Ausgabe 
22.4.1888 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. Zweites Blatt. Sonntag den sr. April 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

swt',i' *_________««»«»>»»»est&z'Swa»

Kon der Nogat und Weichsel.

Dan-i-, 14. April.

Vorgestern fuhr ich aus Elbing ab. Der ganze dortige Schifferbesitz war noch to sehr von den nächsten Erforderntffen der Umgebung in Anspruch genommen, daß es mir nicht gelang, ein größeres Fahrzeug für einen Ausflug zur Eisbank des Haffs zu gewinnen; Alles, was tragen kann, wird herangezogen, um dem Verkehr der Ueber- ichwemmten mit der Stadt zu dienen; Gutsbesitzer, die ihr Vieh tn der Stadt haben, scahrcn Heu und Stroh hinein, andere laden bereits wieder die Pferde auf Prahme, rum sie in die Heimath zurückzuschaffen; es drängt einen Jeden, mit den Seinigen zusammen wieder im gewohnten Hause zu sein, selbst wenn er auf dem Söller camptren riiuß. Sie haben einen besonderen Grund, ihr Gehöfte nicht gern allein zu lassen; tn 1 en ersten Tagen der Verwirrung haben eine Anzahl von Schurken sich tn Kähnen an t te verlassenen Wohnungen herangeschltchen und haben gestohlen, was zu erreichen war, Dich, Kleider, Werthgegenstände. Es war ein förmlicher Seeraub organisirt, sodaß die Behörden sich veranlaßt sahen, das Fahren auf dem überschwemmten Gebiet für alle diejenigen zu verbieten, die nicht durch eine gestempelte Binde am Arm legitimirt sind; wer ohne diesen Ausweis umherfährt, wird von der Wasserpolizei als verdächtig behandelt.

Ich sah mir in Elbing noch die Turnhalle an, in der etwa 400 Weiber und Binder untergebracht sind; ein betrüblicher Anblick, die Mütter meist still und muthlos, los einzige was man hörte, war das Schreien der Kleinen. Dann ging ich an die Lnlagestelle, um wieder südwärts zu fahren und noch einiges Einzelne im Fluthbezirk cmzusehen.

Em ominöser Zug begegnete mir, sieben tobte Kinder wurden in langer Reihe zu Grabe getragen. Es sind Kinder, die eines natürlichen Todes gestorben sind, die rian aber, weil es auf weite Strecken keinen trockenen Kirchhof gab, nicht rechtzeitig bserdigen konnte und die deshalb tn die Bezirkshauptstadt gesandt wurden. Langsam zvgen die kleinen Leichen dahin und die Frauen auf der Straße sahen ihnen l-aurig nach.

Ziemlich in der Mitte zwischen Elbing und der Bruchstelle liegen zwei Dörfer, Umkirch und Neuhof, auf einer mäßigen Anhöhe, die jetzt als Insel aus dem großen See emporragt. Beide zusammen haben in normalen Zeiten etwa 2000 Einwohner, ji ht sind 1500 überzählige Insassen, Flüchtlinge aus der Umgebung, daselbst vorhanden. Oie Bauern haben ihre Verwandten und Bekannten ausgenommen, wie sie eben kamen, die einen wenige, die andern viele; in einem größeren Hause waren 28 Menschen auf­einandergepackt; in einem anderen saßen zwei Väter und drei Mütter mit zusammen neun Kindern tn zwei Stuben. Doch ist der Gesundheitszustand bis jetzt gut; der Johanniter-Orden hatte eben einen Arzt htngeschickl und die Behörden waren in voller Thätigkeit, um die Vertheilungen in regelrechten Gang zu bringen. Die letzten Pioniere Pommer'schen Bataillons, welche noch anwesend sind, sprengten eben breite Lücken in die zahlreichen Reihen von Weidenbäumen, welche die Felder durchziehen, um den Wasserweg für größere Nachen fretzulegen. Die Fluth fällt ausnehmend langsam; das Sinken beträgt einzelne Zentimeter auf 24 Stunden, l*/z Meter war die geringste Tiefe, n rlche die Pioniere auf ihrem Wege gemessen hatten.

