Ausgabe 
22.7.1888 Zweites Blatt
 
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1888.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Bureau r S ch u l st r a ß e 7.

Nr. 169 Zweites Matt. Sonntag dm 22. Juli

Erscheint täglich mit Ausnahme des MoutagS. mit Brinflerlobn.

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Was ist uns England werth?

Die Annäherung, welche gegenwärtig zwischen Deutschland und Rußland statt­findet, wird selbst von Frankreich nicht mit so scheelen Augen angesehen, als von Eng­land. Es ist dies auch ganz natürlich, denn England ist der natürliche Gegner Ruß­lands, weil Beide bei dem stetigen Streben, ihre Macht in Asien zu erweitern, auf einander gestoßen sind. Seit Jahren ging die englische Politik darauf aus, Deutsch­land und Rußland in Zwiespalt zu erhalten, weil sie sich der Hoffnung htngab, Deutschland werde, wie dies früher oft geschehen, für England die Kastanien aus dem Feuer holen. Die deutsche Diplomatie hat dies bisher^ nicht gethan und wird voraus­sichtlich auch in Zukunft es England überlassen, seine Streitigkeiten allein auszufechten.

In England sind nun wieder einmal Ereignisse zu Tage getreten, welche gezeigt haben, wie schlecht es mit der so viel gerühmten Flotte bestellt ist. DieTimes", welcher man jedenfalls nicht den Vorwurf machen wird, daß sie allzuschwarz sieht, gibt beispielsweise folgende Schilderung:

Die Mängel unserer Marine sind ja in England wie im Auslande wohl be­kannt. Dennoch ist es interessant, sie amtlich registrtrt vor sich zu haben. Es gibt neun Schiffe in unserer Flotte, theilweise die größten und theuersten, welche auf 78 Kanonen warten. Alle Fabriken sind mit ihren contractlichen Verpflichtungen im Rückstände. Die Ausrüstung desHove" hätte z. B. schon tm letzten September voll­endet sein sollen, wird aber erst im nächsten September von der königlichen Kanonen­fabrik fertig gestellt. DerAnson" wartet auf seine Kanonen von Elswick. Diese hätten im April d. I. abgeltefert werden sollen, werden aber erst im nächsten März vollendet. Die Whitworth-Gesellfchaft hat vier Kanonen nicht für denCollingwood" abgeliefert, welche für Mai vorigen Jahres versprochen waren."

Dies erklärt zur Genüge das Gefühl der Bangigkeit, mit welcher man in Eng­land kriegerischen Verwickelungen entgegensieht. Richt allein, daß man fürchtet, Eng­land werde seinen colonialen Besitz im Falle eines Krieges nicht behaupten können, sondern man hat auch in ernstliche Betrachtung gezogen, ob nicht eine Landung seitens feindlicher Truppen zu befürchten sei. Lord Hamilton hat allerdings die Ansicht aus­gesprochen, daß eine solche nicht möglich wäre, weil kein europäischer Staat die zur Landung von 120 000 Mann nöthigen Transportmittel rasch genug zusammenziehen könne, eetne Berechnung hat nur einen Fehler, den nämlich, daß er außer Acht ge­lassen hat, daß die Kriegsflotte sehr wohl tm Stande ist, beträchtliche Truppenmassen zu transportiren, wo es sich nur um eine kurze Seereise handelt. Der Gedanke, daß feindliche Truppen in England landen könnten, ist daher durchaus nicht so absurd als es auf den ersten Blick scheint. Darüber sind alle Kenner englischer Verhältnisse einig, daß die fast ausschließlich aus Freiwilligen bestehende englische Landarmee mehr als eine Spielerei zu betrachten sei, und daß sie einem mit genügender Truppenmacht unter­nommenen Angriffe auf die Hauptstadt schwerlich besondern Widerstand leisten könne.

