1888.
Samstag den 24. März
Nr. 72
Dießen er Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
lvrrrearrr Schulstratze 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,
Betreffend: Maßregeln gegen das Vagantenthu«.
Bekanntmachung.
Nachdem der Kreistag die Errichtung von Naturalverpflegungsstationen in Gießen, Hungen und Grünberg genehmigt hat, ist diese Einrichtung de« 20. November l. I. in's Leben getreten. In diesen Verpflegungsstationen erhält jeder unbemittelte Durchreisende freie Verpflegung und freies Nachtlager. Durch diese Einrichtung ist für die Unterstützung von armen Reisenden hinlänglich Sorge getragen. Die Unterstützungen werden gegen eine entsprechende Arbeitsleistung der Nachsuchenden gewährt. Durch die Errichtung dieser Stationen soll dem Haus- und Straßenbettel Durchreisender entgegengewirkt werde«, vur wirksamen Durchführung dieser Anordnung ist aber vor Allem erforderlich, daß die durchreisenden Bettler keine Unterstützung von Prwatpersonenmehr erhalten. Die Bewohner des Kreises werden daher dringend ersucht, keinerlei Almosen an Durchreisende vom 20. d. Mts. an wehr zu gewähren, sondern dieselben an die Naturalverpfieguugsstatioueu zu verweisen.
Die Naturalverpflegungsstationen befinden stch:
1) in der Herberge zur Heimath zu Gießen,
2) bei Herrn Konrad Groß in Grünberg,
3) bei Herrn Wilhelm Heßler in Hungen.
Die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen sind in Gießen das Großherzogliche Polizeiamt und in Grünberg und in Hungen die betreffenden Großherzoglichen Bürgermeistereien. „ , , n n • n m a. -c
Mit der Verpflegungsstation ist nun auch eine Arbeitsnachweisestelle verbunden worden. Wir richten daher an alle Industrielle, Gewerbtrerbende und Landwirthe, welche Gehülfen und Arbeiter bedürfen, das Ersuchen, die Vorstände der Naturalverpflegungsstationen hiervon in Kenntniß zu setzen, damit ihnen vorkommenden Falles die die Stationshülfe in Anspruch nehmenden Arbeitsuchenden zugewiesen werden können-
Gießen, im November 1887. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann-
Politische Wochen «Ueberficht.
©iefctn, 23. März.
Auch in dieser Woche, der drillen nach Kaiser Wilhelm» Hln- scheiden, hat er sich die dankbare deutsche Nation nicht nehmen (affen, dem Be< ! Zrllnder der politischen Wiedergeburt Deutschland? einen Gedenktag zu weihen. ' Zu diesem Gedenktage bot der 22. März, der Geburlrtag de» verewtglen Kaisers, j weihevollen Anlaß, und e» flicht wohl kaum einen Ort in Deutschland, in welchem nicht, sei er in Schuten, Kirchen oder Vereinen, am 22. März Kaiser Wilhelmi feierlich gedacht worden wäre.
Die Nachrichten über den Gesundheitrzustand Kaiser Friedrich« lauteten in der letzten Zeit recht günstig. Die gute Natur der Monarchen setzt dem tückischen Leiden einen zähen Widerstand entgegen und selbst der sonst über die Krankheit de« Kaiser» sehr pessimistisch urtheilende Geheimerath Dr. v. Bergmann sieht jetzt mit einiger Hoffnung in die Zukunst. Natürlich ist von einer vollständigen Besserung noch keine Rede, aber die Aerzte sind doch der Meinung, daß unter den j-tzigen Umständen dar theuere Leben der Kaiser» noch lange «hallen werden könne. Dar Befinden der Kaiser» gestattete ihm auch, stch den lausenden Regierungsgeschästen zu widmen und mit den Ministern und Vortragenden RälhiN zu conseriren. Den Fürsten Virmarck empfing der Kaiser in letzter Woche zweimal, und den Besuch de» Kronprinzen erhält der Monarch täglich.
Der Bunderrath erledigte in seiner Plenarsitzung von letzter Woche den vom Reichstag angenommenen Antrag, bett. Aenderung der Gewerbeordnung in Sachen einer strengeren Ausrechterhaltung der Sonntagrruhe. Den Gesetzentwurf betr. die Entschädigung unschuldig Verurtheilter überwie» der Bunderrath seinem Justizaurschuffe und berieth noch mehrere kleinere Vorlagen.
Beide Häuser de» preußischen Landtage» richteten in Erwiderung der höchsten Botschaften, welche Kaiser Friedrich al« König von Preußen «m Montage an sie gesandt halte, ebensall» Danke«- und Huldigung»-Adreffen an ihren Landerherrn. Dar preußische Abgeordnetenhaus trat dann am 21 März seine bi« zum 10. April dauernden Osterferien an, während da» Herrenh au» die ganze Woche hindurch noch tagt, um die Etatrberathungen zu beendigen.
