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23/08/1888 Zweites Blatt
 
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Nr. 196 Zweites Blatt. Donnerstag benZ23. August 1380.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Drireaur Sckulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

PrciS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Vf.

Universität- - Chronik.

Berlin, 21. August. Wie dieNational-Zeitung" zu berichten weiß, soll der Streit um die Berufung des Kirchenhistorikers Hamack in Marburg an die Uni­versität Berlin durch die Intervention des Kaisers zu Gunsten Harnack's beendet und die Berufung Harnack's genehmigt sein.

Vermischtes.

Lon Kaiser Friedrich weiß Professor Delbrück in den preußischen Jahr­büchern in einem größeren Artikel viel Interessantes zu erzählen. Den Beschluß des Artikels bildet die Erzählung der letzten Begegnungen des Verfassers mit dem Kaiser. Nach seiner Rückkehr nach Berlin, schreibt Delbrück, habe ich den Kaiser noch viermal gesehen. Am 18. März, wo ich zu dem ersten Gottesdienst in der Charlottenburger Schloßkapelle befohlen wurde und ihn begrüßen durfte, am 24. Mai bei der Hochzeit des Prinzen Heinrich und am 27. März und 3. Juni, wo ich beide Male die Ehre einer eingehenden Unterredung hatte. Am 27. März wurde ich empfangen in dem großen Saal unter der Kuppel des Charlottenburger Schlosses. Anfänglich war ich allein mit der Kaiserin, dann ging die Thüre auf und der Kaiser trat mit, wie es mir zu meiner Freude schien, natürlich raschem, elastischem Schritt herein und schob sich, nachdem er mich begrüßt hatte, ein bloßes Tabouret ohne jede Lehne an den Tisch, während ich selbst auf seinen Wink in einem Lehnsessel Platz nahm. Von dem Tabouret stand der Kaiser noch einmal auf, um sich einen Block Papier zu holen und saß dann die ganze Zett, wohl eine halbe Stunde, ganz straff, ohne sich zu stützen, so daß ich einen sehr günstigen Eindruck von seinem Befinden hatte. Dieser Eindruck wurde allerdings durch eine Episode des Gesprächs in das volle Gegenthetl verkehrt. Ihre Majestät die Kaiserin hatte mit mir vorher davon gesprochen, welchen Druck es auf die Entschließungen des Kaisers ausübe, zu wissen, wie wenig er bei Allem, was er etwa ansangen möchte, Aussicht habe, es zu vollenden. Da es unmöglich sei, in dieser Vorstellung zu regieren, so müsse man suchen, sie vor sich selber möglichst zu unterdrücken. Ich konnte dem nur aus voller Ueberzeugung beistimmen und benutzte deßhalb eine Gelegenheit, an die alten Dom- und Mausoleumsbau Ideen des Kaisers zu erinnern und die Hoffnung auszusprechen, daß diese Pläne jetzt sofort in Angriff genommen werden würden. Da rötheten sich die Augen des Kaisers unheimlich mit einem Blick, der mir in's Herz schnitt, fuhr er mit der Hand einige Mal über das vor ihm liegende Papier:Das ist Alles aus und vorbei." Da stand ich in dem hohen Königsgemach vor dem mächtigsten Manne der Welt dem Aermsten der Welt. Am 3. Juni war es ein wunderschöner Sonntag Vormittag, an dem mich Kaiser Friedrich im Park des Schlosses Friedrichskron empfing. Er saß in dem kleinen Ponywagen und suhr langsam vorwärts durch die breiten Alleen, während ich nebenher ging und ihm einiges vortrug. Zuweilen hielt er an, um etwas aufzuschreiben, und gab mir endlich das Blatt zum Andenken. Es ist die unverändert feste, etwas steile Handschrift der gesunden Tage. Eine Anekdote, die ich ihm erzählte, rief auf seinem Gesicht helle Heiterkeit hervor. Ein kleiner Auftrag, den ich im Anschluß an diese Unterredung erhielt, hatte zur Voraussetzung, daß der Kaiser doch noch eine geraume Zeit zu leben gedenke.

