Ar. 223 Erstes Blatt. Sonntag den 23. September 1888.
Gießener' Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7. .»En
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeit.
Gießen, am 21. September 1888.
Die Schüler nehmen Wohnung und Kost in Privathäusern der Stadt. Dre Pensionsverhältniffe sind günstig. Auskunft aus Anfragen ertheilt das Bureau des Landesgewerbvereins.
Bedingungen zur Aufnahme find:
1) Für die untere Abtheilung der Bauhandwerker, wie für die Abtheilung der Metallarbeiter: Nachweis einer mindestens einjährigen Beschäftigung in einem technischen Gewerbe. Nur in besonderen Fällen wird hiervon abgesehen. — An Vorkennt- lüssen wird von den Aufzunehmend m nur der Nachweis der Kenntnisse verlangt, welche den aus einer Volksschule Entlassenen zukommen sollen.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
________Fresenius.
Der Unterricht wird während der bezeichneten 4 Monate an allen Werktagen, Vormittags von 8—12 und Nachmittags von 1—6 Uhr ertheilt.
Die Schule umfaßt drei Abtheilungen; zwei für Bauhandwerker (Maurer, Steinmetzen, Zimmerleute, Dachdecker, Schreiner, Glaser, Tüncher, Anstreicher, Stukkatore u. Decorationsmaler, Ziegler u. Töpfer, Pflasterer rc.); eine für Schlosser, Gürtler, Spengler, Installateure, Mechaniker, Maschinen- und Mühlenbauer, Pumpenmacher rc.
Gegenstände des Unterrichts sind: Freihand- und geometrisches Zeichnen; darstellende Geometrie; Schatten-Constructionen; Perspective; Bauconstructions- lehre; Stabilitäts- und Festigkeitsberechnungen; Elemente der Maschinen-Con- structionen; Fachzeichnen für die betreffenden Gewerbe; Aufnahme und zeichnerische Darstellung von Bautheilen, Gebäuden, Maschinen und Werkzeugen; Entwerfen von Bauanlagen und von einfachen Maschinen; kunstgewerbliches Zeuhnen. — Ferner: technisches Rechnen; Algebra; Geometrie; Feldmeßkunst, einschließlich Trigonometrie und Planzeichnen; gewerbliche Buchführung; Bauführung; Materialienkunde, Ausstellung von Kostenvoranschlägen; Grundlebren der Physik und Mechanik; Modelliren in Thon, Wachs und Holz.
Die Unterrichtslocale befinden sich Neckarstraße Nr. 3 in Darmstadt, unfern von den Bureaulocalitäten, der Bibliothek und der tech- mschen Mustersammlung des Landesgewerbvereins, so daß die letzteren Sammlungen von den Schülern besucht und geeignet benutzt werden können.
Darmstadt, den 15. September 1888.
Großherzogliche Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbverein.
, , r Gefunden: 1 Mutterschraube, 1 Kette, 2 Handschuhs, 3 Messer, 1 Pack Dochtband, 1 Hundehalsband, 2 Kinderschuhe 1 Kinderlirumvs 1 Sonnenschirm? 3 Broche^l SttiAug?' 1 W“’ 1 1 Portemonnaie, 1 Minze, 1 Ackerleine, 1 Kiffenaberzug, 1 Schlüssel, 1 Armband'
Zugelaufen: 1 Stallhase.
Landes Baugewerkfchule Darmstadt
Am IS. November l. I. beginnt der dreizehnte Jahres-Cursus der Landes-Baugewerkschule und schließt am 15. März 1889.
Die Landes-Baugewerkschule soll insbesondere Bauhandwerkern, sowie Maschinen- und Mühlenbauern, Mechanikern und Metall-Arbeitern, Gelegenheit bieten, sich die für einen selbstständigen Gewerbebetrieb erforderlichen theoretischen Kenntnisse und die notwendigen Fertigkeiten im Zeichnen und Entwerfen von Plänen für die practische Ausbildung zu erwerben. Auch soll die Landes-Baugewerkschule zur Ausbildung von Werkmeistern, Parlieren, Bauaufsehern rc. dienen.
2) Für die obere Abtheilung der Bauhandwerker: Nachweis ausreichender Kenntniß der niederen Arithmetik, einer angemessenen Fertigkeit im Freihand- und geometrischen Zeichnen, sowie in der Lösung einfacher Aufgaben der darstellenden Geometrie; Befähigung, sich im Deutschen gehörig schriftlich verständlich zu machen.
Wird zu der Bildung einer oberen Abtheilung für die Metallarbeiter geschritten, so werden für die Aufnahme in dieselbe ähnliche Bedingungen ge-
Das Schulgeld beträgt für die ganze Unterrichtszeit — 30 Mark und ist beim Beginn des Cursus voraus zu bezahlen.
Anmeldungen zur Aufnahme haben möglichst frühzeitig und läng- fienS bis zum 31. Oktober 1. I. schriftlich bei der unterzeichneten Stelle, oder auch mündlich auf dem Bureau derselben — Neckarstraße Nr. 3 HI. Stock — zu geschehen. — Da die Aufnahme von Schülern durch die Zahl der verfügbaren Plätze für das Zeichnen beschränkt ist, erfolgen die Aufnahmen m der Reihenfolge der Anmeldungen.
Politische Ueberficht.