Der kleine Berg, auf^dem Neukirch liegt, hatte bereits von Eis eine Strand- bZschung bekommen, die im Sommer natürlich hoch auf dem freien Felde liegen wird. Überhaupt, wenn die Leute von den Schrecken der ersten Tage erzählen, ist es immer nieder das Eis, welches die Hauptrolle spielt. Die Dörfer und Gehöfte saßen rings eiingepackt tn Schollenfelder von 200 bis 800 Meter Brette. Die rettenden Pioniere mußten ihre Pontons auf's Eis heben und schlittenartig vom Platze ziehen oder die weniger festen Schollen unter sich wegdrücken; sie haben manchmal 5, 6 Stunden gebraucht, um 200 Meter vorwärts zu kommen und wenn sie heute einen Wasserweg brechen, war er morgen wieder zugefroren; wenn sie heute die Menschen abholten, m ußten sie morgen die Arbeit wieder neu aufnehmen, um das Vieh herauszuschleppen. Sie haben sehr brav gearbeitet.

Von Neuktrch fuhr ich nach dem Drausensee, indessen sah ich nicht viel Neues, nmr immer die wüste Wasserfläche und die Häuser, die bis zum Dach im Elend ftecften.

Gegen 5 Uhr trat ich den Rückweg an. Anfangs ging es glatt und schnell; als aber der Sonnenuntergang herannahte, faßte uns eine Böe mit Regen, Hagel und Slurm, die von Marienburg her heraufzog. Der Wind blies so mächtig, daß meine biumftarfen Burschen mit allem Rudern nicht einen Schritt mehr vorwärts kamen; bie Wellen schlugen gewaltig, eine stark angefressene Scheune, die vor uns zusammen- prafjelte, belehrte uns auch, daß es nicht räthlich sei, hinter einzelnen Gebäuden Schutz m suchen; es blieb nichts übrig, als beizudrchen und uns langsam abtreiben zu lassen. Mit einem leichten Rucke kamen wir schließlich zur Ruhe, wir waren festgefahren. Wir werteten geduldig, bis die Wolke vorübergezogen war; dann wurde der Himmel klar unb die Wellen glätteten sich schnell. Wir aber waren gefangen; wir machten uns s^ilich aas dem Schlamme los, tn dem wir saßen, aber nur, um an anderen Stellen immer wieder aufzufahren, eine hohe Welle hatte uns vermuihlich über einen versteckten Deich gehoben und jetzt waren wir unfähig, den Rückweg in's freie Wasser zu finden. Ich forderte meine Leute auf, sich erst mit Essen zu stärken und sah mir inzwischen die Scenerie an.

Es war dunkel geworden; die schmale Mondsichel stand eben über dem Horizont inb die Sterne blitzten herab. Die Luft vollkommen ruhig, ringsum die weite, stille Mche, im Westen vom letzten Abendlicht grauröthlich angehaucht, in der Ferne von L lumen und Häusern begrenzt, die wie neblige Schatten an der Grenze des Gesichts- kreises stehen. Ein seltsam ruhiges Nachtbild aus Erlkönigs Reich und kein irdisches Licht schimmert hinein. Ringsum, unter den nebligen Hausgestalten, sind Menschen, das wissen wir, aber sie brennen kein Licht; sie leben mit ihrem Vieh im Dunkeln unter dem Strohdach, kein Lämpchen wirst seinen dünnen Schein auf die -de Wasserfläche es sieht unsagbar verlassen aus.

Wir aber hatten die Wahl, ob wir uns die Nacht über mit der Poesie dieser Wasserlandschaft durchtränken ober einen letzten, kräftigen Versuch machen wollten, uns jin befreien, unb zogen natürlich bas letztere vor. ES gelang uns, ben Kahn an eine Qeidenreihe zu bringen, neben der wir einen Graben, also einige Fuß Fahrwasser ver- mattheten, und es stellte sich heraus, baß bie Vermuthung begründet war; wir kamen 100 Schritte vorwärts, dann neues Festfahren, neues Grabensuchen und so weiter. S3 war im nächtlichen Dunkel auf unbekanntem Terrain ein böses und langwieriges Durchlüften durch unsichtbare Hindernisse; wir haben etwa sechs Stunden schwerer Airbeit gebraucht, um uns bis zum Nogatdeich zu bringen; dann legten wir die letzte . Meile zu Fuß zurück und gelangten Morgens um 3 Uhr unter Dach. Mir gab dieser f heil b?r Fahrt eine lebhafte Vorstellung von ben Schwierigkeiten, bie bem Trans- < patt der Lebensmittel hier unb ba im Wege stehen werden, wenn das Wasser erst noch j ti men halben Meter fällt. i