Es geht uns ein Aufruf zu behufs Beiträge für ein Nationaldenkmal auf dem Hohenstaufen. Der Gedanke zur Errichtung eines solchen Denkmals tauchte beim Tode des Kaisers Wilhelm auf; das Denkmal soll den süddeutschen Stämmen ein immerwährendes Zeichen und eine Mahnung an ihre Zusammengehörigkeit mit den übrigen deutschen Stämmen sein. Der betreffende Ausschuß, an dessen Spitze Stadt­schultheis Allinger in Göppingen steht, hat sich, wie es in dem Aufruf heißt, in lieber; einstimmung mit der Ansicht sehr hervorragender deutscher Baukünstler dafür ent­schieden, einen Bau in romanischem Stil herzustellen, der in seinem Grundrisse einen Kreis oder ein reguläres Vieleck bilde, eine Säulenhalle, gedeckt und mit Oberlicht ver­sehen. In den Mittelpunkt der Halle käme das Standbild Kaiser Wilhelms zu stehen, um das sich vielleicht die Gestalten seiner getreuen Paladine gruppiren ließen. In der Runde könnte man die Bilder einiger der bedeutendsten Staufen aufstellen oder deren Thaten durch Gemälde verewigen. Auch würde in derselben Weise noch Raum bleiben für die Darstellung besonders wichtiger Momente aus der Geschichte des neuerstandenen Reiches. Beiträge sind zu senden an das Bankhaus G. U. Schuler in Göppingen.

Ein originelles Btttschreiben an den Kaiser ist von einer alten Frau in Treptow a. d. R. gesandt worden: Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Kaiser und König! Allergnädigster Kaiser und Herr! Eine allein und bilflos dastehende Frau wagt es, im Vertrauen auf die landesväterliche Huld Ew. Majestät, ihre Bitte an den Stufen des Thrones allerunterthänigst niederzulegen. Allergnädigster Kaiser und Herr werden mir meine Dreistigkeit verzeihen, daß ich es wage und um Beistand bitte, daß die Dragoner hier in Garnison bleiben; ich habe Leute bei mir wohnen, das ist mein Brod; wenn die fort sind, dann hab' ich nichts, dann muß ich hungern, denn ich bin alt und kann nichts mehr verdienen. Treptow. Lotte Kressin. Unterm 4. August ist hierauf, derKolb. Volksztg." zufolge, der Bittstellerin nachstehender Bescheid zu- gegangen^ Kriegsministerium, Militär-Oeconomie-Departement. Berlin, 27. Juli 1888. Die an Se. Majestät den Kaiser und König gerichtete Eingabe um Belassung der gegenwärtigen Garnison ist zur Prüfung und Beschreibung auf Allerhöchsten Befehl hierher abgegeben'worden. Nachdem die Prüfung stattgefunden hat, wird Ihnen mit- getheilt, daß der gestellten Bitte nicht entsprochen werden kann.

Vom Rhein, 17. August. Eine originelle Belastung ruht auf dem Feld­grundstücke einer Ortsgemarkung am Mittelrheine und steht noch heute pfandrechtlich auf demselben eingetragen, nämlich:Der Besitzer ist verpflichtet, bei den jähr­lichen Prozessionsgängen die Fahne zu tragen." Gegenwärtig gehört das Grundstück einer Frau.

Berlin, 16. August. Von der Hochzeitsreise war das junge F'sche Ehepaar am Mittwoch zurückgekehrt. Nicht glücklichere Leute konnte es geben, als die Zwei, welche er ft nach jahrelangen Kämpfen sich einander angehören durften. Nach einer Reise in die Schweiz sind sie jetzt im Begriff, in ihr trautes Heim einzuziehen, für immer! Die Droschke, welche sie vom Anhalter Bahnhof der Wohnung zugeführt, hält vor der Thür des Hauses. Der junge Ehemann ruft fröhlich:Da sind wir endlich am Ziel!" und verläßt als Erster den Wagen, seiner Gattin beim Aussteigen behilflich zu sein. Die aber lehnt sich plötzlich mit bleichem Angesicht in die Kissen zurück und lispelt leise auf die fragende Miene des Mannes, warum sie nicht folge:Ich kann nicht! Mir ist so unwohl geworden!" Der Mann holt seine Dienstboten herbei, welche die schwer Athmende die Treppe hinauf in die Wohnung tragen. Kaum ist sie dort auf das Sopha gebettet, so haucht sie ihren letzten Seufzer aus und der herbeigerufene Arzt vermag nur noch den durch Herzschlag herbeigeführten Tod fest- zustellen.