In Frankreich hieß ei die ganze verflossene Woche hindurch Boulangrr und kein Ende, aber das Ende Boulanger's als kommandirendec General und Führer der politischen Heißsporne ist nun doch mit Riesen, schritten herbeigekommen. Die Furcht der Republikaner vor einem rücksicht». losen Haudegen brachte sie zur Besinnung, sodaß sie da» Vorgehen de» Ministerium» gegen Boulanger billigten; dem Anträge des Ministerpräsidenten Ttrard, daß General Boulanger wegen Verletzung militärischer Pflichten vor ein Kriegsgericht zu stellen und im Uebrigen ke.n anderer Antrag zulässig sei, schloffen sich in der Deputirtenkammer sogar ein großer Theil der Radikalen und Monarchisten an, sodaß der Antrag de» Ministers mit 349 gegen 93 Stimmen genehmigt wurde. Am Sonntag beginnen erst unter dem Vor- fitze des Generals Fmdeherbes die Verhandlungen des Kriegsgerichts gegen Boulanger und man wird sich auf den Urtheilrspruch noch gedulden müssen. Daß aber General Boulanger mindesten» abgesetzt wird, dürste keinem Zweifel unterliegen. .... , .
Das politische Leben in Rußland zeigt in letzter Woche eine ver. hältnißmäßig recht große Ruhe, e» fehlte sogar an den bekannten obligaten Hetz, und Verleumdungsartikeln der Panslawisten-Organe. Nur der Versuch russischer Zeitungen, die deutsch-österreichische Alliance al» aufgehoben zu bezeichnen, verdient al» ein charakteristisches Merkmal der politischen Lage
erwähnt zu werden. Man behauptet in Petersburg sogar, daß da» deutsch- österreichische BÜndniß unter dem Friedenskaiser Friedrich gar keinen Zweck ür Deutschland habe, denn Oesterreich verstecke sich nur hinter die demichen B rjonette, um Rußland im Orient entgegenzutreten, wodurch eine Erstarkung der deutsch-russischen Freundschaft verhindert werde. Nun, wenn nur die Panslawisten ihre neusten Rechnungen nicht auch ohne den Wirth machen.
Inden maßgebenden Kreisen des englischen Parlament» spricht sich doch mehr und mehr die Ueberzeugung au», daß die Gesetzgebung zur Milderung der irischen Frage wettere Schritte thun müffe. Der Antrag des Führer» der Irländer, Mr. Parnell, im Unterhause zur Reform de» irischen Bodengejetze», daß die rückständigen Pachtgelder erlassen und den Guts- Herren verboten werden solle, säumige Pächter au» dem Pachtverhältniß zu entlassen, wurde natürlich nicht angenommen, wohl aber wurde der Antrag Williams genehmigt, wonach bei der Aenderung des Bodengesetzes auf die Lage der Pächter möglichste Rücksicht genommen werden soll.
Man sollte es nicht glauben, was Alles der Ruhe auf der Balkanhalbinsel zu Gute kommen kann. Es herrscht dort jetzt vollständige Ruhe, und dieses Wunder, welche» schon oft allen sechs Großmächten Schwierigkeiten bereitete, hat in letzter Woche der — Schnee fertig gebracht. Serbien, Montenegro und Bulgarien sind förmlich im Schnee vergraben, so daß man nur mit größter Mühe von einem Orte zum anderen gelangen kann. Da schweigen alle Erhebung-versuche todtenstill und wir dürfen im Orient wenigsten» bi» nach Ostern aus Ruhe rechnen.
Deutschland.
][ Darmstadt, 22. März. Zur Feier de» Gedächtnisses weiland Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm sand heute Vormittag 10 Uhr, für die Con- fessionen getrennt, ein militärifcher Trauergottesdienst statt. Dem Gottesdienst der evangelischen Militärgemetnde in der Stadtkirche wohnten Se. König!. Hoheit der Grobherzog, Se. König!. Hoheit der Erbgroßherzog, Ihre Großh. Hoheiten die Prinzessinnen Irene und Alix, die Prinzen Heinrich und Wilhelm von Hessen, Se. Hoheit der Fürst Alexander, Prinz von Batten- berg bei.
Da» Großh. Hostheater bleibt am heutigen Tage, dem allerhöchsten Geburtssest weiland Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm, geschloffen, wie wir dieses schon früher in Aussicht hatten stellen können.
Die hiesige nationalliberale Partei veranstaltet heute Abend im Saalbau eine Gedächtnißfeier für welland Kaiser Wilhelm. Landtags- Abgeordneter Wolfskehl wird dabei den Vorsitz führen, Gymnasiallehrer Trüm- pert die Gedächtntßrede halten und Landtags-Abgeordneter Dr. Osann dar Schlußwort sprechen. Der Männergesangverein „Mozartverein" wird den mutt» ralif(^e^^X^U^^uefüJ>ren. {ale?anbero0nöeffcn sind seit seiner Rückkehr von B-rlin an Kolik erkrankt. Die» ist auch der Grund, warum der hohe Herr gegenwärtig nicht das Präsidium der Ersten Ständekammer führt, vielmehr die Präsidialgeschäfte dem zweiten Präsidenten Fürst zu Dsenburg- Büdingen überlassen mußte.
Darmstadt, 22. März. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 21. März den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Wald - Michelbach Hermann Sandmann zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Butzbach mit Wirkung vom 2. April l. Js.,