Am folgenden Nachmittag sah ich mir noch den Deich auf der linken Seite bet am Dort liegt, der Bruchstelle gegenüber, das Dorf Schabwalde, und dort ist die Stelle, die gewöhnlich am meisten gefährdet ist. Frühere Durchbrüche der Nogat stnd ziemlich regelmäßig hier auf der linken Seite erfolgt; deßhalb hielten die Be­wohner des rechten Ufers sich für relativ sicher und waren nur in geringer Zahl auf Dem Damm erschienen. Die Schabwalder aber zeigen uns mit Stolz, wie sie gearbeitet haben; sie hatten volles Bewußtsein von ber Gefahr unb kämpften wacker gegen sie an. Sun<rfr^c Don Sandsäcken und Faschinen Haden sie aufgefahren; an einer Stelle fing die Dammkrone schon an, nachzugeben, aber sie stopften unablässig, unb so gelang es tönen, sich das Unheil ferne zu halten. Freilich, wäre der Damm nicht rechts gebrochen, so hätten sie schließlich unterliegen müssen unb bie Insel zwischen Weichsel und Nogat hätte die Kosten zu tragen gehabt; so aber haben sie ausgehalten, bis der Durchbruch auf der anderen Seite erfolgte, und damit waren sie gerettet. Ein gewarnter Mann ist eben ein doppelter Mann, besonders wenn er einen tüchtigen Deichhauptmann über sich hat. (K. Z.)

» o r « ! <

Gießen, 21. April. [Kunftverein.j Die diesjährige Ausstellung des Rheinischen Kunftvereins wird in der ersten Hälfte des Monats Mai in dem großen Saale der hiesigen Realschule stattfinden. Das Nähere wird demnächst noch bekannt gemacht werden.

Derwisch te S.

Die Versorgung einer Großstadt wie Berlin mit Lebensmitteln erfolgt auf so vielen Zonalen und Zufahrtsstraßen, hat sich feit Jahren selbstthätig in dem Maße regulirt, daß ein einzelnes elementares Ereigniß kaum von nachtheiligem Einflüsse darauf sein kann. Jetzt aber, wo durch die Ueberschwemmung der fruchtbaren Niederungen an der Weichsel, Oder, Elbe rc. die hauptsächlichsten Vorrathskammern Berlins mit einem Schlage geschlossen sind, hat die Verproviantirung der Reichshauptstadt doch eine große Einbuße erlitten. Die Zufuhr von Lebensmitteln, namentlich von Feldfrüchten, hat sich fett einigen Wochen in sehr empfindlicher Weise verringert. Die für die Massenernährung einer Großstadt am meisten in Betracht kommende Feldfrucht ist die Kartoffel. Viele tausende Zentner dieser Frucht, die in ben Nieberungen, wohlverwahrt vor dem Wintersrost, in Kellern und sogen. Mieten lagerten, sind durch die herein- brechenden Wasserfluthen völlig vernichtet worden. In Folge dieser Zalamität sind die regelmäßigen Lieferungen von Kartoffeln nach Berlin in jenen Gegenden vollständig eingestellt worden. Die tägliche Zufuhr, welche sonst etwa 120 Doppelwaggons zu je 200 Zentnern betrug, ist, wie von sachkundiger Seite mitgetheilt wird, jetzt auf ein Viertel dieses Quantums gesunken und betragt nur noch etwa 30 bis 40 Waggons^ die bei Weitem nicht hinreichen, den Bedarf zu decken. In Folge der verringerten Zufuhr ist aber ber Preis für Kartoffeln bebeutenb in bie Höhe gegangen. Währmd sonst für gute Eßkartoffeln 4248 JL pro Mispel bezahlt wurden, ist der Preis jetzt auf 6370 JL gestiegen. Man hat zwar versucht, den Ausfall durch größere Einfuhr von Malta Kartoffeln zu decken, allein der Preis für dieselben stellt sich noch so hoch, daß sie für den Massenconsum nicht herangezogen werden können. Für die Zukunft stehen noch weitere Preissteigerungen in Aussicht und nicht allein für Kartoffeln, son­dern auch für Weizen, Mehl und sonstige Nahrungsmittel eine Perspektive, bie unseren Hausfrauen sicherlich wenig erwünscht sein bürste.