(Humor im Gerichtssaale.j Von dem Wiener Gerichte wurde jüngst eine Frau wegen Bettelns zu 24 Stunden Arrest verurtheilt.Herr Richter", bittet sie

nun,ich möcht bitten, daß mein Mann die Straf' absitzen dürst', er hat so nichts Anderes zu thun." Richter: Das geht nicht, die Arreststrafe muß Derjenige abfifoen, der verurtheilt wird. Angekl.: Na, dann möcht ich halt bitten, daß ich die Strafe zahlen könnt'. Richter: Warum nicht gar! Wo würden Sie denn das Geld dazu hernehmen? Angekl.: O, das thät ich mir schon zusammenbetteln.

Landwirthschaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

Um Speck, Schinken rc. einzulegen und auch genießbar zu erhalten, streut man in einen Kasten, der an einem trockenen und luftigen Orte stehen muß, etwas trocken durchgesiebte Buchenasche auf den Boden, legt dann das geräucherte Fleisch rc. hinein, streut wieder Asche und fährt so fort, bis der Kasten voll ist. Nur muß man Alles mit Asche bedecken, damit kein Jnfect seine Eier an das Fleisch legen kann. Vor dem Gebrauche läßt man das auf diese Art eingepackte Fleisch mit einer trockenen Bürste von dem Schimmel reinigen, der sich daran gesetzt hat, der aber dem Wohl­geschmäcke gar nichts schadet. Auf diese Art eingelegtes Fleisch rc. bleibt ein ganzes Jahr hindurch und länger saftig und hat auch noch die Annehmlichkeit, daß kein Fett heraustrieft. Der Reinlichkeit halber kann man jedes Stück vor dem Einlegen mit Papier umwickeln.

Um ausgelassenes Schmalz langer wohlschmeckend zu erhalten, gießt man es in Blasen, welche zu diesem Zwecke oben etwas abgeschnitten werden, einen Tag in Wasser gelegt und deren innere Seite nach außen gedreht wird. Das ausgebratene Schmalz läßt man in einem Topfe soweit erkalten, daß es eben noch flüssig ist, dann gießt man es in die Blase, speilt diese zu und unterbindet sie. Darauf wird noch eine Schleife zum Aufhängen der Blase angebracht und dieselbe bann kühl und luftig hängend aufbewahrt. Am besten eignen sich Rindsblasen, schon deshalb, weil sie am größten und stärksten sind. Wenn man das Schmalz gebrauchen will, schneidet man dasselbe mit der Blase stückweise ab. Auf diese Weise aufbewahrtes Schmalz hält sich monatelang, was namentlich im Sommer von nicht zu unterschätzendem Werthe ist.

(Fallobst zu verwerthen.) Mehrfache Versuche haben gezeigt, daß nicht ganz reife Aepfel mehr Stoffe zur Geleebildung enthalten, als vollkommen reife Früchte. Aus diesem Grunde ist Fallobst gut zu gebrauchen und findet dabei die nützlichste Ver­wendung; dasselbe ist auch der Billigkeit halber zu empfehlen. Da man auch ganz kleine Mengen von Gelee ober Saft bereiten kann, so ist ein geringes Quantum kein Hinderniß. Das nach folgendem Verfahren zubereitete Gelee ist ganz vorzüglich: Man focht die vorher gewaschenen, ungeschälten Aepfel im Kessel möglichst weich, ohne daß sie zu Mus werden. Dann läßt man sie in einem entsprechend großen Gefäße zwei bis drei Tage stehen, denn dies ist zur Geleebildung unerläßlich. Hierauf werden die Aepfel hi einen großen Sack gethan und über ein offenes Gefäß gehängt, so daß der Saft abtropft. Läßt das Abtropfen nach, so wird es durch gelindes Drücken ober Pressen beförbert. Man barf aber nicht so stark pressen, baß ber Saft trübe unb brei­artig abfließt. Hört das Abtropfen auf, so wird die Flüssigkeit in einem Kessel ober auf dem Herde syrupdick eingekocht. Zucker wird nach Geschmack hinzu gethan, doch ist es rathsam, lieber mehr als wenig zu nehmen. Ehe die Masse dick wird, setzt man beliebig Vanille ober Zimmet, Ingwer rc. zu. Der erkaltete Saft wirb in Flaschen gefüllt unb gut verkorkt, Gelee in Einmachgläser ober Töpfe. Diese Fruchtsäfte sind köstlich zu Brod unb Puddingsaucen und für Kinder ein Leckerbissen. Hat man Quitten, so werden die schlechteren Früchte zerschnitten und mitgekocht oder man nimmt blos die Schalen von Einmachquitten. In diesem Falle läßt man andere Würzen weg. Man kann auch reines Quittengelee kochen, indem man steinige Früchte, welche ein­gemacht unangenehm hart sind, wie die Aepfel behandelt.