Wir sehen, daß wir darnach die englische Freundschaft nicht allzuhoch zu schätzen haben. Diplomatische Bündnisse müssen sich, wenn sie dauerhaft sein sollen, auf Gemeinschaft der Interessen, auf gegenseitigen Nutzen gründen. Kein praktischer Staats­mann wird dies leugnen. England aber ist nicht in der Lage, Deutschland auch nur annähernd so viel zu bieten, als es seinerseits von Deutschland verlangt und erwartet. In der Politik gilt mehr noch als anderswo der Grundsatz: du ot des (ich gebe, damit du gibst). Wer nichts bieten kann, der erhält auch nichts. Unter diesen Umständen dürfen wir uns nicht wundern, daß ein auf einem so practischen Standpunkt stehender Staatsmann wie Fürst Bismarck, die Freundschaft Rußlands, soweit sie nicht dem Bündniß mit Oesterreich widerstreitet, derjenigen Englands bei Weitem vorzieht und seinem kaiserlichen Herrn deshalb die Reise nach Rußland warm empfohlen hat.

Lokales.

Gießen, 21. Juli. Dienstag den 24. l. Mts., Vormittags 9 Uhr, sindet eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung:

1. Enteignung von Gelände zur Vergrößerung des Spielplatzes und Anlage von Abtritten bei dem Schulhause zu Grünberg.

2. In Sachen des Ortsarmenverbandes Gießen gegen den Ortsarmenverband Vilbel wegen Unterstützung der Wachtmeister Wilh. Schneider Wwe.

3. Zusammenlegung von Grundstücken in der Gemarkung Saasen, hier Reclamation wegen der Abschätzung von Obstbäumen.

4. Recurs des David Sandheim von Kirtorf gegen eine Entscheidung des Kreis­ausschusses des Kreises Alsfeld, den Verkauf von Branntwein betr.

5. Recurs des Liebmann Heynemann von Laubach gegen eine Entscheidung des Kreisausschusses des Krerses Schotten, den Verkauf von Branntwein betr.

6. In Sachen des Ortsarmenverbands Homburg v. d. H. gegen den Ortsarmen- verband Griedel wegen Unterstützung des Johs. Crispens aus Lindheim.

7. Expropriation von Gelände des Friedrich Zöller von Gießen.

Vermischtes.

Dem Kaiser Wilhelm hat jüngst eine Abordnung der Berliner Studenten eine Adresse überreicht. Bei dieser Gelegenheit sagte der Kaiser zu den jungen Herren: Einen Wunsch lege Ich Ihnen an's Herz, lassen Sie das Studium der deutschen Ge­schichte mehr als seither in den Vordergrund treten; das war auch immer der Wunsch Meines kaiserlichen Großvaters." Diese Mahnung kam ganz aus dem Sinne des Kaisers heraus. Sein früherer Lehrer und Erzieher Dr. Hintzpeter sagt in dem in­teressanten Schriftchen, das er soeben über den jungen Kaiser veröffentlicht hat:An der andächtigen Aufnahme der deutschen Geschichte entzündete sich seine Begeisterung für deutsche Thaten und Helden, von Karl dem Großen und seinen Paladinen bis zu den Heroengestalten des eigenen Vaters und Großvaters."

München, 17. Juli. Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft tagte seit vor­gestern im Rathhaussaale. Wir beben aus den Verhandlungen hervor: Nach der Begrüßung der Theilnehmer wird zum stellvertretenden Vorsitzenden Bothke (Danzig), zum Schriftführer Dr. Schmidt (Bonn) gewählt. Götz (Lindenau) erstattet den Geschäftsbericht. Danach ist es irrthümlich, wenn man die Bestrebungen des Vereins als nutzlos ansehe oder gar behaupte, er beginne zu verjuden, eineEntdeckung", die man Oesterreich verdanke. In Deutschland und Deutsch-Oesterreich existiren 4046 Turn­vereine, wovon 3682 in 3079 Orten mit 350,875 Mitgliedern zur deutschen Turner­schaft gehören. In 1887 ist dieselbe um 260 Vereine mit 27,750 Mann gewachsen. ! Die Einnahmen betrugen JL 24,794, die Ausgaben JL 16,350. Der Bericht wird geprüft und anstandslos genehmigt. Der Turntag in Eoburg stellte den Antrag, Bitt- ! gefuche an alle Behörden um billige Ueberlassung der Schulturnhallen zu richten. Der j Ausschuß will, ehe er der Sache nähertritt, eine Statistik jener Orte zusammenstellen, ' die solche Turnhallen besitzen, und ermitteln, wer darüber zu verfügen hat. Die Vor­

