den Interessenten gewiß entgegen gekownwn sei. Herr Petri glaubt, daß die wenigsten Anwohner der Straße dieselbe in für den Durch­gangsverkehr fahrbaren Zustand gesetzt haben wallen; Nutzen habe eigentlich nur ein an genannter Straße wohnender Fuhrunternehmer. Nachdem Herr Beiordneter Gnauth bemerkt, daß er einem einstimmigen Beschluß der Mitglieder des Bauausschußes nach­komme, wenn er dem Befremden desselben über den von Herrn Marrer Dr. Naumann in seinemEingesandt" angeschlagenen höhnischen Ton an dieser Stelle Ausdruck gebe, wird oben angeführter Antrag des Bauausschußes auf Ladung jedes "Meinen Haus­besitzers der Wodestraße angenommen. Herr Haustein fragt an, ob es d" Anlage neuer Straßen nicht zu ermöglichen sei, zu verhüten, daß den Einfallrmnenider Straßen- kanäle namentlich im Sommer so unerträgliche Dünste entsteigen. HerrBeigeordneter Gnauth bemerkt hierzu, daß man diesem liebe Ifta nb auf anberem ^ge beikommen könne da auch das Einschütten von Carbol sich als nicht ausreichend erwiesen habe, jedenfalls sei die Anbringung sogen. Wasserverschlüsse zu empfehlen.