Gießen 22. September.
erfreut sich trotz der großen Anstrengungen, welche die nun beendigten Manovertage in der Mark für den erlauchten Herrn mit sich brachten, des Lenkbar besten Wohlbefindens. Er hat bei dieser Gelegenheit eine ganz außerordentliche Spannkraft entwickelt, welche die höchste Bewunderung seiner Umgebung immer wieder erregte und erwies sich der jugendliche Monarch selbst an Tagen, an denen er acht bis neun Stunden ununterbrochen im Sattel gewesen, Abends so frisch und munter wie am Morgen. Auch nach Beendigung der Manöver hat sich der Kaiser keine besondere Ruhepause gegönnt, denn unmittelbar darauf hielt er mit einigen Herren seines Gefolges größere Jagden bet Hubertusstock ab und verweilte er bis Ende dieser Woche im genannten Jagdschlösse.
Soweit bis jetzt bekannt, gedenkt der Kaiser am Dienstag nach Detmold abzureisen, um daselbst am nächsten Tage einer Hofjagd beizuwohnen und sich am 27. September nach Köln zu begeben. Pon der rheinischen Metropole aus geht die Katserreise vermutlich direct nach Stuttgart, da man hier der Ankunft des Kaisers bestimmt für den 28. d. M. entgegensieht. Auf den Besuch des württembergischen Königspaares würde alsdann ein Aufenthalt auf der Mainau folgen, woselbst der Kaiser bekanntlich der Geburtstagsfeier der Kaiserin-Wittwe Augusta am 30. September beiwohnen will. Alsdann reist der Kaiser nach München weiter, woselbst er wahrscheinlich am 2. October etntrifft, um am nächsten Tage in der österreichischen Hauptstadt zum Besuche der Kaiserfamtlie vorzusprechen, lieber den Tag der Fortsetzung der Kaiserreise von Wien nach Rom scheinen noch keine endgültigen Dispositionen getroffen zu sein.
Der Zollanschlutz Hamburgs ist laut einer Bekanntmachung des Reichskanzlers auf den 15. October festgesetzt worden und auch Bremen soll in der Nacht vom 14. zum 15. October dem Zollgebiete angeschlossen werden. Bislang hieß es, der Kaiser würde bei diesem bedeutungsvollen Acte zugegen sein, aber diese Meldung kann schwerlich ihre Richtigkeit haben, da Kaiser Wilhelm in den Tagen des 11. bis 16. oder 17. October ja in Italien weilen wird und scheint da irgend ein Jrrthum obzuwalten. — Der bevorstehende Zollanschlutz von Hamburg und Bremen hat bereits zahlreiche Versetzungen von Aufsichtsbeamten aus den bisherigen Zollbezirken in das Innere des deutschen Zollgebietes veranlaßt, da dieses wichtige Eretgntß die gesammte bisherige Grenzaufsicht gegen die beiden Hansestädte und ihr Gebiet aufhebt. Die betreffenden Versetzungen werden kaum vor dem 1. November beendigt sein.
. « Wiederkehr des Jahrestages des SinzugeS der Italienischen Truppen in Rom (20. September) hat auch diesmal jenseits der Alpen eine Reihe von Kund-
i gedungen hervorgerufen. Zu ihnen gehört auch das Glückwunsch-Telegramm, welches der römische Gemetnderath aus dem gedachten Anlasse an den in Monza weilenden König Humbert richtete und der italienische Monarch dankte für diesen Loyalitätsbeweis sofort in einem bemerkenswerten Telegramm. Dasselbe bezeichnet den 20. September als einen für ihn, den König, wie für die ganze italienische Nation geheiligten r00 ürVteUt das ehrende Zeugniß aus, daß es während der 18 Jahre, die seit dem 20. September 1870 verflossen sind, seine hohe Mission als Hauptstadt Italiens dem Lande wre der ganzen ctoiltsirten Welt gegenüber erfüllt habe. Dann gedenkt das königliche Telegramm des bevorstehenden Besuches des Kaisers Wllhelm in Rom und feiert den Kaiser als den willkommenen Gast, den Freund und treuen Bundesgenossen Italiens und als das Haupt eines mächtigen Volkes, welches sich zur selben Zeit einigte, wie Italien; Kaiser Wilhelm werde bald Zeuge der neuen Gestaltung und neuen Civiltsation des italienischen Volkes sein.
Die Marine-Revue in Neapel zu Ehren der Anwesenheit Kaiser Wilhelms verspricht, sich außerordentlich glänzend zu gestalten. An derselben werden gegen 30 italienische und auswärtige — englische und österreichische — Kriegsschiffe theilnehmen; auch der italienische „Königs-Aacht-Club", dessen Prolcctor der König und dessen Eom- modore der Kronprinz Victor Emanuel ist, hat um die Ehre gebeten, seine Flotille zu der Revue stellen zu dürfen.
' t Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia haben ihren mehrtägigen Besuch beim rumänischen Königspaar beendigt und Schloß Sinaja am Abend des 19. September wieder verlassen. Der Besuch des erzherzoglichen Paares in der Sommerresidenz der rumänischen Majestäten soll lediglich die Folge einer Einladung gewesen sein, welche König Karl schon vor einiger Zett an das hohe Paar gerichtet hatte. ö
Aus Frankreich kommt die Kunde von neuen ausgedehnten Arbeitseinstellungen. Der Sitz derselben ist diesmal das große Kohlenbecken von St. Etienne, wo gegenwärtig der ursprünglich nur locale Strike der Kohlengrubenarbeiter fast ein allgememer geworden ist. Die Lage wird für nicht unbedenklich gehalten, obwohl noch keine Ausschreitungen der strikenden Arbeiter bekannt geworden sind. Dagegen meldet daß die beun Bau des Eiffel-Thurmes beschäftigten Arbeiter die. Arbeit nach kurzem Strike wieder ausgenommen haben.