Handel nnd Verkehr.

Dem Postoerkehr des Stadttheils Frankfurt (Main)-Sachsenhausen sind sämmtliche in Sachsenhausen und in Frankfurt rechts des Mains ankommende und abgehende Posten in directen Anschlüssen nutzbar gemacht. Trotzdem muß die Bestellung zahlreicher für hier bestimmter Postsendunaen verspätet erfolgen, weil dieselben nicht die vom Kaiserlichen Reichspostamte für den hiesigen Stadttheil gewählte unb allen Postanstalten zum Gebrauch anbefohlene BezeichnungFrankfurt (Main)-Sachsenhausen" als Bestimmungsort tragen. Es liegt daher im eigenen Interesse eines Jeden, diese Bezeichnung stets als Abgangsort für Postsendungen zu wählen und allen Personen, mit denen man in Verbindung steht, anzuempfehlen, dieselbe als Bestimmungsort auf die für den genannten Stadttheil bestimmten Postsendungen zu setzen. Tragen die gedachten Postsendungen den BestimmungsortFrankfurt (Main)", dann werden sie zunächst dem Postamt 1 (Zeil) zugeführt und nicht direct hier abgewiesen, was natürlich eine verspätete Ankunft und Bestellung zur Folge hat. Auch die BezeichnungSachsen­hausen" bei Frankfurt (Main) gibt zu Fehlleitungen auf die Postämter 9 (Haupt- Personen-Bahnhof) und 1 (Zeil) Anlaß, ist überdies historisch unrichtig, weil ber Sachsen­häuser Stadttheil nie eine communale Selbständigkeit besessen hat.

Folgende Aenderungen der Postordnung sind mit dem 1. August in Kraft getreten: 1) Auf ber Vorberseite ber Postkarte barf ber Absenber fortan außer ben auf die Beförderungen bezüglichen Angaben noch seinen Namen unb Stanb bezw. seine Firma, sowie seine Wohnung vermerken. 2) Die Aufschrift ber Waarenprobe barf nicht mehr auf einer sogen. Fahne angebracht unb ber Senbung angehängt sein, sonbern muß auf diese selbst ausgeschrieben werden. 3) Im Falle ber Rachsenbung wirb für jeden neuen Bestimmungsort vom Tage der Ankunft daselbst eine besondere Einlösungs­frist von sieben Tagen berechnet. 4) Postsendungen, welche an verstorbene Personen gerichtet sind, dürfen den Erben ausgehändigt werden, wenn dieselben sich als solche durch Vorlegung des Testaments oder der gerichtlichen Erbbescheinigung legitimiren; w lange dieser Nachweis nicht erbracht ist, werden die gewöhnlichen Briefsenbunyen an die Familien-Angehörigen ober ben Hauswirth, Vermiether u. s. w. bestellt. 5) Bei Packeten, bei Briesen mit Werthangabe, sowie bei Briefen mit Nachnahme erfolgt bte Nachsendung künftig nur auf Verlangen des Absenders, bei vorhandener Sicherheit für das Porto auch auf Verlangen des Empfängers.

Städtische Baugewerkschule zu IDSTEIN im TAUNUS beginnt Vorcursus 1. October, Wintersemester 29. Oktober. Auskunft und Programm kostenlos durch die Direction. [6319