gänge in Oesterreich, das Verfahren des Erstm Wiener Turnvereins, die Aenderung des Grundgesetzes des niederösterreichischen Gaues veranlaßten den Ausschuß, folgende Anträge von Götz (Lindenau) zu berathen: 1. Wenn der niederosterreichische Gau sein Grundgesetz in antisemitischem Sinne auf dem Gautag am 15. Juli abändert, so fei er nach den Bestimmungen des Grundgesetzes der deutschen Turnerschaft als aus der­selben ausgeschieden zu betrachten. 2. Der erste Wiener Turnverein sei so lange aus der deutschen Turnerschaft auszuschließen, bis er die vom österreichischen Kreisturnrath verlangte Erklärung auf Ehrenwort abgibt, sich jeder antisemitischen Agitation in Turnerkreisen und in der Presse zu enthalten und jene Mitglieder, welche sich dieser Forderung nicht fügen, auszuschließen. Der Ausschuß nimmt eine Resolution an,der­selbe billigt vollkommen das Vorgehen des österreichischen Kreistumraths gegen den niederösterreichischen Gau". Die Oesterreicher enthalten sich der Abstimmung. Inzwischen hat nach aus Wien vorliegenden Nachrichten der niederösterreichische Gautag die Abänderung seines Grundgesetzes in antisemitischem Sinne angenommen. Der Ausschuß erachtet ihn damit als aus der deutschen Turnerschast ausgeschieden und ver­leiht dem durch förmliche Annahme der oben erwähnten Götz'sch en Anträge Ausdruck. In der sich anschließenden gemeinsamen Sitzung des Ausschusses der deutschen Turnerschaft und des Münchener Festausschusses begrüßte der erste Bürgermeister Dr. v. Wiedenmayer die Anwesenden mit dem Wunsche besten Erfolges für ihre Be- rathungen. Maul (Karlsruhe) dankt, indem er der Hoffnung Ansdruck gibt, daß das 7. deutsche Turnfest in München sich zu einem national bedeutungsvollen Tage gestalten werde. Als Zeit für dasselbe wird das Ende des Monats Juli 1889 bestimmt, als Festplatz die Theresienwiese in Aussicht genommen, auf der eine 20,000 Quadratmeter Fläche umfassende Festhalle mit Raum für 6000 Zuschauer errichtet werden soll.

sHöchste Einbildung.) Lieutenant v. Storchbein:Kolossale Schmerzen, Doctor fabelhaften Wadenkrampf!"

Landwirthfchaftliche Nachrichten.

(Nachdruck verboten.)

(Gegen das Aufblähen des Viehes.) Gegen das Aufblähen des Viehes wird in manchen Gegenden folgendes Mittel mit Erfolg angewendet: Man macht in die beiden Spitzen eines Hühnereies eine Oeffnung und läßt das Eiweiß ausfließen. In den leer gewordenen Raum gießt man Terpentinöl und stopft beide Oeffnungen mit Brod zu. Das so präparirte Ei wird dem aufgeblähten Vieh soweit als möglich in den Schlund gesteckt, so daß es verschluckt wird. Nach kurzer Zeit erfolgt ein häufiges Ausstößen und wenn man das Thier hin und her treibt oder mäßig auf die linke Hungergrube drückt, so wird dasselbe nach 1015 Minuten wieder ganz munter und kann der Nahrung nachgehen.