Frankfurt a. M., 18. April. [(Sin Zauberkunststückchen.^ In einer feinen Gesellschaft im Westenb fanb ein solennes Essen statt, wobei bemerkt würbe, baß einer der Gäste, ein junger Mann, einen goldenen Dessertlöffel in die Brusttasche gleiten ließ. Der Gastgeber gerieth tn große Verlegenheit, ob er ben Herrn als Dieb anhalten ober hinauswerfen solle. Nach Tisch half sich ber Gastgeber folgenbermaßen aus der Affaire: Er erklärte, die Gesellschaft noch mit einigen Zaubereien und Kartenkunst­stücken unterhalten zu wollen. Darunter figurirte auch das geheimnißvolle Ver­schwinden eines Löffels. Der Gastgeber nahm einen goldenen Dessertlöffel, zählt eins, zwei, drei fort war der Löffel!Derselbe wird sich dort in ber Tasche bes jungen Herrn befinben", rief ber Zauberkünstler,bitte nachzusehen." Die Nachbarn thaten es unb zogen den Löffel hervor. Allgemeiner Beifall lohnte das Kunstftückchm. Der junge Mann entfernte sich auffällig rasch, indem tr sich französisch empfahl.

A Vom Rhein, 19. April. Für die Firma H. A. Disch in Mainz sind eben auf der Werft von Aron & Gollnow tn Stettin vier Doppelschraubendampfer vollendet worden, wovon zwei die Reise nach dem Rhein bereits angetreten haben. Diese Dampfer, welche sowohl zur Personenbeförderung, als auch zum Schleppen eingerichtet sind, sollen hauptsächlich auf dem Maine Verwendung finden und haben bet einer Stärke von 160 Pferdekräften nur einen Tiefgang von 1 Meter.

Einen seltenen Triumpf hat, wie aus Bremen geschrieben wird, der Nord­deutsche Lloyd neuerdings mit einem seiner Reichspostdampfer errungen. Der englische Gouverneur von Hongkong, Str Wm. de Voeux, reifte mit seiner Familie und Be­gleitung auf einem Dampfer der großen englischen Dampfergesellschaft Pentnsular and Oriental Steamshtp Eompany von England nach Ostasien. Er war jedoch mit der Verpflegung und den Einrichtungen des Schiffes so unzufrieden, daß er sein Fahr­geld im Stich ließ, in Stngapore mit Familie und Begleitung ausstieg, den Reichs- postdampferPreußen" des Norddeutschen Lloyd abwartete und mit ihm die Reise nach Hongkong fortsetzte.

Telegraphischer Schiff-bericht

berRed Star Line" Antwerpen.

New-Aork, 18. April. Der PostdampferWesternland" derRed Star Line", ist von Antwerpen heute wohlbehalten hier angekommen.

Schiffs nachrichten.

Bremen, 18. April. [Per transatlantischen Telegraph.j Der Schnelldampfer Eider, Zapitän H. Baur, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 7. April von Bremen mtd am 9. April von Southampton abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.

Bremen, 18. April. [Per transatlantischen Telegraph.s Der Postdampfer America, Zapitän H. Heineke, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 4. April von Bremen abgegangen war, ist gestern 1 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Baltimore angekommen.

Kemmerichs s

wumm.» v* a va* Schwacheu.Gcnesende.VonAerzten verordnet.