Schwarze Seidenstoffe von Mk. 1.25 bis 18.65 p. Met. (ca. 180 versch. Qual.) vers. roben- und stückweise porto- und zollfrei das Fabrik-Depot G. Henneberg (K. u. K. Hoflief.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Pf. Porto. 2744

Der deutsche «charrmwein, von der Fabrik Wachenheim in der Rhein­pfalz nach dem patentirten Verfahren des Herrn Adolf Reih len von Stuttgart aus reinem Trauvenwein und reinem Zucker hergestellt, erhält gleich dem französischen Champagner seine Kohlensäure durch ote eigene Gährung des dazu verwendeten Weines. Während aber bei dem alten französischen Verfahren zu der Schaumwein­bereitung junger Wein genommen und die Zuckerzersetzung, resp. Mousseux-Bildung durch die demselben innewohnende Hefe bewirkt wird, kommt bei dem neuen Reihlen'schen Verfahren nur Wein zur Verwendung, welcher fämmtliche hefenartige Bestandtheile verloren hat, und wird bei diesem Verfahren die Zuckerzersetzung durch ein vorübergehend beigegebenes Ferment, eine reine Pflanzenfaser (Gährfaser") bewerk­stelligt, welche zugleich dem Weine einen strahlenden Glanz verleiht.

Da der neue deutsche Schaumwein nur aus Naturwein und Zucker ohne irgend welche Beigabe von Spirituosen, Tannin, Alaun oder dergleichen bereitet wird, also nicht erst einen solchen Zusatz zu erhalten hat, so ist sein Gehalt an Kohlensäure sehr bedeutend und solcher den von Herrn Dr. Schmidt in Wiesbaden analytisch erhobenen Durchschntttsgehalt von Schaumweinen aus 5 berühmten deutschen und französischen Fabriken um 76 Vrocent übersteigt.

Und da das neue Verfahren bedeutens geringeren Zeitaufwand erfordert, auch viel kleinere Kosten verursacht als das alte Verfahren, so ist es der Fabrik Wachen­heim möglich, ihren Schaumwein zu einem äußerst billigen Preis abzugeben. (Siehe Inserat.)

Ein von dem Herrn Geheimen Rath Dr. v. Pettenkofer bestätigtes Gutachten der Königl. Unterfuchungsanstalt in München erklärt, daß der neue Schaumwein aus reinen Materialien hergestellt worden sei, sowohl in seiner Zusammensetzung als in feinem Gehalt an Kohlensäure den besten französischen und deutschen Marken ent­spreche und einen angenehmen Geschmack, sowie ein kräftiges und anhaltendes Mousseux besitze; während ärztliche Autoritäten ersten Ranges, z. B. Herr Professor Dr. Kußmaul in Straßburg i. E :c., den neuen Schaumwein theils wegen seines angenehmen Ehampagner-Geschmacks, theils wegen seines billigen Preises als passenden Ersatz für Champagner in der ärztlichen Praxis und besonders der Hospitalpraxis empfehlen.

Die Nachfrage nach dem neuen Schaumweine ist denn auch so groß, daß die Fabrik Wachenheim bereits weitere Betriebserweiterungen vornehmen muß.

Durch Proben, welche von Anfang an in verschiedenen Zeitpunkten zurückgelegt wurden, ist nicht blos die Haltbarkeit des Weines, sondern auch die Thatsache bewiesen, daß seine Güte durch Lagerung (natürlich in liegenden Flaschen) sogar noch wesentlich vermehrt wird.

Seine Transportfähigkeit nach den Tropenländern aber erhellt aus der Wiederholung immer größerer Aufträge für Japan, Ostindien und Südamerika.

Bibliothek des Orseltschastsvereins.

Die Mitglieder des Gesellschaftsvereins werden ersucht, alle aus der Bibliothek entliehenen Bücher bis spätestens SamStag, den 28. Juli, zurückzuliefern.

Von Montag, den 23. Juli anfangend, werden keine Bücher ausgeliehen. Die Wiedereröffnung der Bibliothek wird später bekannt gemacht werden.

5833 Der Bibliothekar: Dr. Fromme.